Was George Bush uns über die Kunstkritik lehrt

„George Bush macht „Kunst““ – so titelt voller Hähme das Nachrichtenportal eines großen deutschen E-Mail-Providers. Mit dieser neuen Variante des allseits beliebten Bush-Bashings ist man nicht alleine. Manche stellen es gewitzt und elegant an wie Jon Stewart in der Dailyshow, andere nehmen eben den Hammer zur Hand und hauen immer feste drauf.

Eins weiß man aber zumindest auf dem Boulevard: Was der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten da fabriziert hat ist alles, aber keine Kunst.

Mal abgesehen davon, dass Bush von den Malereien, mit denen er sich im Ruhestand vergnügt, meines Wissens nie behauptet hat, sie seien große Kunstwerke, fällt mir zum kunstkritischen Presseecho nur eines ein:

Wtf? Ernsthaft Leute? WtF?

Wir leben in einer Zeit, in der die Aussage „Alles ist Kunst“ zum beinahe unhintergehbaren Credo des Bildungsbürgertums geworden ist, wir haben Joseph Beuys akzeptiert, man zahlt Millionen für bunte Keramiken von Koons und eingelegten Fisch von Hirst, und ein Altholz und Metall Zweitverwerter, dessen größte künstlerische Leistung bis heute darin besteht von der VR China derart brutal verfolgt zu werden, dass er es bisher nur zum mehrfachen Millionär gebracht hat, wird in einer Art und Weise hofiert, die jegliche kritische Distanz vermissen lässt. Und ausgerechnet bei ein paar behutsam verfremdeten Porträts bedeutender Persönlichkeiten aus der zeitgenössischen Politik ziehen wir die Grenze und sagen: „Bis hierhin und nicht weiter!“ Geht es noch bigotter?

Gewiss, im heutigen Kunstbetrieb ist der Künstler alles und das Werk nichts. Da darf es nicht verwundern, wenn jetzt alle, die ihn schon als Präsidenten nicht leiden konnten, dem Maler Bush sein neues Hobby zerreden. So unglaublich toll malt er ja auch wirklich nicht, oder? Aber sehen wir mal für einen Moment davon ab, dass Bush ein spät Lernender ist, der gar keine geringen Fortschritte gemacht hat, und stellen uns vor ein ehemals hipper Künstler hätte seine Bilder gemalt. Ein überlebender Warhol zum Beispiel. Wäre es dann nicht ohne weiteres denkbar, dass wir über dieses Porträt von Angela Merkel so etwa das Folgende zu lesen bekämen?

„Durch geschickte, vorsichtige Verfremdung vermittelt Warhol dem Betrachter seine ganz eigene Perspektive auf die deutsche Kanzlerin. Dabei scheint sich deren Regierungsstil in ihr Gesicht einzuschreiben. Der Mund hart, verkniffen. Die Haut unter der Nase ergraut. Deutet sich da ein Bartschatten an? Männliche Härte im Weiblichen, deutsche Tugend mit Eleganz, so blickt uns Warhols Merkel an. Und doch wieder nicht. Da ist eine innere Zerrissenheit spürbar, die Augen im wahrsten Sinne ver-rückt, ein Hauch von Kubismus, Brüche im scheinbar so Klaren und Sicheren…“

Und würde dann womöglich nicht auch über die Tatsache, dass alle Porträts nach Fotografien gemalt sind ganz anders berichtet?

„… Dabei bricht der Künstler die Vorgabe des Realismus schon in der Wahl seines Gegenstandes. Obwohl er in der Regel direkten Zugang zu den Porträtierten hatten malt er nach dem je ersten Bild, das die Google Bildersuche ausspuckt. So schafft er Abbilder digitaler Abbilder, deren Festigkeit eine Lüge ist. Damit begreift er das moderne Individuum in all seiner gleichzeitigen Fragilität und Banalität“

Ich zumindest kann es mir gut vorstellen. Und es ist mir ein starker Gratmesser dafür, wie sehr auf den Hund gekommen alles Nachdenken über Kunst ist. Wer einen noch besseren sucht begebe sich einfach mal auf eine Documenta.

6 thoughts on “Was George Bush uns über die Kunstkritik lehrt

  1. Ich muss zugeben, die moderne Kunstkritik erinnert mich ein wenig an des Kaisers neue Kleider. Deine fiktiven Zitate passen da nahtlos hinein. Kunst ist, was als Kunst verkauft wird?

    Eine Lanze muss ich aber doch für die Documenta brechen: Sie ist immerhin unterhaltsam.

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