Das beliebteste Stück Sozialistischer Realismus im Westen

Zu Wassili Grossmans Leben und Schicksal

Überraschend wenig finde ich zu den immerhin 1050 Seiten von Wassili Grossmans Leben und Schicksal zu sagen. Ein durchaus in Teilen erschütterndes, detailliertes Werk, mit leider zahlreichen Längen, das zu lesen lohnt, auch wenn es dem halbwegs Informierten wenig Neues über das politische System der Sowjetunion verrät. Die abschreckende Behauptung im Klappentext der deutschen Ausgabe:

„Grossman … erzählt vom Häftlingsleben und -sterben in deutschen KZ, Gefangenenlagern und in den sowjetischen Gulags, wobei die frappierende Verwandtschaft von Nationalsozialismus und Sowjetregime offengelegt wird“

ist von der Wahrheit zum Glück weit entfernt. Leben und Schicksal ist keine relativistische Schmonzette im Sinne Gaucks und der Friedrich-Naumann-Stiftung, kein Konsalik für die etwas gebildetere Schicht. Man vergleiche dazu etwa nur die Schilderung der Vorbereitungen des Holocaust in der Ukraine im Brief der Mutter des Protagonisten Strum mit der dialogischen Abhandlung des Holodomor (eigentlich von golod = Hunger und domor = Tod) betitelten großen Hungers im Anschluss an die Kollektivierung der Landwirtschaft. Es ist bezeichnend, dass die deutsche Rezeption die Interpretation im Sinne einer vulgären Totalitarismustheorie so stark macht. Sie wird im Roman nur von dem Nazi und engen vertrauten Eichmanns, Liss, geäußert, sowie in einer abgeschwächten Form von einem enttäuschten Vorzeigekommunisten, dem ein vielschichtiges (und nur so zumindest passagenweise tatsächlich kritisches) Stimmungsbild der Gesellschaft des Stalinismus gegenübersteht.

Zu den literarischen Meriten von Leben und Schicksal findet sich in einem Artikel von Jürgen Plath auf den Seiten des Deutschlandfunk auf eine kurze und knackige Analyse:

„In politischer Hinsicht also lässt es Grossman, der erfolglos gegen die Beschlagnahmung seines Manuskriptes protestierte und 1964 verbittert starb, an Mut und Deutlichkeit nicht fehlen. Seine literarischen Fähigkeiten können allerdings nicht mithalten: Es gibt anrührende Szenen im Roman, aber dessen Figuren sind Pappkameraden. Worüber sprechen die Kommissare der Partei und die Generäle an der Front? Über die richtige Politik und die Frauen. Worüber sprechen die sowjetischen Häftlinge im KZ und im Gulag? Über die richtige Politik, kaum über Frauen. Worüber denkt der Physiker Strum nach? Über die Frauen und die richtige Politik. Eine willkommene Abwechslung bietet da Stalin. Er denkt im Kreml mal nicht an Frauen, sondern an Hitler. Und woran denkt Hitler? Siehe da, an Stalin! Außerdem beschleicht den Führer nach Stalingrad ein Schmerz über die Krematorien der Konzentrationslager.

Den Leser beschleicht jedoch der Gedanke, es sei nicht allzu traurig, dass beinahe alle Figuren nur selten dem Würgegriff der Politik entkommen – lauert hinter ihr doch gleich das menschelnde Sentiment. So verspürt nicht nur Hitler auch eines seiner Opfer Schmerzen: In der Gaskammer, während Sofja Ossipowna das Zyklon B einatmet, zieht sich ihr Herz zusammen und – Zitat – „schmerzte und bedauerte alle, Lebende und Tote“. Im Schmerz sind Täter wie Opfer nur Mensch.

Wassili Grossmans Epos stammt aus der Zeit von Boris Pasternaks „Dr. Schiwago“. Es ringt aufrichtig mit den Fragen seiner Zeit und verzichtet über weite Strecken auf das damals in sowjetischen Romanen herrschende Pathos. Aber Grossmans Antworten fallen doch sehr schlicht aus. Und seine mutige Auflehnung gegen die früher von ihm gepriesene stalinistische Ideologie bindet seinen Roman an eben diese: „Leben und Schicksal“ ist ein Zeitroman, ein Produkt des Tauwetters nach Stalins Tod, und eng mit ihm verbunden. Schon 1984, als das Buch auf Deutsch erschien, nachdem es vier Jahre zuvor endlich außer Landes geschmuggelt worden war, kam es zu spät. Mittlerweile ist die Staubschicht auf ihm nur noch dicker geworden.“

Richtig. Bei Leben und Schicksal handelt es sich um sozialistischen Realismus oder universeller um Naturalismus, der die Sowjetunion nicht schont. Also ebenso wie bei Solschenizyns Tag im Leben des Iwan Denissowitsch um das, was sozialistischer Realismus dem Ideal nach hätte sein können. Für die industrielle Massenvernichtung der Shoa findet ein solcher Naturalismus naturgemäß keine Sprache. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass diese trotz stellenweise eindringlicher Hervorhebungen letztendlich in den allgemeinen Gräuel des Krieges und dem Stahlgewitter von Stalingrad untergeht, so dass es dem zeitgenössischen Rezensenten leicht fällt aus Leben und Schicksal die Gleichung NS = UDSSR zu destillieren. Noch unterstützt wird dies dadurch, dass Grossmann als bis zum Schluss sowjetischer Schriftsteller mittels einer sympathischen Darstellung deutscher Kriegsgefangene versuchte, Tendenzen zur Entmenschlichung auf sowjetischer Seite entgegenzuwirken. Zudem lesen sich diese Versuche Liebe und Güte noch in den schlimmsten Zeiten zu betonen dann teilweise tatsächlich so kitschig wie Konsalik.

Lesern, die Grossmann auf der Spitze seiner literarischen Schöpfungskraft erleben möchten sei die Erzählungssammlung Tiergarten nahegelegt.

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