Kurze Empfehlung: Zwischen den Palästen von Naqib Mahfuz

Weil nicht immer Zeit für eine detaillierte Auseinandersetzung ist und auf starke Texte, die durchaus für sich selbst sprechen, doch hingewiesen werden soll, werden in der Sonntagsgesellschaft in Zukunft immer mal wieder kurze Empfehlungen zu Romanen erscheinen, bei denen es zu einem Artikel (noch?) nicht ganz gereicht hat. Heute: Zwischen den Palästen von Naqib Mahfuz

Dieser erste Roman aus der Kairoer Trilogie des Nobelpreisträgers Mahfuz ist ein ganz großer Wurf. Mahfuz gelingt es Leben, Gesellschaft und Geschichte des Ägyptens der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf engstem Raum konzentriert erfahrbar zu machen, und das gelingt ihm vor allem durch Aussparung der großen historischen Narrative. Mahfuz genialer Griff besteht darin zahlreiche Konflikte – zwischen den Generationen, zwischen den Geschlechtern, zwischen nach außen islamischem, nach innen hedonistischem Bürgertum, zwischen der offiziellen Religion und der traditionskeptischen jungen republikanischen Bewegung – im Großen und Ganzen auf ein Haus beschränkt und als Familienkonflikte zu entwickeln. Nicht der Erste Weltkrieg, der Rückzug der Briten oder die Herrschaft Fu’ads sind entscheidend, sondern wie sie sich in den Beziehungen der Familienmitglieder zueinander abbilden. Leitmotivisch wird insbesondere ein Dachboden mit seinem hohen Fenster, von wo aus Söhne den Blick auf verbotene Frauen genießen (und Frauen auf verbotene Männer), wo sich Ehen anbahnen und soziale Interaktionen in Straßen, auf dem Basar, beobachtet werden. Auf diese Weise vermeidet Mahfuz die schwer zu beherrschende Zersplitterung einer Erzählung, die seinen Protagonisten durch die Straßen Kairos folgt und dennoch nicht die im Roman unterschwellig kritisierte Ausklammerung der Frau aus öffentlichen Lebensbereichen wiederholen möchte.

Die Güte des ersten Teils der Kairoer Trilogie erweist sich auch an den Nachfolgebänden, insbesondere an Palast der Sehnsucht. Hier fehlt ein zentraler Ort an dem Gedanken und Handlung zusammenlaufen, der Roman verliert sich in unzähligen Szenen, gestelzten Diskussionen über Politik und zum Fremdschämen kitschigen über Liebe. Zwar bleibt die Trilogie auch in vollem Umfang noch lesenswert, Zwischen den Palästen aber ist wohl der beste Ausweis von Mahfuz schriftstellerischen Qualitäten.

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