Armer Heidegger, von Freunden verraten …

… und nur von Kritikern noch ernstgenommen.

Es scheint die Diskussion um Heideggers Antisemitismus ist noch nicht ganz abgeschlossen. In einem bemerkenswert klaren Artikel in der Zeit setzt sich Eggert Blum mit den Vertuschungen rund um den Nachlass auseinander und weist darauf hin, was wir vor der Publikation der schwarzen Hefte schon alles hätten wissen können:

„Es gibt Spuren, aber sie wurden von den Erben mit Eifer verwischt. Die Erben üben eine strikte Kontrolle über die Gesamtausgabe aus, sie beanspruchen Deutungshoheit über das Heidegger-Bild in der Öffentlichkeit und versuchen, kritische Stimmen klein zu halten.

(…)

Trawny machte eine erschreckende Entdeckung. Er stieß in der Handschrift auf eine Passage, in der Heidegger fragt, „worin die eigentümliche Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum begründet ist“. Soll der skandalträchtige Satz in die Gesamtausgabe aufgenommen werden? Er habe sehr dafür plädiert, sagt Trawny heute, sich aber damals, als 31-Jähriger ohne sichere akademische Stellung, gegen von Herrmann und Hermann Heidegger nicht durchsetzen können – der Satz wird unterschlagen.“

Größtenteils verschwiegen werden allerdings wieder die Arbeiten von Farias und Faye, zu beschämend wohl die früheren abwiegelnden Reaktionen des Feuilletons. Auch wird nicht bedacht, dass eine Philosophie, die schon immer um ein Denken kreiste, das es, wie wohlbekannt, ermöglicht den Holocaust und die Industrialisierung der Landwirtschaft als zwei Momente der verfemten Moderne in einen zivilisationskritischen Brei zu rühren, von Anfang an lebensfeindlich ist.

Der erste Kommentar zum dennoch lesenswerten Text bringt sogleich die sattsam bekannten Abwehrstrategeme.

„Heidegger war ein philosophischer Kritiker der Moderne. Durfte er als solcher die Frage stellen, inwiefern das Judentum (nicht die Semiten bzw. Juden) diese Moderne entscheidend beeinflusst hat und ob das, was er an der Moderne kritisiert, schon im Judentum angelegt ist (…) Ich denke man muss den Vorwurf des Antisemitismus mit allerhöchster Vorsicht anwenden. Die Kritik der Moderne oder der bürgerlichen Weltsicht ist für uns heutige von noch größerer Wichtigkeit als für die Zeitgenossen Marx‘ oder Heideggers. Und wenn das Judentum zur Ausbildung dieser Weltsicht eine Rolle spielte, dann MUSS das gesagt werden dürfen. Das hat mit RASSISTISCHEN1 Antisemitismus NICHTS zu tun.“

Das ist so richtig gut deutscher Geist. In aller Breite zu untersuchen welchen Anteil die Juden an den Zumutungen der Moderne haben, das wird man ja wohl noch dürfen. Erst wenn es daran geht aus den Schlüssen handfeste Konsequenzen zu ziehen könnte es problematisch werden. Immerhin müsste man dazu vielleicht den Rasen betreten.

Ob es Heidegger wohl kümmert, dass was für ihn den Kulminationspunkt seines Denkens ausmachte, weshalb er die schwarzen Hefte bewusst als Abschluss seines Gesamtwerkes vorsah, nur von seinen Gegnern noch vollumfänglich gewürdigt wird, während seine Freunde einen Kuschelheidegger zeichnen, der mit jener Bewegung der Bewegungen die „in die Richtung gegangen“ sei den Leuten ein adequates Verhältnis zur Essenz der Technologie zu vermitteln (Heidegger 1976 über den Nationalsozialismus) nichts zu tun habe? Es darf bezweifelt werden. Der deutscheste aller Philosophen war, welche Ironie, schon immer vor allem Anderen ein genialer Selbstvermarkter.

Noch einmal hingewiesen sei auf meinen dreiteiligen Aufsatz zum Thema (Teil 1) und den Nachtrag. Weitere Ausführungen finden sich hier: https://bgakassel.wordpress.com/2014/07/01/martin-brecht-die-indianer-huhner-kzs-und-siedlerkinder/

Die Faz (!) zum Spiegel-Interview.

1Dazu, dass der Antisemitismus des Nationalsozialismus eben genau der metaphysische Heideggers ist und mit biologisch begründeter Rassentheorie, die diesem als „englisch/liberal“ galt, nichts zu tun hat, hier.

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