Mythos der Moderne – ein Kafka-Rückblick

Kafkas Verwandlung habe ich irgendwann in der Schule zum ersten und einzigen Mal gelesen. Nun nehme ich sie mir zum zweiten Mal vor und stelle fest: ich kenne noch jedes Handlungselement, viele zentrale Sätze, die gesamte Erzählung. Das kann nicht von der ersten Lektüre herrühren, vergleiche ichs mit anderen prägenden Leseerfahrungen, die ähnlich lange her sind. Kafka, scheints, ist es gelungen, einen Erzählungsschatz zu kreieren, zu dem vermittelt auch der Zugang hat, der nie mit Kafka in Berührung kam. Wer könnte nicht die Grundzüge des Process referieren?

Der Schriftsteller Franz Kafka hat eine moderne Mythologie geschaffen, oder vielleicht vielmehr eine Mythologie der Moderne, die es weltweit ermöglicht die Verwerfungen und Zumutungen einer Gesellschaft zu begreifen die sich zunehmend totalisiert. Weltweit? Ich denke schon. Genau in diesem, im mythologischen Sinne rekurriert etwa Llosa in El Hablador auf Die Verwandlung Kafkas, und auch an Einflüsse unter anderem auf Rushdie meine ich mich zu erinnern.

Ich benutze den Begriff des Mythologischen, weil seit Friedrich Schlegel immer wieder vor allem romantisch angehauchte Literaten mit dem Postulat ankommen, man könne in der modernen Welt nur dichten, schaffe man sich eine private Mythologie. Im 20. Jahrhundert haben sich vor allem Nietzsche-Epigonen und der George-Kreis daran versucht. Man suchte nach ewigen Wahrheiten im immer Geichen, mystifizierte durch archaische oder neu geschaffene Sprache, dichtete, und lebte mit dem Gestus des Überlegenen, seiner Zeit Enthobenen.

Keine dieser Mythologien verfing. Aus zwei Gründen. Erstens: Eine private Mythologie ist ein elitärer Manierismus, der Mythos gießt Erfahrung in Erzählung, er ist gerade nicht elitär. Zweitens: diese Erfahrung wird nicht geschaffen, sondern eher begriffen. Der Mythos, so verstanden, ist alles andere als überzeitlich, sondern der Erzählungsschatz, der die Zeit (in Grenzen) begreifbar macht. Kafka schuf diesen für die Zeit der letzten Krisen des liberalen Kapitalismus und so bis hin in unsere Gegenwart. Und ganz nebenbei zeigt Kafka dass „große Erzählungen“ nicht notwendigerweise positiv, Zusammenhalt stiftend, in die Zukunft blickend sein müssen. Sie können so zersetzend negativ sein, wie es eben die Zeit erzwingt.

PS: Starker Text zu Kafka: http://www.streifzuege.org/2007/kafka-1

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