Dialektik & Theologie.

Auseinandersetzung mit einigen Thesen des Benedikt XVI zum Verhältnis von Theologie, Philosophie, und positiver Wissenschaft.

Kurz vor Weihnachten noch einmal ein älterer Text, der die nicht von der Hand zu weisenden inneren Zusammenhänge von theologischem und dialektischen Denken in der Folge Hegels auszuweisen sucht, und einige Kurzschlüsse und plakative Fehler der positivistischen Religionskritik  offenzulegen. Dabei erweist sich der Glaube dem Denkenden als ein unwiederbringlich Verlorenes, sein Ideal aber als etwas ohne das kaum gedacht werden kann. Und nicht zuletzt erweist sich Benedikt XVI im Gegensatz zum bisher eher als Gefühlspapst daherkommenden Franziskus I als überraschend scharfsinniger Denker.

I

Über einen interessanten Text stolperte ich als ich, halb während Recherchen zu einer neuen Erzählung, halb, weil ich einige Hintergründe eines hastig zusammengeschusterten Stücks Religionskritik im Gefolge der „What the Fuck“ Campagne (Jörn Schulz, Jungle World), genauer durchleuchten wollte. Es handelt sich um jenen Text, in dem Papst Benedikt XVI dem Islam abspreche, wie Jörn Schulz es auf den Punkt zu bringen versucht, „Eine Religion der Vernunft“ zu sein. Hierin zitiert Benedikt aus einem Disput mit „einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit“, den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos folgendermaßen: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“, nicht ohne anzumerken, dass uns die schroffe Formulierung des Kaisers unannehmbar sein muss.

Den folgenden Gedanken Manuels macht Benedikt dennoch zustimmend als den Zentralen der Position des Kaisers aus:  „Gott hat kein Gefallen am Blut (…) und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“. Ein leichtes wäre es, dies unter Verweis auf die Geschichte des Christentums als Heuchelei abzutun, ein leichtes auch, es unter dem neuatheistischen Standpunkt, dass die Nichtexistenz Gottes evident, und somit jegliche theologische Debatte sinnlos sei, zu ignorieren. Allein, tastet das die Argumentation an, wie sie im Text des Papstes entwickelt wird?

Die Theologie des Katholizismus sei von ihren Institutionen her zu kritisieren, behauptet Schulz, und dabei fände sich sicher viel Kritikwürdiges (dass Schulz hier neben einer an Antifarecherchen gemahnenden Liste von Verfehlungen und Assoziationen wenig aufzuführen weis, schlimmer, dass er sich nicht entblödet Vatikanstadt vorzurechnen, er sei „die einzige Erbmonarchie in Europa“, obschon es sich wohl um den Einzigen „Staat“ handelt, dessen Bürger allein im Angestelltenverhältnis als Bürger existieren, zudem der Staat sei „ergaunert“ worden, als sei nicht jede Staatsgründung ein Gewaltakt, und Urkundenfälschung eine der geringeren Gewalttaten, tastet das Argument erstmal genauso wenig an wie Schulz Traktat den Benediktschen Gedanken).

II

Für Benedikt XVI ist die Frage nach dem Verhältnis des Islamischen Gottesbegriffs zur menschlichen Vernunft nur ein Präludium, um sich allgemein der Frage nach dem Verhältnis Gottes zur Welt, nach dem Sein Gottes in der Welt, und nach der Erkennbarkeit Gottes durch die (menschliche) Welt zu stellen. Auf den Disput Manuels zurückkommend erklärt er:

„Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit“.

Der rein transzendente Gott aber vermag in der Welt nichts, oder alles zu begründen. Und nicht allein der Islamische Gottesbegriff fällt diesem Urteil anheim. Auch die verschiedenen Versuche der Enthellenisierung des Christentums stellen sich Benedikt als erzwungene  Tranzendentalisierung Gottes dar. Von Duns Scotus anhebend war die Entrückung Gottes in ein reines Jenseits, welches nur der persönlichen Offenbarung zugänglich, tatsächlich ein Hauptbestreben aller reformatorischen Versuche:

„Hier zeichnen sich Positionen ab, die denen von Ibn Hazm durchaus nahekommen können und auf das Bild eines Willkür-Gottes zulaufen könnten, der auch nicht an die Wahrheit und an das Gute gebunden ist. Die Transzendenz und die Andersheit Gottes werden so weit übersteigert, daß auch unsere Vernunft, unser Sinn für das Wahre und Gute kein wirklicher Spiegel Gottes mehr sind, dessen abgründige Möglichkeiten hinter seinen tatsächlichen Entscheiden für uns ewig unzugänglich und verborgen bleiben“.

