Achja, die Weimarer Klassik… Gab es die überhaupt?

Ein meist respektvoller Streifzug durch Felix Bartels Blog „Neuestes vom Parnassos

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Auf dem Blog des Hacks-Verehrers und Klassizisten Felix Bartels habe ich mich die Tage ziemlich oft herumgetrieben. Hier liest man viel Kluges zu ästhetischer Theorie, faszinierende Rationalisierungen der eigenen Fußball-Begeisterung, gut begründete Invektiven gegen zeitgenössische Kunst, die sich wenig Rechenschaft darüber ablegt was, und warum sie es tut, und manch himmelschreiende historische Blindheit der Geisteswissenschaften wird kenntnisreich und dazu noch sprachlich pointiert auf die Hörner genommen.

Umso mehr verstören dann die eigenen Blindheiten und Abkürzungen des Kritikers. Da wird zum Beispiel mal schnell dem Theater attestiert, es sei die philosophisch tiefste aller Kunstformen. Begründung? Fehlanzeige. An anderer Stelle hält man Gottfried Benn als den Dichter hoch, der vermocht habe die „subjektive Seite der Moderne auf den Punkt zu bringen“. Was von Benn als modernem Dichter zu halten ist habe ich schon einmal ausgeführt, auch auf das von Bartels zitierte Gedicht:

»Die Welt zerdacht. Und Raum und Zeiten
und was die Menschheit wob und wog,
Funktion nur von Unendlichkeiten –
die Mythe log.

Woher, wohin – nicht Nacht, nicht Morgen,
kein Evoë, kein Requiem,
du möchtest dir ein Stichwort borgen –
allein bei wem?«

passt die damals herangezogene Kritik Rainer Maria Gerhardts:

„benn benutzt eine überkommene zeilen- und versform, stark ausgeschlachtet in der deutschen klassik und romantik (…) moderne dichtung ist nur möglich, wenn jeder der modernen dichter bereit ist, jederzeit bis zum äußersten zu gehen. benn lehnt rückgriff und sentiment ab. wir müssen ihm aber bescheinigen, dass seine gedichte rückgriffe und sentiment sind. sie sind ein sichgehenlassen in gefühlen, in stimmungen, aufgebauscht mit dem technischen können eines mannes, dem es möglich wäre, bei mehr härte und bei mehr disziplin gegenüber der sprache und gegenüber dem gedicht, wesentliches hervorzubringen (…)“.

Vor allem wäre Benn Eliot entgegenzustellen. Gerade was Lyrik betrifft mangelt es abgeklärten Theoretikern regelmäßig an Geschmack, und Klassizisten sowieso.

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Zuletzt problematisiert zwar Bartels sehr vernünftig den Hacksschen Klassikbegriff in dem Moment, in dem dieser die „Poetik der Mitte“ als Antipode der Romantik setzt (und damit implizit die Mitte aufgibt), lässt dessen staatsphilosophisch-politische ebenso wie die rezeptionsästhetische Legitimation aber im Großen und Ganzen unangetastet. Dabei steht und fällt die Hackssche Klassik doch mit der Antwort, die man auf die Frage zu geben bereit ist, ob die DDR als Staat an sich schon auf dem richtigen Weg gewesen sei, ebenso wie mit dem Zuspruch, den die Stücke Hacks noch erfahren. Denn dem Publikum zu gefallen war zumindest ein Imperativ des Hacksschen Klassizismus.

Kann man einen Dichter, der die eigene ästhetische Theorie selbst mit dem Gelingen des Staates, in dem er schrieb, verknüpfte, und mit dem Zuspruch der Rezeption, noch in eine Linie mit Goethe stellen, wenn Staat und Zuspruch vergangen sind?

Damit man mich nicht falsch versteht: Hacks ist gut, aber eben nicht groß. Und an eine Klassik in der Folge Hacks wäre eben die Frage zu stellen, mit der einst Löwith den Hegelianismus konfrontierte: Wie hält es der Staatsphilosoph mit dem Staat, wenn dieser alles verneint was die Staatsphilosophie zu bejahen vorgegeben hat?

