Verrohung am Beispiel der Achse des Guten

Oder: Für die Nachwelt aufzubewahren. Empirisches Anschauungsmaterial zur Dialektik der Aufklärung.

Dass der klassische aufklärerische Liberalismus, da ihm längst jede gesellschaftliche/ökonomische Grundlage fehlt, eine heute allerhöchstens immer mal wieder aufflackernde fragile Haltung sein kann, wurde hier schon dargelegt. Ebenso, dass der real existierende Liberalismus im Großen und Ganzen eine Tendenz aufweisen muss sich zum Erhalt seiner ideologischen Grundlagen mit konservativen und reaktionären Kräften zu verbünden oder sozialdemokratisch im Sozialliberalismus aufzugehen, dass er also auf die Selbstliquidation drängt.

Gewiss kann man sich auch eine Zeit lang als einsamer Rufer in der Wüste gerieren, doch wird man dessen irgendwann müde. Kein Wunder, der aufklärerische Liberalismus ist die Ideologie des revolutionären Bürgertums, die des siegreichen Bürgertums muss ab einem gewissen Moment mehrheitlich Besitzstandswahrend werden. Eine Aufklärung, die auf die ihr immanente Dialektik zu reflektieren verweigert (vgl.), selbst noch dort wo sie mit der Nase darauf gestoßen wird unterminiert sich selbst. Sie keult gegen die zersetzenden Kritiker und steht dann mit einem Bein schon im völkischen Lager.

Derartige Tendenzen sind seit Jahren nun auch auf dem erfolgreichen, erklärt liberalen, Webblog Die Achse des Guten zu beobachten. Diesem konnte man über längere Zeit den Kampf gegen Islamismus und grassierende Israelfeindlichkeit trotz eines schon immer etwas hysterischen Tonfalls im Großen und Ganzen abnehmen. So durchwachsen auch die Ergebnisse, der Versuch sich traditionell liberal und vernunftorientiert aufzustellen (und nicht etwa rationalitätskritisch neoliberal) durfte ernst genommen werden.
Doch was zu erwarten war, geschah: Die schrillen Pöbler, die Angstbeißer, der elitäre Mob gewannen immer weiter an Raum, vorsichtigere Stimmen zogen sich teils in wortgewaltigen Rückzugsgefechten (Kaufmann gegen Pirincci) zurück, stahlen sich teils auch in aller Stille davon. Die generelle Tendenz der Achse kritisiert nun mit Miteigentümer Michael Miersch auch ein Autor, den man schon nicht mehr wirklich zu den Florettfechtern des Kantschen Denkmodells zählen kann, ein gemäßigter Rammbock den (und dessen bessere Hälfte) Felix Bartels vor kurzem im Neuen Deutschland übrigens ganz schön zerpflückt hat. Diese Miersch erklärt nun seinen Abschied von der Achse des Guten, und begründet:

„Das politische Spektrum in Deutschland verengt sich auf zwei Pole: Die, die ein Problem mit dem Islam abstreiten und am „Elefanten im Zimmer“ vorbei gucken. Und die, deren Antwort auf die islamische Herausforderung lautet: Scharen wir uns um Kreuz und Fahne und verteidigen wir unsere deutsche Identität. Liberale und differenzierte Positionen werden davon überrollt. Kürzlich schrieb eine Leser: „Das Traurige ist für mich, dass es weder eine linke Gesellschaftsströmung von irgendeiner Relevanz gibt, die mit einem aufklärerischen Impuls Massen begeistert, noch eine konservative Strömung, die die westlichen Werte populär verteidigen kann. Links hat sich als esoterisch-evangelisches Beamtentum etabliert, rechts als besserverdienendes Ignorantentum.“ Diese Kurz-Analyse bringt es auf den Punkt. “

Und:

„Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass massenweise Leser aus dem AfD-Pegida-Umfeld angezogen wurden, die sich auf den Leser-Kommentarseiten der Achse entfalten. Viele dieser Leser-Kommentare können wegen ihrer Wortwahl und ihrem offenen zu Schau getragenen Hass gar nicht erst veröffentlicht werden. Sie verhöhnen Autoren wegen ihrer nicht deutsch klingenden Namen und wüten gegen alles, was nicht in ihr geschlossenes Weltbild passt.

Im Laufe meines Journalistenlebens habe ich viele Hass-Mails bekommen (vornehmlich von Islamisten, Tierrechtlern und Öko-Fanatikern). Die Mails der vergangenen Monate haben deren aggressive Geistesarmut noch unterboten. Das ist eine schmerzliche Entwicklung. Zumal gerade die Achse sich zuvor durch viele differenzierte und kenntnisreiche Leser-Kommentare auszeichnete. Ich bekam auch einige (aber im Verhältnis zu Welle der Hass-Mails wenige) E-Mails von Lesern, die sich um den Kurs der Achse Sorgen machen. Allerdings meist mit dem Vermerk, sie nicht als Leser-Kommentare zu veröffentlichen, weil man sich nicht beschimpfen und anpöbeln lassen möchte. Darunter auch welche von Lesern aus Dresden, die die Sympathie einiger Autoren für die dortigen Abendland-Demonstranten nicht fassen konnten“.

