Die Pessimisten hatten bisher noch jedes Mal Unrecht!

„Krieg ist undenkbar“ & Les Thibaults von Roger Martin du Gard

„Die Pessimisten hatten bisher noch jedes Mal Unrecht!“ Etwas in dieser Art bekommt man oft zu hören, wenn man, etwa gestützt auf die Analysen Heiner Flassbecks, darauf hinweist dass an der derzeitigen Krisenpolitik nicht nur die EU zerbrechen kann, sondern dass Rechtslibertäre und offen faschistische Parteien in den nächsten Jahren großen Zulauf gewinnen werden. Wenn man von Bürgerkrieg spricht, oder von der Gefahr bewaffneter Auseinandersetzungen auch innerhalb Europas tönt es wieder: „Die Pessimisten hatten bisher noch jedes Mal Unrecht! Noch ist keiner der prophezeiten Weltuntergänge je eingetroffen“. Und dann kommt vielleicht noch ein Zusatz wie: Die Situation ist heute auch eine ganz andere als früher, oder: in Europa kann es keinen Krieg mehr geben. Na dann streitet euch mal darüber, ob die Krim in Europa liegt oder nicht (Lesenswert: Thinktankboy zur Ukraine). Der feine Lack der Zivilisation war stets brüchig.

„Die Pessimisten hatten bisher noch jedes Mal Unrecht!“ Das sagte man nach dem Ersten Weltkrieg so, und man sagt es sogar noch im Wissen (der Zusatz, s.o. verrät es) der Shoa. Die Welt ist bis jetzt noch nicht untergegangen. Und deshalb sind alle, die warnend in die Zukunft blicken, Idioten. Was will man machen? Rufe verhallen ungehört, und wenn es mal wieder richtig kracht wird es danach nicht allzu lange dauern bis man wieder einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zieht, und Mahnern sagt: „Noch ist keiner der prophezeiten Weltuntergänge je eingetroffen“. Weltuntergänge – schwingt da eigentlich Angstlust mit? Unterstellt man den Mahnern den eigenen Wunsch nach Vernichtung und vollständiger Auflösung? O daß wir unsre Urursuppe wären…

Weil ich tatsächlich nicht glaube, dass die kritische Stimme derzeit irgendwo ernsthaft Gehör finden wird („es geht uns doch gut, zu gut sogar…“), suche ich nach einer Lektüre um mir die Zeit zu vertreiben. Und da bietet sich Les Thibaults von Roger Martin du Gard an, neben der Suche nach der verlorenen Zeit der zweite ganz große französische Roman der Zwischenkriegszeit, historisch pointiert, dabei dennoch episch angelegt, vom Glauben an das Potenzial der Menschheit getragen und dennoch zutiefst desillusioniert. Näheres zur Werk und Autor findet man im Blog der Jungle World:

„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sperrt der alte Patriarch, der reaktionär katholische Witwer Thibault, eine Stütze der Gesellschaft, sogenannter Philanthrop, Chauvinist und Sittenwächter seinen rebellischen, poetischen Sohn Jacques in eine Besserungsanstalt, die er selbst gestiftet hat. 2000 Seiten und knapp 20 Jahre später stirbt der letzte Überlebende der Dynastie, Jacques’ älterer Bruder Antoine, Arzt und Pragmatiker an den Folgen eines deutschen Giftgasangriff, die er in einem Tagebuch detailliert diagnostiziert, dabei immer deutlicher das unausweichliche, elende Ende vor Augen. Zwischen diesen Situationen probiert Martin Du Gard einen bunten Strauß literarischer Mittel aus, wie sie die Moderne um ihn herum entwickelt hat. Die anderen waren zwar viel besessener von der Richtigkeit einer Methode, Martin Du Gard springt dagegen von Roman zu Roman vom allwissenden Erzähler zum inneren Traum, von Dialogen zu Briefen und zurück zum Tagebuch, das sein armer, sterbender Antoine – Mann ohne Eigenschaften, Homo Faber etc. – schließlich in eine Mischung aus medizinischer Selbstbeobachtung und Klage über nicht gehabte Meinungen und Weltanschauungen hineinbohrt. Circa eineinhalb Romane davor tobt dagegen der linksradikale Positionenkampf in einer Dichte und Debattenfreudigkeit, wie ich es in literarischen Schilderungen der Zeit vor 1914 noch nie erlebt habe. Viele reale Player europäischer sozialistischer Bewegungen tauchen als Figuren auf, ein aus dem Schweizer Exil in die europäischen Zentren (Paris, Berlin, Wien, Brüssel) versprengter Kreis von Radikalen, politisierten Künstlern, Poeten und Handwerkern versucht zu retten, was natürlich nicht mehr zu retten ist. Jacques ist zum radikalen Pazifisten geworden, der die sozialistischen Parteien Europas vor dem Ausbruch des Krieges noch verzweifelt und schließlich selbstmörderisch zu einem Euro-Generalstreik zwingen will. Sein minimal 400 Seiten lang absehbares, sich zuspitzendes Scheitern wird zu einem immer unerträglicher anschwellenden Unheils-KREISCH-Geräusch, während um ihn herum Jaurés ermordet wird, Paris platzt und die sittenstrenge Jenny, Tochter einer esoterischen Hyperprotestantin und eines hyperhedonistischen Bankrotteurs und liebenswerten Luderjahn, die er schon seit einigen Romanen, sich seiner Gefühle natürlich bockig unklar, anhimmelt, sich endlich in die atemlose Liebe und die revolutionäre Unruhe stürzt. (…) Man versteht durch diesen Roman ganz gut, warum vielen Avantgardisten der Nachkriegszeit alles so elendsegal war, warum Gründungsheilige der Surrealisten wie Jachques Vaché eben nicht aus lauter Lebenslust und unprofessionellen Überschwang eingingen wie die Befreiungstoten der 60er und die Intensitätsopfer der US-Gegenkulturen, sondern auch an der fetten Fadheit einer Welt, die danach allen Ernstes weitermachen konnte.“

Wie bürgerlicher, durchaus wohlmeinender zivilisatorischer Habitus und der vermeintliche Pragmatismus des Marktgläubigen, oft gegen die Intention einzelner Akteure, an der Barbarei mitwerkelt, wie machtlos ein allgemeiner Pazifismus vor der (inter)nationalen Mobilmachung ist, und durchaus ebenfalls nicht unschuldig, und wie tausende Stimmen, die rufen „Das geht uns nichts an“ „So haben wir es schon immer gemacht“ und „Die Pessimisten hatten bisher noch jedes Mal Unrecht“ alle ihr Scherflein dazu beitragen, dass geschieht was doch keiner gewollt haben will, zeigt Roger Martin du Gards Les Thibaults wie kaum ein zweiter Roman.

Dem Autor wurde in einer hilflosen Geste am Vorabend des Zweiten Weltkrieges 1937 der Nobelpreis verliehen. Hilflos? Aber nein, es ist doch gar nichts geschehen! Die Pessimisten hatten bisher noch jedes Mal Unrecht!

Lesen wir also und machen wir weiter, ganz entspannt, wie bisher.

One thought on “Die Pessimisten hatten bisher noch jedes Mal Unrecht!

  1. Pingback: Der Faschismus des 21. Jahrhunderts | SonntagsGesellschaft

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s