Ach ja, die Jungle-World…

Noch einmal Hundert Jahre Einsamkeit

Die Leiche ist kaum kalt, und schon kommt die erste linke Heldin daher und versucht Gabriel Garcia Marquez Werk für ihr antikoloniales Projekt einzuspannen. Dabei läuft die Jungle-World Autorin Viola Nordsieck sehenden Auges in die Falle, auf die hier schon Ostern aufmerksam gemacht wurde:

„Nicht nur ich, auch viele frühere Freunde und Bekannte, Universitätsdozenten und Koryphäen der Literaturwissenschaft lesen Hundert Jahre Einsamkeit als typischen postkolonialen Roman, der die schrecklichen Auswirkungen des kapitalistischen Imperiums auf die zuvor autarken Gemeinden der Dritten Welt thematisiert. Márquez mag das selbst so gesehen haben, er war ja schon ein recht typischer Linker, falscher könnte man dennoch nicht liegen. Es wird so gerne übergangen, dass die Kolonisierten selbst Kolonisten waren. Und dass der Umgang der spanischen Einwanderer mit den Ureinwohnern Südamerikas in Hundert Jahre Einsamkeit praktisch nicht vorkommt macht es umso leichter, diese Perspektive einzunehmen. Dem aufmerksamen Leser enthüllt sich so aber nebenbei die Lächerlichkeit zahlreicher Spielarten des Antikolonialismus“

Nordsieck schreibt u.a.:

„Ein solcher Bruch steht auch am Ursprung der sozialen Prozesse, auf die García Canclini verweist: die Kolonisierung, eine Geschichte von Verrat, Eroberung und Gewalt, die verbunden ist mit der Geschichte der europäischen Moderne und dem Projekt von Fortschritt, Emanzipation und Vernunft. Klaus Theweleit reflektierte diesen Bruch in seinem »Buch der Königstöchter« in der Figur der sprachgewandten indigenen Sklavin Malinche, die dem Eroberer Hernàn Cortéz »geschenkt« wurde, ihm als Dolmetscherin diente und somit in die Geschichte der Kolonisierung Lateinamerika verstrickt ist. Sie ist selbst Opfer von Gewalt, wird zur Verräterin und wird schließlich als Stammmutter verehrt.

Auch in García Márquez’ Werk gibt es diese weiblichen Charaktere, die eine Schuld abtragen müssen. Wie das 14jährige Mädchen in der Kurzgeschichte »Die unglaubliche und traurige Geschichte von der einfältigen Eréndira und ihrer herzlosen Großmutter«, das sich als Prostituierte verdingen muss, um eine Schuld abzugleichen. In »Hundert Jahre Einsamkeit« will die junge Petra Cotes eine Tombola veranstalten, nachdem ein Sturm den Besitz und damit das Vermögen ihres Geliebten vernichtet hat.“

Es sagt einiges aus, dass das beste Beispiel für diesen „Bruch … am Ursprung der sozialen Prozesse“, von Theweleit stammt und nicht von Garcia Marquez, während die beiden eher abseitigem Belege aus dem Werk Garcia Marquez schon im besten Fall nur Abbilder der bemühten „Frauengestalten“ sind. Nämlich als, das sagen die Namen schon, Nachkommen von Kolonisten.

Dass Garcia Marquez Kunst weit über das politische Pamphlet hinausreicht liegt eben daran, dass er sich nie auf das Niveau eines „politischen Schriftstellers“ begeben hat. Ja, ein Roman wie Hundert Jahre Einsamkeit spricht auch über die Kolonisation, aber gerade im beredten Schweigen. Die sich in Macondo mit den Tücken der schleichenden Globalisierung auseinanderzusetzen haben sind eben keine Kolonisierten, sondern die Überreste des spanischen Kolonialismus. Und indem Hundert Jahre Einsamkeit an Macondo vielschichtige gesellschaftliche Dynamiken durchspielt ist das Kunstwerk eben „universell“. Das aber scheint für Nordsieck ein schreckliches westliches Schimpfwort zu sein:

„Literarische Qualität wird definiert als Vermittlung des Allgemeinen und des Besonderen, mit dem sich immer auch der Europäer identifizieren kann, der die universelle Gültigkeit ohnehin gepachtet hat.“

Ein Eingeborener, der Garcia Marquez gar nicht ist, hat doch bitte politische (ist das jetzt ein anderes Wort für nur partikulare?) Kunst zu schaffen. Linker Exotismus at its best!

Nebenbei versucht Nordsieck dann auch noch dem magischen Realismus als Begriff zu erledigen. Dabei ist der Begriff, nutzt man ihn reflektiert und klebt ihn nicht einfach auf alles was nicht klingt wie Heinrich Böll, sehr treffend für eine Art zu schreiben, in der das Übernatürliche als Handlungselement in Erscheinung tritt und gleichzeitig als Metapher fungiert. Etwa wenn in Hundert Jahre Einsamkeit Remedios die Schöne in den Himmel auffährt, als sei es das natürlichste der Welt. Ist es nicht deutlich sinnvoller Texte die sich derartiger Stilmittel bedienen als magischen Realismus zu qualifizieren, und bei Bedarf eben auf die Unterschiede hinzuweisen, die dann doch Hundert Jahre Einsamkeit, Gogols Dikanka-Zyklus und z.B. Thomas Manns Joseph-Romane ( Ja, die Joseph-Romane!) trennen? Sinnvoller zumindest als mit dem folgenden postkolonialen Geschwätz einem literarischen Werk beikommen zu wollen:

„García Canclini spricht von der »hybriden Kultur« Lateinamerikas, die von »Strategien des Betretens und Verlassens der Moderne« geprägt sei. Die Moderne ist für ihn keine historische Epoche, sondern ein Nebeneinander von alten und neuen Kulturen und Werten. Auch die Raumerfahrung sei von der Hybridität geprägt. »Der Ort, von dem aus viele Tausende lateinamerikanischer Künstler schreiben, malen oder Musik komponieren«, schreibt Canclini, »ist nicht länger der Ort, an dem sie ihre Kindheit verbracht haben, auch nicht der, an dem sie viele Jahre gelebt haben, sondern eher ein Zwischen-Ort, an dem sich die wirklich gelebten Orte begegnen.«“

Aber ich vergaß. Magischer Realist laut Nordsieck ist ja, wer „die Beschreibung persönlicher Schicksale mit eskapistischer Phantastik vermischt“. Diese Privatdefinition kann man natürlich gerne durch Postkoloniales Geschwätz ersetzen. Oder man hält einfach mal ganz den Mund.

4 thoughts on “Ach ja, die Jungle-World…

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