Bei Neuerlicher Lektüre von Süskinds Parfum

Biologie? Gesellschaft? Freiheit & Meer.

Das Parfum: dieser Roman eignet sich wie kaum ein anderer als eine Geschichte über die biologische Determiniertheit des Menschen gelesen zu werden. Meine früheren Deutschlehrer lasen ihn so.

Und sicher: der Text gibt dies her. Textstellen die einen biologischen Determinismus nahe legen sind Legion. So ist Grenouille schon bei seiner Geburt durch den fehlenden Geruch als andersartig festgelegt.

„Er selbst, der Bastard selbst, riecht nicht (…) Meine Kinder riechen so, wie Menschenkinder riechen sollen“ (15)

Und manchmal greift der auktoriale Erzähler explizit und implizit auf das Unheil vor, das daraus erwachsen wird.

„Er war von Beginn an ein Scheusal. Er entschied sich für das Leben aus reinem Trotz und aus reiner Boshaftigkeit“ (28)

Nicht zuletzt wird Grenouille regelmäßig mit einem Zeck verglichen, der genügsam, bar jeglichen Bewusstseins, auf sein Opfer lauert (vgl. 29), und schon der Untertitel des Romans, „Geschichte eines Mörders“ legt innerhalb der Fiktion Grenouilles Schicksal fest.

Mit mindestens gleichem Recht aber darf Das Parfum als Text über gesellschaftliche Determiniertheit verstanden werden. So kann es gut möglich vor allem die Ablehnung sein, die Grenouille schon in jungen Jahren erfährt, die ihn in sein Schicksal zwingt.

„Vorbei der anheimelnde Gedanke, es handle sich ums eigene Fleisch und Blut (…) Weg damit! Dachte Terrier, augenblicklich weg mit diesem… >Teufel< …“ (24)

Die unmenschliche Art und Weise, in der mit ihm, „dem Anderen“, verfahren wird…

„Im Verlauf seiner Kindheit überlebte er die Masern, die Ruhr, … einen sechsmeter Sturz in einen Brunnen und die Verbrühung der Brust mit kochendem Wasser“ (27)

„Sie häuften Lumpen und Decken und Stroh auf sein Gesicht und beschwerten das Ganze mit Ziegeln…“ (30)

…hätte schon aus weniger absonderlichen Gestalten einen Feind der Gesellschaft, wenn nicht einen Mörder gemacht.

Doch da ist noch ein drittes, ein Moment von Freiheit, das vor allem in den ersten Kapiteln des Romans immer wieder unvermittelt hereinbricht. Einbruchsflächen für diese Freiheit sind jene Augenblicke, in denen sich die beiden Determinismen aneinander reiben. Schon mit seiner Geburt wird Grenouille nicht einfach auf die unterste Stufe einer Gesellschaft geworfen, in der er als „der Andere“ zum Mörder werden muss (es interagieren augenscheinlich beide Determinanten). Die „Entscheidung für das Leben,“ oben vom Erzähler als eine aus reiner Bosheit markiert, kann gleichzeitig als Akt der gesellschaftlich-lebensnotwendigen Selbstzurrichtung, als Subjektwerdung im Zeitraffer gelesen werden:

„Der Schrei nach seiner Geburt, der Schrei unter dem Schlachttisch hervor, mit dem er sich in Erinnerung und seine Mutter aufs Schafott gebracht hatte, war kein Instinktiver Schrei nach Mitleid und Liebe gewesen. Es war ein wohl erwogener, fast möchte man sagen eine reiflich erwogener Schrei gewesen, mit dem sich das Neugeborene gegen die Liebe und dennoch für das Leben entschieden hatte“. (28)

Und später, als Grenouille von seinen angeborenen Fähigkeiten getrieben durch Paris streift, scheint unerwartet plötzlich die Idee des Meeres auf, und damit die Idee eines vielleicht alternativen Lebensentwurfs, der dann, ohne dass dies als notwendig markiert wird, nicht verfolgt wird:

„Der Geruch des Meeres gefiel ihm so gut, dass er sich wünschte, ihn einmal rein und unvermischt und in solchen Mengen zu bekommen dass er sich daran besaufen könnte (…) Aber dahin sollte es nie kommen, denn Grenouille, der an der Place de Greve am Seineufer stand und mehrmals einen kleinen Fetzen Meerwind, den er in die Nase bekommen hatte, aus- und einatmete, sollte das Meer, das eigentliche Meer, den großen Ozean, der im Westen lag, in seinem Leben niemals sehen und sich nie mit diesem Geruch vermischen dürfen“ (47)

Im selbst gewählten Exil im zweiten Teil des Buches gelingt es Grenouille sogar zeitweilig, ein einem solchen Entwurf ähnliches Ideal zu realisieren. Doch hier schon in bewusster Schöpfung, die nach Entäußerung verlangt.

Diese Entäußerung kann ohne den Kontakt zu Menschen aber nicht zur Entfaltung kommen, und diesen Kontakt unbedarft anzutreten ist Grenouille verwehrt. Vielleicht aufgrund seiner Natur, vielleicht auch aufgrund von Entscheidungen die er getroffen hat: Er hat bereits gemordet. Vielleicht beides…

Die Möglichkeiten Mensch unter Menschen zu werden waren für Grenouille übrigens dennoch vielfältig. An der Stelle, als er realisiert, dass nur die richtige Kleidung und ein wenig Duft zum Menschen fehlen hätte er einen Versuch wagen können als solcher zu leben:

„Was Grenouille am meisten verblüfft, war die Tatsache, dass er so unglaublich normal aussah“ (187)

Freiheit und Verantwortung, die Spontanität des Einzelnen, gesellschaftlicher Zwang und das biologische Getrieben-Sein, zwischen diesen Polen entwickelt sich Patrick Süskinds Das Parfum. Zu einer wirklich überzeugenden Vermittlung des Ganzen gelangt der Roman aber nicht. Grenouille, übrigens auch allen anderen Charakteren des Romans, mangelt es an einer Psyche, in der das Verhältnis von Trieb, Gesellschaft und Freiheit erscheinen könnte. Hätte sich ein Schriftsteller vom Format Dostojewskijs der Thematik angenommen, wir hätten vielleicht die Entwicklung von Grenouille zwischen dem Träumen des Meeres und der Ermordung des Mädchens wenige Seiten später nachvollziehbar verfolgen können. Stattdessen bleibt Grenouille wiederum determiniert, aber nicht von Natur oder Gesellschaft, sondern vom Willen des gestaltenden Autors, der die Fabel voranbringt.

Andererseits: Die Zeiten jener beinah heroischen Individuen Dostojewskis sind vergangen. Was erlaubt es uns deren Wiederbelebung von einem zeitgenössischen Autoren zu verlangen, sei es dass er sie heute aufmarschieren lasse, sei es dass er sie in die Vormoderne projiziere?

Wird fortgesetzt…

2 thoughts on “Bei Neuerlicher Lektüre von Süskinds Parfum

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