Thomas Mann, Doktor Faustus.

Wenig spricht so deutlich vom Verhältnis der Deutschen zum Nationalsozialismus wie die Tatsache, dass der Faustus selten, die Blechtrommel aber in jeder Schule gelesen wird…

Fragmentarisches zum Roman und zu der Musik des Romans.

Den Doktor Faustus von Thomas Mann habe ich bisher zweimal gelesen. Einmal zu Beginn meines Studiums, als ich alles verschlang was irgendwie nach höherer Literatur klang, und einmal vor kurzem, nachdem ich mich über ein Jahr lang bemüht habe einen Einblick in die Grundlagen und Prinzipien klassischer und moderner Komposition zu gewinnen.

Wie man sich auch nur in etwa die Werke vorstellen könnte, die Adrian Leverkühn im Doktor Faustus schafft, war mir nach dem ersten Lesen nicht einmal annähernd klar. Es schien vor meinem inneren Auge eine Welt aus Zahlenmagie und Taschenspielerei auf, die mit der okkulten Atmosphäre der Faustschen Hexenküche viel mehr gemein hatte als mit durchdachten, vielleicht sogar zwingenden, Kompositionsverfahren. Anders bei der zweiten Lektüre: Was Neue Musik bedeuten kann wurde mir dank Thomas Mann dann deutlich klarer als etwa durch die Philosophie der Neuen Musik von Theodor W. Adorno, der Mann für den Roman emsig zugearbeitet hat.

Beides unterstreicht die Stärke des Mannschen Werks, das letztendlich die Aura des Musikalischen mit all ihren Appellen ans Unbewusste ebenso zu vermitteln fähig ist wie die nüchternen, nicht weniger faszinierenden Gedanken, die der Komposition zu Grunde liegen.

Im Folgenden einige Anmerkungen zum Roman die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

I

Die von Erika Mann lange kleingeredete Zusammenarbeit Thomas Manns mit Adorno geht weit über die im Briefwechsel dokumentierten Instruktionen zur Zwölftonmusik und insbesondere das Kapitel 25 (Mephisto) hinaus. Die Vorträge Wendel Kretzschmars zum Spätwerk Beethovens zu Anfang des Romans z.B. lehnen sich inhaltlich stark an Adornos Beethovenfragment an.

Das verwundert nicht, teilte doch die Zweite Wiener Schule explizit und implizit viele Resultate der Beethovenexegese Adornos, woraus folgt dass der Charakter Adrian Leverkühn undenkbar wäre ohne auch mit dieser in Berührung zu kommen. Die Ausführungen Kretzschmars zum Tod bei Beethoven etwa sind genuin Adorno:

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Entsprechend lächerlich ist es auch die Musikphilosophie im Doktor Faustus in von Thomas Mann vertretene und von Adorno vertretene Passagen aufzuteilen, wie es in der Wikipedia vorgeschlagen wird:

„Wie so oft bei Thomas Mann steht die Musik für das Irrationale, Vernunftswidrige, für die Welt des Anti-Humanen, für die romantische Todessehnsucht“. Dies ist die eine Seite andererseits spielt in dem Roman die 9. Symphonie Beethovens die Rolle des Inbegriffs von Humanität überhaupt -> siehe Leverkühns Ausspruch „ich nehme sie zurück“. Hier ist meines Erachtens noch eine große Unstimmigkeit, bzw. die Rolle der Musik ganz neu zu überdenken. (– CQ 03:34, 22. Aug 2006 (CEST))

„Ja, aber dieser Wiederspruch ist keiner, hier sind zwei Autoren am Werk, Mann und Adorno. Der negative Aspekt der Musik ist von Mann, der positive von Adorno. (–Herbert Eppler 09:33, 17. Mär. 2008 (CET))“

Positives und Negatives derart plump auf verschiedene Kompositionsverfahren zu spalten wäre dem späten Mann sicherlich unwürdig, wichtiger aber: Es würde dem Tenor des Romanes zuwiderlaufen, nachdem die Unabweisbarkeit der ästhetischen Prinzipien der Moderne im Verhältnis zur Welt die sie zu begreifen suchen stets anerkannt wird, und gleichzeitig deren Hybris beinahe unvermeidbar sei.

Zudem: Auch geschichtsphilosophisch greift Erzähler Serenus Zeitblom Gedanken auf, die man sonst vor allem bei Adorno findet. Und Thomas Mann zog daraus bekanntlich betreffend Deutschland sehr viel harschere Konsequenzen als sein Berater und Stichwortgeber.

II

Das Verhältnis des Faustus zum Nationalsozialismus ist zwiespältig. Und das ist eine Stärke, keine Schwäche. Bei oberflächlicher Lektüre scheint der Erzähler sich selbst und „das Volk“ oft zu entschuldigen; er zeigt Verständnis für Mitläufer und identifiziert sich in vielem zumindest sprachlich bis zuletzt mit der „deutschen Sache“ (etwa ist bei Frontberichten regelmäßig von „uns“ und „ihnen“ die Rede), die Shoa kommt selten vor und nationalsozialistische antisemitische Propaganda wird von der Warte eines mitleidenden Philosemitismus kritisiert. Alles in allem fühlt Zeitblom in vielem die Sprache der deutschen Vergangenheitsbewältigung vor.