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Obwohl Bartels das manchmal vehement zu verdrängen scheint ist ihm an anderer Stelle nur zu klar, dass die Voraussetzungen der Hacksschen Klassik nicht mehr gegeben sind:

„Ich habe diesen Aufsatz mit der Frage eröffnet, wie ein Dichter inmitten der modernen Erkenntnis- und Sinnkrise zur Klassizität finden, wie er im Angesicht einer unüberschaubaren und kaum beeinflußbaren Wirklichkeit an Form und Erkennbarkeit der Welt wie an Handlungsspielraum für das Individuum glauben konnte. Die Antwort ist: Weil er einen Ort gefunden hatte, an dem die Moderne wieder aufgehoben war.“

Lesenswert dazu auch: „Man hat Hegel zu Recht einen konservativen Denker genannt, denn das Konservative ist nicht ohne weiteres identisch mit dem Reaktionären. Die konservative Haltung kann fortschrittlich sein, wenn sie sich auf ein Verhältnis bezieht, das in seiner Ruhe Bewegung bewältigt, also etwa auf eine Gesellschaft mit Übergangscharakter, deren Identität in ihrer Bewegung liegt. Gegenüber Gebilden, die erhalten werden müssen, weil sie den Fortschritt in eine Form und damit in die Wirklichkeit bringen, kann sich ein fortschrittlicher Mensch nicht anders als konservativ verhalten.“

Dem Dichter heute rät er drum in der Folge Goethes ganz allgemein zur gesellschaftlichen Involviertheit, um Haltung zur Welt entwickeln.

Das klingt gut, das klingt richtig. Und doch krankt es meines Erachtens an einem allzu deutschen Fehler, den man immer mal wieder beobachten kann. Daran, erstens von aller Empirie abzusehen, und zweitens vom Sonderfall Goethe induktiv ein allgemeines Gesetz ableiten zu wollen. Denn schaut man sich international ein wenig um, wird man sowohl Schriftsteller finden, die politisch und gesellschaftlich sehr involviert waren, und dennoch nur ganz schöne, keinesfalls aber ihre Zeit durchdringende Werke verfasst haben (nur im englischen Sprachraum z.B.: Byron, Tennyson, Pound), und Schriftsteller, die eher als Außenseiter und zurückgezogen agierten, die aber trotzdem den Finger wie kaum andere am Puls dessen hatten was die Gesellschaft bewegte, und bis heute bewegt (ich denke an Sterne etwa, in Deutschland an Rilke, oder an Mary Shelley mit Frankenstein). Und vergleicht man Frankenstein, einen Roman in dessen zentrale Prämissen und Konflikte wahrscheinlich noch immer zahlreiche Menschen von Lahore bis Brasilia Einsicht gewinnen können, zum Beispiel mit dem Wilhelm Meister oder den Wahlverwandtschaften, so versteht man vielleicht auch warum international, was Bartels ein wenig anfrisst, die Weimarer Klassik ganz gern mit der Romantik identifiziert wird. Denn wie viel eskapistischer, entrückter, verklärender als selbst ein fantastischer Monsterroman wie Frankenstein müssen die zuvor genannten Bücher vordergründig auf den Außenstehenden wirken, der nicht schon in der Schule gelernt hat, dass die Weimarer Klassik der Höhepunkt aller Kultur und Weltzugewandtheit sei.

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Aus dem bisher gesagten wage ich die ketzerische Frage abzuleiten: Gab es die Weimarer Klassik überhaupt? Wieland und Herder mag man ihr kaum zuschlagen, zu staubig der eine, zu völkisch der andere. Folgt man Mann, hat Goethe viel über beide gelacht. Bleiben also Goethe und Schiller. Des ersten bis heute meistgelesene Texte, den Faust, den Götz, den Werther, wird aus unterschiedlichen Gründen wohl kaum wer klassisch nennen wollen. Im Sinne von Hacks klassisch ist sogar womöglich nur die Iphigenie. Des Weiteren wohl die Elegien, und wenn man sie denn für Literatur halten will die Xenien. Den Zweiten mag als klassizistischen Literaten noch nicht einmal Hacks wirklich ins Feld führen. Schiller hat offenkundig mit Die Räuber schon seinen Zenit überschritten, und wer die Maria Stuart freiwillig fertig gelesen hat werfe dagegen den ersten Stein. Als Dichter ist Schiller zu vernachlässigen. Dass er das selbst spürt liest man zwischen den Zeilen aus jeder Seite von Über naive und sentimentalische Dichtung. Die Weimarer Klassik, das ist im besten Fall also Goethe, erklärt durch Schiller. Dass nun internationale Literaturwissenschaftler den Sonderfall Goethe nicht zur Epoche verklären wollen, ist es zu beanstanden?
Und lässt sich aus dem Sonderfall Goethe eine prinzipiell pro-absolutistische, angepasste Ästhetik, eine „Fröhliche Resignation“ die in Erklärungsnöte gerät wenn die Regierung mal wechselt, begründen?

