Sorry, Herr Grass

Die Currywurst, oder „Schlimmer geht immer“.

Von allen Entschuldungspamphleten, die die deutschsprachige Vergangenheitsbewältigungsliteratur hervorgebracht hat, ist Uwe Timms Die Entdeckung der Currywurst womöglich das erbärmlichste. Der Text kommt literarisch wie geschichtsphilosophisch dermaßen unbedarft daher, dass man sich bemüßigt fühlt SS-Günni Grass, Keulenmartin Walser, Böll und all den anderen förmliche Entschuldigungen für früherer Kritiken zukommen zu lassen. Timm präsentiert sein Currywurstdeutschland als einen Hort des subtilen Widerstands, da feierte der Kantinenchef deutsche Niederlagen, indem er Nazigrößen Magenverstimmungen beibringt, allenthalben führt man kleine Witzeleien über den Führer im Mund, und dass der Krieg eine schreckliche Sache sei, die viel Leid auch über die armen Deutschen bringe, ist für die meisten der zahlreichen sympathisch gezeichnet Haupt- und Nebencharaktere des Romans immer schon eine klare Sache. Und aus den Munitionsfabriken kommen natürlich immer öfter Blindgänger – seit 1993 darf man in jedem Deutschen einen kleinen Schindler sehen.

Wo es in diesem Bild zu Dissonanzen kommen könnte, etwa angesichts eines Blockwartes, der nicht denunziert, einer „unbescholtenen Bürgerin“ aber, die denunziert, wird das schnell übergangen. Auch die Frage, warum es angesichts einer kriegsmüden und nazifeindlichen Bevölkerung nötig war, Deutschland Stadt für Stadt zu erobern, kommt nicht auf. Und erzählerisch geht Timm mit seinem Roman keine Risiken ein. Die Geschichte vom Ende des Krieges und der Stunde Null erzählt eine Hamburger Kleinunternehmerin, die den namenlosen Icherzähler, eingebettete in eine Rahmenhandlung, über die titelgebende Erfindung der Currywurst aufklären soll. Sie ist eine denkbar sympathisch gezeichnete alte Frau, die zwar zeitweise Sympathien für einen Wehrmachtssoldaten hegte, aber gerade weil sie nicht darüber schweigt als Musterbild einer anständigen Deutschen daherkommt. Ansonsten steht sie dem NS schon immer kritisch gegenüber, zeigt sich offen für Neues und arbeitet mit an der wunderbaren multikulturellen Realität der Nachkriegsordnung (die Currywurst, großes Ausrufezeichen!).

Das immerhin wäre großartiger Stoff für eine Satire, die Currywurst als das größtmögliche Maß an der Weltoffenheit, derer dieses Deutschland fähig ist. Aber pustekuchen: Currywurstdeutschland, für mich immerzu mit „Hol mir ma ne Flasche Bier“ – Schröder assoziiert, wird affimiert. Es ist tatsächlich das Ideal eines anderen Deutschland, das im Roman hochgehalten wird:

„Ahh. Alibaba und die 40 Räuber! Rose von Stambul! Das Paradies!“

Ja, dem geliebten Wehrmachtssoldaten der Currywursterfinderin Brückner, der bis ganz zum Schluss von einem gemeinsamen Kampf der Wehrmacht und der englischen und amerikanischen Truppen gegen die Sowjetunion träumt, rettet der exotische Gaumenschmaus sogar den lange verlorenen Geschmack.

Sehr bezeichnend in diesem Zusammenhang auch die Glorifizierung des Nachkriegstauschhandels und der Zigarettenwährung, deren „Gebrauchswert“ tatsächlich explizit als erdendes Element des Tausches gelobt wird. Deutsche Eigentlichkeit:

„Es war eben nicht alles festgelegt durch Geld“.

In welchem Maß hierbei der gleiche gegen Hochfinanz und Plutokatie gerichtete Fetischismus bedient wird, wie in der Hetze gegen jüdisches Kapital und englischen Liberalismus kann sich nur den wenigen Lesern erschließen, die sich mit der Thematik schon intensiv auseinander gesetzt haben, keineswegs aber der Zielgruppe, die der Roman seiner Anlage nach nahelegt. Kein Wunder dann auch, dass der Holocaust spät und wie von außen ins heitere Andere Deutschland einbricht – geschickter noch als in der Blechtrommel, wo man die Abwesenheit der industriellen Massenvernichtung zumindest immer wieder spüren dürfte, wird der Genozid hier entschärft, indem er als kaum bemerktes Grauen in die Peripherie gerückt wird. Und bei alldem tritt Die Entdeckung der Currywurst, erschienen immerhin erst 1993, als ein jämmerliches Stück Naturalismus auf, dem auch noch alle, wie immer gescheiterten, Versuche etwa eines Katz und Maus oder der Blechtrommel abgehen, zumindest sprachlich verfremdend in irgendeiner Weise auf den Zivilisationsbruch zu reagieren.

Nein: über den Nationalsozialismus lässt man eine über allen Zweifel erhabene (wichtig!) Frau (assoziiert man mit Unschuld und Trümmerfrauen) im sympathisch schnodderigen Hamburger Dialekt (klingt irgendwie süß!) sprechen, die allerdings in der Hörbuchfassung (List der Vernunft), gesprochen von Uwe Friedrichsen, dann ein wenig an Otto Waalkes erinnert, was die Sache doch etwas ins Lächerliche zieht.

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