Hundert Jahre Einsamkeit

Und weiteres zum Tode von Gabriel García Márquez

Jetzt ist also auch noch Gabriel García Márquez gestorben. Seine Hundert Jahre Einsamkeit waren vor etwa zehn Jahren einer der ersten Romane, die mich darauf gestoßen haben wie man auch schreiben kann. Dass es Ordnung in dem geben kann, was als Chaos erscheint, und dass Zurückhaltung, vordergründige Klarheit des Stils, einer wahrhaftigen Darstellung im Wege stehen können. Sicherlich begeisterten mich damals Márquez, Joyce, kurze Zeit später Bastos, Pynchon und Bolano noch aus vielen falschen Gründen, was sich allein daraus ersehen lässt, dass ich auch den Butt für einen starken Roman hielt. Es waren eher Haltung und Inhalt der Texte, die mich angingen, weniger der Text als Ganzes.

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Vor einem guten Jahr habe ich mir Hundert Jahre Einsamkeit zum zweiten Mal vorgenommen. Ich hatte mich zuvor durch den Mann ohne Eigenschaften gequält, der mir als das größter der deutschsprachigen Literatur des vergangenen Jahrhunderts empfohlen worden war (und einer der wenigen Klassiker, die ich bis dahin umgangen hatte), und war ob der Konzept-, Stil- und Talentlosigkeit mit der der Roman mich konfrontierte geradezu schockiert. Näheres zu den Gründen hier. Es folgte eine literarische Reise zurück zu meinen liebsten Texten, um herauszufinden ob ich, oder ob der gesamte deutsche Literaturbetrieb das Lesen und Urteilen verlernt hatte. Nach unter anderem Mrs Dalloway und To the Lighthouse von Virginia Woolf, dem großartigen Ulysses-Hörbuch, Ich der Allmächtige von Bastos, und einigen weiteren Romanen stand fest: Das Problem war der Literaturbetrieb (Ausnahme Marcel Reich-Ranicki).

Bei der Re-lektüre von Hundert Jahre Einsamkeit ging mir dann zum ersten Mal auf, was formal moderne und sog. postmoderne Kompositionsverfahren eigentlich ausmacht. Ich zog, in der Art und Weise wie Charaktere eher als Motive, bestimmte Motivgeflechte als Themen usw. durchs Werk geführt und variiert werden Parallelen zum Musikalischen (Genaueres ist hier und hier nachzulesen), und durfte feststellen dass es jenseits einer spätpubertären dagegen-Haltung und linker Romantik gute Gründe gibt, die Moderne und ihre Epigonen hochzuhalten und nicht in die Falle eines neuen Realismus zu tappen, der – „denn die Verhältnisse, sie sind nicht so“ – im Gegensatz zum Magischen tatsächlich kein Realismus wäre.

Unter den großen modernen und postmodernen Romanen ist Gabriel Garcia Márquez Hundert Jahre Einsamkeit womöglich der auskomponierteste. Bis ins kleinste sprachliche Detail, so weit ich das anhand einer Übersetzung und einiger Spanischkenntnisse beurteilen kann, korrespondieren hier große Form (die Anlage der Komposition), „Inhalt“ (ich tue mir mit diesem Begriff zusehends schwerer), und die Form im Kleinen (stilistische Mittel, Satzbau, die sprachliche Detailarbeit). So wird etwa mit der Erschließung des Dorfes Macondo durch internationale Unternehmen die Metaphorik immer zurückhaltender, die Sprache kommt immer weniger verschlungen daher. Anscheinend übersinnliche Ereignisse, wie sie anfangs regelmäßig als Realmetaphern (ein Handlungselement das gleichzeitig ein Bild ist, meine Prägung) Geschehnissen im Dorf Bedeutung verleihen, werden immer seltener. Als endlich der letzte Buendia im Buch des Melchiades die Geschichte Macondos entziffert klingt Hundert Jahre Einsamkeit beinahe so nüchtern wie beliebige andere Texte.

Zum Schluss noch einmal zurück zu den falschen Gründen. Nicht nur ich, auch viele frühere Freunde und Bekannte, Universitätsdozenten und Koryphäen der Literaturwissenschaft lesen Hundert Jahre Einsamkeit als typischen postkolonialen Roman, der die schrecklichen Auswirkungen des kapitalistischen Imperiums auf die zuvor autarken Gemeinden der Dritten Welt thematisiert. Márquez mag das selbst so gesehen haben, er war ja schon ein recht typischer Linker, falscher könnte man dennoch nicht liegen. Es wird so gerne übergangen, dass die Koloniesierten selbst Kolonisten waren. Und dass der Umgang der spanischen Einwanderer mit den Ureinwohnern Südamerikas in Hundert Jahre Einsamkeit praktisch nicht vorkommt macht es umso leichter, diese Perspektive einzunehmen. Dem aufmerksamen Leser enthüllt sich so aber nebenbei die Lächerlichkeit zahlreicher Spielarten des Antikolonialismus.

3 thoughts on “Hundert Jahre Einsamkeit

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