Kurze Empfehlung: Verbrannte Blüten von Ngũgĩ wa Thiong’o

Weil nicht immer Zeit für eine detaillierte Auseinandersetzung ist und auf starke Texte, die durchaus für sich selbst sprechen, doch hingewiesen werden soll, werden in der Sonntagsgesellschaft in Zukunft immer mal wieder kurze Empfehlungen vor allem zu Romanen erscheinen, bei denen es zu einem Artikel (noch?) nicht ganz gereicht hat.
Heute: Verbrannte Blüten von Ngũgĩ wa Thiong’o.

Dieser Roman dreht sich um eine Brandstiftung mit Todesfolge, ein Verhör, in dem diese aufgearbeitet werden soll, und um die vor- und nachrevolutionäre Geschichte Kenias, den tatsächlichen Motor der Handlungen, die zum chronologisch am Anfang des Romans stehenden „Verbrechen“ führen. Das manchmal dem sozialistischen Realismus zugeordnete Verbrannte Blüten entfaltet in Dialogen und Rückblenden die Geschichte Ilmorogs, Neu-Ilmorogs und seiner Bewohner, es analysiert präzis und in einer sowohl oft messerscharf-gewaltvollen wie auch traurig-schönen Sprache, die Englisch mit Elementen des Gikuyu und Kiswahili (insbesondere in Liedpassagen und wörlicher Rede) mischt, die politischen und sozialen Verwerfungen, denen diese mit der zunehmenden Öffnung der Gemeinde hin zum kenianischen Zentrum – Nairobi – und zu Weltpolitik und globaler Ökonomie, ausgesetzt sind. Verzweifelt versuchen Lehrer, Gewerkschafter, Kleinunternehmer, Prostituierte, Subjekte ihrer Geschichte zu werden und scheitern im Großen und Ganzen; doch es bleibt ein Nachklang von Hoffnung.

In der historischen Weitschweifigkeit ebenso wie in der sprachlichen Gestaltung ist Verbrannte Blüten mit Hundert Jahre Einsamkeit zu vergleichen, Ngũgĩ schrieb damit womöglich den vielschichtigsten kenianischen Roman. Es bleibt, gerade auch vor dem Hintergrund des sehr schematisch angelegten Wizard of the Crow in jedem Fall sein bester.

„Umso störender können leider, zumindest im Auge heutiger Leser, die Passagen wirken, in denen – im Blick aufs präkoloniale Afrika oder im Entwurf marxistisch eingefärbter Gesellschaftsvisionen – der hohe Ton dem hohlen gefährlich nahekommt.“

schreibt Angela Schader in der NZZ. Dem ist zu widersprechen. Die sozialistische Utopie ist für Verbrannte Blüten ebenso literarisch zentral wie die christlich inspirierte Teleologie im Werk Dostojewskis.

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