Der Friedhof in Prag von Umberto Eco

Und: Überschätzt man den Autoren nicht womöglich, oder schätzt ihn aus falschen Gründen?

Über Umberto Ecos Der Friedhof in Prag urteilt die Kritik fast einhellig: Es handele sich um einen gescheiterten Roman. Die einen meinen, das sei weil Eco das gesellschaftliche Phänomen Antisemitismus personalisiere, indem er seinen Protagonisten, den Fälscher Simonini, unter anderem als Urheber der Protokolle der Weisen von Zion vorstelle. So verfalle Eco selbst dem Verschwörungsdenken, das der Roman kritisiere. Andere monieren, das aus zahlreichen Quellen und einer Vielzahl historisch verbürgter Protagonisten schöpfende Werk sei ein Zettelkasten, der vor allem dazu diene die Gelehrsamkeit des Autos zu unterstreichen. Beides ist falsch, obschon Der Friedhof in Prag durchaus im Großen und Ganzen als gescheitert gelten darf.

prag

Zum Vorwurf der Verklärung des Antisemitismus schrieb ganz richtig die Taz:

„Das ist absurd. Es erfordert viel Mut- und Böswilligkeit bei der Lektüre, um zu übersehen, wie Simonini seinen Hass aus der Luft greift und sich in Widersprüchen à la Juden seien „erektionsfreudiger“, Juden hätten „lahme Lenden“ verfängt. Wer diese Auslassungen für bare Münze nimmt, stellt sich nur das Armutszeugnis aus, auf das Eco seinen Finger legt bei allen, auch bei der Kirche: „Und bitte, wie hätte sich denn die Kirche fast zweitausend Jahre lang halten können, wenn es nicht diese allgemeine Leichtgläubigkeit gäbe?“ Nein, Eco führt Vorurteile klar als willkürliche „Übereinkünfte“ vor.“

Eben. Und nur weil Eco die Schaffung einiger großer Erzählungen des Antisemitismus in einem Protagonisten verdichtet leugnet er mitnichten die Allgegenwart der Judenfeindlichkeit. Das Gegenteil ist der Fall. Simonini schöpft für seine Fälschungen selbst aus einer Vielzahl von Quellen und persönlichen Gesprächen, das kann er, weil alle Romancharaktere zumindest eines gemeinsam haben: Sie hassen die Juden. Der Friedhof in Prag ist sicher vereinfachend, kondensierend wie es gute Literatur sein sollte, keinesfalls aber verharmlosend.

Und was den Zettelkasten, der vor allem die Gelehrsamkeit des Autos unterstreicht, betrifft: Mir ist absolut unverständlich wie man das für eine negative Eigenschaft halten kann und dennoch einen Roman Umberto Ecos in die Hand nehmen. Die sind alle mehr oder minder Zitat- und Anspielungskonvolute, und wenn das am Friedhof in Prag besonders ins Auge sticht verweist das zwar auf die große Schwäche des Romans, begreift sie aber nicht.

***

Denn wenn Der Friedhof in Prag scheitert, dann bereits in der Anlage der Erzählung. Ecos Erzähler ist so aberwitzig konstruiert, dass es schon einer gehörigen Portion „willfull suspension of disbelief“ bedarf, um den Roman nicht nach wenigen Seiten für immer zu schließen. Da haben wir Simonini, den Fälscher und Antisemiten, der auf Anraten eines Herrn Froids an seinem Tagebuch schreibt, um sich verlorener Erinnerungen zu vergegenwärtigen. Und da haben wir, im selben Hause lebend, den Pater Da Picolo, der sich wie ein Gewissen in dieses Tagebuch einmischt, ergänzt, korrigiert. Dass beide ein und dieselbe Person sind ist so offenkundig, dass sich Eco diese Pointe gegen Schluss des Romans auch hätte sparen können. Als sei das aber nicht genug gibt es noch einen dritten Erzähler, der regelmäßig eingreift, zusammenfasst, wertet.

