Zum Literaturbetrieb, zum Poetry Slam, zu Julia Engelmann

Überlegungen anlässlich des andauernden Lyrik-Spams

Januar 2014. Ein Poetry-Slam-Video wird so oft geteilt, dass man auch unter seinen handverlesenen Facebookfreunden nicht davon verschont bleibt. Es handelt sich weder um einen herausragenden Vortrag noch um einen, der zum Fremdschämen schlecht wäre. Julia Engelmanns one day/reckoning text ist ordentliche, auch thematisch typische Poetry-Slam-Handwerkskunst. What also ist he fuzz about?

Während in zahlreichen Medien Elogen auf Engelmann angestimmt werden versucht sich David Hugendick auf Zeit Online an einer zaghaften Kritik:

„…ein bisschen klingt Engelmanns Text wie ein stundenlang einreduziertes Hesse-Gesamtwerk. Man soll rausgehen und bedeutsame Dinge aussprechen. Feiern und aufs höchste Haus der Stadt steigen, wo man wach bleibt, bis die „Wolken wieder lila“ sind. Das ist die Eventisierung der Jugend, wie man sie in Handywerbespots antrifft – mit dem Unterschied, dass Freiheit nicht lediglich ein Wort ist, mit dem man Inklusivminuten verkauft, sondern ein erhabenes, leider eingeschlafenes Gefühl, an das man erinnern muss: „Denn das Leben, das wir leben wollen, können wir selber wählen.“ Das ist in seiner kindlichen Schlichtheit nicht völlig unsympathisch.“

Sekundiert wird der Befund, kindlich naiv aber irgendwie nett noch von den größten Bewunderern. Der Stern, der Engelmann anpreist mit „dieses Video könnte ihr Leben verändern!“, untertitelt: „Sentimental? Ja. Naiv? Auch das. Vor allem aber: wahr!“. Über Wahrheit in der Literatur zu streiten ist müßig. Einen Nerv getroffen hat Engelmann aber mit Sicherheit aufgrund der anscheinenden Naivität des Vortrags. In Zeiten in denen breite Schichten der Gesellschaft von Abstiegs- und Zukunftsängsten geplagt sind streben ganze Generationen danach, die allen Umständen gegenüber trotzig-hoffnungsvolle Haltung der Kindheit und Jugend möglichst lang zu erhalten, vielleicht bis die einbrechende Senilität es bereits wieder gestattet Kind zu sein. Ein Ausfluss dieser Haltung ist Engelmanns one day /reckoning text.

Von „ich würde gern so vieles tun,meine Liste ist so lang, / aber ich werd eh nie alles schaffen, / also fang ich gar nicht an“, über „und du, du murmelst jedes Jahr neu an Silvester / die wiedergleichen Vorsätze treu in dein Sektglas / und Ende Dezember stellst du fest, dass du Recht hast, / wenn du sagst, dass du sie dieses Jahr schon wieder vercheckt hast“, und schiefe Metaphern wie „ich bin so furchtbar faul, wie ein Kieselstein am Meeresgrund“, oder „und wer genau guckt sieht, dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist“, bis hin zum Fazit: „denn das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen /also los, schreiben wir Geschichten die wir später gern erzählen / und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, / oh Baby werden wir alt sein / und an all die Geschichten denken / die für immer unsere sind“ : Engelmanns Werk passt perfekt zwischen Jakobsweg und 60-Stundenwoche, zwischen Besenkammeraffäre und Businessmeeting. Dabei darf durchaus faszinieren wie durch ellenlanges Auswalzen des aus one day / reckoning song übernommenen, beim Hören tatsächlich schmerzenden, Refrains „One day baby, we’ll be old / Oh baby, we’ll be old / And think of all the stories that we could have told“ dessen zahme Antithese gewonnen wird.

Engelmann erzählt uns wie wir das Leben optimieren, ohne die Zustände, die es bedingen, anzutasten.

Auf die innere Haltung kommt es an, Baby!

***

Und dennoch handelt es sich bei one day /reckoning text wie eingangs angedeutet um sauberes, regelrecht typisches Poetry-Slam-Handwerk. Das Gemeckere anderer Slammer, die auf bessere Texte verweisen die von Engelmanns Erfolg ungerechtfertigt in den Schatten gestellt würden, geht an der Sache vorbei. Gewiss, bessere Texte mag es geben, aber der Poetry-Slam sucht nicht den besten, sondern den konsensfähigsten Text.