Ich denke nicht. Felix Bartels sieht das anders, und das ist nicht schlimm, ansonsten wären viele bedenkenswerte Dinge von ihm wohl nie geschrieben worden. Unter anderem auch einige treffende Überlegungen darüber, was Goethe groß macht. Oder diese Ablehnung des Begriffes „Kulturindustrie“, die der kritischen Theorie näher steht, als vieles was zwischen Berlin und Freiburg derzeit so herauspolemisiert wird.

3 thoughts on “Achja, die Weimarer Klassik… Gab es die überhaupt?

  1. Pingback: Und jetzt das Kaffeeliedchen: bissl was pro domo » Neuestes vom Parnassos

    • Felix Bartels hat bereits jetzt eine längere Antwort auf meinen heute früh veröffentlichten Beitrag verfasst, für die ich ebenso danken möchte wie er mir für meine Miss- und Teilverständnisse gedankt hat. Schon die Schnelle der Antwort beeindruckt, sie zeigt mir dass da einer seine Gedanken wohl geordnet hat. Die Klarstellungen sind sehr informativ und fair, ich möchte dazu anhalten insbesondere den Punkt 5) zur Staatsphilosophie genau zu lesen, das scheint mir so treffend wie wichtig.
      Eine längere Antwort muss ich fürs erste schuldig bleiben, sie drängt aber auch nicht, in zwei zentralen Punkten schreibt Bartels sowieso bereits etwa, was ich lesen wollte:

      „(2) Über Benn will ich nicht streiten. Ich mag ihn nicht. Weder als Lyriker noch als Denker noch als Mensch. Ich habe zwei Strophen eines Gedichtes zitiert, die mir passend schienen. Geschmack ist dagegen etwas, mit dem man nicht ernsthaft argumentieren kann.“

      „(8) Gab es nun die Weimarer Klassik? Mir gefallen die vorgetragenen Gründe sehr gut, auch wenn ich die poetische Desavouierung Schillers nicht nachvollziehen kann. Ich bin ebenfalls der Meinung, daß die Weimarer Klassik nur eine halbe Klassik ist. Wenn man sie an Shakespeare und den Griechen mißt. Sie ist aber nicht halb, weil sie nur aus Goethe bestünde, sondern weil sie in Goethe und Schiller zerfällt. Cyrano deutet das selbst an. Goethes poetische Kraft durch Schillers begriffliche Ordnung, die aber (vgl. die »Naive und sentimentalische Dichtung«) die heilende Kur der Goetheschen Pluralität durchlaufen müßte; das Verhältnis ist kartesisch: Kraft und Ausdehnung, und es gilt auch für die poetische Praxis. Schiller ist der bessere Dramatiker, Goethe der mit dem besseren Verständnis für die vom Drama dargestellten gesellschaftlichen Kollisionen. Abgesehen davon scheint mir Singularität kein sehr zwingendes Argument zu sein. Und wenn die englische Klassik nur aus Shakespeare bestünde, wäre sie dann weniger Klassik? Von den vier Griechen scheiden Aristophanes und Aischylos aus verschiedenen Gründen ebenso aus wie der späte Euripides, der Handlungs- durch Figurendramaturgie ersetzt und das Metrum aufgelöst hat, den Turn somit ins, vielleicht darf man sagen: Romantische vollzogen hat.“

      Ansonsten gebe ich gerne zu das ich womöglich einige Links auf die falschen Artikel gesetzt habe, Drama und Theater leichtsinnig synonym benutzt habe, und falls ich bezüglich Punkt 6) in den Parnassos etwas habe einfließen lassen, was stattdessen von jemand anders in einer Diskussion zum Thema an anderer Stelle geäußert wurde, sei es mir hoffentlich verziehen, wenn man innerhalb weniger Tage ein Blog quasi „ausliest“ kann so etwas schon einmal passieren.

  2. Pingback: Ein weites Feld, oft ein bittres – zu Felix Bartels Überlegungen zum Selbstverlag | SonntagsGesellschaft

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