Stefan George und die „Weisse Schwärze“

„Freie rhythmen heisst so viel als weisse schwärze, wer sich nicht gut im rhythmus bewegen kann der schreite ungebunden.“

So schreibt Stefan George zum Schluss seiner kurzen ästhetisch-theoretischen Überlegungen. Was will er sagen? Dass Dichtung nur in strengen Reimen und rhythmischen Schemen funktionieren kann? Das sollte verwundern. Umso mehr, da George selbst zahlreiche Texte verfasst hat, die man gemeinhin als frei-rhythmisch bezeichnen könnte.

Ein konservativer Ausfall gegen das eigene Werk? Oder geht es da um mehr? „Freie rhythmen heisst so viel als weisse schwärze“ – dieser Satz birgt erst mal eine so einfache, wie oft ignorierte Wahrheit: Freie Rhythmen sind ein Oxymoron, der Begriff ist in sich höchst widersprüchlich. Und widersprüchliche Begriffe, wo sie nicht es gerade darauf anlegen real-weltliche Widersprüche in sich auch zu nehmen, stehen dem Gedanken im Wege. Der Freie Rhythmus aber bezieht sich auf rein Theoretisches, er kennt praktisch keine Welthaltigkeit.

Denn die Idee des Freien Rhythmus setzt voraus, dass eine sehr begrenzte Silbenzahl und die jeweilige Zeile die einzige Warte der Rhythmusbetrachtung sind. So lassen sich halbwegs, aber längst nicht sicher, die Rhythmen auf Jambus, Trochäus, Daktylus und Anapäst beschränken. In einem größeren textlichen Ganzen wird die Sache schon schwieriger. Aber ist der Rhythmus von Howl oder Highway Ninety-Nine dann frei? Oder nicht vielmehr Silbe für Silbe, Wort für Wort, Zeile für Zeile präzis zum Zwecke des Ganzen festgelegt? Wäre Freiheit im Kontext des Gedichtes nicht Willkür?

Nur so denke ich ist George zu verstehen, wenn er schreibt:

„Freie rhythmen heisst so viel als weisse schwärze, wer sich nicht gut im rhythmus bewegen kann der schreite ungebunden“

Doch so viel Ideologie in den Freien Rhythmen steckt so viel steckt auch im ungebundenen Fortschreiten. Denn die Kritik am Freien Rhythmus zeigte gerade: Das Ungebundene in der Dichtung gibt es nicht. Allein die sich selbst gesetzte Bindung.

Allerdings besteht ein Gedicht nicht nur aus Rhythmus, in dessen Begriff, so komplex der Rhythmus sein mag, Freiheit nicht vorgesehen ist. Sondern auch aus Sprachmelodie. Das wird oft übersehen, oder mit dem Rhythmischen gleich gesetzt. Beides fällt aber schon in wenig komplexen Texten nicht in eins. Etwa in diesem kleinen (erfundenen) Beispiel:

„der dicke doofe brombär klopft
an die pforte, kratzt sein ohr …“

vs.

„der helle grüne brombeerstrauch
blüht im gärtchen, immer zu …“

Obwohl in beiden Fällen das Rhytmusschema absolut gleich ist, unterscheiden sich die Klänge und ihr Verhältnis zueinander deutlich. Und umso mehr wieder in mehreren größeren, rhythmisch vergleichbaren, textlichen Ganzen.

Weisen wir also selbstbewusst die Idee freier Rhythmik von uns, sie ist mehr als nur ein hippieskes Relikt der schlechteren Beatdichtung, sie ist ein reales Unding. Lokalisieren wir das Reich der Freiheit wo es, wenn überhaupt, denkbar ist: in der Melodie.

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