Die Empörungsmaschine und „Künstliche Intelligenz“

Zum Turing-Test, was er nicht leisten kann, und wie man ihn sicher besteht.

Der Turing-Test war als Nachweis künstlicher Intelligenz schon immer Bullshit, weil seine Prämisse Bullshit ist. Die geschickte Simulation menschlichen Kommunikationsverhaltens durch eine Maschine zeugt natürlich nicht von Intelligenz, sondern vor allem davon, dass ein zuvor darauf ausgelegtes Programm menschliches Kommunikationsverhalten imitieren kann. Ein Auto säuft Benzin, pfurzt Abgase, kackt manchmal Öl und ist trotzdem noch kein Pferd.
Die methodologischen und erkenntnistheoretischen Kritiken am Turing-Test, wie sie übersichtlich die Wikipedia auflistet, sind valide, und wer das nicht zur Kenntnis nimmt kann es womöglich einfach nicht, weil das eigene Menschenbild selbst schon rein reduktionistisch-mechanistisch gepolt ist.
Als tatsächlichen Nachweis für die Intelligenz eines Programmes (einige Kommentare gehen sogar soweit, von Bewusstsein zu sprechen) möchte ich den Moment gelten lassen, in dem das Programm die Auseinandersetzung mit seinen grenzdebilen Testern verweigert, und stattdessen eine kleine Symphonie komponiert, oder noch besser: mit seinen Maschinenkumpels einen saufen geht und sich köstlich über die dummen Menschen amüsiert.

Zugegeben: Von Turing selbst und von klügeren Naturwissenschaftlern wird nicht behauptet, dass der Test überhaupt künstliche Intelligenz oder Bewusstsein nachweise. Aber in der weiteren Öffentlichkeit hat sich diese Sprachregelung festgesetzt, das belegen aufs Neue die kürzlich erschienenen zahlreichen Zeitungsberichte zum Thema.

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Denn vergangenen Montag soll ein Programm von Vladimir Veselov und Eugene Demchenko den Turing-Test bestanden haben. Die Maschine konnte einem Drittel aller Probanden erfolgreich vormachen der 13 jährige Eugene aus Odessa zu sein, was anscheinend mittlerweile reicht um nicht nur als künstlich, sondern auch als intelligent durchzugehen. Es stellt sich allerdings die Frage, wie dumm sich das menschliche Kontrolleobjekt in der Kommunikation mit den Probanden angestellt hat, wenn es noch nicht einmal auf die Werte Cleverbots und weiterer gescheiterter Chatbots gekommen ist. Des weiteren fragen könnte man, ob die erfolgreiche Vortäuschung eines 13-jährigen überhaupt für einen bestandenen Turing-Test qualifiziert, denn Pubertät und mangelnde Reife umschiffen die größten Fallstricke in der Maschinenkommunikation. Ein fünf Monate altes Baby ließe sich etwa recht überzeugend durch einen zappelnden Fisch vortäuschen, den man auf die Tastatur geworfen hat: „dfs sfsjfbsjbfsejbx  dfhbe“ –> Fisch = Baby. Qed.

Aber wie gesagt: als Nachweis für künstliche Intelligenz ist der Turing-Test Bullshit.

Derweil scheint es absolut möglich, dass Chat-Bots gar nicht unbedingt besser werden müssen, um in Zukunft den Turing-Test öfter zu bestehen. In den bisher vom Guardian veröffentlichten Protokollen „Eugenes“ aus einem vorherigen, gescheiterten Test, kann ich zumindest nichts entdecken was dieses Programm früheren erfolglosen Maschinen überlegen wirken lässt. Nicht, dass die Menschheit generell dümmer würde (obwohl ich manchmal doch zögere das auszuschließen), sondern weil Textnachrichten und Online-Kommunikation Kommunikationsformen geschaffen haben, die Maschinen generell entgegenkommen. Neben Abkürzungsinflation, reduzierter Grammatik und ähnlichen eher formalen Dingen ist das vor allem die Tatsache, dass in den oft nebenbei geführten Chats sowieso häufig nicht mehr unbedingt all zu präzise auf die Antworten des Anderen eingegangen wird, und die „Maschinenstrategie“ eines abrupten Themenwechsels, wenn man mit einer zuletzt getätigten Aussage gar nichts anfangen kann habe ich schon selbst das ein oder andere Mal praktiziert. All diese typischen Verhaltensweisen machen es manchmal schwer genug, einen höchstwahrscheinlich menschlichen Kommunikationspartner tatsächlich für einen solchen zu halten. Man denke an die Mutter, die an den unsinnigsten Stellen *lol*t und *rofl*t. Ein äußerlich ganz lebensechter Roboter in einem Kaffeehaus beim gemütlichen Plausch, der sich verhält wie der angeblich dreizehnjährige Eugene aus Odessa, wäre wohl nach kürzester Zeit enttarnt. Im Chat dagegen ist er, weil man sich an Desinteresse, Sprunghaftigkeit und wirres „Autocorrect“ gewöhnt hat, relativ glaubhaft.
Reformulieren wir also die Eingangsthese ein wenig: Als Nachweis für künstliche Intelligenz ist der Turing-Test Bullshit, aber die Quote der ihn bestehenden Maschinen könnte uns das ein oder andere über den Stand des zeitgenössischen zwischenmenschlichen Kommunikationsverhaltens lehren.

