Zur „Modernität“ des Parfum

Ein Nachtrag

Nachreichen möchte ich nun noch einige Gedanken zur formalen Modernität des Parfum. Gern wird insbesondere von der deutschen Kritik Süskinds Roman als herausragendes Beispiel eines Werkes gelobt, das sich der Beliebigkeit der Moderne nicht beuge, das die alte Kunst des Fabulierens wiederbelebe, das großartig sei, weil es der Tradition, und nicht dem Zeitgeist verhaftet sei. Man lobt die „konservative Erzähltechnik“, und konstatiert:

„Süskind … trennt sich von diesen Darstellungsmitteln der Formzertrümmerung, der Diskontinuität, der Entschematisierung und entwickelt neue Lust zu fabulieren.“

Oder:

„Süskind, ein milder Epigone, schreibt sein Buch im Duktus traditioneller Autoren, mit der Kraft fast vergessener Worte, ein erfreulicher Anachronismus im modischen literarischen Bla-Bla“ (Spiegel, 1985)

All das ist falsch und richtig zugleich. Richtig, weil Das Parfum sicherlich auch sprachlich gut gemacht ist, wie überhaupt unzählige Romane die zwischen 1945 und heute geschrieben wurden. Ferner auch weil es tatsächlich mit Spannung, und ohne viel vorausgesetzte Bildung zu genießen ist. Und überhaupt, weil Das Parfum tatsächlich nicht einem modernen Roman entspricht, wie man ihn sich gemeinhin vorstellt. Falsch allerdings schon allein deshalb, weil der verspießerte Wald- und-Wiesen-Akademiker, sei es als Freund oder Gegner der Moderne, wenig bis keine Ahnung davon hat, was moderne Literatur, zu schweigen von moderner Ästhetik, ausmachen könnte. Ein moderner Roman, das ist ihm ein zusammengeschustertes Stück Beliebigkeit, ein Kind oder ein Affe hätte es schreiben können, und überhaupt ist das sowas internationales, chaotisches, wurzelloses…

Tatsächlich offenbart schon entspanntes Lesen ohne Weiteres die Modernität des Parfum. Inhaltlich weiß man nach der Lektüre des obigen, welch ein Unterschied ums Ganze das Süskindsche Werk etwa vom traditionellen Künstlerroman, vom ersten Teil des Wilhelm Meister, oder vom Grünen Heinrich, trennt.

(Der zweite Teil des Wilhelm Meister sei ausgeklammert, mit ihm  begann m.E. bereits der moderne Roman in Deutschland).

Vor allem aber teilt Das Parfum durchaus Ideen und Formensprache des modernen Romans. Es wird die Fähigkeit des sprachlich-begrifflichen Denkens in Zweifel gezogen, tatsächlich das Ganze der Welt zu durchdringen (dieser Zweifel freilich ist der Zweifel Grenouilles, doch seine Taten später bestätigen ihn). Auch der Gebrauch der Figuren als Mittel der formalen Gestaltung (siehe II) ist modern, insbesondere in der Konsequenz in der er hier vollzogen wird. Des Weiteren die Anverwandlung und Einverleibung der Historie in die Fiktion bis hin zur Neugestaltung; der klassische historische Roman wandelte dagegen die Fiktion der Geschichte an. Grenouilles fiktives Habitat ist dem des Aureliano Buendia oder dem des Saleem Sinai sehr viel ähnlicher als zum Beispiel dem der Protagonisten aus de Laclos Les Liaisons dangereuses.

(In den Mitternachtkindern findet sich übrigens auch eine ähnlich abseitige Art sich ästhetisch auf die Welt zu beziehen: im Einmachen von Chutney.)

Selbst kurzes Überfliegen sollte zumindest einen Hinweis auf die Modernität des Parfums geben: Ohne wirklichen äußeren Grund sind die Seiten 63 und 64 als Dialog verfasst. Dieser Einbruch des Theatralischen in den Roman wurde in Moby Dick noch belächelt, James Joyce Ulysses setzte ihn virtuos ein, im Parfum wirkt er schon wie eine eher gezwungene Hommage.

Wie dem auch sei. Dass Das Parfum nicht einfach ein Roman in der Tradition der großen deutschen Romane ist, war der Weltpresse glücklicherweise von Anfang an bewusst. Während die deutsche Kritik an der deutschen Literatur stets das Schlechte lobt (unsere größten Literaten heißt es, seien Böll, Grass, und Walser), und während Verächter der neueren deutschen Literatur – mich eingeschlossen – Süskind allzu schnell abwertend in diesen Kanon zwingen wollten, blickte man anderswo weiter:

„Europas Antwort auf den Magischen Realismus Lateinamerikas“ (Dia, Madrid)

Nur identitäres Lesen, das sich in eine der in I verhandelten Determinanten flüchtet, ebenso wie solches, das den Roman rundheraus ablehnt, kann verfahren wie die deutsche Kritik. Die Brüche müssen geglättet werden, der in II entwickelte Widerspruch verdrängt. Nur so kann das Parfum als anachronistisch-klassischer Roman abgetan werden. Wenn mal ein großer Wurf in deutscher Sprache gelingt muss dieser entschärft werden. Ansonsten würde ihn ja niemand mehr lesen. Aber vielleicht sticht der Stachel dennoch; dann wäre es zu begrüßen, dass Süskind nicht dem gleichen vernichtenden Urteil anheimfällt, das Thomas Bernhard vom deutschen Feuilleton bis heute ereilt.

Dieser Text will den Stachel zuspitzen.

One thought on “Zur „Modernität“ des Parfum

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