Mobbing für den guten Zweck?

Zu den problematischeren Implikationen der Ice-Bucket-Challenge.

Wer sich schnell über ungeliebte Meinungen aufregt lese bitte zuerst die Zwischenbemerkung (s.u.) und das hier: „The Ice Bucket Challenge Can Kill„.

Erinnert Ihr euch noch an diesen Typen in der Schule, der euch einen Regenwurm bringt und dann großzügig gestattet:

„Wenn du jetzt diesen Wurm verschlingst darfst du dein Essensgeld behalten.“

Wie nett, dabei brauche ich das jetzt doch gar nicht mehr. Oder an Fälle, in denen ähnliche Situationen nicht durch die Bösartigkeit eines Einzelnen, sondern durch die Dynamik der Gruppe geschaffen wurden? Alle deine Mitschüler sind zum Beispiel schon einmal von der Brücke in den Rhein gesprungen, nur du nicht. Bis du den Sprung nicht auch gewagt hast, hast du nichts mehr zu melden. Das erste Phänomen nennen wir heute gemeinhin Bullying (bzw. lt Wiki dt. „Schikane“). Die zweite Variante heißt Gruppenzwang. Und wo sich beide produktiv verbinden nennt man das ganze gern Mobbing.

Und obwohl wir wissen, dass sich in Zeiten totaler Vernetzung und selbstgewählter Transparenz insbesondere über die so genannten social media auch das Mobbing universalisiert hat und die Grenzen der Schulhöfe, Kantinen, Büros hat hinter sich gelassen, betrifft uns das alles kaum mehr. Klar, Gruppenzwang ist Scheiße, Mobbing ist Scheiße, und „wenn alle in den Rhein springen musst du das noch lange nicht tun“, aber wir sind doch keine Kinder mehr: da stehen wir drüber.

Als im letzten Jahr sich zahlreiche erwachsene Menschen auf Facebook, Twitter & Co. präsentierten, wie sie stolz einen halben Liter oder Liter Bier exten, und dann einigen ihrer Freunde nahelegten, das gleiche zu tun, waren erste Zweifel angebracht. Aber hey, ob Subkultur oder Mainstream, ob Flora oder Volksfest – zum Trinken wird man ständig genötigt, wenn man kein Spielverderber sein möchte. Und Anti-Alkohollobby, Kifferbewegung und Hipstertum bieten auch dem, der sich standhaft verweigert, einige ernstere und spaßigere Spielwiesen.

In diesem Jahr kehrte der Gruppenzwang zurück, und von anderen erfolgreichen Gängeleien hatte er gelernt, dass man besser fährt wenn das Unangenehme direkt mit einer so genannten guten Sache verknüpft ist, so dass das Nein sagen im sozialen Zusammenhang richtig weh tut. Die Rede ist von der beliebten Ice-Bucket Challenge, und das Unangenehme daran ist nicht das kalte Wasser. Vielmehr stellt sich die Challenge so dar, als arbeite der Typ, der euch früher immer mit Würmern gefüttert hat nun für Amnesty, und weder an seinem Charakter, noch an seinen Verhaltensweisen waren dafür bedeutende Veränderungen notwendig. Die Ice-Bucket Challenge vereint Gruppenzwang (teilweise auch Mobbing) und Charity in einer Weise, dass man sich ihr kaum entziehen kann.

