Lobster Award. Antwort auf Felix Bartels und Nominierungen

Felix Bartels hat mich zu einem Spiel eingeladen, das mit Lob dem Namen nach mindestens ebenso viel zu tun hat wie mit Krustentieren. Für gewöhnlich gehe ich solchen Dingen aus dem Weg, und vor kurzem habe ich die Ice-Bucket-Challenge hier als Mobbing für den guten Zweck kritisiert, aber da sich in diesem Fall kein Zwang ergibt, und die Fragen zu beantworten reizt, nehme ich gerne teil. Positiver Nebeneffekt: Mit Nachdenklichekrankenschwester habe ich auf diesem Weg schon einen weiteren lesenswerten Blog kennen gelernt.

1. Was sind die Zutaten eines schönen Abends?

 Wenn die Außenwelt mal wieder so richtig nervte: Thomas Bernhard. Ansonsten durchaus ein paar kluge und nette Menschen und ein Ort, an dem die Hintergrundmusik nicht jedes Gespräch im Keim erstickt.

2. Das schönste Stück Lyrik, das du je gesehen, bitte: (nicht zitieren, nur Autor, Titel)

Ich schwanke zwischen Swinburnes Hymn to Proserpine, Thomas Fern Hill und Eliots Wasteland. Die ersten beiden habe ich lange als Lautkompositionen genossen, hinter deren Klanggefüge der Inhalt seltsam verschwand. Erst nach eigener Übersetzungsarbeit weiß ich nun in etwa „worum es geht“… eine faszinierende Eigenart mancher Gedichte. Der dritte Titel war in jüngeren Jahren eine Offenbarung dahingehend „wie man auch schreiben kann“, nachdem uns Dichtern und Denkern hier stets Benn als der Gipfel der Moderne präsentiert worden war.

Außer Konkurrenz: The Lobster Quadrille.

3. Sind ästhetische Werturteile objektivierbar?

Sie müssten es sein, das ist wie mit der so genannten „absoluten Wahrheit“. Besser einfach nur „Wahrheit“ (wie auch anders, als „absolut“ ?). So es keine gibt, gibt es auch kein wahrer und falscher.

Sind sie es aber? Sicher nicht im Sinne eines überzeitlich und allgemein Gültigen…

…eigentlich wollte ich an dieser Stelle anders weiterschreiben, aber letztlich ist die Auslotung dessen, inwieweit ästhetische Werturteile objektivierbar sind, ein längst nicht abgeschlossenes und selten explizit ausgesprochenes Hauptthema dieses Blogs. Drum enthalte ich mich eines zu eindeutigen Urteils und lade dazu ein sich durch die älteren Texte zu lesen. Da steht womöglich einiges zwischen den Zeilen. Generell: Sie sollten intersubjektiv vermittelbar sein, was ein objektives Moment am Urteil wohl verlangt, will man Ästhetik nicht im Sinne der Fliegen behandeln:

„Scheiße schmeckt – so viele können nicht irren…“

4. Kann man sich je freimachen von Ideologie?

Eine gute Frage, besonders wenn man Ideologie als „notwendig falsches Bewusstsein“ definiert. Die Notwendigkeit sollte die Freiheit von Ideologie ausschließen. Drum tue ich mir mit dem Begriff, oft genug nur noch Phrase, zusehends schwer. Aber auch wo es einfach um Verkürzungen, Vereinfachungen, die Beurteilung der eigenen Erfahrungen nach gewissen Mustern geht: wahrscheinlich nein. Rückblickend erweist sich vielleicht, inwieweit man sich von Ideologie frei machen konnte, je nachdem ob und wie oft man angesichts besserer Argumente lieb gewonnene Vorstellungen einer schmerzhaften Prüfung unterzogen hat und, so gegeben, hat fahren lassen (von mir kann ich das in meinem Verhältnis zu Israel, zum Kapitalismus als „die Wurzel allen Übels“, und zu Goethe behaupten). Vorausblickend wird das schnell wieder ideologisch: „Ich bin offen für alles“ ist ja geradezu das Mantra all derer, die ums Verrecken nicht mehr denken wollen.

5. Hast du ein Lebensthema? Wenn ja, welches?

Die Antworten auf die Frage lassen sich wahrscheinlich am ehesten aus den vorangegangenen dreien Destilieren. Aber Lebensthema trifft die Sache nicht… Die Verteidigung der Kunst und des Denkens gegen undurchdachte „Praxis“ … ?

6. Blitzantwort: Kant oder Hegel? Mozart oder Stockhausen? Kochen oder Essen?

Kant. Nein, Hegel. Kegel. Mozart. Essen.

