Nietzsche und Oscar Wilde – Ernste Scherze

Nach Thomas Manns Ausatz „Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung“.

„(…) wenn man andererseits bei diesem liest (…) „in der Kunst heiligt sich die Lüge und hat der Wille zur Täuschung das gute Gewissen auf seiner Seite“ (…)  so ist unter diesen Sätzen keiner, der nicht in einer von Oscar Wilde’s Komödien vorkommen könnte and get a laugh in the St. James Theatre…“

In solch wunderschönem Denglisch versucht Thomas Mann in seinem Aufsatz Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung die Ideenwelt Friedrich Nietzsches und Oscar Wildes engzuführen. Ein Unterschied von entscheidender Bedeutung ist allerdings, dass Nietzsche vom Vorrang des Scheins vor dem Was Ist, von der Ästhetisierung und Heroisierung des Lebens, ja noch von der lachenden Anerkennung des Schicksals in absolutem Ernst spricht, und nicht selten mit dem was er für Natur hält als seinem Gewährsmann, während Wilde seine Protagonisten in Romanen, Theaterstücken und platonischen Dialogen im Scherz über die Nietzsche all zu ernsten Dinge parlieren lässt. Recht mag Mann durchaus haben, wenn er feststellt Nietzsches Leben sei am besten als Kunstwerk genossen, sogar George sieht das so:

Der kam zu spät der flehend zu dir sagte:
Dort ist kein weg mehr über eisige felsen
Und horste grauser vögel – nun ist not:
Sich bannen in den kreis den liebe schliesst…
Und wenn die strenge und gequälte stimme
Dann wie ein loblied tönt in blaue nacht
Und helle flut – so klagt: sie hätte singen
Nicht reden sollen diese neue seele!

Doch die von Mann in der Folge ebenfalls herausgestellten, durchaus dem Zeitgeist entsprechenden politischen Forderungen und Konsequenzen Nietzsches erschweren das. Zumindest kann man kaum den der Lüge überführen, der aus solch bioligischer Begründung einer abgelehnten Geistesgeschichtlichen Entwicklung wie der  Folgenden:

„Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates war Pöbel. Man weiss, man sieht es selbst noch, wie hässlich er war. Aber Hässlichkeit, an sich ein Einwand, ist unter Griechen beinahe eine Widerlegung. War Sokrates überhaupt ein Grieche? Die Hässlichkeit ist häufig genug der Ausdruck einer gekreuzten, durch Kreuzung gehemmten Entwicklung. Im andren Falle erscheint sie als niedergehende Entwicklung. Die Anthropologen unter den Criminalisten sagen uns, dass der typische Verbrecher hässlich ist: monstrum in fronte, monstrum in animo. Aber der Verbrecher ist ein décadent. War Sokrates ein typischer Verbrecher?“

Auch ganz praktisch rassenhygienische Konsequenzen zieht. Die Mischung aus Vernichtungswahn und Menschenzucht, die der Faschismus in die Realität überführte, ist in Nietzsches Werk angelegt, nicht nur zufällige Akzidenz seiner Kritik der europäischen Moderne:

„Skepsis nämlich ist der geistigste Ausdruck einer gewissen vielfachen physiologischen Beschaffenheit, welche man in gemeiner Sprache Nervenschwäche und Kränklichkeit nennt; sie entsteht jedes Mal, wenn sich in entscheidender und plötzlicher Weise lang von einander abgetrennte Rassen oder Stände kreuzen. In dem neuen Geschlechte, das gleichsam verschiedene Maasse und Werthe in’s Blut vererbt bekommt, ist Alles Unruhe, Störung, Zweifel, Versuch; die besten Kräfte wirken hemmend, die Tugenden selbst lassen einander nicht wachsen und stark werden, in Leib und Seele fehlt Gleichgewicht, Schwergewicht, perpendikuläre Sicherheit.“

Ja, selbst englische Faschisten berufen sich bis heute wenn auf Nietzsche, und nicht auf Oscar Wilde, und das hat Gründe.

