„First Kiss“ von Tatia Pilieva und die süße Selbsttäuschung

Schöne Menschen lassen Funken sprühen: Disney hoch Zehn.

Nun ist da also schon wieder eines dieser viralen Videos unterwegs, angeblich sei es unglaublich „süß“, „herzzerreißend“, „einfach wunderschön“, oder sogar „utopisch“ . „‚First Kiss‘ von Tatia Pilieva verleiht Hoffnung“. Das sind, geordnet nach Eskalationsstufe Auszüge aus ein paar Online-Kommentaren auf Facebook und in Blogs. Wie schon beim Julia Engelmann Hype werden diese einem gerade von dem Teil der Bevölkerung vor den Leib geknallt, der, in Teilen Bildungs- und Kunstaffin, es besser wissen könnte.

Worum geht es diesmal?

Insgesamt zehn Paare, die sich zuvor noch nie gesehen haben sollen, gehen aufeinander zu, das Ganze in schwarz-weiß gehalten, im Hintergrund läuft ein Stück von Soko. Man wechselt einige Worte, wirkt ein wenig unsicher und verschüchtert, dann wird wild rumgeknutscht.

„It’s cute to see the strangers be all hesitant at first (as most sane and sober people would be!) but once they go for it, it’s like watching fireworks, man (as barf-fully cheesy as that sounds),”

schreibt dazu Casey Chan auf Gizmodo, und auch deutschsprachige Medien überschlagen sich geradezu. Z.B.: Die Taz:

„Ein Kuss ist Ausdruck von Verbundenheit einer Beziehung. Ein Video zeigt jetzt, dass er nicht nur Resultat, sondern auch Ursprung von Nähe sein kann.“

Doch schon auf den ersten Blick sollte auffallen, dass beinahe ausschließlich ausnehmend schöne Menschen in diesem Video zu sehen sind. Menschen bei denen ich wahrscheinlich selbst wenig Probleme hätte wenn sie mich, völlige Unbekannte, auf offener Straße küssen würden. Mittlerweile wurde bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass im Video tatsächlich für die Modemarke Wren geworben wird, und es sich bei den küssenden Fremden zum Großteil um Models, ein paar Musiker und ein, zwei eingestreute Screenwriter handelt. Menschen die, wie Amanda Hess auf Slate treffend feststellt, viel Erfahrung damit haben Liebe und Zuneigung vor laufender Kamera zu spielen. Es schließt sich die berechtigte Frage an:

“Is it really unexpectedly touching that when gorgeous and charismatic Italian models, French actors, indie band leaders, and Hollywood royalty get together to kiss one another—under a soundtrack that prompts, “If you’re not ready for love, how can you be ready for life?”—the results are “beautiful”?”

***

Auftritt der Apologeten. Das sei doch irrelevant, ohne die bösen Aufklärer hätte man niemals herausgefunden dass es sich um Werbung handele (klar, bei Wren hätte man das dauerhaft als großes Geheimnis gehütet, so wie heute noch niemand weiß wer hinter den komischen Be/Maybe Plakaten steckt). Wichtiger aber: die künstlerische Qualität des Videos werde nicht davon berührt wer es gemacht hat, wie viel Geld damit verdient wird, sondern allein von dem, was zu sehen sei.

Thank you Lord! God Allmighty! God Allmighty! Genau das versucht die Sonntagsgesellschaft seit Jahren auf vielfältige Weise klarzumachen. Und jetzt, zur Unzeit, scheint es jemand zu verstehen, und auch nur zur Hälfte. Denn die Behauptung dass sich in „First Kiss“ absolut Fremde gegenüberstehen ist explizit Bestandteil des Kunstwerks, und wie an den Reaktionen auf Facebook und anderswo abzulesen ist zumindest implizit auch die Vorstellung, es handele sich um Menschen von der Straße, Menschen wie du und ich. Gäbe es denn wirklich keinen Grund seine Haltung zu  dem hervorragenden „The House is Black“ von Forugh Farrochsad zu überdenken, wenn sich herausstellen würde dass die Leprakolonie eine Kulissenstadt und die Kranken Schauspieler sind?

Man hätte natürlich „First Kiss“ auch ankündigen können: „Wir haben Schauspieler und Models die sich vorher noch nie gesehen haben gebeten vor laufender Kamera zu küssen“. Aber das ist etwas was in jedem Film- oder Fotostudio regelmäßig vorkommt (letzten Donnerstag zum Beispiel bei Germanys Next Topmodel, wo es die Zuschauer allgemein wohl eher befremdete), und wäre deshalb kaum der Rede wert. Aber selbst davon abgesehen ist der künstlerische Gehalt des Videos, oder gar der „utopische“, doch eher fragwürdig. Noch einmal Slate:

“The video peddles the fantasy that beauty can spring from an unexpected connection between two random people, but what it’s really showing us is the beauty of models making out. It’s like the hipster Bachelor.”

So ist es. All die kitschigen Vorstellungen von Liebe und Lust, wie sie noch in jedem durchschnittlichen Hollywoodstreifen, in all den schrecklichen romantischen Komödien des Deutschen Kinos, und in jedem einzelnen Disneyfilm perpetuiert werden, wiederholt „First Kiss“ in kaum wechselnden Konstellationen und einer auf das Wesentlichste konzentrierten Bildsprache aufdringlich wieder und wieder, so dass man sich versucht fühlt einen berühmten Ausspruch zur Wirkweise von Propaganda zu zitieren:

„Eine Lüge muss nur oft genug wiederholt werden. Dann wird sie geglaubt“.

***

Aber bitte, Leute. Schaut attraktiven Schauspielern beim Küssen zu, das mache ich auch immer mal wieder gerne. Nur ladet die ganze Sache nicht auf, als enthüllte sie eine ganz neue Wahrheit über das Leben ™. Es gibt hunderttausende, wenn nicht Millionen von Seiten im Internet, die mit ganz ähnlichen Content seit bestimmt zwei Jahrzehnten ihr Geld verdienen. Da ist nun wirklich nichts dabei. Aber es würde halt niemand so etwas dazu titeln: „Ein Kuss ist Ausdruck von Verbundenheit einer Beziehung. Ein Video zeigt jetzt, dass er nicht nur Resultat, sondern auch Ursprung von Nähe sein kann.“ Bitte…

Achja, das Video:

)

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