Der Unterschriftenfälscher Beltracchi – Repost

Sozusagen aus aktuellem Anlass: Und was er uns über den zeitgenössischen Kunstbegriff lehrt. Nebst Hinweis auf William Gaddis.

Der „deutscher Maler und Kunstfälscher“ (Wikipedia) Wolfgang Beltracchi ist seit kurzem im offenen Vollzug untergebracht und malt nach eigenem Bekunden wieder. Allerdings, so war es auf Zeit-Online nachzulesen, wo Beltracchi und seiner Ehefrau Helene bereits mehrere Artikel gewidmet wurden, nur noch Bilder, die er selbst signiert habe.

Zu der Aussage, er male ab jetzt nur noch Originale lässt sich Beltracchi aus gutem Grund nicht hinreißen, denn originell waren seine Schöpfungen bereits, als er vom Kunstbetrieb unbemerkt, wenn nicht unterstützt, einen der geschicktesten und dauerhaftesten Betrüge der Kunstgeschichte einfädelte. Denn Kunstfälscher, wie es die Wikipedia will, ist Beltracchi im strengen Sinne nicht. Beltracchi malte keine Kopien sondern fertigte Werke im Stile bedeutender Künstler, für gewöhnlich nicht aus der allerersten Reihe der Kunstprominenz, an. Folgendermaßen stellt Beltracchi sein Schaffen dar:

„Ich habe ja keine Bilder kopiert, sondern Bilder gemalt, die die Maler gemalt haben könnten. Ich bin an die Orte gefahren, an denen sie malten, und habe dort Tage verbracht. Ich habe mir genau überlegt, welches Bild gut ins Werk passen könnte, welches plausibel wäre. Ich habe mich in die Zeit und die Persönlichkeit des Künstlers hineinversetzt und sein Werk in seinem Stil ergänzt. Es ging dabei nicht nur um Geld, sondern auch um Freude an der Malerei.“

Diese Werke ließ er dann für echt beurkunden, und verkaufte sie. Beltracchi ist also Unterschriften- oder Urkundenfälscher.

Am Kunstmarkt und allen damit verbundenen Institutionen lassen die Beltracchis Erwartungsgemäß kein gutes Haar. Helene Beltracchi:

„Die Gemälde waren meist reine Spekulationsobjekte auf einem überdrehten Markt, gehandelt von Unternehmen mit Sitz in irgendwelchen Steuerparadiesen. Damit haben wir unser Gewissen beschwichtigt. Aber: Natürlich war mein Mann seinerzeit stolz auf die Qualität seiner Bilder, er hat es genossen, von der Witwe Max Ernsts über sein Bild Forêt zu hören, das sei das beste Bild ihres Mannes“

Gewiss, Betrug bleibt die Sache, und dass der Zweck alle Mittel heilige sollte man nicht gelten lassen, umso mehr da Beltracchi bereits jetzt, wie zahlreiche Kommentare zeigen, der Applaus eines Publikums sicher ist, das Kunst generell für Publikumsverarschung erachtet. Einem heillos verdinglichten Kunstverständnis, nach dem der Fetisch der Authentizität längst jegliches formal-inhaltliche Kriterium verdrängt hat, zu entscheiden was Kunst sei und welche Kunst gute Kunst, hielt Beltracchi dennoch wirksamer den Spiegel vor, als es die theoretische Kunstkritik je gekonnt hätte. Dieser Coup praktischer Kunstkritik ist allerdings kein alleiniges Verdienst Beltracchis, sondern seinem Auffliegen geschuldet. Hätte Beltracchi Erfolg gehabt bliebe der „überdrehte“ Kunstmarkt unberührt.

Im übrigen ist auch nicht davon auszugehen, dass aus dem Erfolg des „Jahrhundertfälschers“ irgendwelche relevanten Schlüssel für die Zukunft gezogen werden. Das legt schon die moralisierende Auseinandersetzung mit Beltracchi im Interview der Zeit nahe. Ausgerechnet jener Authentizitätsfetisch ohne den Beltracchi als Fälscher keinen, als offenkundig talentierter Maler dagegen womöglich einigen, Erfolg gehabt hätte wird schon wieder gegen diesen in Stellung gebracht:

„Können Sie sich in die Zerrissenheit von Künstlern hineinversetzen? In eine Tätigkeit, die an die Existenz geht? Haben Sie eigentlich eine Vorstellung vom seelischen Einsatz, der mit der Erschaffung von Kunst einhergeht? So mancher Maler, von dem Sie gut gelebt haben, ist an seiner Kunst zugrunde gegangen.“.

Wir lernen: einen gefälschten van Gogh kaufen Iris Radisch und Adam Soboczynski gerne mal zum Preis des Originals, aber der Fälscher sollte doch bitte als Leidenszertifikat wenigstens ein abgeschnittenes Ohr beilegen.

***

Der Fall Beltracchi bietet Stoff für einen Roman, der unser Verständnis von Kunst, das Verhältnis von Kunst und Zeit, Kunst und Zeitgeist, Künstler und Welt durchleuchtet, und dabei hilft jene Einsichten zu gewinnen, die zu gewinnen Beltracchi ermöglichen würde. Und das tolle: Einen solchen Roman gibt es schon.

Er heißt The Recognitions (Die Fälschung der Welt) und wurde 1955 von William Gaddis veröffentlicht. Der Maler Wyatt Gwyon, der in seiner Akribie und seinem heillosen sich Versenken in die Konstitutionsprinzipien des Kunstwerks, in eine rasende Welt im stetigen Umbruch nicht passt, spezialisiert sich darin auf die Neuschöpfung von „Originalen“ meist aus der Zweiten Reihe der „Niederländischen Meister“. So gelangt er zwischenzeitlich in gewissen Kreisen zu einigem Ruhm und Erfolg. Eingebettet ist diese Geschichte in eine vielschichtige Studie der Gesellschaften diesseits und jenseits des Atlantiks vor dem Zweiten Weltkrieg, den theoretischen Kontext liefern insbesondere anhand von Studien zur niederländischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts entwickelte Überlegungen zu Ästhetik, Gesellschaft und Theologie, die an vielen Stellen aus Theodor W. Adornos Ästhetischer Theorie abgeschrieben sein könnten.

Die aber konnte Gaddis nicht gekannt haben, Adornos Werk erschien erst 15 Jahre später. Dass Beltracchi dagegen Gaddis großen Wurf gekannt haben könnte ist nicht auszuschließen. So parallel verlaufen die Lebenswege von Beltracchi und Gwyon, so vorwegnehmend werden die technischen Schwierigkeiten, Farbe, künstliche Alterung, usw.,  mit denen auch Beltracchi zu kämpfen hatte bereits von Gwyon gemeistert. Die Vergleichbarkeit der Vorgehensweise scheint übrigens so frappierend, dass ein weiterer Kommentar in der Zeit, während ich an diesem Text saß, einige meiner Überlegungen bereits anklingen ließ.

Umfangreiches Materialien zu The Recognitions finden sich auf williamgaddis.org, viele Artikel dort sind auch ohne Kenntnis des Romans mit Gewinn zu lesen.

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