Nazis in bundesdeutschen Amtsstuben

zu Landgericht von Ursula Krechel

Wer viel meckert, darf auch mal loben. Landgericht von Ursula Krechel ist beinahe alles, was Die Entdeckung der Currywurst nicht ist.

„Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaas’schen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna“,

so der Klappentext. In diesem Rahmen wird das Fortleben des Nationalsozialismus in den Nachkriegsinstitutionen detaillreich aufbereitet. Der rasche Wiederaufstieg ehemaliger Nazis in bundesdeutschen Amtsstuben ebenso wie in Unternehmen wird thematisiert. Einen klaren Blick wirft die Autorin unter anderem auf die antisemitisch motivierte Verfolgung und Verurteilung des Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in München, Philipp Auerbach, der im Anschluss an das Urteil Selbstmord begeht und erst viel später zähneknirschend rehabilitiert wird.

Auch die von Anfang an mit antisemitischen Ressentiments verknüpfte, und heute bekanntlichermaßen in blanken Hass umgeschlagene frühe Begeisterung für Israel deutscher Leitmedien wird anhand eines Artikels, der freundlicherweise vorschlägt Auerbach solle doch in Israel abgeurteilt werden, das schließlich Heimstatt aller Juden sei, beleuchtet. In vielfältiger Variation durchzieht das Motif, dass die „Deutschen … den Juden den Holocaust niemals verzeihen“ werden (Zvi Rex), den Roman.

All das wirkt besonders effektiv, weil Kornitzer, obwohl er als junger Beamter sehr deutlich die umfassende antisemitische Stimmung der Weimarer Republik erfahren hat, sehr bestrebt ist sich mustergültig im Nachkriegsdeutschland zu integrieren, und dafür bereit ist über zahlreiche Ungeheuerlichkeiten hinwegzusehen. Erst der lange fruchtlose Kampf um Reparationen nach dem Bundesentschädigungsgesetz sorgt für einen späten, vielleicht zu späten, Geistesumschwung. Dieser wiederum belastet das sowieso schwierige Verhältnis zu den Kindern, die zwischen starker Affirmation und Ablehnung ihrer (nach den Nürnberger Gesetzen) jüdischen Herkunft schwanken. Ganz nebenbei wird in Landgericht derweil auch noch die Gruppe 47 ins rechte Licht gerückt, und deren Angriffe auf Emigranten, insbesondere auf Paul Celan, die in der ruhmreichen Geschichte der „Stunde Null“ und alles weiteren viel zu selten Erwähnung finden.

Schade nur, dass auch Krechels Roman sprachlich im Großen und Ganzen wie ein Werk daherkommt, dass in dieser Gruppe hätte entstanden sein können.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s