Für Benedikt ist das in der Scholastik vollzogene Zusammengehen des Christentums mit hellenischer, vor allem Aristotelischer Philosophie, kein Zufall.

„Dabei war dieses Zugehen längst im Gang. Schon der geheimnisvolle Gottesname vom brennenden Dornbusch, der diesen Gott aus den Göttern mit den vielen Namen herausnimmt und von ihm einfach das „Ich bin“, das Dasein aussagt, ist eine Bestreitung des Mythos, zu der der sokratische Versuch, den Mythos zu überwinden und zu übersteigen, in einer inneren Analogie steht.[8] Der am Dornbusch begonnene Prozeß kommt im Innern des Alten Testaments zu einer neuen Reife während des Exils, wo nun der landlos und kultlos gewordene Gott Israels sich als den Gott des Himmels und der Erde verkündet und sich mit einer einfachen, das Dornbusch-Wort weiterführenden Formel vorstellt: „Ich bin’s.“ Mit diesem neuen Erkennen Gottes geht eine Art von Aufklärung Hand in Hand, die sich im Spott über die Götter drastisch ausdrückt, die nur Machwerke der Menschen seien (vgl. Ps 115). So geht der biblische Glaube in der hellenistischen Epoche bei aller Schärfe des Gegensatzes zu den hellenistischen Herrschern, die die Angleichung an die griechische Lebensweise und ihren Götterkult erzwingen wollten, dem Besten des griechischen Denkens von innen her entgegen“

Die Philosophie des Thomas ist Folge des Gesagten, wie die Erschließung des Aristoteles für die im scholastischen Versuch, Gott aus Vernunftgründen als Notwendig zu erschließen, bereits angelegte Abschaffung oder Entrückung Gottes aus Vernunftgründen; sei’s aus dem Bauch heraus, Lutheranisch, oder gutbürgerlich, mit Kant.

(All das wäre undenkbar ohne die muslimischen Ausleger des Aristoteles).

III

Die Bestreitung des Mythos, die Subjektwerdung Gottes, stärkte das Subjekt. Auch das Christentum vollzieht seine Dialektik der Aufklärung, und es ist nicht verwunderlich dass Umberto Eco in „Der Name der Rose“ Jorge, den Bewahrer des Alten, auf Aristoteles schimpfen lässt: „Jedes Werk dieses Denkers hat einen Teil der Weisheit zerstört, die in den Jahrhunderten von der Christenheit angehäuft worden ist. Die Patres [Kirchenväter] hatten alles gesagt, was man wissen musste über das Verbum Dei und seine Kraft, doch es genügte, dass Boethius den PHILOSOPHEN zu kommentieren begann, und schon verwandelte sich das Mysterium des göttlichen Wortes in die menschliche Parodie der Kategorien und Syllogismen“ (vgl. S. 708f).

Gut möglich, dass die Entrückung Gottes in die absolute Transzendenz eines der wirksameren Mittel ist, den Glauben zu bewahren. Doch dagegen stellt sich Benedikt:

„Ich denke, daß an dieser Stelle der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist, und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben sichtbar wird. Den ersten Vers der Genesis, den ersten Vers der Heiligen Schrift überhaupt abwandelnd, hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit dem Wort eröffnet: Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser gebraucht: Gott handelt „σὺν λόγω”, mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft. Johannes hat uns damit das abschließende Wort des biblischen Gottesbegriffs geschenkt, in dem alle die oft mühsamen und verschlungenen Wege des biblischen Glaubens an ihr Ziel kommen und ihre Synthese finden“.

In der Betonung der ersten göttlichen Offenbarung „Ich bin’s“, verlängert Bendedikt aufklärerisches Denken noch über die Zeit der Genese des Homerischen Epos hinaus. Nicht zufällig ist ihm die Offenbarung Gottes als Ich, das Ist, und das sich im gesprochenen Wort manifestiert. In einer Zeit, in der der Mensch noch mit weitaus weniger Berechtigung „Ich“ sagen konnte, als das, nach einem Wort Adornos heute stattlich wäre, entsteht das „Ich“ im Allgemeinen, an dem sich das partikulare Ich formen kann.

