Wolkenatlas/Cloud Atlas – vom Quartett zum Film

Als ich mich nach längerem Ringen dann doch dazu entschloss, mir einmal David Mitchels Der Wolkenatlas zu Gemüte zu führen, befürchtete ich schon halb eine ähnliche Enttäuschung wie im Falle von David Foster Wallaces Unendlicher Spaß. Ein heftig gehyptes Werk mit dezidiert als postmodern angepriesener Erzählweise, dazu noch ein Film mit durchwachsenem Ruf, ein hastig dazuproduziertes Hörbuch. Glücklicherweise hält das Leben manchmal Erfreuliches bereit. Im Gegensatz zu Unendlicher Spaß ist Der Wolkenatlas vor allem einmal: gut geschrieben.

Im Roman werden sechs Novellen, die eine Zeitspanne von bis zu 1000 Jahren innerhalb einer aus unserer entspringenden und zunehmend dystopischen Welt umspannen, durch wiederkehrende Charaktere und vorherige Novellen als „Geschichten in der Geschichte“ miteinander versponnen. Mag auch fragwürdig bleiben, ob diese Verfahrensweise eher eine Spielerei ist, oder ob sie tatsächlich den einzelnen Geschichten zusätzliche Bedeutung verleiht*1, die einzelnen Novellen würde man zumindest auch ohne den Rahmen nicht beiseite werfen, eine notwendige Bedingung um das Weiterlesen schmackhaft zu machen.

***

In der einen oder anderen Weise für alle Erzählungen zentral ist das in der zweiten Erzählung Briefe aus Zedelghem von Robert Frobisher komponierte „Wolkenatlassextett“. Und an diesen, die Struktur des Romans spiegelnden Werk, über das der Komponist selbst sagt:

„Spent the fortnight gone in the music room, reworking my year’s fragments into a “sextet for overlapping soloists”: piano, clarinet, ‘cello, flute, oboe, and violin, each in its own language of key, scale, and color. In the first set, each solo is interrupted by its successor: in the second, each interruption is recontinued, in order. Revolutionary or gimmicky? Shan’t know until it’s finished, and by then it’ll be too late.“

lässt sich vielleicht ganz gut nachvollziehen, warum aus dem Film Cloud Atlas, kein dem Roman vergleichbares Werk werden konnte. Denn tatsächlich hat man für den Soundtrack das Sextett, wenn schon nicht nachkomponiert, so doch ihm eine Hommage geschaffen. Und die ist so absolut einfallslos und konträr zu allem im Roman beschriebenen, dass sie exemplarisch für alles stehen kann was heutige Komposition aus Geschichtsvergessenheit und Konzession an den Massengeschmack an den Höhepunkten moderner Musik zu verdrängen hatte:

Wir wissen, dass Frobisher alle Arten der Neuen Musik, die Wiener Schule, Debussy, Strawinsky, studiert hat. Wir wissen, dass das Sextet „Echoes of Scriabin’s White Mass, Stravinsky’s lost footprints, chromatics of the more lunar Debussy“ enthält, und dass (s.o.) uns eine Komposition aus sechs, wenn man sie hintereinander weg spielt, kaum vergleichbaren, nur hier und dort aneinander anklingenden Stimmen erwarten sollte. Eine Komposition die man sich vielleicht als Folge mehrerer unterbrochener, vorerst nicht aufgelöster, erst ganz zum Schluss einer Auflösung zustrebender Fugen vorstellen könnte, preist Frobisher doch gegenüber Lehrer Ayers seine überlegene „Kontrapunktik“. Kurz: Ein polyphones von heftigen Spannungen und angesichts der Kompositionstechnik kaum vermeidbaren Dissonanzen zehrendes Stück.

Die für den Film komponierte Hommage dagegen ist so homophon, dass monoton kaum ausreicht um die Einöde zu fassen. Zuerst gibt ein Klavier einige wenige, sich bald wiederholende uninspirierte Töne vor. Nach gut einer Minute beginnt eine Art Generalbass auf Piano die ursprüngliche Folge zu unterlegen, später spiegeln Streicher leicht versetzt und beinahe ohne jegliche Variation das immer noch fortdudelnde Klavier. Zum Finale sollen dann einige rascher angeschlagene Zwischentöne eine Variation der ansonsten noch immer unveränderten Melodie suggerieren. All das ist an Einfallslosigkeit nicht zu überbieten, und nicht damit zu entschuldigen, dass wie es das Cloud Atlas Wiki will Komponist Tom Tykwer „was tasked with the impossible – trying to bring the Cloud Atlas Sextet to life“.

Denn dass aus den spärlichen Angaben und innerhalb einer kurzen Zeitspanne kein Meisterwerk etwa vom Format der späten Quartette Schostakowitschs geschaffen wird: geschenkt. Dass aber der Geist eines Werkes so verfehlt und verfälscht wird, dass sein komplettes Gegenteil dabei herauskommt: bezeichnend.

Und wenn beim Film ähnlich gearbeitet wurde, konnte eben nur ein trauriger Zwitter aus platt und dennoch unverständlich dabei entstehen.

*1: Ich tendiere zu zweiterem, dadurch, dass alle Geschichten halb anerzählt werden und dann in absteigender Reihenfolge rückwärts aufgelöst liest man insbesondere die anfänglich realistisch daherkommenden früheren Erzählungen später deutlich mit Hinblick auf zuvor erzähltes Späteres, auch bricht in der dritten und vierten Erzählung das Narrativ, da diese womöglich nur ein Roman respektive Film innerhalb der vierten und fünften Erzählung sein könnten.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s