Das dürfte es für die weitreichendste liberale Publikation im deutschsprachigen Raum dann endgültig gewesen sein. Einen ähnlichen Weg gingen schon das einst lesenswerte Webblog Zettels Raum, mit dem ich zwar selten übereinstimmte, das aber immer wieder klug argumentiert interessante Perspektiven aufzeigte und die liberale Zeitschrift Novo-Argumente, die Verfasser kritischer Kommentare mittlerweile gern auch mal beschimpft.

Angesichts des weiteren Niedergangs von allem, was sich noch liberal nennt, stellt sich eigentlich nur noch eine entscheidende Frage:

Was wird nun bloß aus Dirk Maxeiner werden?

Mehr zur Achse.

17 thoughts on “Verrohung am Beispiel der Achse des Guten

    • vgl. (mit, zugegeben argumentativ teils sprunghaftem link) hier: Der unter dem Label Liberalismus heute firmierende Neoliberalismus hat mit dem Namensvetter kaum etwas gemein. Sein Credo, dass auch die unleugbar oft irrationalen Handlungen einzelner Akteure innerhalb einer erklärtermaßen theoretisch nicht zu durchdringenden Welt die beste aller möglichen Welten herstellte ist die Negation aufklärerischen Denkens, nicht dessen Fortführung

      • wobei „rationalitätskritisch“ sicher zu schwach ist. „Scheiß auf Ratio, wir bleiben bei unseren Schlüssen, auch wenn wir dafür die Prämissen komplett verkehren müssen“ trifft es eher.

        der Neoliberalismus musste darauf reagieren, dass die Geschichte es relativ schwermachte zu argumentieren, wenn alle Menschen in ihrem rationalen eigenen Interesse handelten, führe das von selbst zur besten aller möglichen Welten, und reagierte indem er salopp festlegte: Egal, mögen auch Gruppendynamiken, Herdentrieb usw regelmäßig über das Individuum des rationalistischen Modells Macht gewinnen/triumphieren, das mit der unsichtbaren Hand läuft trotzdem schon irgendwie. Damit es läuft wird unter dem Label „freiwilliger Konformismus“ dann aber auch vorsichtshalber die autoritäre Option einer sichtbaren Hand stets schon mal mit angedroht.

      • Den ganzen Text habe ich in der Kürze der Zeit nicht gelesen.

        Inwiefern widersprichen sich Herdentrieb und unsichtbare Hand denn? Die unsichtbare Hand wirkt halt auch auf Menschen.
        Singularity und Transhumanismus als Aussicht auf eine neue Gesellschaft?

      • Vorausgesetzt beim liberalen Modell der unsichtbaren Hand ist das ((zweck)-rationale) Handeln aller in ihrem jeweils eigenen Interesse. Dieses nun führe über den Markt zum Besten aller möglichen Ergebnisse.

        Wenn ich nun, wie es der Neoliberalismus zurecht tut (vgl. https://sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2015/01/04/notizen-zu-seeslens-liberalismus-taz/), die Voraussetzung aufgebe, brauche ich starke Argumente, um dennoch in den gleichen Denkschritten zum gleichen Ergebnis hin zu denken. Die hat man nicht.

        Redlich wäre es die sogenannte unsichtbare Hand dann auf den banalen Satz „wenn alle irgendetwas tun geschieht irgendetwas mit dem Ganzen“ einzudampfen. Nur folgen daraus dann nicht mal mehr annähernd zwingend liberale oder neoliberale Verständnisse von Freiheit und der Unfehlbarkeit der Märkte.

        Nebenbei war Adam Smith keinesfalls so naiv wie es ihm heutige Parteigänger gern unterstellen, weder ist die unsichtbare Hand derart zentral für seine Schrift „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ (vgl. dazu auch hier: http://cadtm.org/Adam-Smith-is-closer-to-Karl-Marx), noch ist diese Schrift zu denken ohne das parallel verfasste „The Theory of Moral Sentiments“, das letztlich auch ein Menschenbild liefert, das erstmal ins Auge zu fassen wäre, ehe man mit Smith sich hinstellen kann und in jeder Krise mit den Schultern zucken: „der Markt wird’s schon richten“.

      • “wenn alle irgendetwas tun geschieht irgendetwas mit dem Ganzen”😀
        Ein Ort auf den sich Käufer und Verkäufer einigen, an dem gehandelt wird.

