Wolkenatlas/Cloud Atlas – vom Quartett zum Film

Als ich mich nach längerem Ringen dann doch dazu entschloss, mir einmal David Mitchels Der Wolkenatlas zu Gemüte zu führen, befürchtete ich schon halb eine ähnliche Enttäuschung wie im Falle von David Foster Wallaces Unendlicher Spaß. Ein heftig gehyptes Werk mit dezidiert als postmodern angepriesener Erzählweise, dazu noch ein Film mit durchwachsenem Ruf, ein hastig dazuproduziertes Hörbuch. Glücklicherweise hält das Leben manchmal Erfreuliches bereit. Im Gegensatz zu Unendlicher Spaß ist Der Wolkenatlas vor allem einmal: gut geschrieben.

Im Roman werden sechs Novellen, die eine Zeitspanne von bis zu 1000 Jahren innerhalb einer aus unserer entspringenden und zunehmend dystopischen Welt umspannen, durch wiederkehrende Charaktere und vorherige Novellen als „Geschichten in der Geschichte“ miteinander versponnen. Mag auch fragwürdig bleiben, ob diese Verfahrensweise eher eine Spielerei ist, oder ob sie tatsächlich den einzelnen Geschichten zusätzliche Bedeutung verleiht*1, die einzelnen Novellen würde man zumindest auch ohne den Rahmen nicht beiseite werfen, eine notwendige Bedingung um das Weiterlesen schmackhaft zu machen.

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In der einen oder anderen Weise für alle Erzählungen zentral ist das in der zweiten Erzählung Briefe aus Zedelghem von Robert Frobisher komponierte „Wolkenatlassextett“. Und an diesen, die Struktur des Romans spiegelnden Werk, über das der Komponist selbst sagt:

„Spent the fortnight gone in the music room, reworking my year’s fragments into a “sextet for overlapping soloists”: piano, clarinet, ‘cello, flute, oboe, and violin, each in its own language of key, scale, and color. In the first set, each solo is interrupted by its successor: in the second, each interruption is recontinued, in order. Revolutionary or gimmicky? Shan’t know until it’s finished, and by then it’ll be too late.“

lässt sich vielleicht ganz gut nachvollziehen, warum aus dem Film Cloud Atlas, kein dem Roman vergleichbares Werk werden konnte. Denn tatsächlich hat man für den Soundtrack das Sextett, wenn schon nicht nachkomponiert, so doch ihm eine Hommage geschaffen. Und die ist so absolut einfallslos und konträr zu allem im Roman beschriebenen, dass sie exemplarisch für alles stehen kann was heutige Komposition aus Geschichtsvergessenheit und Konzession an den Massengeschmack an den Höhepunkten moderner Musik zu verdrängen hatte:

Wir wissen, dass Frobisher alle Arten der Neuen Musik, die Wiener Schule, Debussy, Strawinsky, studiert hat. Wir wissen, dass das Sextet „Echoes of Scriabin’s White Mass, Stravinsky’s lost footprints, chromatics of the more lunar Debussy“ enthält, und dass (s.o.) uns eine Komposition aus sechs, wenn man sie hintereinander weg spielt, kaum vergleichbaren, nur hier und dort aneinander anklingenden Stimmen erwarten sollte. Eine Komposition die man sich vielleicht als Folge mehrerer unterbrochener, vorerst nicht aufgelöster, erst ganz zum Schluss einer Auflösung zustrebender Fugen vorstellen könnte, preist Frobisher doch gegenüber Lehrer Ayers seine überlegene „Kontrapunktik“. Kurz: Ein polyphones von heftigen Spannungen und angesichts der Kompositionstechnik kaum vermeidbaren Dissonanzen zehrendes Stück.

Die für den Film komponierte Hommage dagegen ist so homophon, dass monoton kaum ausreicht um die Einöde zu fassen. Zuerst gibt ein Klavier einige wenige, sich bald wiederholende uninspirierte Töne vor. Nach gut einer Minute beginnt eine Art Generalbass auf Piano die ursprüngliche Folge zu unterlegen, später spiegeln Streicher leicht versetzt und beinahe ohne jegliche Variation das immer noch fortdudelnde Klavier. Zum Finale sollen dann einige rascher angeschlagene Zwischentöne eine Variation der ansonsten noch immer unveränderten Melodie suggerieren. All das ist an Einfallslosigkeit nicht zu überbieten, und nicht damit zu entschuldigen, dass wie es das Cloud Atlas Wiki will Komponist Tom Tykwer „was tasked with the impossible – trying to bring the Cloud Atlas Sextet to life“.

Denn dass aus den spärlichen Angaben und innerhalb einer kurzen Zeitspanne kein Meisterwerk etwa vom Format der späten Quartette Schostakowitschs geschaffen wird: geschenkt. Dass aber der Geist eines Werkes so verfehlt und verfälscht wird, dass sein komplettes Gegenteil dabei herauskommt: bezeichnend.

Und wenn beim Film ähnlich gearbeitet wurde, konnte eben nur ein trauriger Zwitter aus platt und dennoch unverständlich dabei entstehen.