Der nonchalante Umgang der Wildeschen Kreationen mit ohne weiteres von Nietzsche stammen könnenden Konzepten, dem „Willen zur Macht“, dem „Ewig Männlichen und Ewig Weiblichen“, sogar mit dem „Leben als Kunstwerk“, leistet wie von selbst einer Kritik des Übermenschentums Vorschub, die in Äußerungen wie „Ein Buch für alle und keinen“ (Zarathustra), oder „Ich bin ein Verhängnis“ (Ecce Homo) auch bei Nietzsche selbst bereits aufscheint. Wo aber tatsächlich wie bei Wilde, im Gegensatz zu Nietzsche, die Mühe auf sich genommen wird ein Kunstwerk ganz und gar durchzubilden verblassen teutonischer Furor und Prophetengeste.

Das gilt insbesondere für The Picture of Dorain Gray, dem Werk Wildes, das die deutlichsten Parallelen zum Denken Nietzsches aufweist:

„Never marry at all, Dorian. Men marry because they are tired; women, because they are curious: both are disappointed.“ „I don’t think I am likely to marry, Harry. I am too much in love. That is one of your aphorisms. I am putting it into practice, as I do everything that you say.

So sagt es Dorain Gray zu Lord Henry Wotton, einem anglisierten und selbstironischen Nietzsche-Epigonen, der sein Denken allerdings nie zu letzter Konsequenz treibt. Gray liefert wie wir wissen daraufhin eine jungen Dame dem Tode aus, ermordet seinen guten Freund und Maler Basil, und zuletzt sich selbst, indem er das Porträt zerstört, das als ästhetischer Nachweis der Existenz der Seele („Don’t, Harry. The soul is a terrible reality. It can be bought, and sold, and bartered away. It can be poisoned, or made perfect. There is a soul in each one of us. I know it.“), zuvor Dorians Selbstentstellung und Alterungsprozess auf sich genommen hat.

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schreibt Thomas Mann. Wilde fühlt das bereits vor, und darin aufgehoben die Konsequenzen einer weltlichen Realisierung von Nietzsches Denken. Aber warum nur fiel Nietzsche das Spiel mit dem Feuer so viel leichter als Wilde, wo er doch als Kritiker der politischen und geistesgeschichtlichen Realität durchaus oft viel hellsichtiger war als jener? Eine gar nicht zu abwegige Erklärung, die Wilde aufgrund der steten Vorsicht, zu der er als Homosexueller gezwungen war, nicht mit einschließen würde, liefert wiederum Thomas Mann:

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Doch auch das Verhältnis zur Erkenntnistheorie und Gesellschaftsanalyse Karl Marx‘ könnte Nietzsche und Wilde stark voneinander abgesetzt haben. Nietzsche war die Masse der Entrechteten und Geknechteten nie mehr als der zu verabscheuende Träger einer Sklavenmoral:

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Wilde dagegen reflektierten allen Beteuerungen zur Vorgängigkeit der Kunst vor der Welt sehr deutlich darauf, wie sehr der Mob der nicht mehr Individuellen Einzelnen die Zukunft zu bestimmen fähig sein könnte, und wie demnach ein explizit sozialistisch genannter Individualismus, der die größtmögliche Freiheit aller bedeuten soll, dieses Pulverfass entschärfen könnte. Man wollte es als Ironie der Geschichte lesen, dass es eben jene Masse war, die sich Nietzsches Philosophie zwecks Vernichtungskrieg und Holocaust aneignete, ein Unterfangen das man mit Wilde sicher nicht hätte begründen können. Aber Ironie wäre angesichts dessen zynisch.

Wenn Thomas Mann in seinem lesenswerten Nietzscheaufsatz also urteilt:

„Natürlich hat die Zusammenstellung Nietzsches mit Wilde etwas fast sakrilegisches, denn dieser war ein Dandy, der deutsche Philosoph aber so etwas wie ein Heiliger der Immoral“,

dann sollte er das nicht herablassend äußern. Die Humanität (auch) im Dienste und in der Folge der Hochkultur ist im Dandy sehr viel besser aufbewahrt als im Schnauzer des syphillischen Zarathustra.

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