Die Clownsphobie in der Kulturindustrie

Pathologisierung der Ahnung von Einsicht

Die so genannte Clownsphobie oder Coulrophobie ist die Angststörung, der in den Produkten der Unterhaltungsindustrie wohl bei weitem die meiste Aufmerksamkeit zukommt. Sie tritt auf als die irrationale Angst schlechthin, und muss nicht selten von einem meist männlichen Protagonisten überwunden werden, damit dieser in der Welt der Erwachsenen als ganzer Kerl durchgeht. Prominente Beispiele sind Alan Shore in Boston Legal oder Seeley Booth in Bones.

Aber gibt es tatsächlich eine Clownsphobie, die sich mit der unter anderem in Wikipedia zitierten folgenden Definition der Angststörung deckt?

„Obwohl aus subjektiver Sicht der Betroffenen äußere Gefahrenmomente als auslösend für die Angst- und Furchterlebnisse angegeben werden, bestehen aus psychodynamischer bzw. psychotherapeutischer Sicht keine realen Gefahren in der Außenwelt, die einen solchen Angstzustand ggf. rechtfertigen könnten.“

clownQuelle: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Lasse_Beischer_%282686825990%29.jpg

Tatsächlich existieren bis heute keine Artikel in Fachjournalen, die die Clownsphobie untersuchen und nicht ins Reich der Legende verweisen. Alle populär kulturellen Bearbeitungen der Clownsphobie stützen sich wohl auf eine einzige Studie, die die Reaktionen von 250 Kindern zwischen 4 und 16 Jahren auf Abbildungen von Clowns untersuchten, und zu dem Ergebnis kam:

„Die Clownsbilder, die im Krankenhaus an den Wänden hingen, fand keines der Kinder lustig. Einige fürchteten sich vor ihnen, viele Kinder fühlten sich bei ihrem Anblick unbehaglich.“

Weiter führt diese Studie der Universität von Sheffield das Unbehagen auf das unheimliche und ungewöhnlicher Äußere des Clowns zurück:

„young children are „very reactive to a familiar body type with an unfamiliar face“.[6] Researchers who have studied the phobia believe there is some correlation to the uncanny valley effect.[7]

Also vielmehr eine in der menschlichen Psyche allgemein je nach Individuum stärker oder schwächer verankerten Abneigung gegen die Entstellung des menschlichen Antlitz, keinesfalls eine Angst die phobische Züge trägt.

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Die Rolle des Clowns wird heute meist unabhängig von ihrer Genese betrachtet. Doch der Clown ist alles andere als ein zeitgenössischer Spaßmacher oder Comedien, und auch nicht annähernd deckungsgleich mit den Narren und Gauklern des Mittelalters und der Renaissance. Vielmehr bildete sich die heute schon wieder historische Clownstruppe in den Varietees der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts parallel zur Genese des industriellen Zeitalters der Fabriken und der Massenproduktion heraus. Durchaus bewusst spiegelt die aus Weißclown, Dummem August, sowie „Charakter“ oder Anti-August als Vermittler bestehende Gruppe (vgl.) das hierarchische Verhältnis von Herr und Knecht, selbst die hegelsche Volte, dass der Knecht der eigentlich freiere in dieser Dialektik sei ist in der anarchischen Komik des August und der spiegelbildlichen gediegenen Melancholie bis Traurigkeit des Weißclowns noch aufgenommen.

Vgl. Wikipedia: „Federico Fellini erklärte den Streit der beiden Clownfiguren folgendermaßen: „Es ist der Kampf zwischen dem stolzen Kult der Vernunft, der zum anmaßenden Kult des Ästhetizismus wird, und dem Instinkt, der Freiheit des Triebes.“

Die Komik des Clowns ist also eine, die die grotesken und brutalen Momente der sich entwickelnden Moderne zur Kenntlichkeit entstellt, so dass dem Zuschauer das Lachen im Halse stecken bleiben sollte.

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All dies mag jenen, denen der Anblick eines Clowns Unbehagen bereitet nicht vordergründig klar sein. Angst macht zuerst die Entstellung der menschlichen Physiognomie. Doch diese war ursprünglich ja nicht Selbstzweck, sondern eben Maske, die den tiefen Ernst der Clownerien akzentuiert, indem sie ihn mit erzwungener Fröhlichkeit in Fleisch schreibt. Den Schauer davor nun als Coulrophobie zu pathologisieren oder lächerlich zu machen bejaht solche Verhältnisse, in denen die Herrschaft des Menschen über den Menschen nicht einmal mehr im Gelächter, momentan, überwunden sein soll.

Doch ähneln wir nicht im Betrieb und unter Freunden oft genug mit unseren Grimassen, die Fröhlichkeit darstellen sollen, schon allzu sehr dem Clown, um vor ihm noch zu erschrecken?

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