Noch einmal Julia Engelmann

„Eines Tages, Baby“ ist ja mal ein kreativer Titel…

So, Poetry-Slam Wunder Julia Engelmann hat nun also gleich ein ganzes Buch auf den Markt gebracht. Die Frustration, dass offenkundig literarische Qualität einmal mehr kein leitendes Kriterium dafür war, eine junge Lyrikerin zu publizieren, ist schnell herunter geschluckt. Immerhin: wer macht sich heute noch Illusionen, und dann auch noch in der Freizeit, wenn man damit schon das tägliche Brot verdient? Ganz unkommentiert will ich das kleine Bändchen „Eines Tages, Baby“ hier dennoch nicht lassen. Es besteht immerhin die Möglichkeit, dass Julia Engelmann über eine lange Weile mitdefinieren wird, wie gute deutschsprachige Lyrik auszusehen hat. Grauenhaft. Zum Glück kann ich mich dabei recht kurz fassen, denn die sieben Schreibregeln für ein Engelmann Gedicht hat Sarah Zimmermann auf Zeit online bereits recht treffend zusammengefasst:

„(…)

Zwei: Schreiben Sie über Ängste, Missmut und Traurigsein. Schreiben Sie spätestens im letzten Satz, dass alles gut werden wird.

Drei: Sie haben es mit einer multilingualen, technikverwöhnten Generation zu tun. Verwenden Sie Begriffe aus ihrem Repertoire: „facebooken“, „tweeten“, „checken“, „dancen“.

(…)

Fünf: Früher (I). Früher gab’s noch kein Internet. Früher tobte man durch die Natur, aß wilde Erdbeeren und kletterte auf Bäume. Appellieren Sie mit „Natur-Stichwörtern“ an verschüttete Nostalgien. (Sternschnuppe, Glühwürmchen, Gewitter, Regen.)

Sechs: (…) Geizen Sie nicht mit Zitaten aus Songs und Filmen, insbesondere nicht mit solchen von Walt Disney.

Sieben: Glücklichsein ist ein Menschenrecht.“

Und ebenfalls im Großen und Ganzen überzeugend kritisiert Laura Nunziante Engelmann auf wyme:

„(…) Aber viel zu oft will die Autorin auch hier noch eins drauf setzen. Sie lässt einen Gedanken keinen Gedanken sein, scheint nicht zu verstehen, dass gute Lyrik sich dort entfaltet, wo nicht geschrieben, sondern gezeigt wird. Sie muss immer und ständig ihr Mantra wiederholen: Hey, lebe jetzt und sofort! Aber manchmal, da bin ich ganz arm dran und kann mich nicht entscheiden, welchen Film ich mir bei Saturn im Ausverkauf holen soll. Gott, bin ich anders als alle anderen! … Ganz abgesehen von Peinlichkeiten, in denen sie etwa ihre Eltern wie folgt beslamt: „Ihr seid da, wenn ich aufstehe / ihr seid da, wenn ich schlafen gehe.“ Das ist doch mal Lyrik, die nicht wehtut! Die brav an der Oberfläche kratzt, um sich am Ende hinter dem Wohlwollen und der Harmoniesucht der älteren Generation zu verstecken. Auch hier schafft es die Autorin in ihren Texten nicht, über sich selbst hinauszuwachsen und Gedanken anzustoßen, die mich weiter tragen — in eine Welt hinter der, die auf dem Papier geschieht (…)“

Widersprochen werden muss Nunziante allerdings, wenn sie die Dichterin mit Hesse kontrastiert (oder Hesse in einem Atemzug mit Frost und Kaléko nennt):

„Der Markt ist überfüllt von nichtssagenden Büchern, die der guten Literatur wenig Chancen geben. Es geht nicht darum, dass ein Dichter abstrakt werden muss und so tiefgründig, dass wir ihn nicht mehr verstehen. Das haben Hermann Hesse, Robert Frost und auch eine Mascha Kaléko auf ein Vielfaches widerlegt. Im Gegenteil: Zeitlose Lyrik bringt uns auch heute noch auf neue Gedanken, selbst wenn sie die einfache Sprache des Volkes wählt.“

Was war der Hesse denn anderes als die Engelmann des frühen 20. Jahrhunderts?

Zuletzt noch sei auf meinen Artikel zu one day/reckoning text verwiesen, damit sollte dann alles gesagt sein:

„Und dennoch handelt es sich bei one day /reckoning text wie eingangs angedeutet um sauberes, regelrecht typisches Poetry-Slam-Handwerk. Das Gemeckere anderer Slammer, die auf bessere Texte verweisen die von Engelmanns Erfolg ungerechtfertigt in den Schatten gestellt würden, geht an der Sache vorbei. Gewiss, bessere Texte mag es geben, aber der Poetry-Slam sucht nicht den besten, sondern den konsensfähigsten Text.“

2 thoughts on “Noch einmal Julia Engelmann

  1. Hey, vielen Dank für die Verlinkung. Hab’s auf Twitter geteilt. Finde ich sehr anregend, was du schreibst und wie du dich mit diesem Phänomen auseinandersetzt. Das mit Hesse finde ich einen guten Gedanken, den ich mal etwas mehr verfolgen werden.

    Viele liebe Grüße, die Laura

    • Hallo Laura, ebenfalls vielen Dank fürs Verbreiten. Ich glaube der Effekt war größer als meine Verlinkung🙂 Bin dann mal gespannt was deine Verfolgung von Hesse so ergibt.
      lg

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