Das Parfum als Künstlerroman

Weitere Überlegungen zu Süskinds Parfum

Zielführender als wie zuvor Das Parfum als realitätsnahe Milieustudie zu lesen wäre es vielleicht, den Roman als symbolischen Roman über den vereinzelten Einzelnen zu begreifen. Ganz speziell über dessen exponierteste Form, den Künstler.

„Wenn man sich nämlich … die Opfer nicht mehr als einzelne Individuen, sondern als Teile eines höheren Prinzips vorstellte und sich in idealistischer Weise ihre jeweiligen Eigenschaften als zu einem einheitlichen Ganzen verschmolzen dächte, dann müsste das aus solchen Mosaiksteinen zusammengesetzte Bild das Bild der Schönheit schlechthin sein, und der Zauber, der von ihm ausgingen, wäre nicht mehr von menschlicher, sondern von göttlicher Art.“ (258)

Das Parfum ist nicht auch, wie es die Wikipedia will, unter anderem ein Künstlerroman, sondern zuvorderst. In der hier zitierten Stelle wird etwa geradezu das Ideal eines ästhetizistischen (!) Ausnahmekunstwerks beschrieben. Überhaupt werden die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende und jene Grenouilles vor der französischen Revolution in engen Bezug zueinander gesetzt.

„Nichts mehr soll stimmen, alles soll jetzt plötzlich anders sein. In einem Glas Wasser sollen neuerdings ganz kleine Tierchen schwimmen … die Wilden sind Menschen wie wir; unsere Kinder erziehen wir falsch …“ (74)

„Leute lasen Bücher, sogar Frauen. Priester hockten im Kaffeehaus. Und wenn die Polizei mal eingriff und einen dieser Oberschurken ins Gefängnis steckte, dann heulten die Verleger auf und reichten Petitionen ein…“ (ibid.)

Offenkundig wird hier eine Erfahrung verbalisiert, die exemplarisch viel eher für den fin de siecle als für die Zeit um 1750 steht. Geradezu plakativ ist die Parallelisierung des Lebens von Grenouille mit der modernen Bohème.

„Ein solch fanatisches Kleinkind steckte in diesem jungen Mann, der mit glühenden Augen am Tisch stand und seine ganze Umgebung vergessen hatte (…) Seinesgleichen hätte es früher nicht gegeben; das war ein ganz neues Exemplar der Gattung, wie es nur in dieser maroden, verlotterten Zeit entstehen konnte…“(106)

Überhaupt wird überall jene Dialektik der Aufklärung, die 160 Jahre später die Moderne zerfressen soll, weitaus drohender aufgebaut, als man es aus zeitgenössischen Werken des 18. Jahrhunderts gewohnt wäre.

Das Parfum ist also ein Künstlerroman, der obschon lange vor Beginn des bürgerlichen Zeitalters angesiedelt, durch dessen Katastrophe hindurchgegangen ist. Das Kunstverständnis des Parfum ist Ästhetizistisch. Und auch die gewaltsame Hinwendung des Ästhetizisten zur Welt, von Grenouille vollzogen, als er sich nicht damit bescheidet, die Menschen zu imitieren, ist im Ästhetizismus angelegt: Wie Grenouille machten sich viele der avanciertesten Künstler der Moderne zu Parteigängern einer Bewegung, die Eigentlichkeit durch radikale Umgestaltung herzustellen trachtete.

Ob diese Parallele vom Autoren beabsichtigt war vermag ich nicht zu sagen. Der Dynamik, der in bestimmten gesellschaftlichen Konstellation verfällt, wer der Hybris des Absoluten anhängt, kann sich Süskinds Grenouille aber offenkundig nicht entziehen. Vielleicht nicht zufällig begleiten die Initialzündung dazu den Begrifflichkeiten Nietzsches entlehnte Überlegungen:

„Er würde einen Duft kreieren können, der nicht nur menschlich, sondern übermenschlich war … er wollte der omnipotente Gott des Duftes sein… Wer die Gerüche beherrschte, beherrschte die Herzen der Menschen“ (198)

Weiter als Nietzsche geht Grenouille aber, indem er bewusst manipulieren will:

„[D]ie Menschen konnten die Augen zumachen vor der Größe, dem Schrecklichen, vor der Schönheit… aber sie konnten sich nicht dem Duft entziehen“ (199).

Spätestens die Orgie, die Grenouille auslöst, als er sich seiner Verhaftung entzieht, hat klar Untertöne, die auf die Zeitgeschichte verweisen:

„So hemmungslos und frisch heraus man sich gestern noch gegeben hatte, so schamhaft war man jetzt. Und alle waren so, denn alle waren schuldig“ (313).

Die Mord und Exzess vorangehenden Überlegungen zu biologischer und sozialer Determiniertheit, zu Freiheit und Spontanität (siehe I), muten hiernach ähnlich prekär und nachgeschoben an wie zum Beispiel Gottfried Benns Distanzierung vom Nationalsozialismus einerseits, und selbst noch der sehr erhellende Aufsatz Thomas Manns, „Bruder Hitler“, andererseits.

One thought on “Das Parfum als Künstlerroman

  1. Pingback: Zur “Modernität” des Parfum | SonntagsGesellschaft

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