An dieser Stelle ist wohl eine Zwischenbemerkung notwendig. Es stimmt, ALS es ist eine schreckliche und aufgrund der Tatsache, dass es nur wenige Menschen trifft eine untererforschte Krankheit. Noch weniger als an der Bekämpfung von Ebola kann ein rein wirtschaftlich kalkulierender Pharmakonzern ein Interesse an der Heilung von ALS haben. Dass nun dank der Challenge das Spendenaufkommen sich in kürzester Zeit mehr als verzwanzigfacht hat kann wahrscheinlich noch nicht einmal jemand schlecht finden, der wie ich hier, die Mittel kritisiert mit denen das erreicht wurde. Aber im zum Erfolg führenden Mittel zeigt sich ein tief sitzendes Problem des gesamten Konzeptes Charity, das ja insbesondere nach liberaler und libertärer Anschauung sogar fähig sei, staatliche Versorgung und Umverteilungsmaßnahmen komplett zu ersetzen. Denn es funktioniert Charity hier wieder nur, indem der offene, aber meist sanfte Zwang der Steuererhebung im zivilisierten Staatengefüge durch den subtilen, aber in seiner unmittelbaren Strenge nicht zu unterschätzenden Gruppenzwang substituiert wird. Ein Rückfall ins Bandenwesen: Die Sache funktioniert im Sinne der Erfinder ein, vielleicht auch zweimal, dann hat sich die Logik durchgesetzt, dass die meisten Spenden generiert wer am lautesten schreit und am wirksamsten potentiell repressive Gruppendynamiken in Bewegung setzt. Auch, wenn der Zweck ein guter ist, oder besser gesagt sogar: Gerade weil der Zweck ein guter ist unterminiert das Prinzip der Ice-Bucket Challenge das soziale Engagement, indem jenes dieses mit Zwang assoziiert und so korrumpiert.

Die Ice-Bucket Challenge ist eben nicht Betteln, sie ist auch nicht das von vielen mir bekannten Teilnehmern der Challenge, geht es beispielsweise um Einwanderer aus Osteuropa, abgelehnte „aggressive Betteln“, sie ist ein „Angebot, das man nicht abschlagen kann“ und erinnert an die Art und Weise wie der Sheriff von Nottingham im Disney Zeichentrickfilm Robin Hood Spenden für den „armen Prinz Jon“ eintreibt…

Des weiteren scheint es sehr unwahrscheinlich, dass die Initiatoren der Challenge (oder vielleicht eher die Multiplikatoren?) sich über soziale Belange jenseits ihres eigenen Cause all zu viele Gedanken gemacht haben. Denn die bekannten Regeln (Spende von 100 $ bei Nichterfüllung, oder der Eimer Eis und die Spende von 10 $) haben sich so verfestigt, dass auf Facebook sogar Kontoauszüge auftauchen, die zeigen, dass die Spender ihren Eurobetrag von 100 $ korrekt umgerechnet haben (heute: 75,85 €). Die Bedingungen sind nicht wirklich verhandelbar und sozial äußerst selektiv. Keine Wahl zwischen einem Eimer Eis und einer höheren Geldspende haben dementsprechend die unzähligen Arbeitslosen und prekär Beschäftigten, die in ihrem sozialen Umfeld nicht als geizig dastehen wollen. Durch so eine Challenge kann der Abteilungsleiter, der es bös mit seinen Angestellten meint ein paar Minijobber mal schnell vor die Entscheidung zwischen Eis und Ruin stellen, und überhaupt erhärtet sich der Verdacht, dass die Ice-Bucket Challenge, wie im Falle der Nominierung Alice Schwarzs durch Verona Poth, gerne als Rachemaßnahme eingesetzt wird.

Zuletzt offenbart das gesamte Konzept ein recht ambivalentes Verhältnis zu Krankheit und Gebrechen. Denn die Ice-Bucket Challenge ist nicht ganz ungefährlich. Zwar ist sehr fraglich, ob der Footballcoach George Allen tatsächlich an den Folgen einer ganz ähnlichen Gatorade – Dusche gestorben ist, zumindest zwei Todesfälle im Zusammenhang mit der Herausforderung sind aber wohl schon zu beklagen. Auf dieser Seite (auch als Teilnehmer unbedingt lesen!) werden die nicht zu unterschätzenden gesundheitlichen Risiken, denen sich aussetzt, wer sich einen Eimer kalten Wassers über dem Kopf gießen lässt, thematisiert.