Im Neuen Testament wird das „Ich“ der allgemeinen Einheit, wie es zuvor bereits angelegt war, aufgespaltet in den Sohn, den Vater, und den Heiligen Geist, ohne dabei in der Vermittlung der Teile die Identität einzubüßen.

“ Wir verehren den einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit,
ohne Vermengung der Personen und ohne Trennung der Wesenheit.
Eine andere nämlich ist die Person des Vaters,
eine andere die des Sohnes,
eine andere die des Heiligen Geistes.“

(aus dem Athenasischen Glaubensbekenntnis)

In der Identifikation des „Ich Bin’s“ mit dem Logos bleibt dabei die prinzipielle Erkennbarkeit Gottes bewahrt. Dessen Wege sind eben nicht „unergründlich“, da er sich selbst, der Vernunft sei, (s.o.) nicht widersprechen könne. Wohlfeil nun anzumerken, dann sei er nicht allmächtig, wohlfeil: wenn Gott sich widerspreche, existiere er nicht.

Ein widersprüchlicher Gott korrespondiert einer widersprüchlichen Welt, wie der Mensch am Gottesbegriff zum Individuum sich formen konnte, so formt er in der Welt Gott, da die Welt es doch ist die das Individuum verlangt (Welt ist hier erste Natur, als auch Zweite).

Die Trinität ist Ausdruck all dessen. Sie zwingt das dem Begriff und dem Wesen nach mit sich selbst Identische, als nicht Identisch zu denken, ohne es aufzulösen, sie zwingt auch, Gott in der Welt und als deren Grund zu denken; sie ist daher gezwungen, Gott im leidenden Jesus zu verkörpern, wie ihn gleichzeitig im Heiligen Geist als reine, nur fühlbare, Existenz zu denken. Im Heiligen Geist scheint das Mannigfaltige synthetisiert, bevor es auf den Einzelnen trifft.

Gott ist so das allgemeine Prinzip, das rudimentär dialektisch gedacht werden muss. Nicht zufällig gemahnt das Modell an die Weltgeistlichkeit Hegels, und beiden wohnt jene verhängnisvolle Tendenz zur Totalisierung inne, die in der letztendlichen Superiorität des Allgemeinen gründet.

Gott ist nach Benedikt in der Welt wie auch ihr außerhalb, er ist das synthetisierende Prinzip des Ganzen, und dennoch nicht in einer Weise der materiellen Welt transzendental, dass er schlechthin nicht mehr mit Vernunft zu greifen sei. So ist das Allgemeine wandelbar, obschon jede Wandlung als Enthüllung ewiger Wahrheit hypostasiert werden muss (wie die Scholastik stets verfuhr); und das kontrastiert diese Allgemeinheit mit der eines absolut transzendenten Gottes, dessen Offenbarung jenseits der Vernunft, wie mit der empiristischen Willkür, die aus der unbestimmten Negation des Gottesbegriffs entspringt, welche im Christentum durch die Entrückung Gottes vorbereitet wurde.

Die neuen Atheisten sind so Ziehkinder des Protestantismus. Wissend, dass der Protestantismus keine Wahrheit behaupten wird, die der schlechten Aufhebung der Religion im Verhängniszusammenhang des waltenden Kapitalverhältnisses zu widersprechen vermag, konzentriert man sich auf den Katholizismus.

