El Hablador von Mario Vargas Llosa

Wiederveröffentlichung drei Jahre später

Mit Mario Vargas Llosa bekam vor 3 Jahren ein Schriftsteller den Literateraturnobelpreis verliehen, dessen literarische Bedeutung jenseits aller Diskussion stehen sollte. Leider zeigte die Berichterstattung damals wie heute wenig Interesse am Schriftsteller, und stellte stattdessen beinahe ausschließlich den politischen & ökonomischen Liberalismus des Autors in den Mittelpunkt. Verliehen wurde Llosa der Nobelpreis „für seine Kartographie der Machtstrukturen und scharfkantigen Bilder individuellen Widerstands, des Aufruhrs und der Niederlage“. Dies schließt ein liberales Weltbild zwar keinesfalls aus, sollte aber auch nicht auf ein solches reduziert werden. Auch Llosas kommunistisch beeinflusste Werke, gerade seine von der Kritik noch immer am höchsten geschätzten Romane wie La Casa Verde, und Conversacion en La Cathedral, währen gleichermaßen als “Karthographie[n] der Machtstrukturen und … Bilder des … Widerstandes” zu loben, und sie bleiben in handwerklicher Hinsicht bestimmt die beeindruckensten Exponate Gesamtwerks Llosa. Politisch mag Mario Vargas Llosa aus Not zum Liberalen geworden sein, an den Lateinamerikanischen Kommunismen und Sozialismen des 21. Jahrhunderts gab es wenig bis nichts zu verteidigen. Als Literat ist Llosa allerdings immer insofern Materialist geblieben, als dass er die gesellschaftlichen Bedingungen des Fortschritts und die brutal Notwendigkeit mit der dieser auch immer wieder eigene Ideale untergräbt und Menschen als flüssiges oder überflüssiges Material zur Disposition stellt, schonungslos reflektiert. Wie Llosa sich so literarisch einer “Dialektik der Aufklärung” annähert, die dem blinden Romantizismus der Indigenisten und ihrer staatssozialistischen Freunde ebenso eine Absage erteilt, wie einem Fortschrittdenken, das mittleidslos über jene hinwegsieht, die dem Fortschritt geopfert werden, soll der folgende Text anhand des bereits dem „liberalen“ Llosa zuzurechnenden Romans El Hablador aufzeigen.

Nun denn.

Der Plot des hablador speist sich aus zwei Erzählsträngen, die jeweils von unterschiedlichen Erzählern erzählt werden. Während der erste, namentlich unbekannte Erzähler, ein Schriftsteller und Ethnologe, die Rahmenhandlung vorgibt, erzählt der zweite Erzähler als “Hablador” der Machiguenga, des „Volkes das geht“, eine Variation eines alten Mythos, den Llosa nur zu Teilen aus originären Quellen entwickeln konnte. Nach und nach enthüllt sich die Identität des „Hablador“ als höchstwahrscheinlich die Saúl Zuratas´, eines Freundes des ersten Erzählers; (niemals abschließend klar allerdings wird der Weg, der Saúl zu den Machiguenga hätte führen können).

Saúl ist in der peruanischen Oberschicht Außenseiter, als “Halbkreole”, “gebrandmarkt” durch ein Muttermal im Gesicht, und nicht zuletzt aufgrund seiner jüdischen Herkunft mütterlicherseits passt er scheinbar nie wirklich in die Gesellschaft. Oder er nimmt zumindest diese Rolle ein, denn auch auf der Universität, da es ihm frei stünde als Klassenerster der Ethnologie und Liebling der Professoren den typischen Weg bürgerlicher Kompensation, Auslandsstipendium, Karriere, Wohlstand, zu gehen, verschließt er sich weiterhin und verschwindet schließlich in den unsicheren Gefilden des Gerüchts. Ist Saúl wirklich nach Israel ausgewandert, was ihm gar nicht ähnlich sähe? Hat er sich einfach zurückgezogen? Ist er tot?

Der (erste) Erzähler entdeckt viele Jahre später in Florenz (nicht umsonst wählt Llosa eine Stadt die sowohl mit der Blüte Roms als auch mit der Hochzeit der Renaissance assoziiert wird, die gleichzeitig weit mehr der Erinnerung an zivilisatorischer Errungenschaften als dem Fortschritt heute verpflichtet scheint), in einer Ausstellung ein Photo, das einen Hablador der Machiguenga zeigt, einen Geschichtenerzähler. Für diese im sozialen System der Machiguenga besonders bedeutsame  Figur, deren Existenz  allerdings kaum gesichert ist, hatte sich der Jugendfreund Saúl stets besonders begeistern können. Für den Erzähler scheint eine überraschende Ähnlichkeit zwischen dem Photo und Saúl Zuratas zu bestehen, und er schreitet zur literarischen Aufarbeitung der Jugend.