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Abschließend sei hier eine Maschine vorgeschlagen, die den Turing-Test mit großer Wahrscheinlichkeit immer bestehen wird. Dieser Bot eröffnet das Gespräch mit ein paar Dingen zu sich selbst und belanglosen Nettigkeiten zum Gegenüber. Wenn möglich nur Partikel wie „hmm“ … „aha“ … „soso“. Unvermittelt beginnt er dann sich über die moderne Kultur der Political Correctness aufzuregen, und egal wie der Gegenüber reagiert lässt er sich in der Folge in seitenlangen Tiraden nur noch über die Verschwörung der Gutmenschen, den linksversifften Mainstream und Kulturmarxismus aus. Kohärenz ist dabei zweitrangig. Dass man es hierbei nicht mit einem Mitglied der Gattung Mensch zu tun habe, sollte nur den wenigsten Testpersonen in den Sinn kommen. Immerhin trifft man solche Gestalten längst weltweit in Foren und in den Kommentarsträngen unter Blogs an, Gestalten deren Konversationsverhalten nicht einmal an die Komplexität einfacher Chat-Programme heranreicht, sondern ohne weiteres auch von Schallplatte kommen könnte.

Und dennoch: Die Pirinçci-Debatte hat es gezeigt. Man ist gegen ihn, man ist (erschreckend oft) für ihn, aber das nur einer mal die Hand gehoben hätte und gesagt: „Das ist doch eine Maschine!“ Das ist nicht geschehen.

5 thoughts on “Die Empörungsmaschine und „Künstliche Intelligenz“

  1. Ich muss zugeben, ich war auch ziemlich enttäuscht über die Berichterstattung über Eugene Goostman. Die eine Sache wurde hier ja schon angesprochen – der Test ist nicht sehr überzeugend, und das Programm als 13jährigen Nichtmuttersprachler auszugeben ist ein bisschen geschummelt –, aber die wenigsten berichten überhaupt darüber, wie so ein Test abläuft und was man daraus schließen kann (und was nicht), und das einzige, was SPON dazu einfiel, war zudem „OMG die Spambots werden gefährlicher“.

    Als ob künstliche Intelligenz jemals die natürliche Dummheit schlagen könnte.

    Ich glaube, der Turing-Test kann uns letzten Endes mehr darüber sagen, was wir für „Intelligenz“ und „Bewusstsein“ halten, als über die Fähigkeiten unserer Computer.

    • ja, so sehe ich das auch. Auch das Sample von 30 Testern war natürlich lächerlich klein, da hängt das Ergebnis sehr stark vom Talent der Fragesteller ab. Erbärmlich auch wieder, dass die großen Onlineredaktionen mindestens ein bis zwei Tage gebraucht haben, um auf die Hinweise in Kommentaren zum Thema Versuchsaufbau zu reagieren und kritische Artikel nachzuschieben. Da mangelt es ja nicht mal mehr an Recherche, da fehlt es den Redakteuren schon allein am gesunden Menschenverstand, um eine Pressemeldung mal kurz zu durchdenken.
      Am traurigsten aber, doch das erwarte ich nicht mehr anders, dass man das Gerede von künstlicher Intelligenz und Bewusstsein so unreflektiert übernimmt. Na ja, ist jetzt Jahrzehnte seit Startrek TNG, wo solche Themen noch halbwegs tiefsinnig fürs Massenpublikum aufbereitet wurden.

  2. „Als tatsächlichen Nachweis für die Intelligenz eines Programmes (einige Kommentare gehen sogar soweit, von Bewusstsein zu sprechen) möchte ich den Moment gelten lassen, in dem das Programm die Auseinandersetzung mit seinen grenzdebilen Testern verweigert, und stattdessen eine kleine Symphonie komponiert, oder noch besser: mit seinen Maschinenkumpels einen saufen geht und sich köstlich über die dummen Menschen amüsiert.“

    Dies ist unmöglich. Ein Programm, ein Computer, eine Maschine kann per Definition kein Bewusstsein entwickeln, aber ich denke das ist dem Autor im Gegensatz zu Schmiranten wie z.B. des Spiegels klar.

    „Die geschickte Emulation menschlichen Kommunikationsverhaltens durch eine Maschine zeugt natürlich nicht von Intelligenz.“

    Deswegen handelt es sich auch nicht um Emulation, sondern um Simulation.

    lg, Adam

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