Aber handelt es sich nicht einfach um einen harmlosen Spaß? Kann man nicht trotz zeitweiliger möglicher negativer Konsequenzen „Nein“ sagen? Bestimmt kann man das. Genauso wie man sich entscheiden kann dem Bully sein Essensgeld nicht auszuhändigen, oder die Isolation hinzunehmen, die den trifft der bei der gemeinsamen Mutprobe kneift. Doch für gewöhnlich ermutigen wir in solchen Fällen zur Verweigerung, und selbst wenn der Bully noch so sehr meint zum Besten des Gemobbten und gar der Gesellschaft zu handeln, heißen wir die Methode nicht gut. Im Fall der Ice-Bucket Challenge ist das anders, und das ist durchaus bedenklich. Auch für die Idee der Charity, die sich immer mehr in die Idee eines Ausgefallenheits-Wettbewerbs transformiert. Das aber war im Konzept schon immer angelegt, nicht umsonst  geben die meisten Menschen lieber Bettlern, die jonglierend oder musizierend zumindest Arbeit simulieren, während man auf die  „faulen Obdachlosen“ herab sieht.

4 thoughts on “Mobbing für den guten Zweck?

  1. Dieses spießige Aufregen über die Aktion ist noch viel lächerlicher und gebietet es dem letzten Trottel sich einmal intelent zu fühlen indem er der Welt beschreibt warum er dies und jenes nicht getan hat. Ich bitte dich, deutscher als sich über die „Risiken“ eines Eimer Wasser auf dem Kopf aufzuregen geht nicht mehr . Als gäb es nicht bessere Dinge zu kritisieren bei einem Blick auf das Weltgeschehen , zumindest dass das Geld bei pharma Konzernen landet oder so. Sich stattdessen
    dem linksradikalen Nihilismus bedienen ist auch einfacher. Im übrigen hat die Aktion unabhängig davon was man von ihr hält im Gegensatz zu dem Bier ding Millionenspenden , auch an Brunnenprojekte und ähnlichem, hervorgebracht. Da tut mir der arme Arbeiter im Westen herzlich wenig leid.

    • es geht nicht drum, sich „intelent“ zu fühlen, sondern im Rausch des guten Gewissens das Denken nicht einzustellen. Viel verlangt, aber notwendig. Auch für eine treffende Kritik der „besseren Dinge … bei einem Blick auf das Weltgeschehen“.

  2. Du hast schön ausformuliert, woher mein Unbehagen an dieser Aktion kommen könnte, das ich bisher nicht zu artikulieren vermochte (außerdem ist da ja auch noch dieser Teil des Gruppenzwangs: Man darf nicht sagen, dass man die Aktion doof findet, denn damit würde man ja sagen, dass man die ALS-Stiftung doof findet, und 1. dem ist ja nicht so, ich finde ALS-Forschung ebenfalls gut und wichtig und 2. wer das findet, steht als Arschloch da, und das wollen ja die wenigsten).

    Hinzu kommt für mich ein Punkt, den du nur angerissen hast: Ich finde es unglaublich schade, dass wir offensichtlich dieses Geld zur Verfügung haben – denn dass es gespendet wurde, zeigt ja, dass es den Spendern möglich war, sich davon zu trennen –, aber ohne Challenge oder andere PR-Aktion nicht die Bereitschaft, es für einen guten Zweck auszugeben. ALS war vor der Erfindung der Ice Bucket Challenge für die Betroffenen auch nicht angenehmer, und es ist nicht einmal eine besonders unbekannte Krankheit (spätestens seit Stephen Hawking berühmt ist, kennt jeder ihre Folgen). Brauchen wir einen zusätzlichen Tritt in den Hintern, bevor wir bereit sind, etwas, das wir prinzipiell gut finden, zu unterstützen, ist es also nur die Überwindung des inneren Schweinehunds? Sind wir nur bereit zu spenden, wenn wir gleichzeitig uns selbst damit inszenieren können? Wesentlicher Teil der Challenge ist ja, sich dabei zu filmen und das zu veröffentlichen. Gibt es zu viel Auswahl an guten Zwecken, sodass wir eine Challenge als Entscheidungshilfe brauchen? Aber das führt ja wieder dazu, dass das meiste Geld nicht der erhält, der den dringendsten Bedarf hat, sondern der, der am lautesten schreit.

    Ich habe keine Antwort. Das Unbehagen bleibt.

    Zum Abschluss einen etwas leichteren Ton: Ich finde es lustig, dass sowohl Frau Pooths als auch Frau Schwarzers Name falsch geschrieben ist😉

  3. Pingback: Lobster Award. Antwort auf Felix Bartels und Nominierungen | SonntagsGesellschaft

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