Laut El Hablador nimmt der Geschichtenerzähler bei den  Machiguenga  nicht nur die Rolle des Nachrichtenüberbringers ein, sondern er agiert vor allem  als Träger des “kulturellen Gedächtnisses”. In seinen Geschichten vereinigt er aktuelle und vergangene Erlebnisse, Anekdoten und Mythologie. Dabei bleibt der Hablador des Hablador allerdings fiktionales Konstrukt. Der Versuch des Romans sich an die Rolle des Hablador anzunähern muss vor dem Geheimnis des Selben, der Tatsache dass die Machiguenga bis heute wenig bis nichts über den Geschichtenerzähler enthüllen, kapitulieren wie der Erzähler im Roman.

Nun geht es aber Llosa in El hablador gerade darum nicht: Um die möglichst korrekte (man könnte sagen ethnographische, es wäre hinzuzufügen investigativ-positivistische Widergabe eines Faktums, an dass sich der pornographische touristische Blick heften kann), sondern um die Exploration der Rolle des Einzelnen in verschiedenen Gesellschaftsformen, im Kontrast zur Exploration der Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft, was wiederum an sich ein ethnographisches Feld wäre. Llosa fiktionalisiert im Hablador eine empirisch so weit es eben geht fundierte Dialektik der Aufklärung, die sich auf lange Sicht sowohl den naiven Fortschrittsglauben, als auch eine Glorifizierung “indigener” Gemeinschaft versagt.

Saúl Zuratas…

…auf der einen Seite  zeigt eine beinahe kindliche, schwer zu greifende Begeisterung für die „indigene“ Kultur Lateinamerikas, insbesondere für den Stamm der Machiguenga. Diese Begeisterung scheint  jedoch in erster Linie aus einem negativen Bezug zur fortschreitenden Kolonisierung durch die westliche Zivilisation herzurühren, wobei Saúl sowohl die Bestimmung dessen, was “westlich” ist, als auch jegliche Frage danach, wer zu den Indigenen zählt, welche Kultur zu verteidigen ist, welche anzugreifen, schuldig bleibt. Sowie er sich auch nie an einer ökonomischen und/oder ethischen Analyse sowohl des Kolonialismus als auch der vorkolonialen Herrschaftsverhältnisse versucht. Moderne Akkulturation wird dann als lineare Fortführung der Conquista angesehen, die Einheit der Machiguenga mit ihrer Umwelt, die behauptete Identität mit sich selbst, wird positiv besetzt. Dahingegen werden etwa die “Kolonisation” und Unterwerfung vieler kleiner Stämme durch die Inkas, die an andren Stellen im Roman angesprochen werden, von Saúl größtenteils unterschlagen.

Oder: weniger unterschlagen, als übergangen, denn speist sich zumindest anfangs Saúls Anteilnahme am Schicksal der Machiguenga noch aus tätigem Mitleid, so übernimmt schon bald eine unmittelbare Identifikation, die möglicherweise aus der teils selbst gewählten Außenseiterrolle zu erklären wäre, die Kontrolle.   Dabei hält Saúl selbst eine Bewahrung der Stämme unter pragmatischen Gesichtspunkten für kaum realistisch, und über moralische Implikationen äußert er sich nicht. Entsprechend scheint seine Begeisterung im Kern unbegreiflich, und angesichts seines späteren (behaupteten) Überschreitens der “kulturellen Grenze” muss jeder Rationalisierungsversuch scheitern.

Der Erzähler…

tritt dagegen von Anfang an als aufgeklärter Bildungsbürger in Erscheinung, dessen gesellschaftliche Position an Santiago Zavala aus Conversacion en La Cathedral erinnert. Er ist also bürgerlich erzogen, entstammt aber einer teils noch nach feudalen Mechanismen herrschenden Familie.  Jegliche Form des  Indigenismus verurteilt er als “archaische und antihistorische Utopie”, was ihm allerdings kaum zu verübeln ist, zeichnete sich doch gerade der peruanische, insgesamt aber der Lateinamerikanische Indigenismus seit seinem Aufkommen anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts durch naive Projektionen, Zivilisationsfeindlichkeit und eine relative bis absolute Ignoranz gegenüber den als “indigen” identifizierten Bevölkerungsteilen aus (Seine Ausdrucksform fand jener Indigenismus im “indigenen Roman”, der regelmäßig mit einem heroischen Verteidigungskampf und dem obligatorischen Massaker endete).