Der Poetry-Slam hat das Konkurrenzprinzip in der Literatur noch einmal radikalisiert. Vom Zwang sofort zu gefallen werden nun auch eher abseitige Autoren ergriffen, die es auf dem klassischen Literaturmarkt schwer hatten. So schleifen sich heute bei zahlreichen angehenden Lyrikern früh Kanten ab, die früher womöglich zur jahrelanger eingehender Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition und Arbeit am eigenen Stil gezwungen hätten, oder zur verzweifelten Aufgabe des Schreibens. Von der Themenwahl (Comedy, oder in der Art von Julia Engelmann) über die Vortragsweise (Comedy, oder dieser zögerlich unschuldige, gleichzeitig gehetzt wirkende Stil in der Art von Julia Engelmann) bis hin zur Gestik: Diese immer wiederkehrenden hastigen Bewegungen der Hände unter Hüfthöhe, das zucken mit der Schulter, oder die Taktangabe mit einer Hand in Höhe des Kopfes oder der Brust. Alles fügt sich irgendwann, nicht textlich, sondern dem Geschmack des Publikums und der Vorbildwirkung anderer Slammer.

(Überhaupt, die Gestik! Wer hat damit angefangen? Freunde von mir gingen nach Berlin und kamen zurück mit diesen Bewegungen. Frauen scheinen besonders anfällig!)

Auch die formale Gestaltung, das komplette Kompositionsprinzip der Dichtung, wird vom Modus des Poetry-Slams affiziert. Als Vortragslänge sind meist 7-10 Minuten vorgegeben, wer deutlich drunter bleibt enttäuscht die implizite Erwartungshaltung des Publikums. Ein durchdachter Achtzeiler wird meist schlechter ankommen als ein kaum anpoetisierter mehrminütiger Monolog. „Schwierige“ Reimkompositionen, die sich vielleicht beim Zuhören gar nicht sofort als Reime erschließen (etwa versteckte Reime die abseits der Akzente am Zeilenende liegen und beim Lesen kaum betont werden), ebenso wie jeder andere Bruch mit traditionellen Hörgewohnheit, der nicht im Laufe des Vortrags sofort wieder einkassiert wird, kommt für gewöhnlich eher schlecht an. Die das Gedicht tragenden Klangstrukturen sollten im Vortrag deutlich hervortreten. Klangliche Subtilität wie etwa in Eliots Wasteland oder in Rilkes Duineser Elegien (deren vielfältige Reime, A- und Dissonanzen auch Kenner oft erst nach mehrmaligem lauten Lesen zu schätzen lernen), ist in der schnelllebigen Welt des Slams meist verschwendet. Die Symbolik hat so durchsichtig zu sein, dass das Wort Symbol fehl am Platze scheint, und aus der wahrscheinlichsten Erlebniswelt des Publikums zu stammen: „[D]ie Baseline meines Alltags“ „mein Dopamin das spar ich“ „mal die Tagesschau sehn, für mehr Smalltalk“. Texte zeichnen sich nicht durch Motivisch-Thematisches durchdringen des Gegenstands aus (vgl. hier, hier), sondern spielen eine Emotion, eine Haltung zur Welt, durch, indem sie fortwährend Beispiele abarbeiten. Neben dem Heranziehen ausgefallenerer Begriffe aus Wissenschaft und Technik, die in vielen Texten als Ausweis dichterischer Raffinesse gelten mögen, ist die Reim oder Assonanzenkaskade das beliebteste stilistisches Mittel („bin ein Kleinkind vom Feinsten (…) kann auf keinsten was reißen (…) lass mich begeistern für Leichtsinn“). So etwas hört man mindestens bei jedem zweiten Slammer.

Man sieht: Der typische Poetry-Slam Text hangelt sich von Effekt zu Effekt. Das hat er nicht zufälligerweise mit dem „Blockbuster“ gemein.

***

Der Poetry-Slam hat die Lyrik, die stets zwischen dem Kratzen am Göttlichen und Eigenbrötlericher Bedeutungslosigkeit oszilierte demokratisiert. Das ist ihm nicht vorzuwerfen. Der Kunde bekommt auf dem Slam was er überall bekommt wo den Gesetzen des Marktes freies Spiel gelassen wird. Handwerklich bessere oder schlechtere Massenware, in beinahe jedem Fall mit einem Haltbarkeitsdatum versehen. Dazu einige peinliche Ausreißer nach unten, über die man sich ärgern oder amüsieren kann, sowie ein paar Kleinode, die allen Widrigkeiten zum Trotz zu glänzen verstehen.

Lächerlich wäre es, dem Slam den Verfall der Lyrik in die Schuhe zu schieben. Selbst das Konzept sollte man nicht verdammen, wenn man neben Rilke, Goethe oder Proust auch Genuss an gut gemachter Unterhaltungsware findet. Die tendenziellen Auswirkungen, die der Modus des Slams auf die dort präsentierte Dichtung hat, sollte man aber zu verstehen versuchen. Insbesondere wenn man sich fragt wie es sein kann, dass ein Vortrag wie one day/reckoning text von Julia Engelmann plötzlich derart gehyped wird.

Denn es war nur eine Frage der Zeit. Tausende und Abertausende ähnliche Werke rumoren auf den deutschsprachigen Textbühnen. Nun steigt eines empor aus dem Untergrund, um die Welt zu beglücken, oder sich an jener zu rächen, die es hervorbrachte.

5 thoughts on “Zum Literaturbetrieb, zum Poetry Slam, zu Julia Engelmann

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