Hätte man wissen können, dass Martin Heidegger Antisemit ist?

Ja.

Nehmen wir an, eine Sekte, nennen wir sie die Freunde des wahren Seins, propagiert die Rückkehr zum genügsamen Leben, zur Einheit von Tat und Natur, all dieser scheinbar kuschelige Hippiedreck. Ja, wenn da doch bloß nicht die Ingenieure wären! Und irgendwann, nach einigen Jahren, morden führende Mitglieder der Freunde des wahren Seins alle Teilnehmer einer großen Ingenieurskonferenz. Und ein paar Jahre später sagt ein geistiger Berater der Sekte, der sich nachweislich jahrelang den Anführern angedient hat und vielleicht gar noch weiter reichende Pläne hatte als diese, die Freunde des wahren Seins seien „schon in die richtige Richtung“ gegangen, nur hätten sie die Wahrheit des Seins eben noch nicht so ganz wahrhaftig begriffen. Würden wir diesen Hanjo ernsthaft als großen Denker, womöglich sogar als exponierten Kritiker der Freunde des wahren Seins ansehen? Oder würden wir ihn als den Mörderkumpanen und geistigen Brandstifter identifizieren, der er ist?

Oder ein anderes Szenario: Ein guter Freund und langjähriger Weggefährten des Philosophen Martin H., oder nennen wir ihn aus Anonymitätsgründen lieber M. Heidegger, hatte schon immer was gegen … ach, sagen wir der Kontroverse halber blonde und blauäugige Menschen. Der Philosoph konnte das gut verstehen, blonde und blauäugige Menschen waren nach seinem Dafürhalten verdächtig oft mit Dingen beschäftigt, die M. H. gar nicht ab konnte. Was könnte das sein? Äh, ja: Geschlechtsverkehr. Eines schönen Tages ging der Freund des Herrn H. los, kaufte sich ein großes Messer und stach damit jeden blonden und blauäugigen Menschen ab, der ihm vor das Messer geriet. H’s Freund wurde verhaftet, verurteilt. Und noch Jahre später hatte Herr H. das folgende zum Sachverhalt zu sagen:

„Das Eindringen mit dem Messer in den Körper eines blonden und blauäugigen Menschen ist im Wesen dasselbe wie der Geschlechtsverkehr. Es ist allgemein das Eindringen in andere Körper das große Übel unserer Zeit.“

Eine derartige Idiotie könnte man doch wohl niemandem, und schon gar nicht einem Philosophen, durchgehen lassen?

Sollte man meinen. Und dennoch erscheinen alle paar Wochen wieder Artikel, die höchstens mal ganz vorsichtig anfragen, ob man nicht schon ein wenig früher hätte wissen können, dass Martin Heideggers Denken ein zutiefst nationalsozialistisches und antisemitisches war. Die Antwort ist einfach: Natürlich hätte man. Und Autoren wie Farias, Faye, und nicht zuletzt der Heidegger-Schüler Loewith wussten es und habe immer wieder darauf hingewiesen. Heidegger selbst tätigte in aller Öffentlichkeit einmal in Das Gestell und zum Anderen im berühmten Spiegelinterview, über dessen Genese nun ein lesenswertes Buch vorliegt, äquivalente Aussagen zu den oben erdachten Beispielen.

Er sagte:

„Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.“ (vgl. Faye 406)

Und schrieb:

„Ich sehe gerade die Aufgabe des Denkens darin, in seinen Grenzen mitzuhelfen, dass der Mensch überhaupt erst ein zureichendes Verhältnis zum Wesen der Technik erlangt. Der Nationalsozialismus ist zwar in die Richtung gegangen; diese Leute aber waren viel zu unbedarft im Denken, um ein wirklich explizites Verhältnis zu dem zu gewinnen, was heute geschieht und seit drei Jahrhunderten unterwegs ist“ (vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9273095.html).“

Gerade letzteres wird übrigens oft hinwegerklärt, es sei eben in Heideggers der Moderne kritisch gegenüber stehendem Denken nur folgerichtig, Landwirtschaft und industriellen Massenmord als Teil dieser wesensgleich zu fassen. Ja fällt euch denn gar nichts mehr auf? Was ist denn an einem Denken zu verteidigen, das zu solchen Schlüssen führt? Die Sache ist einfach. Man hätte es wissen können, denn wer es wissen wollte wusste es. Wer es nicht wissen wollte denkt heute nicht um, er versteckt sich nur und wartet weiter, wie hier schon im dritten Teil des großen Heidegger-Aufsatzes vor anderthalb Jahren zu lesen war, auf den Kyffhäuser…

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One thought on “Hätte man wissen können, dass Martin Heidegger Antisemit ist?

  1. „Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.“ (vgl. Faye 406)

    Ich hab Heidegger lange nicht angefasst, weil er der Nazi war. Die Analysen vieler seiner Schüler waren da eindeutig. Seit Jahrzehnten. Allerdings finden sich strukturgleiche Argumente genauso in der kritischen Theorie Adornos, wie bei Foucaults „Poststrukturalismus“. Nur die theoriepolitische Konsequenz Heideggers war immer zutiefst konservativ und menschenfeindlich.

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