Allerdings stößt der Erzähler, von Saúls oft reichlich naiver Begeisterung für “indigene” Kultur, später für die Kultur der Machiguenga, inspiriert, auf zwei Reisen ins Amazonasgebiet auf die Institution des Geschichtenerzählers, was ihn im Sinne einer Selbstvergewisserung über die Möglichkeit einer bedeutenden Rolle des Literaten im Kollektiv vor allem als Schriftsteller fasziniert.  Jedoch hat Saúl während dieser Reise längst eine Position im Bewusstsein des Erzählers eingenommen, anhand derer jener seine Perspektive immer wieder prüft. Insbesondere trennt sich der Blick auf die Machiguenga von dem auf den kulturalistischen Kult, den die politische Demagogie um die “Indigenas” betreibt1. Dies wiederum zwingt den Erzähler gleichermaßen, die eigene Identifikation mit dem Hablador Schritt für Schritt aufzugeben. Gerade jener Individualismus, der den kritischen, selbstreflexiven Blick ermöglicht, kann sich nicht mit dem Hablador der Machiguenga identifizieren, der als Gedächtnis des Kollektives diesem zwar außerhalb ist allerdings doch im Erzählen im Kollektiv aufgehen muss (der Hablador wandert allein, er kommt mit der Gemeinschaft nur zusammen, wenn er, durch Zufall mit andren zusammentreffend, zu erzählen hat).

Daher muss die Kritik an der Akkulturation der Machiguenga, soll sie das Selbst nicht verleugnen, notwendig stets die Kritik der Machiguengakultur mit einschließen. Aus der dialektischen Vermittlung ist für den Erzähler kein Heraustreten, die Gräuel die die Abwicklung der nomadischen “indigenen” Kultur begleiten sind ihm zwar letztendlich erkenntlich und bedauerlich ob jedes Einzelnen, der darunter leidet, ob deren Verfasstheit gegenüber dem Einzelnen ist aber die Abwicklung gerade nicht nur nicht zu verhindern, sondern erscheint auch als das kleinere Übel.

Aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen herausgetreten…

… ist aber der Hablador. Das “going native”, dieser wiederkehrende Traum  zivilisationsmüder Antiiperialisten, scheint ihm geglückt. In einem schon räumlich feinsäuberlich vom „westlichen Blick“ getrennten Erzählstrang (in den Kapiteln 3,5,7), entwickelt er den Mythos der Machiguenga, so wie er (gerade) ist.

Erwähnt wurde bereits, wie bedingt nur der Mythos als Mythos qualifiziert ist, dringen doch Alltag und neuere Gesichte so in ihn ein, dass er stets erneuerbar, veränderbar ist.  Weder Einleitungen noch Beschreibungen erleichtern den Einstieg; ein Machiguenga Auditorium mit entsprechendem Vorwissen wird ebenso vorausgesetzt wie das gemeinschaftliche Vergessen (oder die Ignoranz gegenüber) älteren Erzählungen. Ist doch, was IST, allgegenwärtig, und transformiert Vergangenheit wie Zukunft.

Auch eine klare Chronologie existiert nicht: „Antes“ und „despues“ (Vorher/Nachher) scheiden grob Mythos und Alltag. Der Mythos ist ebenso veränderlich, weil der Alltag ihn beeinflusst, als daher, dass er den Alltag erklären muss. Inkonsistenzen werden durch mündliche Tradierung erklärt: „eso es al menos lo que yo he sabido“ (das ist zumindest, was ich erfahren habe).

