Assonanzen und Dissonanzen

Zu hier mit Hinblick auf Literatur verwendeten Begrifflichkeiten

Dem Leser wird vielleicht schon einmal aufgefallen sein, dass in der Sonntagsgesellschaft, insbesondere in der Lyrik, Worte die an andere Worte in relativ harmonischer Weise anklingen, wie im unten stehenden Auszug aus einem eigenen Gedicht „graben, warden und sarge“, als Assonanzen bezeichnet werden, im Unterschied zum reinen Reim:

 ach philémon, sieh nur, wie sie graben
untres nach oben kehrend, und
manchen schatz, des sie kaum inne warden
wirft man bereits dem orkus in den schlund.
das volk steht rund und jolt und preist die gaben

(…)

so spricht ein holz zum anderen im sarge

(…)

Das kann für Verwirrung sorgen, haben wir in der Schule doch (wenn überhaupt) gelernt solche Konstruktionen als Dissonanzen zu betrachten. Der Begriff Assonanz sei dagegen allein dem vokalischen Halbreim vorbehalten. Mir scheint das inkonsequent, Assonanz und Dissonanz haben in diesem System mehr gemein, als sie unterscheidet. Die (sprach-) musikalische Bedeutungsebene, die sich aus der Art und Weise ergibt, wie Klänge erfahren werden, wird zu Gunsten eines starren, wenig praktikablen Regelsystems ausgeklammert.

In der traditionellen Musik gelten solche Akkorde als dissonant, die „als „auflösungsbedürftig“ empfunden werden“. Analog möchte ich den Begriff in der Literatur nur für Konstruktionen gelten lassen, die explizit die Hörerwartung enttäuschen. Vokalische Klangphänomene, die durchaus als harmonisch wahrgenommen werden, und bei denen nur der Pedant herumjammern wird: „das reimt sich aber nicht“ möchte ich weiter als assonant begriffen wissen.

Ein Beispiel für tatsächlich dissonante Kompositionen in der Lyrik habe ich auf die Schnelle nicht bei der Hand. Das liegt auch daran, dass Literatur in ihren Ausdrucksmitteln, und erst recht auf der Ebene des Klangs, aus einem klassisch-romantischen Zusammenhang noch nicht herausgetreten ist (Alternativhypothese: es liegt daran, dass ich auf die entscheidenden Werke einfach noch nicht gestoßen bin/wurde). Es gibt zwar Legionen moderner Gedichte die überhaupt nicht mehr klingen, aber kaum eines, das gleichzeitig die Schönheit und die Brutalität einer Berg- oder Bartók-Kompositionen erreicht. Vorstellen ließe sich, das stark vereinfacht, etwa ein Gedicht das an der entscheidenden Stelle an der der Leser einen Reim erwartet nach mehrfach „–ung“ auf „–ing“ ausklingt, ohne über die Assonanzen „-ong -ang –eng“ zu modulieren.

Die Bemühungen darum, die Begriffe Assonanz und Dissonanz in geschärfter Weise in die literarische Diskussion einzubringen, sollte nicht zuletzt als theoretische Bemühung um ein literarisches Schreiben verstanden werden, das dem Autor auch praktisch am Herzen liegt.

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