Ein weites Feld, oft ein bittres – zu Felix Bartels Überlegungen zum Selbstverlag

Tatsächlich ist dem geschätzten Felix Bartels in beinahe allem zuzustimmen, was er zum immer weiter um sich greifenden Phänomen des Selbstverlags zu sagen hat. Der Selbstverlag ist eben nicht nur die auf der individuellen Ebene kaum zu kritisierende Chance für zahlreiche Autoren, abseits des Mainstream doch noch Gehör zu finden, er erstickt auch in der kaum zu überblickenden Flut der Angebote jene herausragenden Werke, die nun ob selbst- oder fremdverlegt noch schwieriger aus dem Schund herauszufischen sind. Schlechte Wortspiele zum Thema „verlegen“ und finden drängen sich auf…

Und es stimmt, unter den Selbstverlegern sind jene Autorentypen virulent, die Bartels in treffender Weise folgendermaßen beschreibt:

„Aber der Selfpublisher, der Erfolg haben will, wird genau das tun. Er wird sich herzeigen, noch vor seinem Werk, und kontinuierlich das Profil des Aufsteigers herausstellen, dem keiner was geschenkt hat, der aber nicht jammert und dennoch irgendwie Mensch geblieben ist. Er wird gefällige Statusmeldungen auf Facebook absetzen, in denen steht, dass er die Arroganz intellektueller Eliten verabscheut, den demokratischen Rechtsstaat liebt, sich über deutsche WM-Siege freut und auch zum ESC eine Meinung hat. Er wird intensiv mit der Leserschaft kommunizieren und professionelle Photos machen lassen, auf denen er nachdenklich einen Stift hält oder neckisch hinter einer Spiegelwand hervorguckt. Er wird mit einem Wort ein Autor zum Anfassen und nicht begreifen, dass mit der Auslagerung dieser Albernheiten an einen geschäftigen Verlag sein Ich würde gestärkt sein“

So geht es zu im Haifischbecken der Literatur, in dem wir alle ins grimassierende spielend grinsend aneinander vorbeitreiben und nicht realisieren, dass uns nur andere „Schriftsteller“ lesen, und die auch nur, weil sie wissen möchten was die Konkurrenz so treibt.

Auf der anderen Seite: Bringt der Selbstverlag diesen Autorentypen hervor? Oder bringt er ihn zu sich selbst?

Dass der Verleger bzw. dessen Lektorat „schlechte Literatur verhindert“, stimmt schon länger nicht mehr und stimmte wahrscheinlich tatsächlich nur in jener kurzen wieder historisch gewordenen Periode vor allem solcher Verlage und sonstiger Akteure der Nach-68er-Renaissance des Denkens, die wie die Jungle World zuletzt konstatierte spätestens in den 90ern endgültig zu Ende ging. Dass gleichzeitig wahrscheinlich pro Jahr heutzutage europaweit mehr große Kunstwerke veröffentlicht werden als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einer Dekade, und dass es doch immer schwieriger wird diese Werke zu lokalisieren, ist kein an den Selbstverlag gebundenes Phänomen: Der Verfall des Verlagswesens, der Literaturkritik und der akademischen Auseinandersetzung mit Literatur mussten diesem vorausgehen. Und „it’s the singer, not the song“, hatten nicht nur die Stones, sondern auch notorische Claqueure wie Grass und Walser verinnerlicht, lange bevor es soziale Netzwerke gab. Welchen vernünftigen Grund könnte denn ein schlechte Literatur verhindernder Verleger haben, ernsthaft die Walser-Tagebücher einem Publikum vorzustellen?

Zuletzt ist die Geschichte großer Literatur maßgeblich die Geschichte des Selbstverlags. Eigenständig verlegte Goethe seinen Durchbruch, den Götz, ebenso verlegerisch eigenständig öffnete Stefan George die deutschsprachige Lyrik der Moderne (mag man auch sonst von ihm halten was man will). TS Eliots Meisterstück The Wasteland wäre wahrscheinlich untergegangen, hätte nicht Kumpel Ezra Pound sich seiner angenommen, in einem Kleinstverlag in dem Pound natürlich auch und vor allem – Pound – verlegte. Zumindest von Zeit zu Zeit Selbstverleger waren mW auch Dostojewski, die Shelleys, Byron und alle so genannten „Gentleman Poets“; ohne diese wäre die englische Literatur in ihrer heutigen Form nicht zu denken.

Der „klassische“ Verleger, scheint’s, war als Typus kurzlebig und vergänglich wie die Weimarer Klassik. Wie zahlreiche womöglich eher akzidentielle Höhepunkte des bürgerlichen Zeitalters trat er spät auf den Plan, so er nicht wie Cotta eigentlich im Schlepptau eines Schriftstellers aufstieg, und wurde rasch zerrieben zwischen kapitalistischer Monopolisierung und staatlich-paternalistischem Mäzenentum. Dem Sozialstaat, dem guten Gespräch, der vielgerühmten Buddenbrookschen „Contenance“ erging es ähnlich. Längst veröffentlicht man einen Roman leichter, indem man erstmal auf einen Lehrauftrag oder einen Bankdirektorsposten hinarbeitet, und dann seine Kontakte nutzt, als frank und frei mit einem herausragenden Werk an den richtigen Verleger heranzutreten. Ja, ohne Agenten findet man kaum noch den Weg zu ihm.

Was bleibt dem Autoren, der mit Recht darauf beharrt, dass ein Publikum, dass ihn noch nicht einmal wahrgenommen hat, über die Güte der Kunst nicht zu entscheiden vermag, als den Weg des jungen Goethes oder Georges zu gehen? Auch wenn er sich damit objektiv wohl doch nur noch tiefer ins aufgewühlte Becken der grinsenden Haifische begibt?

Schweigen? Das sicher.

Allein, wer wagt dies?

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4 thoughts on “Ein weites Feld, oft ein bittres – zu Felix Bartels Überlegungen zum Selbstverlag

  1. Zusammenfassung: je mehr selbstverwirklichende Autoren, desto höher die Bücherdichte; folglich überlebt der Autor mit der besten Selbst-Vermarktung (mit der Person des Autors als Markenzeichen).

    Ok. Klingt nach Darwin. Schrecklich? Nur für den, der seine Schreibe zum Broterwerb verwendet.

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