Bin ich Charlie Hebdo? Seid ihr’s?

Stück über Mut und Gratismut

Dass der aller Wahrscheinlichkeit nach von Islamisten verübte mörderische Angriff auf die Redaktionsräumen der französischen Zeitschrift Charlie Hebdo ein barbarischer Akt gegen Meinungsfreiheit, Freiheit überhaupt, die Ideale der Aufklärung, vor allem aber auch, man vergisst das gern, gegen Menschen, die man allzuschnell unter heren Idealen begräbt – muss man darauf überhaupt noch hinweisen?

Womöglich schon. Zum ersten Mal bei einem Anschlag dieser Art ertappe ich mich dabei, wie es mich kaum berührt. Lange bevor sich begrifflich ansatzweise erschließen ließ, was dort eigentlich geschehen ist, stellt sich ein Gefühl des „da ist es nun“, oder „ja, das war leider zu erwarten“ ein. Ich will nur dazu hier einige Worte verlieren, da man über islamistischen Terrorismus längst wissen sollte, was man wissen muss, und mir jenseits des Bekannten die Worte fehlen.

Denn wie sehr man sich daran gewöhnt, mit der Gefahr solcher Anschläge leben zu müssen, wie ritualisiert entsprechend die Auseinandersetzung damit, die Reaktion darauf abläuft, das ist neben den brutalen Morden die andere Seite des Terrorismus, die verunsichern sollte.

So kommt etwa kein Bericht in deutschen Medien ohne Reflexhaften Hinweis darauf aus, dass der Anschlag Wasser auf die Mühlen der PEGIDA und anderer fremdenfeindlicher Strömungen sei. Das Neue Deutschland schreibt auf Facebook sogar „Widerlich: ‪#‎Pegida‬ benutzt Opfer von Anschlag auf ‪#‎CharlieHebdo‬ für neuen Demo-Aufruf “. Einmal mehr scheint die Tat selbst zurückstehen zu müssen hinter den Reaktionen, die sie womöglich auslösen könnte. Dabei hat es einen Grund, dass der Anschlag PEGIDA in die Hände spielen könnte, und dieser hat einiges damit zu tun, dass gerade die Presseorgane, die nun den „barbarischen Akt gegen die Meinungsfreiheit“ beklagen, in der Mehrheit Religionskritik im Falle des Islam gern in die rechte Ecke gestellt haben.

Entsprechend Bauchweh bereitet mir daher auch die „Je suis Charlie Hebdo“ Bewegung, die unter anderem auf Facebook und Twitter losgetreten wurde, und mit der Mittwochabend die Online-Präsenzen der meisten Zeitungen aufmachten. In meinem erweiterten Bekanntenkreis schmücken sich Menschen mit dem Logo, denen kaum eine Antiisraelische Demagogie zu plump ist, die Ayaan Hirsi Ali eine „islamophobe“ Brandstifterin schimpfen, denen angesichts einer Lage, in der viele Juden Europa aus Angst vor Übergriffen und Anschlägen verlassen, vor allem einfällt, dass „Islamophobie“ der neue Antisemitismus sei, und die Kurt Westergaard als einen Provokateur erachten, der an den mörderischen Kravallen lange nach der ersten Veröffentlichung seiner Mohamed-Karrikatur zumindest mitschuldig ist.

All das Positionen, die auch immer wieder in Zeit, Taz, Süddeutsche und vielen weiteren Publikationen vertreten werden, die nun Charlie Hebdo „sind“.

Was angesichts des „Everybody draw Mohamed Day“ noch als ernsthafte Solidaritätserklärung verstanden werden konnte, immerhin exponierten sich die Solidarischen durch eine Zeichnung selbst, wird diesmal zur Farce. Nein, ihr, die ihr regelmäßig zu allererst die Kritiker des Islam mit Schmähungen überzieht, die ihr so oft die Schuld bei den Opfern gesucht habt und selbst eben nicht den Mut habt euch wenigstens mit spitzer Feder den islamistischen Mörderbanden in den Weg zu stellen, die ihr vor kurzem noch alles in eurer Macht stehende tatet, um Waffenlieferungen nach Kobane oder eine amerikanische Intervention zu verhindern, ihr seid nicht Charlie Hebdo. Und auch ich nicht, denn ob ich, hätte die Möglichkeit bestanden, entsprechend deutliches mit meinem Namen signiert reichweitenstark veröffentlicht hätte, das steht in den Sternen. All das ist nicht weiter schlimm, derartiger Mut grenzt an Wahnsinn, und oft erlaubt man ihn sich nur, wenn man die Konsequenzen nicht wirklich abschätzen kann. Doch sollte man dann vielleicht auch beiseitstehen, wenn im Schutze der Masse Gratismut verteilt wird. „Solidarität mit Charlie Hebdo“ statt diesem markigen „Ich bin Charlie Hebdo“ täte es ja vielleicht auch.


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