VI

„Dies bringt zwei für unsere Frage entscheidende Grundorientierungen mit sich. Nur die im Zusammenspiel von Mathematik und Empirie sich ergebende Form von Gewißheit gestattet es, von Wissenschaftlichkeit zu sprechen. Was Wissenschaft sein will, muß sich diesem Maßstab stellen. So versuchten dann auch die auf die menschlichen Dinge bezogenen Wissenschaften wie Geschichte, Psychologie, Soziologie, Philosophie, sich diesem Kanon von Wissenschaftlichkeit anzunähern. Wichtig für unsere Überlegungen ist aber noch, daß die Methode als solche die Gottesfrage ausschließt und sie als unwissenschaftliche oder vorwissenschaftliche Frage erscheinen läßt. Damit aber stehen wir vor einer Verkürzung des Radius von Wissenschaft und Vernunft, die in Frage gestellt werden muß (…) Die eigentlich menschlichen Fragen, die nach unserem Woher und Wohin, die Fragen der Religion und des Ethos können dann nicht im Raum der gemeinsamen, von der so verstandenen „Wissenschaft“ umschriebenen Vernunft Platz finden und müssen ins Subjektive verlegt werden. Das Subjekt entscheidet mit seinen Erfahrungen, was ihm religiös tragbar erscheint, und das subjektive „Gewissen“ wird zur letztlich einzigen ethischen Instanz. So aber verlieren Ethos und Religion ihre gemeinschaftsbildende Kraft und verfallen der Beliebigkeit.“

Nicht gleichberechtigt, aber auch nicht sich feindlich gegenüberstehend sind der rein Transzendente Monotheismus, und der protestantische „Versuch, Religion von Philosophie und Metaphysik zu reinigen“, und die naturalistische Perspektive ist zweiterem Artverwandt.

Die Vergöttlichung der „Meme“ als evolutionärer Motor von Gesellschaft durch Richard Dawkins legt davon Zeugnis ab.

Aufklärerisch und Aufklärungskritisch zu gleich ist Benedikts Bestreben, das Spannungsverhältnis auszuhalten, mit dem philosophischen Tand, mit der widervernünftigen Idee, die menschliche Vernunft sei dem göttlichen soweit Anverwandt, dass sie allgemeine Regeln des guten Zusammenlebens aufstellen könne, mithin, Gott erkennen, ebenso wenig hinwegzumachen wie mit der Idee Gottes an sich.

Zuviel Wahres steckt in diesem Gedanken, als das sei’s unter dem Verweis auf den herrschaftlichen Charakter dieses Gottes, sei’s weil Gott eben nicht zu beweisen sei, er Bedeutung verlöre. Sicher hat die Realität der katholischen Kirche die Idee diskreditiert, und um eine Verteidigung der Institution soll es hier nicht zu tun sein. Auch der katholische Glauben ist, so ihn die Gläubigen überhaupt noch durchdringen möchten, ein zahnloser Tiger. Seine Dialektik stillgelegt, sein über sich hinausweisendes Moment nur noch zu rekonstruieren. Hinter die Erkenntnisse der Aufklärung, hinter deren Errungenschaften, kann und soll die Menschheit nicht mehr zurückfallen. Darin stimmt der Papst mir gar zu:

„Die eben in ganz groben Zügen versuchte Selbstkritik der modernen Vernunft schließt ganz und gar nicht die Auffassung ein, man müsse nun wieder hinter die Aufklärung zurückgehen und die Einsichten der Moderne verabschieden. Das Große der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt“.

Die Hoffnung an Erlösung auf einen Glauben zu setzen, den in seiner Gänze zu glauben, und nicht tätig praktisch Tag für Tag zu verleugnen selbst seinen glühendsten Anhängern aufgrund der objektiven Entwicklung der Dinge gar nicht mehr möglich ist, markierte selbst solch einen Rückfall, allerdings einen mehr verzweifelten, denn barbarischen.

V

Doch der Glaube an einen Gott, der der Vernunft anverwandt sein soll, ist tatsächlich der Glaube an einen Gott, der noch nicht ist. Die Allgemeinheit des Vernünftigen, die hierin eingefordert wird, gilt es noch zu verwirklichen. Aus ihrer revolutionären Bestrebung heraus trafen die Reformatoren bis hin zu den Lateinamerikanischen Befreiungstheologen durchaus etwas richtiges, wenn sie das Vaterunser auf die drittletzte und die letzte Zeile zusammenstauchten: „Dein Reich komme … so auf Erden“. Sie stützten sich darin auf den weltlich-empirischen Moment, den innerhalb des christlichen Dialektik die  Leidensgeschichte und Erlösung Jesu im Wortsinne verkörpert, wie bereits die Minoriten aus der These von der Armut Christi in Anbetracht des schreienden Widerspruchs von Göttlicher Gerechtigkeit und Weltlichem Unheil den Angriff auf die Feudale Ordnung und den Besitz der Wenigen herleiteten.

