Wiederveröffentlichung anlässlich der Ergebnisse der Europawahl

„Die neuen Faschisten werden die alten sein“

„Die Antifaschisten sind die neuen Faschisten“ – so oder ähnlich plappern Blogger und Journalisten Henryk Broder gern einen von diesem wohl von Silone entlehnten Ausspruch nach. Und auch in persönlichen Gesprächen erlebe ich es oft dass man mir sagt: „Wie 1933 kann es nie wieder kommen, die Feinde der Freiheit stehen viel eher links“. Grüner Tugendterror, linke Politische Korrektheit, der allgegenwärtigen erhobene Zeigefinger der gutmenschlichen Moralisten: das seien die modernen Bedrohungen, und die einzig relevanten.

Vielleicht stimmt es sogar, dass die genannten und durchaus bis zum Exzess vorkommenden Phänomene ihren Teil dazu beitragen, die Vorstellung von bürgerlicher Freiheit und Individualität zu schleifen. Helmpflicht, Glühbirnenverordnungen und Ähnliches, die unsäglichen Debatte darüber wie korrekte Sprache auszusehen habe und ob man in Kinderbüchern bestimmte Worte verwenden dürfe sind selten zielführend, und im Namen von Gesundheit und Vernunft (ein schreckliches Pärchen bildet sich da) wurden wir auch und gerade von links gelehrt zahlreiche staatliche Eingriffe in unser Privatleben zu tolerieren. Aber das ist nur eine Seite der Medaille, und nicht die gewichtigere.

„Die alten Faschisten werden die neuen sein“

entgegne ich Broder und allen, die sich in den letzten Jahren dessen Position zu Eigen gemacht haben.

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Wo immer nur zum Beispiel ein Mensch vehement dafür eintritt das so genannte N-Wort aus Pippi Langstrumpf zu streichen treten meiner Erfahrung nach fünf auf den Plan, die – nein, nicht einfach dagegen sind und die künstlerische Freiheit hochhalten – sondern überzeugt, dass man einen „Neger“ auch „Neger“ nennen dürfen müsse (ernsthaft: „nennen“. Im Alltag halt. Ein ganz ekelhaftes Klassifizierungsbedürfnis spricht aus solchen Positionen). Wer daraufhin aufmerkt er sei anderer Meinung wird schnell als Gegner der Meinungsfreiheit gebrandmarkt. In gewissen Kreisen hat sich die Vorstellung längst etabliert, dass viele noch so üble Pöbeleien, gegen „Ausländer“, „sozial Schwächere“, „genetisch Minderwertige“ oder was weiß ich, von der Meinungsfreiheit gedeckt seien, Proteste dagegen aber nicht. Die Eugenik feiert fröhlich Auferstehung, während sich immer lautstärker Positionen durchsetzen die zum Beispiel Arbeitslosigkeit und Krankheit nur noch als Charakterschwäche gelten lassen wollen. Und Heino darf man derweil nicht „Nazi“ nennen.

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Und das ist nur, was sich in der noch immer recht gemäßigten Welt deutscher Feuilleton- und Stammtischdiskurse abspielt. Derweil hat eine beispiellose Austeritätspolitik in den letzten vier Jahren zum Effekt, dass seit dem offenen Ausbrechen der so genannten Bankenkrise, die wir völlig zu Unrecht heute Staatsschuldenkrise nennen, weite Teile Europas im Verelenden begriffen sind. Und darin lauern die eigentlichen Gefahren, der Rechtsruck im Großen kommt ohne viel Diskursgetöse daher. Dass Europa eine anhaltende Phase mit deflationären Tendenzen bevorstehen könnte hat sich außerhalb von Deutschland zwar mittlerweile herumgesprochen. Aber dagegen etwas zu unternehmen könnte es schon zu spät sein. Denn anders als etwa Japan ist Europa nicht so verfasst, dass die Bevölkerung 15 Jahre Stillstand relativ unbewegt hinnehmen würde. Setzen sich die derzeitigen Tendenzen fort, knallt es.

Um genau zu sein knallt es ja jetzt schon: in der Ukraine fährt die EU die faszinierende Taktik „Nazis gegen Rechts“. In beinahe allen europäischen Staaten legen die rechten Parteien kräftig zu. Und wenn in diesem Jahr der Front National stärkste Kraft bei den Europawahlen in Frankreich wird könnte ein französischer EU-Austritt noch vor 2017 stattfinden. Le Pen redet schon von Neuwahlen. Und dass im darauf folgenden Chaos jemand anders als die klassisch rechten Kräfte weiter profitieren werden scheint doch sehr unwahrscheinlich.

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Jene Wirtschaftsliberalen, die traditionellen Liberalen und Konservativen, die derzeit in Deutschland ökonomisch den Ton angeben, eben genau jene Akteure die ständig vom linken Totalitarismus warnen, werden den Geistern die sie riefen wenig entgegenzusetzen haben. Manchmal fällt ihnen das selber auf. Etwa wies Richard Herzinger zuletzt darauf hin, dass ein nicht kleiner Teil der liberalen Blogosphäre (lose gruppiert um die Achse des Guten) längst ein nur noch instrumentelles Verhältnis zur deutschen Geschichte pflege, und sich eher strategisch Deutsch als liberal positioniere. Der größte Scharfmacher der Achse des Guten, Akif Pirinçci, reussiert mit einem hetzerischen Machwerk, und Vera Lengsfeld wäscht derweil Heinrich George von aller Mitverantwortung im Dritten Reich rein. Der Liberalismus im Ganzen rückt weiter nach rechts. Wie diese Dynamik schon einmal funktionierte und wohin das führen kann lässt sich im vierten Teil der folgenden sehr weitläufigen Analyse von Hans Otto Rößner zur Ausstellung “Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme” gut nachvollziehen. Auf gesamteuropäischer Ebene ist es sowieso schon so weit: radikale Liberale und Nationale Sozialisten tun sich für die Gute Sache (was immer das sein mag) zusammen. Die wenigen Verteidiger individueller Freiheiten, die es ernst meinen, werden sich noch umschauen und sich die Zeiten „links-grünen Tugendterrors“ zurück wünschen.

Denn die neuen Faschisten werden die Alten sein.

Und die meisten liberalen „Antifaschisten“ werden sich schließlich bei ihnen einreihen. Paul Krugman brachte in seiner Kolumne in der New York Times zuletzt ein treffendes Zitat von William Butler Yeats:

„[T]he best lack all conviction, while the worst are full of passionate intensity“

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So ist es wohl. Glaubt ihr, die ihr die Rede vom linken Faschismus kolpotiert denn wirklich dass die so genannte „Alternative SA“ jenes Machtstreben an den Tag legen wird, das es braucht um in einer brutalen Phase des Umbruchs sich durchzusetzen und eine soziale/ökonomische/militärische Hegemonie aufzubauen? Die gleichen Menschen denen ihr immer wieder vorwerft, sie könnten nichts zu Ende bringen, belegten nur unnötig Studienplätze, seien faul und ziellos und überhaupt als Menschen eigentlich ohne Wert?

Oder projiziert ihr da nicht womöglich eigene Großmachtsträume, und zwar ganz gewaltig?

 

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