Die „Philosophie“ – Kafka gegen sich selbst

Zwischen Wille zur Macht und Sein zum Tode

Ist es möglicherweise literarisch ein großes Glück, dass Kafka sein Romanwerk nie vollendete? Zuletzt diskutierte ich mit einem Freund, welches der größte Roman Kafkas sei. Er hielt sich an Das Schloss, ich tendierte mit Vorbehalt zu Der Verschollene. Aber mit dem Schloss, sagte der andere, komme doch Kafka erst zu sich selbst! Das Schloss sei die Essenz Kafkas.

Das gebe ich gerne zu. Aber ist die Essenz Kafkas mit dem besten Kafkas in eins zu setzen?

***

„Als ob es der Sisyphusarbeit Kafkas bedurft hätte, als ob es die Maelstrom-Gewalt seines Werkes erklärte, wenn er nichts anderes sagte, als daß dem Menschen das Heil verloren, der Weg zum Absoluten verstellt, daß sein Leben dunkel, verworren oder, wie man das heute so nennt, ins Nichts gehalten sei, und daß ihm nichts bleibe, als bescheiden und ohne viel Hoffnung die nächsten Pflichten zu besorgen und einer Gemeinschaft sich einzufügen“.

So weist Adorno Interpretationen der kafkaschen Intention zurück, die diese auf einen Nietzsche nach – oder einen Heidegger vor seiner Zeit reduzieren. Eine Interpretation, die sich angesichts des fruchtlosen Kampfes K.s im Schloss und der relativen Zufriedenheit der Dorfbevölkerung doch geradezu aufdrängt. Gewiss „Der Künstler ist nicht gehalten, das eigene Werk zu verstehen, und man hat besonderen Grund zum Zweifel, ob Kafka es vermochte“ (ibid.) aber, und hier kommt die Pointe, Kafkas Größe realisiert sich womöglich kaum mehr mit und vor Allem gegen Kafka.

Ginge es bei Literatur um die Autorenintention, so gäbe es wohl kaum einen vernünftigen Einwand gegen Jene, die in Kafka vor allem einen vom Hass auf die eigene Krankheit genährten Apologeten des Schicksals sehen (Kafkas Verortung zwischen Wille zur Macht und Sein zum Tode wird hier sehr gut und kleinschrittig nachgewiesen). Und wann immer bei Kafka die Philosophie das Primat über die Erzählung gewinnt wird das nur allzu deutlich. Je abgeschiedener und parabolisch konstruierter die Szenarien Kafkas, also zum Beispiel in Vor dem Gesetz oder in Das Schloss, einer auf 400 Seiten ausgewalzten Version von Vor dem Gesetz, desto redundanter und monotoner das kafkasche Schreiben. Im „städtischen“ Process dagegen, und noch mehr in Der Verschollene gewinnt die Erzählung ein Eigenleben, die sehr spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse der Moderne konterkarieren die vorgeblich zeitlose Todesontologie des Autors. Zu dieser Wirkung leistet der Fragmentcharakter der beiden Romane einen entscheidenden Beitrag. Die unvollendeten Kapitel des Prozesses etwa, die auf große Zeitabstände und zahlreiche noch einzuführende Charaktere hinweisen, legen nahe, dass Kafka es darauf anlegte auch hier die hoffnungslosen Bemühungen K.s in ermüdender Breite auszubuchstabieren. Die erdrückende Gewalt der gesellschaftlichen Totalität wäre dann wohl irgendwann der ebenso erdrückenden ontologisierender Langeweile gewichen.

Zum Glück geschah das nicht. Noch undurchformtes Material, der eigentlich banalen kafkaschen Philosophie inkonsumerabele Welthaltigkeit, dringt allenthalben in die beiden frühen Romane und setzt jene philosophisch-psychologisch-soziale Dynamik zwischen unbedingtem Anpassungswillen und der Unmöglichkeit in den gegebenen Verhältnissen aufzugehen in Gang, die Reiz und Aktualität Kafkas bis heute ausmacht.

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