Technik und Komposition

Der Notenwender.

Seit ich aus beruflichen Gründen öfter kammermusikalische Konzerte besuche und somit die Möglichkeit habe Musikern bei Stücken, die ich vorher nur in Aufzeichnung gehört habe, auf die Finger zu sehen, stellt sich für mich verstärkt die Frage nach der Bedeutung der Technik für die Komposition. Dabei denke ich jetzt gar nicht an solche Debatten wie die, ob man Bach auf Spinett oder Pianoforte inszenieren sollte, oder ob man im 21. Jahrhundert noch tonal komponieren darf, stattdessen hat ein ganz unscheinbares Detail meine Aufmerksamkeit erregt: Die Niederschrift musikalischer Werke auf Notenblättern und in Notenheften.

Wiki:

„Im Notensatz werden Noten nach Möglichkeit so eingerichtet, dass am Ende einer Seite eine Pause steht, während der der Musiker oder eben der Notenwender umblättern kann, insbesondere bei Orchesterstimmen. Je schneller das Tempo eines Musikstückes ist und je weniger Pausen es enthält, umso mehr wird ein Notenwender benötigt.“

Denn es scheint mir, dass diese traditionelle Art der Notation dem Komponisten gewisse Einschränkungen auferlegt, die in einem banalen technischen Faktor begründet sind, und im musikalischen Material im besten Fall zufälligerweise ebenso gegeben. Immer wieder müssen den einzelnen Stimmen in mehrstimmigen Werken Pausen gestattet werden, damit die Musiker die Partitur umblättern können. Vielleicht wird man einwenden, das ergebe sich von selbst, ein Werk in dem immer alle Stimmen ertönen wolle niemand komponieren. Wirklich nicht? Es ist doch zumindest denkbar. Und dass das Umblättern als äußerer Zwang wirkmächtig wird zeigt die Aufgabe, die bis heute Notenwendern bei Pianisten zukommt.

Könnte eine weniger traditionelle, zum Beispiel computergestützte und fortlaufende, Notationsweise also womöglich in der Musik für ähnliche Entwicklungsschübe sorgen wie es der Buchdruck in der Epik tat? Das scheint übertrieben, aber ein Einfluss der Technik auf die Komposition kann wohl ebenso wenig geleugnet werden. Vielleicht lesen hier Komponisten oder Musiker mit, die eine Antwort geben können:

Gibt es Versuche sich in der „klassischen“ Musik vom Notenblatt zu emanzipieren?

Braucht es zwingend Pausen zum Umblättern oder ist das meist nur ein glücklicher Zufall, ohne den man auch auskommen könnte?

PS: Nochmal Wiki:

„Im 19. Jahrhundert gab es Versuche, die Noten mittels technischer Apparate umzublättern.[7][8] Einen weiteren mechanischen Notenwender brachten 2003 zwei Düsseldorfer Jungunternehmer auf den Markt.[9]

Für den noch seltenen Fall, dass die Noten auf einem Bildschirm angezeigt werden, gibt es spezielle Computerprogramme, die die angezeigte Seite automatisch wechseln oder über ein Pedal gesteuert werden. Eine solche Technik verwendeten die Bamberger Symphoniker seit dem Jahr 2000,[10] schafften sie aber bald darauf wieder ab.“

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2 thoughts on “Technik und Komposition

  1. Technisch ist es auf jeden Fall möglich, die Noten z.B. auf einem Bildschirm ständig fortlaufend anzuzeigen statt umzublättern, wie Text auf einem Teleprompter. Allerdings würde das gewisse Kosten verursachen (für die Musiker, nicht für die Komponisten), das könnte ein praktisches Hindernis sein.

    Aus meiner eigenen Orchestererfahrung kann ich aber sagen, dass sich diese technische Einschränkung nur bedingt auf die Komposition auswirkt. Man kann ja dasselbe Stück unterschiedlich setzen, sodass der Seitenumbruch an anderer Stelle der Komposition liegt, und viele Musiker behelfen sich bei ungünstig platziertem Seitenumbruch mit handschriftlich an den Rand geschriebenen Noten, damit sie bis zur nächsten Pause Zeit haben, umzublättern. Allerdings setzt das natürlich voraus, dass es überhaupt eine Pause gibt – ein längeres, in allen Stimmen komplett pausenloses Stück (das musikalisch sicher interessant wäre) bräuchte also eine andere Lösung.

    Ob eine solche allerdings einen Innovationsschub in der Komposition bewirken würde, möchte ich mal bezweifeln. Mit einem guten Notenwender kann man ja auch so schon Pausen-los spielen. Um also deine Frage zu beantworten: Ich glaube nicht, dass sich Komponisten bisher vom Umblätter-Zwang einschränken lassen und also davon emanzipieren könnten.

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