Joachim Ringelnatz vs. Heinz Erhardt…

… so eine Art Poetry Slam

Wie kommt es eigentlich, dass Joachim Ringelnatz als großer Literat verehrt wird, während Literaturwissenschaft und Feullieton Heinz Erhardt eher als marginalen Blödler schmähen? An den Texten kann es nicht liegen (das ist, s.u., noch zu zeigen). Und auch nicht daran, dass sich Ringelnatz selbst als Künstler definiert hätte. Beide schätzten den Schwank höher als das durchkomponierte Werk, das Publikum war ihnen wichtiger als der Kritiker. Liegt es am Namen? Ringelnatz, das macht schon was her, Ehrhardt klingt dagegen etwas bieder und spießig. Aber nein, wahrscheinlich macht eine ganz andere Oberflächlichkeit den Unterschied. Ringelnatz hatte ein schillerndes Leben, fuhr zur See, war womöglich Homosexuell, erlebte Abenteuer in schummrigen Hafenkneipen, und der Tabubruch und das Spektakel sind nun mal, womit sich feuilletonistische „Literaturwissenschaft“ am liebsten beschäftigt. Gegen den proletarischen Bürgerschreck, der regelmäßig mit Zoten und Anzüglichkeiten zu provozieren weiß stinkt Erhardt ab (konkret und Analyse und Kritik führten dann einst auch gleich dessen Erfolg in der Adenauer-Zeit gegen Heinz Erhardt ins Feld).

Zum Glück betreiben wir hier keine Literaturwissenschaft (die gibt es nicht), drum können wir heute mal ganz ungezwungen dem weithin anerkannten lyrischen Werk Ringelnatz exemplarisch das Heinz Erhardts gegenüberstellen. Weil das im Rahmen eines Blogbeitrages kaum erschöpfend möglich sein dürfte, und es schwierig ist objektiv zwei vergleichbare Gedichte heranzuziehen, muss es ein subjektives Kriterium tun. Gedichte über Tiere, die sich am Boden schlängeln haben beide Autoren verfasst. Voilá, da haben wir was Gemeinsames, schon können wir vergleichen!

Die Namensverwandte Ringelnatter tritt an für Ringelnatz, und für Erhardt die bekannte Made:

„Nein“, schimpfte die Ringelnatter

„Nein“, schimpfte die Ringelnatter, „die Mode
Von heutzutage, die wurmt mich zu Tode.
Jetzt soll man täglich, sage und schreibe,
Zweimal die Wäsche wechseln am Leibe,
Und immer schlimmer wird’s mit den Jahren.
Es ist rein um aus der Haut zu fahren!“
So schimpfte die Ringelnatter laut
Und wirklich fuhr sie aus der Haut.
– – –
Der Vorfall war nicht ohne Bedeutung,
Denn zoologisch nennt man das Häutung.

In diesem Gedicht fällt zu allererst wohl das sehr konventionelle Reimschema auf, Paarreime ziehen sich von Anfang bis Ende. Auch der Rhythmus ist konventionell, allerdings nicht durchgehend geregelt. Beides ist nicht ungewöhnlich für den Stil von Ringelnatz. Viele Texte wirken als wurden sie eben aufgeschrieben, wie sie dem Dichter als erstes in den Kopf kamen. Im Vergleich mit Erhardt wird man daher sicherlich eine größere stilistische Variationsbreite feststellen können, von einfachen Jamben über uneindeutige wie den obigen, bis hin zu ganz freien Versen. Fraglich ist aber ob Ringelnatz diese Variationen beherrschte, oder nicht vielmehr sie ihn, denn von einer bewussten Gestaltung die beim Lesen deutlich wird sind seine meisten Gedichte weit entfernt.

So auch in der Ringelnatter. Routiniert noch der Zeilensprung zwischen erster und zweiter Zeile, doch ohne wirkliche Funktion fürs Gedicht. Verdruckst dann schon die Formulierung „die Mode / Von heutzutage, die wurmt mich zu Tode“, sie scheint allein um des Wortspiels Natter-Wurm willen in den Text gerutscht. Und spätestens mit dem nächsten Reimpaar wird Ringelnatz’sche Willkür offenbar. Zeile vier besteht zum Großteil aus Füllwörtern (welche Wäsche sonst als die am Leibe sollte man wechseln), und was das Ganze noch schlimmer macht, das offenkundige Füllwort Leib ist bereits ein aus der Hüfte geschossener Reim auf die ebenso ohne jede Not verwandte Redewendung „sage und schreibe“ in der Zeile darüber. Ein wenig besser gelingen die folgenden vier Verse. Nur die Worte „immer“ und „rein“ sind wieder klare Füller, und das elaborierte Wortspiel rund ums aus der Haut fahren hat tatsächlich einen gewissen Reiz. Besonders schwach wirkt hierauf allerdings das heroic couplet, mit dem Ringelnatz Gedicht schließt. Die Pointe scheint vor allem der Angst des Dichters entsprungen, jemand könnte das vorherige Wortspiel nicht verstanden haben. Redundanz aber ist alles, nur nicht komisch.