      • so eine allgemeine Definition hat weder mit dem Thema, dem Marktverständnis der Neoliberalen oder den kritisierten Tendenzen der Achse des Guten, zu tun. Nach dieser Definition ist ja auch der Archipel Gulag ein funktionierender Markt. Ich versuche hier nicht, mal schnell eine Alternative aus dem Ärmel zu schütteln. Viel wäre ja schon gewonnen, träten wenigstens nicht mehr die größten Apologeten der Marktwirtschaft als deren effektivste Feinde auf.

      • Sie wollten eine Definition bekommen.
        Kurz- bis mittelfristig war der Archipel Gulag ja auch ein funktionierender Markt. Langfristig wurde es aus verschiedenen Gründen politisch nur weniger opportun.
        „Viel wäre ja schon gewonnen, träten wenigstens nicht mehr die größten Apologeten der Marktwirtschaft als deren effektivste Feinde auf.“ Große Zustimmung, z.B. werden von vielen „Liberalen“ in Deutschland bestimmte Berufe von Liberalisierungen einfach ausgeklammert.

      • das ist doch letztlich vor allem ein zu erwartende Effekt einer Tendenz, die ich allgemein schon einmal formuliert habe:

        „Aus wohlverstandenem Eigeninteresse fordert der Unternehmer freie Märkte solange er klein und im Aufsteigen begriffen ist, das mächtige lukrative Unternehmen ist vernünftigerweise an Protektionismus und Staatsinterventionismus interessiert, wo dieser den Profit fördert“

        Es mag immer Idealisten geben, die Idealisten bleiben, aber für den etablierten Anwalt (typischer geschützter, ohne den Staat gar nicht zu denkender Liberalenberuf) ist Protektionismus erstmal relativ rational. Mal abgesehen davon, dass gewisse Qualitätsstandards zum Beispiel in der Medizin auch einfach Sinn machen. Der allwissenden Kunde ist nun mal nur: ein Modell.

      • Haben bei Anwälten nicht alle anderen ein Interesse an günstigeren Preisen und weniger Protektionismus? Andere Parteien haben nach dem Ableben der (wohl vor allem national)liberalen FDP nur immer noch nicht die Chance ergriffen und diesen Markt liberalisiert.

        Oder Transparenz die zeigt welche Krankenhäuser bzw. Anwälte hohe Qualitätsstandards einhalten. Und Krankenkassenverträge die bestimmte Mindeststandards anbieten. Wobei Reiche ein Interesse an einem funktionierenden Gesundheitswesen haben dürften, schließlich unterscheiden z.B. multiresistente Keime nicht zwischen ihnen und Ärmeren…

      • So einfach ist das Default-Setting auch nicht. Grundsätzlich intuitiv dürften Wirtschaftssubjekte ein Interesse an fallenden oder gleich bleibenden Preisen der Angebote anderer bei gleich bleibenden oder steigenden Preisen der eigenen Arbeitskraft haben.
        Und wenn man dann die Sache ein wenig durchdenkt fiele einem vielleicht sogar noch auf, dass bei ansonsten gleich bleibenden Preisen das eigene Angebot nicht so einfach teurer werden kann, weil die Nachfrage nicht entsprechend steigt. Bei allgemein fallenden Preisen müsste gar auch der eigene Preis bzw. bei abhängig Beschäftigten der eigene Lohn irgendwann folgen.

        Inflation und Lohnentwicklung sind abseits von Extremsituationen relativ eng korreliert. Und angesichts der Tatsache, dass wirtschaftspolitisch Inflation viel leichter zu bekämpfen ist als Deflation könnte man sogar schließen, dass ein jeder Interesse an moderat steigenden Preisen bei gleichzeitiger Ausweitung der Gütermenge haben sollte (von ökologischen Wachstumskritikern mal abgesehen). Drum liegt auch, ein Relikt aus durchdachteren Zeiten, das Inflationsziel der großen westlichen Zentralbanken bei rund um 2 %, nicht bei Null.

        Da Interessen in der Realität aber selten komplexen gesamtwirtschaftlichen Überlegungen folgen ist in vielen Berufszweigen die Flucht in den Protektionismus erstmal ziemlich rational.

        „Wobei Reiche ein Interesse an einem funktionierenden Gesundheitswesen haben dürften, schließlich unterscheiden z.B. multiresistente Keime nicht zwischen ihnen und Ärmeren…“

        Bei der Herausbildung genossenschaftlicher oder staatlich organisierter Krankenkassen war das ja auch einmal eine die Entwicklung vorantreibende Erkenntnis. Ich kenne wenige Liberale, die behaupten, die staatlich verordneten Polio- oder Pockenimpfungen seien ein sozialistischer Sündenfall gewesen. Aber wie es mit so vielen zivilisatorischen Errungenschaften ist, mit der Zeit schleicht sich die Einsicht aus, wie man überhaupt auf die Idee kam gewisse soziale Absicherungen könnten mehr sein als nur die unvernünftige Finanzierung spätrömischer Dekadenz.
        Heute fallen obiges „haben dürften“ und die real befürwortete Politik da doch schon oft deutlich auseinander.

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