Ob im analytischen Sinne so vom Mythos überhaupt zu sprechen wäre, erscheint fraglich: Der Mythos verlangt immerhin nach einem kohärenten Stamm an Geschichten, nach einem mythologischen Fundus, damit er als Mythos erkenntlich wird. Kenntlich wird solch ein Stamm natürlich und gerade nur durch Distanzierung, d.h. die Identifikation des Mythos in der Hinwendung an die materielle Welt macht den Mythos als distinktes, mit der Erfahrung der Welt nicht mehr identisches, und setzt so die Möglichkeit der Überwindung der mythologischen Zeit. Diese anthropozentrische Wende, die sich in der hellenischen Mythologie mit der Abfassung der homerischen Epen vollzog, wird graduell nachvollzogen vom Hablador Llosas, oder genauer gesprochen von dem vom ersten Erzähler literarisierten Saúl Zuratas. Jener fügt den kaum fixierten Erzählungen der Machiguenga anfangs vorsichtig, später extensiv Elemente aus Kafkas Verwandlung, sowie aus dem Buche Exodus hinzu.   Auch um das von Geburt an getragene Muttermal zu erklären, muss der Hablador kreativ werden; denn bei den Machiguenga ist es Brauch, jeden Einzelnen, dessen Überlebensfähigkeit bei der Geburt von der Gemeinschaft angezweifelt wird dem Tode zu überantworten. Jegliche Form der Behinderung oder Entstellung gilt ihnen als Merkmal eines nicht lebensfähigen, und daher in unmittelbarer Folge nicht lebenswerten Wesens.

So durchzieht all die scheinbar binären Oppositionen

… die im Hablador entwickelt werden, und die der Postkolonialist (der sie überhaupt erst identifiziert hat) für gewöhnlich dekonstruiert wissen möchte, materielle und ideelle Vermittlung, die es einerseits tatsächlich ermöglicht, beide Sphären erzählerisch zu trennen, was andererseits deren gegenseitige Bedingtheit kaum zu verschleiern vermag – und es auch nicht versucht.

Dass “der Westen” im zu Grunde liegenden Konflikt den Sieg davon tragen wird, wird nicht angezweifelt. Dies allerdings ist, im Gegensatz zur antiimperialistischen Propaganda, und deren Verlängerung der Idealisierung des Edlen Wilden, nichts, was zum prinzipiellen Nachteil aufklärerischen Denkens auszuschlachten wäre. Weniger als gemeinschaftliche westliche Interessen wird das Konzept individueller Freiheit an Sich (und in seiner Begrenztheit) in den Mittelpunkt gerückt.

Jenes, mag es auch bürgerlich allein negativ, als Konkurrenzverhältnis, konstituiert sein, wurde es erst erschlossen – das erkannte schon der Kazike Jum in La casa verde2 – von sich zu weisen, ist schwerer, als die naive Projektion vom „Edlen Wilden“ vorsieht. Auch und gerade noch für Saúl, im Begriff im Kollektiv unterzugehen und der eigenen Vernichtung entgegen, ist das “Ich” nicht zu verleugnen:

Verliert er es auch scheinbar in der Vielheit der „Tasurinchis“3 so hat er doch die physische Besonderheit des Muttermals zu erklären, um nicht der Überflüssigkeit geziehen zu werden. So trägt dann aus Eigeninteresse der Flüchtling vor der Gesellschaft die Gesellschaft in die Gemeinschaft, oder aber: Es identifiziert und verfestigt der Hablador den Mythos, und legt zugleich das Fundament zu dessen Abschaffung. Denn mit dem Eindringen der Schrift, und sei es zuerst als Wort, mit dem Eindringen einer individuell geformten, koheränten Weise des Erzählens ist der Hablador entzaubert.

So sehr der Hablador und der vom Erzähler imaginierte Erzähler auch sonst auseinander treten mögen, diese Wahrheit eint beide, festgehalten in dem Foto, das den Erzähler des Hablador inspirierte, und das unter früheren Umständen nicht möglich gewesen wäre.

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Eine Reihe von Beiträgen zum Literaturnobelpreis gibt es bei Tapfer im Nirgendwo, eine Diskussion und weitere Links im ADF:

http://tapferimnirgendwo.wordpress.com/2010/10/06/literaturnobelpreis-2010/

http://tapferimnirgendwo.wordpress.com/2010/10/08/nobelpreis-ticker/

http://tapferimnirgendwo.wordpress.com/2010/10/07/mario-vargas-llosa-erhalt-den-literaturnobelpreis/

http://adf-berlin.net/upload/index.php/topic,3112.0.html

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1 Der Frage, was von einem Sozialismus, der sich auf das völkische Konstrukt einer indigenen Selbstverwaltung stützt, zu halten sei, hatte sich Llosa 1987 noch nicht zu stellen.

2 allerdings entschloss der sich eine Genossenschaft zu gründen, für den Kommunismus zu kämpfen, und bekam dafür aufs Maul (im Hablador hat er eine Gastrolle)

3 Die Kollektive Identität der Geschichtenerzähler

4 thoughts on “El Hablador von Mario Vargas Llosa

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