Nun aber die Made, von Heinz Ehrhardt:

Hinter eines Baumes Rinde
wohnt die Made mit dem Kinde.
Sie ist Witwe, denn der Gatte,
den sie hatte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise
einer Ameise als Speise.

Eines Morgens sprach die Made:
„Liebes Kind, ich sehe grade,
drüben gibt es frischen Kohl,
den ich hol‘. So leb denn wohl.
Halt! Noch eins, denk, was geschah,
geh nicht aus, denk an Papa!“

Also sprach sie und entwich. —
Made junior jedoch schlich
hinterdrein, und das war schlecht,
denn schon kam ein bunter Specht
und verschlang die kleine fade
Made ohne Gnade. — Schade.

Hinter eines Baumes Rinde
ruft die Made nach dem Kinde.

Auch dieses Gedicht kommt mit einem Paarreimschema daher. Und auch hier treffen wir einen nicht ungewöhnlichen Rhythmus an, einen Jambus. Doch die dichterische Finesse steckt im Detail. Nach der sehr gesetzten Exposition, schwer und bräsig wie man sich fette Maden in einem Baum wohl vorstellen mag, nimmt das Gedicht schnell Fahrt auf

Sie ist Witwe, denn der Gatte,
den sie hatte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise
einer Ameise als Speise.

Ein (nicht nur) Ringelnatz beinahe unbekanntes Stilmittel, das aufgreifen eines Reims abseits vom Schluss der Zeile (Gatte hatte Platte Weise Meise Speise), sowie die parallele Verwendung zweier Zeilensprünge bringen Tempo in das Gedicht, beinahe sich überstürzend. Und das ist angemessen, bedenkt man welch schreckliches Schicksal hier im Rückgriff erzählt wird. Wieder gediegen, doch nie allzu sehr eingeengt im Regiment der Zeilen geht es mit der Rede der Mutter weiter, und dann, nochmal Tempo aufnehmend, so:

Made junior jedoch schlich
hinterdrein, und das war schlecht,
denn schon kam ein bunter Specht
und verschlang die kleine fade
Made ohne Gnade …

Stilistisch und inhaltlich wird dabei die „Katastrophe“ der zweiten Strophe wieder aufgegriffen. Noch dominanter werden dabei die interlinearen Reime zum Schluss, die im lakonischen „… schade“ kulminieren. Statt einer Pointe klingt das Gedicht aus wie es angehoben hat, und doch bei exakt gleicher Rhythmisierung ganz anders. Nicht mehr gesetzt und gediegen, sondern durchaus traurig, getragen. Allein das, in einem vordergründig leichten und lustigen Gedicht eine wahrhaft traurige Note anzuschlagen, macht Heinz Erhardt zu einem Künstler von Rang.

Abschließend sei gesagt: es ist nicht mein Ziel Ringelnatz jeglichen Rang als Dichter abzusprechen, zumindest zu unterhalten versteht er an der einen oder anderen Stelle. Wer aber von Kunst wie auch von guter Unterhaltung mehr erwartet als den gelegentlichen Tabubruch wird bei Erhardt Schätze entdecken, die übersieht wer den Autoren nur als einen erfolgreichen Komiker der Nachkriegszeit wahrnimmt. Tatsächlich ist allein handwerklich gut gemachte Dichtung heute so selten, dass schon ein Text des damals angeblich achtjährigen (ja, das wahrscheinlich geflunktert…) Erhardt anzusprechen vermag:

Das Blümchen

Im Walde ist ein Plätzchen,
ein Plätzchen wunderschön.
Beim Plätzchen steht ein Bänkchen,
das möcht ich wiedersehn.

Beim Bänkchen wächst ein Blümchen,
ein Blümchen weiß und rot,
das möcht ich gerne pflücken;
denn morgen ist es tot.

Ich will’s ins Wasser legen,
bis daß es fast ertrinkt,
und es so lange hegen,
bis Mutti sagt: „Es stinkt!“

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