Hesse gegen Goethe

Ein Mathematikprofessor versteht die Welt nicht mehr

Es vermag zu faszinieren, wie unglaublich dämlich sich manche intelligenten Menschen stellen können, wenn sie sich einer Sache™ verschrieben haben. Am Beispiel der die allseligmachende Physik predigenden neuen Atheisten wurde das hier ja schon zweimal vorgeführt. Es geht aber immer noch ein Stückchen heftiger, und den Vogel abgeschossen hat zuletzt der Mathematikprofessor Christian Hesse im Blog Math up your Life der ZEIT, der im Kampf gegen die gar schröcklichen Matheschwächen der jungen Deutschen meint, Goethes Farbenlehre „mit mathematischer Brille“ zerlegen zu müssen. Dabei zeigt er sich von jeder erkenntnistheoretischen Reflektion so unbeleckt, dass Mathematiker, die etwas auf sich halten, dem Herren vielleicht einmal tüchtig die Meinung geigen sollten.

Es beginnt damit, dass Hesse behauptet, Newton habe die Zusammensetzung des weißen Lichtes aus farbigem Licht mathematisch bewiesen:

„Während Newton mathematisch bewies, dass weißes Licht in berechenbarer Weise in die Farben des Regenbogens zerlegbar ist, hielt Goethe diese Sicht für absurd, denn “klares, reines, ewig ungetrübtes Licht kann nicht aus dunklen Lichtern zusammengesetzt sein”.“

Das ist natürlich Humbug. Ein physikalischer Sachverhalt lässt sich nie mathematisch „beweisen“, sondern höchstens veranschaulichen bzw. formalisieren, und natürlich liegt auch der Farbenlehre Newtons ein Experiment zu Grunde, ohne das alle Mathematik nur Tautologie produzieren könnte. Denn Mathematik, der Mathematiker wusste das Mal, ist formale Logik, keine Naturwissenschaft. Und auch ein Experiment beweist in der Naturwissenschaft natürlich rein gar nichts, denn Theorien sind stets Modelle der Wirklichkeit, die im Experiment nur falsifiziert werden können.

Als nächstes unterschlägt Hesse einen ganz zentralen Sachverhalt, um den im Fall der Farbenlehre ja durchaus etwas bornierten Goethe noch ein wenig bornierter erscheinen zu lassen:

„Dabei liegt der Fehler bei ihm. Goethes Farbenlehre wurde schon von den Mathematikern und Physikern seiner Zeit einhellig verworfen. Goethe war wohl mehr Sprachmensch als ein zu mathematisch-analytischem Denken befähigter Kopf. Er hat sich selbst als “zahlenscheu” bezeichnet und Newtons in der Mathematik grundierte Argumentation einfach nicht nachvollziehen können“.

Das Hesse auch hier Newtons Argumentation wieder in der Mathematik grundiert sehen will, geschenkt. Dass er aber vergisst zu erwähnen, dass Goethe eben sehr wohl mit dem Prisma experimentiert hat, und das sogar in der Hoffnung, das von Newton vorhergesagte Spektrum des Lichts reproduzieren zu können, ist perfide, man könnte es beinahe als demagogisch bezeichnen:

„„Eben befand ich mich in einem völlig geweißten Zimmer; ich erwartete, als ich das Prisma vor die Augen nahm, eingedenk der Newtonischen Theorie, die ganze weiße Wand nach verschiedenen Stufen gefärbt, das von da ins Auge zurückkehrende Licht in so viel farbige Lichter zersplittert zu sehen.“ (vgl.)

Dabei hätte Hesse sein Plädoyer für die Naturwissenschaft (denn für die Mathematik lassen sich nun mal weder Newtons, noch Goethes Farbenlehre sinnvoll einspannen) natürlich auch deutlich positiver aufbauen können. Etwa, indem er Goethe als einen Dichter vorstellt, der nicht dem Klischee des weltabgewandtem Träumers entspricht, sondern der sich auf den Boden der Naturwissenschaft begibt und nach deren Regeln eine, wenn auch in großen Teilen auf Fehlschlüssen beruhende, Theorie aufstellt, als einen Geist also der sich mit der Welt aktiv auseinandersetzt. Statt dessen reproduziert Hesse sogar noch die unsägliche Einteilung in sprachlich begabte und mathematisch begabte Menschen, die doch Schülern die Schwierigkeiten mit Mathe haben erst die perfekte Ausrede liefert, es gar nicht mehr zu versuchen.

Aber wer ernsthaft der deutschen Goetheverehrung den Niedergang der mathematischen Bildung angekreidet ist zu einer differenzierten Auseinandersetzung wahrscheinlich nicht fähig (ich sehe es vor meinem inneren Auge: „Kevin, mach endlich deine Matheaufgaben“- „Aber Mama, Metin und ich debattieren doch gerade so schön die Bedeutung der neuen Melusine im Gesamtzusammenhang des zweiten Wilhelm Meister“ … iss klar). Tatsächlich vermag einer Goethe sicher nicht auf Augenhöhe zu begegnen, der zwanghaft zu verdrängen sucht, dass erstens die Naturwissenschaft immer nur prekäre, weil vorläufige Erkenntnis bereithält, ein Faktum das Goethe und sicher auch Newton noch sehr bewusst war, und dass zweitens die Mathematik keine Naturwissenschaft ist, und sich allein mathematisch überhaupt keine Aussagen über die Welt machen lassen. Ernsthaft lächerlich zu machen sucht Hesse den folgenden Satz Goethes, der die reine Wahrheit enthält:

“Daß aber ein Mathematiker, aus dem Hexengewirre seiner Formeln heraus, zur Anschauung der Natur käme und Sinn und Verstand unabhängig wie ein gesunder Mensch brauchte, werde ich wohl nicht erleben.”

Fraglich, ob nicht am Ende hier der Mathematikprofessor mit der Mathematik weit eher auf Kriegsfuß steht, als der alte Goethe. Und vielleicht ist es genau diese falsche entrückte Absolutsetzungen einer Formelsprache als Urgrund aller Erkenntnis, so auch bei vielen Mathelehrern anzutreffen, die dazu führt das manche Schüler spätestens im Matheunterricht der Oberstufe nicht mehr folgen können, noch wollen. Ich zumindest lernte immer am besten bei den Lehrern, denen es gelang im Unterricht ein Verständnis für die Anwendungsmöglichkeiten und die Grenzen der Mathematik zu wecken. Immerhin, Christian Hesse ist nicht der erste Hesse, der an Goethe scheiterte.

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