Zeit & Jungle: Die Abwehr gegen das geschlossene Werk…

Zu den Nachrufen auf den „magischen Realismus“

Im Abgesang auf den magischen Realismus, in den neben der Jungle World nun auch die Zeit einstimmt, verschafft sich wohl vor allem die instinktive Awehr gegen das seit jeher kritisch beäugte abgeschlossene Werk ausdruck. Jenes konfontiert und transzendiert die heterogene Welt in seiner zum äußersten getriebenen, über innere Widersprüche nicht schweigenden formalen Konsequenz, und brüskiert so oft genug den Leser, der sich gern im doch kaum zu Ertragenden ganz gemütlich einrichten würde. Magischer Realismus, das war fürs Feuilleton immer schon nur der Name, mit dem exotisierend alle nicht europäischen und insbesondere lateinamerikanischen Versuche belegt wurden, schöpferisch an die nie abgegoltenen Ideale der europäischen Moderne anzuschließen. Eine Reflexion darauf, was magischer Realismus eigentlich sei, ich zitiere aus einem älteren Aufsatz

„Dabei ist der Begriff, nutzt man ihn reflektiert und klebt ihn nicht einfach auf alles was nicht klingt wie Heinrich Böll, sehr treffend für eine Art zu schreiben, in der das Übernatürliche als Handlungselement in Erscheinung tritt und gleichzeitig als Metapher fungiert“,

findet nicht statt. Das von der Zeit gewählte Titelbild führt es eindrücklich vor Augen. Eine junge Frau liest Memoria de mis putas tristes von Gabriel Garcia Marquez. Ein Roman, dem absolut jeder „magische“ Aspekt abgeht, vielmehr handelt es sich um eine recht erbärmliche, vorgeblich realistische Alltherrenphantasie. Ebenso wie diesen Text schlägt man gerne das gesamte Werk von Mario Vargas Llosa dem magischen Realismus zu, obwohl kein einziger Text des Autors je an der Definition auch nur kratzt. Das gleiche gilt übrigens für die Mehrzahl der Werke von Alejo Carpentier. In jener exotisierenden Form, die das Feuilleton in ihm sucht(e), kann der Magische Realismus also gar nicht sterben, er lebte nie. Auf der anderen Seite ist er in den Werken so unterschiedlicher Autoren wie Rushdie, Pynchon, Gaiman, Ben Okri und anderer lebendig wie je. Nicht zu überraschen vermag dann auch, dass Sarah Murrenhoff in der Zeit sich nicht fähig erweist, Textbeispiele zu nennen, die mit der Tradition des lateinamerikanischen Boom deutlich brechen. Der Diktatorenroman:

„[Daniel Alarcóns] Roman Lost City Radio (2007) ist eine Parabel auf die Grausamkeit totalitärer Herrschaft, wie sie in Lateinamerika, aber auch an jedem anderen Ort der Welt aufgetreten ist oder auftreten könnte“

etwa wurde in unzähligen Variationen von magisch-realistisch (Bastos, Marquez) bis betont nüchtern (Llosa) schon von den Alten Meistern erprobt. Auch die Kurz- und Kürzesterzählung, nicht zu verwechseln mit jener literarischen Arbeitsverweigerung, die sich „Kurzgeschichte“ schimpft, hat lange Tradition. Carpentier und Llosa schufen frühe Meisterwerke, Bolano legte mehrere Bände mit Erzählungen vor, die auf wenigen Seiten ganze Romane kondensieren, und sein 2666 verknüpft im vierten Teil hunderte solcher Geschichten zu einem Ganzen. Und dann wäre da natürlich noch Jose Luis Borges…

Nun möchte ich keineswegs behaupten, es lohne nicht, die genannten neuen Autoren, die ich größtenteils noch garnicht kenne, zu lesen. Aber diese ewige Inszenierung eines radikalen Bruchs mit einem noch dazu kaum begriffenen Gegenstand taugt weder, sich dem Neuen in kritischen Bezug auf seine Traditionen verstehend anzunähern, noch zu einer adäquaten Beschäftigung mit dem sogenannten Magischen Realismus. Der eben auch kein vor allem lateinamerikanisches Phänomen ist. Noch einmal aus einem alten Text:

„Ist es nicht deutlich sinnvoller Texte die sich derartiger Stilmittel [s.o.] bedienen als magischen Realismus zu qualifizieren, und bei Bedarf eben auf die Unterschiede hinzuweisen, die dann doch Hundert Jahre Einsamkeit, Gogols Dikanka-Zyklus und z.B. Thomas Manns Joseph-Romane ( Ja, die Joseph-Romane!) trennen? “

2 thoughts on “Zeit & Jungle: Die Abwehr gegen das geschlossene Werk…

  1. Auf diese Feuilletonetiketten braucht man sicher nicht viel geben. Da bekommt jede Szene, in der ein Salzstreuer über den Tisch wandert den Aufkleber: magischer Realismus. Manchmal sind es einfach nur Erdbeben. Ich habe bisher nur zwei Bücher von Carpentier gelesen, die aber alles mitbringen, was zum Thema gehört. Das Vorwort zu „El reino de este mundo“ ist ja geradezu als das Manifest des realismo mágico geschrieben worden.

    • Ja, „El reino de este mundo“ passt perfekt auf die von mir vorgeschlagene Definition, die ja genau anhand solcher stilbildender Werke entwickelt wurde. Und dann wird es schon wieder eng bei DEM Aushängeschild des magischen Realismus. Die verlorenen Spuren? Sprachgewaltig, aber ohne jede Übersinnlichkeit. Ebenso Sacre, Acoso, Explosion in der Kathedrale. Barockkonzert ist grenzwertig, man schlägt ja auch Albtraumszenen und Maskenbälle bei Dostojewski nicht dem magischen Realismus zu…
      Mir ist wichtig festzuhalten, dass es sich um eine bestimmte Art Welt in Literatur ein/umzuarbeiten handelt, die in der Moderne und Postmoderne aus guten Gründen in vielen starken Romanen global wurde, und nicht um einen Begriff für alles, was einige Spießer der Literaturpresse für opulent und exotisch halten. Aber keine Angst, mir ist klar, dass man damit in diesem Betrieb auf taube Ohren stößt…

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