(Oder: den Angriff auf Besitz im Allgemeinen; und anders als in der Überflussgesellschaft in der wir heute leben, in einer Welt, in der die vernünftige Einrichtung des Ganzen von der Perspektive der Produktionsmittel her möglich wäre, war das Armutspostulat damals sicher nicht per se reaktionär).

VI

Neben der göttlichen Vermittlung, die sein soll, steht eine weltliche. Diese ist das Negativ; sie vermittelt die einzelnen als Konkurrenten, jeder Kämpft aus den Kampf gegen jeden, wie es Thomas Hobbes in Projektion aus dem bestehenden für die Urgesellschaft formuliert hat. In dieser Vermittlung hat der transzendente, wie der abgeschaffte Gott einen Platz; weder stört er, noch zahlt man ihm Rente; der Gott hellenistisch-katholischen Philosophie dagegen ist Einspruch gegen sie, so pervertiert dieser Einspruch durch die Institution sein mag.

Aber der Katholische Gott ist tot. Gegen seine re-inthronisierung sperrt sich der gesunde Menschenverstand unserer Zeit, selbst wollte er es anders. Philosophie, die glaubt die Notwendigkeit von Religion erkannt zu haben, und drum eine stiften möchte, muss scheitern. Glaube wird nicht mehr geglaubt, wo er auch noch bemüht wird.  Auch hat der Katholizismus jeden Anspruch auf Versöhnung, den die hellenisch-christliche Philosophie mit sich trug, praktisch negiert. Und das lag innerhalb der Konsequenz seines Denkens: Die Totalität des Allgemeinen, verknüpft mit der Aufhebung des aristotelischen Postulats, die Seele sei Organisationsprinzip des Körpers, begünstigt tendenziell die Verachtung weltlichen Leids. Die Folter des Körpers zwecks Rettung der Seele ist nur die brutalste Manifestation dieser Tendenzen.

„Aller Schmerz und alle Negativität, Motor des dialektischen Gedankens, sind die vielfach vermittelte, manchmal unkenntlich gewordene Gestalt von Physischem, so wie alles Glück auf sinnliche Erfüllung abziehlt und an ihr seine Objektivität gewinnt“ (Negative Dialektik, 202).

Aus jüngerer Zeit führt Jörn Schulz dahingehend die Ignoranz gegenüber den Vergewaltigungen in Katholischen Einrichtungen an, die zögernde Haltung Pius II gegenüber dem Nationalsozialismus (differenziertere Darstellungen dazu aber hier und hier [links]), und nicht zuletzt die Rehabilitation der den Holocaust leugnenden Piusbrüder an. Auch Kreuzzüge und Inquisition wären, so abgeschmackt es manchem erscheinen mag, zu nennen.

„Gott hat kein Gefallen am Blut (…) und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“.

VII

Zu retten ist nicht der Katholische Glaube. Er wird, will er bestehen, der Popularisierung anheim fallen und sich protestantisieren. Der von Johannes Paul entwickelte Eventcharakter katholischer Glaubensfeste zeigt, wohin die Reise geht. Zu retten ist allein das ruhelose, schweifende Moment der oben nachvollzogenen Dialektik. Hilfloser, denn ohne die Berufung auf den letztlich doch allmächtigen Gott, unfähig dann aber auch, sich mit der Schlechten Welt im Glauben an eine Endzeitliche Erlösung zu arrangieren.

Zu retten gilt es den Mut, den Widerspruch im Ganzen zu denken, ohne ihn im empirischen oder im transzendentalen Unmittelbaren zu versöhnen, zu retten ist die Transzendenz als eine innerweltliche.

Transzendenz, dass ist das antizipieren einer Vermittlung, in der die Einzelnen sich nicht als Gegner gegenüberstehen. Im katholischen Gott ist eine solche Vermittlung letztlich nicht zu finden.

Aber es antizipiert die Bewegung, die es verlangt, diesen Gott zu denken, eine Solche.

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Quellen:

Benedikt XVI: Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen. Regensburg: 2006.

Jörn Schulz: Der eilige Vater. Jungle World 36/2011.

Siehe auch:

Carl Wiemer: Die Tressen des Paradieses. Bemerkungen zur Affinität von Katholizismus und Kritischer Theorie. Jungle World 36/2011.

3 thoughts on “Dialektik & Theologie.

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