7. Ein Blick in Brechts Lehrstücke: Angenommen einer könnte, indem er sich opfert, das Überleben einer Gemeinschaft retten – sollte er es tun? (Mr. Spock sagt: ja)

In einer dieser idealen Situationen, in denen die Rechnung wirklich aufgeht, scheint mir das richtig. Verzwickt wird die Frage dann erst, wenn die Person sich nicht opfern will…
In den meisten realen weltlichen Situationen ist es aber relativ schwer sicher zu sein, ob das Opfer tatsächlich den gewünschten Effekt hat. Dann bitte ich den Opferbereiten zu bedenken, dass nicht jeder solch treue Fans hat wie Nimoy und Jesus, die den Toten ins Leben zurück protestieren.

8. Abgesehen von Günter Grass: Welcher Dichter der Gegenwart (20./21. Jh.) ist am abstoßendsten?

OK, Grass ist also raus. Erich Fried weigere ich mich, als Dichter zu bezeichnen. Also der Walser und seine Keule.

9. Die drei besten Kinofilme aller Zeiten sind:

Ein Thema von dem ich wenig Ahnung habe. Zwei Filme, die mich in der Zeit, in der ich am leichtesten zu beeindrucken war (nennt man wohl Pubertät) beeindruckt haben waren The Swimmer und Blade Runner.

10. Gehört der Tod abgeschafft?

Auf keinen Fall. Ich würde ungern lebende Schweine essen. Oder Kühe. Schlimmer noch: Pflanzen leben ja auch. Man könnte gar nichts mehr essen. Wir müssten dann alle sterben. Dialektik in Aktion: Die Abschaffung des Todes heißt Tod.

11. Worauf kömmt es an: die Welt zu interpretieren oder sie zu verändern?

Kurze Antwort: beides gehört zusammen, und zwar nicht nachträglich zusammengebracht sondern immer schon und im Ansatz. Längere Antwort: da gibt es einen Aufsatz unter anderem zu diesem Thema, den ich ziemlich gut durchdacht fand.

Nominierungen:

Ich nominierte einige Blogger, von denen ich in den letzten Jahren gerne mehr gelesen hätte oder die zuletzt leider recht schweigsam wurden:

Felix Riedel mit Nichtidentisches, unter den kritischen Theoretikern einer der wenigen, die noch im Sinne der Begründer weiterdenken, statt schematische Beiträge im Jargon der Dialektik zu verfassen.

Junesixon: Hier wurde Günter Grass mehr als einmal vernichtend geschlagen, schon allein das macht den Blog lesenswert, auch die meisten anderen Texte sind hervorragend.

Olaterrible: Hier steht noch nicht viel, ich bin gespannt auf informierte Beiträge unter anderem zum von mir so vernachlässigten Thema Film.

Kritik der instrumentellen Vernunft: Name ist Programm. Leider seit 2012 Funkstille.

 

Fragen

Was hält euch typischer Weise vom Bloggen ab?

Der erste so genannte Erwachsenenroman, den ihr nicht unter Zwang gelesen habt?

All Time Bad Sex in Fiction Award – Wer verdient ihn?

Faust: Pflichtlektüre oder ein Werk unter vielen?

Wiederholt: Die drei besten Kinofilme aller Zeiten sind ( so lerne ich wenigstens was) ?

Wenn der Mensch ein Tier ist jedes andere, warum bekommt er eine Glatze?

Simpsons oder Homer? Und vor allem: warum?

Ein Pirat steht euch mit gezücktem Säbel gegenüber uns sagt: „Du kämpfst wie ein dummer Bauer“. Ihr antwortet?

Lope, Lepse, Pasti, Gone … jeweils: Pro-? Oder Anti-?

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3 thoughts on “Lobster Award. Antwort auf Felix Bartels und Nominierungen

  1. Auch bei der Ice-Bucket-Challenge gab es keinen Zwang. Auf den subtilen Druck muss man halt pfeifen. Wer das nicht kann… selbstverschuldete Unmündigkeit und so, Sie verstehen?

    • im Artikel zur Challenge wurden Hinweise auf Umstände verlinkt, unter denen der zwang nicht subtil blieb. Abgesehen davon ist das naiv-liberale Absehen von mittelbaren Zwängen und subtilem Druck letztendlich ein Freibrief für geschicktes Mobbing. Man kann von etwas, das real existiert nicht absehen, weil man sich den Menschen gern anders vorstellen würde. Der besagte Artikel wurde zudem in Foren von Menschen, die sowieso schon Schwierigkeiten mit sozialem Druck haben durchaus positiv aufgenommen. Des Weiteren handelte es sich längst nicht um den einzigen Kritikpunkt.

      …selbstverschuldete Unmündigkeit scheint auch zu so einer Phrase zu werden…

  2. ps. Auch wenn ich Felix Riedel’s Texte durchaus schätze, manche ältere sind gar grandios. Er bemächtigt sich zwar keinem Jargon der Dialektik, dafür aber teilweise sehr klischeehaft dem der Analyse.

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