Simonini und Da Picolo im Dialog, quasi als Briefroman, das hätte vielleicht funktionieren können. Oder ein allwissenden Erzähler der die ganze Erzählung in der dritten Person wiedergibt. Beides zusammen wirkt lächerlich, überkonstruiert, manchmal beinahe unerträglich. Zudem sind die Erinnerungen Simoninis, die doch an die freie Assoziation der Psychoanalyse gemahnen sollen (Froid = Freud) erstaunlich chronologisch aufgebaut und konsistent. Doch selbst wenn man bereit ist über diese Konstruktionsschwächen hinwegzusehen (und man bekommt dafür durchaus eine spannende, informative und interessante Fabel) verstören die moralisierenden Einwürfe, die dummerweise noch nicht einmal vom auktorialen Erzähler kommen, viel zu selten vom Pater, und viel zu oft dafür von Simonini selbst. Welcher Teufel Eco geritten hat überraschend klare Analysen der psychologischen Beweggründe des Antisemiten ausgerechnet dem Antisemiten in den Mund zu legen, der von Ressentiments spricht als habe er nicht nur Freud sondern auch gleich Adorno gelesen, der Verschwörungstheorie Verschwörungstheorie nennt und genau weiß, an welche gesellschaftlichen und psychologischen Dispositionen seine Fälschungen andocken, vermag man nur spekulieren.

Mir will es scheinen, als sei Eco die eigene Erzählung unheimlich geworden, als habe der Autor nachträglich einzugreifen versucht, um die Geschichte, die sich zu verselbstständigen drohte, zu entschärfen. Wer dieses Unheimliche nachempfinden möchte, der höre sich die Hörbuch-Version von Der Friedhof in Prag einmal im Garten bei voller Lautstärke an, und versuche nicht darüber nachzudenken was die Nachbarn wohl gerade tuscheln.

***

Soviel zum Friedhof in Prag. Ich muss sagen, ich habe das Buch trotz seiner Schwächen in zwei Tagen ausgelesen, und halte es mitnichten für Ecos schlechtestes. Machen wir uns nichts vor: So sprachlich dicht, so spannend Eco auch zu erzählen vermag, die Konstruktion einer überzeugenden Erzählsituation war noch nie seine Stärke. Schon die Protagonisten im viel gelobten Der Name der Rose präsentierten sich dem Leser wie Menschen unserer Zeit, sie standen dem Hochmittelalter ebenso fern wie der Erzähler selbst, was dann auch im Einstieg „natürlich eine alte Handschrift“ gleich zugegeben wird. Auch Die Insel des vorigen Tages hat ihre Schwierigkeiten neobarocke und moderne Passagen auszubalancieren, und das Folgende schreibt die Wikipedia über Baudolino:

„Der Roman beginnt mit einem selbstverfassten Bericht des jungen (…) Der Text reproduziert den von Baudolino eigenhändig niedergeschriebenen Bericht (…) Da er gerade erst lesen und schreiben gelernt hatte und in seiner heimatlichen Mundart zu schreiben versucht, ist sein Bericht in einer zunächst gewöhnungsbedürftigen, dann aber sich als sehr plastisch und farbig erweisenden Sprache und Orthographie geschrieben (…) Nach dieser sehr persönlichen Einleitung wird das Leben Baudolinos zwar in der dritten Person und in normaler heutiger Sprache erzählt, aber so, wie er selbst es im April 1204 als bereits über Sechzigjähriger in Konstantinopel dem byzantinischen Historiker und hohen Beamten Niketas Choniates erzählt (…)“

(’nuff said.)

Nur ein einziges Mal gelang Eco wirklich, wofür er bis heute gelobt wird: Die Anlage einer komplexen Handlung in einer komplexen Erzählsituation, ohne dass dabei der Leser sich je zwingen muss, den Kniffen des Autos zu folgen. In Das Foucaultsche Pendel. Vielleicht ist es kein Zufall, dass es sich dabei nicht um einen historischen Roman handelt.

Wie kommt es dann aber, dass Der Friedhof in Prag soviel harscher kritisiert wurde als das restliche Werk Ecos? Womöglich so: Der Friedhof in Prag lädt dazu ein, ihn mit Das Foucaultsche Pendel zu vergleichen. Hier kann er nur verlieren. Das Thema Antisemitismus lockte wohlmeinende Kritiker auf den Plan, die allerdings meist zu faul sind genau zu lesen. Ihnen hat im Voraus Hannes Stein treffend geantwortet. Und, das vielleicht eine ganz persönliche Leseerfahrung: Eco ordnet Der Friedhof in Prag zeitlich ziemlich genau zwischen Hugos großartigem Les Misérables und Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ein. Zu beiden Werken nimmt er nicht nur thematisch Bezug, sondern weist ihren Autoren auch noch kleine Nebenrollen zu. Vor Hugo und Proust aber verblasst Der Friedhof in Prag naturgemäß.

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