Poetry Slam, Schöpfungshöhe und Urheberrecht

Überlegungen zu einem Gedicht von Clara Nielsen und, ganz am Rande, zu Mario Barth.

Mit dem Urheberrecht, das ich grundsätzlich für eine gute Sache halte, ist es ziemlich vertrackt. Gerade in der Literatur. Einerseits soll nur der Inhalt schützenswert sein, denn ein Schutz der Formen würde Schreiben über kurz oder lang unmöglich machen. Andererseits trennt man so ganz unzulässig Form und Inhalt, denn was etwa ist der Inhalt des Gedichtes:

Frühling lässt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja Du bist ’s!
Dich hab’ ich vernommen!

Und verbietet dieser nun anderen Autoren etwa Gedichte oder eine Kurzgeschichte mit Frühlingsthemen zu schreiben? Voraussetzung dafür, dass das Urheberrecht Anwendung findet ist des Weiteren immer die Schöpfungshöhe eines Textes, die zum Beispiel bei Pornographie (man kann sich streiten ob zu Recht) als nicht vorhanden vorausgesetzt wird. Schöpfungshöhe, noch so ein schillernder Begriff, darüber was Schöpfungshöhe eigentlich sein soll wären ganze Abhandlungen zu verfassen, ohne dass man einen Schritt weiter wäre. Vielleicht kann man das Problem von Form, Inhalt und Schöpfungshöhe am besten anhand eines Beispiels verdeutlichen:

Ich habe mich die Tage durch einige meist unsäglich schlechte Poetry-Slam Texte geklickt, und bin dabei auf das kleine Gedicht „Gemein samkeit“ einer Dame namens Clara Nielsen gestoßen. Es geht in etwa so:

liebst du mich
so wie ich dich
dann liebst du mich
wohl nicht.

Sehr einfach, aber durchaus ziemlich clever. Auf den ersten Blick käme niemand auf die Idee die Schöpfungshöhe, und damit den Kunstcharakter des Werkes zu bezweifeln. Was aber macht den Reiz des Gedichtes aus? Es ist doch die Tatsache, dass es sich, wenn auch in Frageform, um einen streng logischen Schluss handelt, der aus der 1. Prämisse „Ich liebe dich nicht“ und der 2. Prämisse „du liebst mich so wie ich dich“ zwingend hervorgeht. Fasst man die Prämissen so folgt das restliche Gedicht beinahe automatisch. Selbst die Zeilenumbrüche könnten nicht sinnvoll anders gesetzt werden.

Und nun? Der logische Schluss ist reine Form, kann also urheberrechtlich nicht geschützt sein. Der Inhalt der Form ist ein einfaches Gefühl, sowie eine alltägliche Phrase, wohl ohne „Schöpfungshöhe“. Der Schluss ist zwingend, also aus Prämisse und „liebst du mich“ in seiner Gänze herleitbar. Kann man das schützen? Wahrscheinlich käme es darauf an. Ein bekannter Autor der dieses Gedicht verfasst hätte könnte sich wohl gegen einen unbekannten Autoren relativ einfach durchsetzen, weil das erste Werk als bekannt vorausgesetzt werden würde. Ein unbekannter Autor, der behauptet den gleichen Reim vor 15 Jahren schon einmal in der Schule zum Besten gegeben zu haben hätte es wahrscheinlich schwer, Ansprüche gegen Nielsen geltend zu machen (Aktuell: vgl. Mario Barth, Kalkofe & Andere).

Woraus will ich hinaus? Eigentlich nur auf das Eingangs festgestellte, dass die ganze Sache mit dem Urheberrecht ziemlich vertrackt ist. Außerdem wollte ich auf das kleine Gedicht von Nielsen hinweisen, das mir ausnehmend gut gefällt. Die schelmische Vortragsweise, der zwingende Schluss, so herzlich habe ich über ein Gedicht wahrscheinlich das letzte Mal bei Heinz Erhardt gelacht.

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