Genaueres Lesen revidiert dieses Urteil, bzw. setzt es ins Verhältnis. Zeitblom erscheint tatsächlich als Gewächs seiner Zeit, als typischer innerer Emigrant, der sich zu erklären versucht, aber dem Urteil des Lesers anheim fällt. Im Gegensatz zu Günter Grass Propagandastück Die Blechtrommel drückt Doktor Faustus nicht mithilfe von Zwiebeln auf die Tränendrüse und präsentiert ein geläutertes Deutschland, sondern zwingt den Leser mit einem Erzähler zu fühlen, der später gut und gerne der „wir haben von nichts gewusst“ – und „wir konnten doch nichts machen“ – Fraktion angehören könnte. Mann beschreibt ihn als eine Parodie seiner selbst und geht damit auch mit der eigenen anfänglichen Verharmlosung des Nationalsozialismus ins Gericht, die ihn ohne das Einwirken seiner Tochter womöglich ebenfalls zum Inneren Emigranten prädestiniert hätte. Welche geistigen Verrenkungen man unternehmen muss um die stetige Anwesenheit der Shoa im Doktor Faustus auf ein erträgliches Maß zu reduzieren zeigt einmal mehr die deutsche Wikipedia:

„Wie Ruprecht Wimmer bemerkt, wird die nationalsozialistische Judenverfolgung selbst indes nicht dargestellt, was er als „nicht mehr verständliches Manko“ betrachtet. (…) Trotz der zurückhaltenden Darstellung deutet der Erzähler das Grauen am Ende an, indem er schildert, wie ein amerikanischer General die Bevölkerung Weimars „vor den Krematorien des dortigen Konzentrationslagers vorbeidefilieren“ lässt und sie für mitschuldig an den „bloßgelegten Greueln“ erklärt. „Mögen sie schauen – ich schaue mit ihnen, ich lasse mich schieben…“[77]

III

Die Waffen die Doktor Faustus gegen Nationalsozialismus und Faschismus in Stellung bringt sind ästhetischer Natur. Einmal, wie oben nachgezeichnet in der Anlage des Romans selbst, zum zweiten in den Reflexionen zur Inneren Nähe von Ästhetizismus und Faschismus.

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Während hiervon vor allem jene talentierten, aber im Großen und Ganzen doch mittelmäßigen Künstler getroffen werden, die wir in Gottfried Benn oder Ernst Jünger zur Genüge kennen, Menschen die sich selbst übervorteilt fühlen und den Kampf vermissen, und die sich darum in Anlehnung an Nietzsche als Übermenschen imaginieren, doch wünschend dass andere ihr blutiges Werk verrichten, ist auch der Komponist Adrian Leverkühn von der Engführung nicht ausgenommen. Auch sein „diabolisches“ Projekt, so groß es im Doktor Faustus vorgestellt wird, trägt stets das Barbarische in sich.

Auch Leverkühn versucht die „vergeistigte“ Kunst durch das Mythische, das Religiöse und das Triebhafte anzureichern, allerdings bleibt er kompromisslos Künstler und macht sich nie gemein mit einer Sache, das unterscheidet ihn.

IV

Die Kompositionssverfahren Leverkühns sind größtenteils nicht jene Schönbergs. Tatsächlich ist nur das letzte Oratorium, Doktor Fausti Weheklag, komplett im Zwölftonverfahren komponiert. Das teuflische Moment der Leverkühnschen Kompositionen speist sich aus weiteren Quellen, die im Großen und Ganzen bedeutender sind als die alles andere als regel- und zügellose Zwölftontechnik. Die Dominanz von Oratorien und Vertonungen im Gesamtwerk, und insbesondere das Leverkühn von Anfang an treibende Bestreben das Kultische in die Sphären der Musik zurückzuholen rücken die Musik des Doktor Faustus in die Nähe Wagners, wie er noch von Nietzsche in Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik gelobt wurde, und gemahnen auch an die Liedzyklen Gustav Mahlers (insb. das Lied von der Erde).

Die mystisch-dämonische Wirkung der Klangschöpfungen Adrian Leverkühns ist meines Erachtens sogar viel eher in diesen Elementen zu suchen, als allein in Kompositionsverfahren. Jene dagegen werden bis zuletzt theoretisch sehr vernünftig als folgerichtige Weiterentwicklung der klassischen Kompositionslehre vorgestellt.

Neue Musik im Allgemeinen und Zwölftonmusik im Besonderen sind, auch das lässt sich aus dem Doktor Faustus überzeugend verstehen eben keine willkürlich-verrückten Setzungen mit dem Ziel der Zerstörung alles Althergebrachten, sondern Aufhebung der Klassik im hegelschen Sinne, also überwindend und bewahrend:

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