*1: Ich tendiere zu zweiterem, dadurch, dass alle Geschichten halb anerzählt werden und dann in absteigender Reihenfolge rückwärts aufgelöst liest man insbesondere die anfänglich realistisch daherkommenden früheren Erzählungen später deutlich mit Hinblick auf zuvor erzähltes Späteres, auch bricht in der dritten und vierten Erzählung das Narrativ, da diese womöglich nur ein Roman respektive Film innerhalb der vierten und fünften Erzählung sein könnten.

Zeit & Jungle: Die Abwehr gegen das geschlossene Werk…

Zu den Nachrufen auf den „magischen Realismus“

Im Abgesang auf den magischen Realismus, in den neben der Jungle World nun auch die Zeit einstimmt, verschafft sich wohl vor allem die instinktive Awehr gegen das seit jeher kritisch beäugte abgeschlossene Werk ausdruck. Jenes konfontiert und transzendiert die heterogene Welt in seiner zum äußersten getriebenen, über innere Widersprüche nicht schweigenden formalen Konsequenz, und brüskiert so oft genug den Leser, der sich gern im doch kaum zu Ertragenden ganz gemütlich einrichten würde. Magischer Realismus, das war fürs Feuilleton immer schon nur der Name, mit dem exotisierend alle nicht europäischen und insbesondere lateinamerikanischen Versuche belegt wurden, schöpferisch an die nie abgegoltenen Ideale der europäischen Moderne anzuschließen. Eine Reflexion darauf, was magischer Realismus eigentlich sei, ich zitiere aus einem älteren Aufsatz

„Dabei ist der Begriff, nutzt man ihn reflektiert und klebt ihn nicht einfach auf alles was nicht klingt wie Heinrich Böll, sehr treffend für eine Art zu schreiben, in der das Übernatürliche als Handlungselement in Erscheinung tritt und gleichzeitig als Metapher fungiert“,

findet nicht statt. Das von der Zeit gewählte Titelbild führt es eindrücklich vor Augen. Eine junge Frau liest Memoria de mis putas tristes von Gabriel Garcia Marquez. Ein Roman, dem absolut jeder „magische“ Aspekt abgeht, vielmehr handelt es sich um eine recht erbärmliche, vorgeblich realistische Alltherrenphantasie. Ebenso wie diesen Text schlägt man gerne das gesamte Werk von Mario Vargas Llosa dem magischen Realismus zu, obwohl kein einziger Text des Autors je an der Definition auch nur kratzt. Das gleiche gilt übrigens für die Mehrzahl der Werke von Alejo Carpentier. In jener exotisierenden Form, die das Feuilleton in ihm sucht(e), kann der Magische Realismus also gar nicht sterben, er lebte nie. Auf der anderen Seite ist er in den Werken so unterschiedlicher Autoren wie Rushdie, Pynchon, Gaiman, Ben Okri und anderer lebendig wie je. Nicht zu überraschen vermag dann auch, dass Sarah Murrenhoff in der Zeit sich nicht fähig erweist, Textbeispiele zu nennen, die mit der Tradition des lateinamerikanischen Boom deutlich brechen. Der Diktatorenroman:

„[Daniel Alarcóns] Roman Lost City Radio (2007) ist eine Parabel auf die Grausamkeit totalitärer Herrschaft, wie sie in Lateinamerika, aber auch an jedem anderen Ort der Welt aufgetreten ist oder auftreten könnte“

etwa wurde in unzähligen Variationen von magisch-realistisch (Bastos, Marquez) bis betont nüchtern (Llosa) schon von den Alten Meistern erprobt. Auch die Kurz- und Kürzesterzählung, nicht zu verwechseln mit jener literarischen Arbeitsverweigerung, die sich „Kurzgeschichte“ schimpft, hat lange Tradition. Carpentier und Llosa schufen frühe Meisterwerke, Bolano legte mehrere Bände mit Erzählungen vor, die auf wenigen Seiten ganze Romane kondensieren, und sein 2666 verknüpft im vierten Teil hunderte solcher Geschichten zu einem Ganzen. Und dann wäre da natürlich noch Jose Luis Borges…

Nun möchte ich keineswegs behaupten, es lohne nicht, die genannten neuen Autoren, die ich größtenteils noch garnicht kenne, zu lesen. Aber diese ewige Inszenierung eines radikalen Bruchs mit einem noch dazu kaum begriffenen Gegenstand taugt weder, sich dem Neuen in kritischen Bezug auf seine Traditionen verstehend anzunähern, noch zu einer adäquaten Beschäftigung mit dem sogenannten Magischen Realismus. Der eben auch kein vor allem lateinamerikanisches Phänomen ist. Noch einmal aus einem alten Text:

„Ist es nicht deutlich sinnvoller Texte die sich derartiger Stilmittel [s.o.] bedienen als magischen Realismus zu qualifizieren, und bei Bedarf eben auf die Unterschiede hinzuweisen, die dann doch Hundert Jahre Einsamkeit, Gogols Dikanka-Zyklus und z.B. Thomas Manns Joseph-Romane ( Ja, die Joseph-Romane!) trennen? “

Nazis in bundesdeutschen Amtsstuben

zu Landgericht von Ursula Krechel

Wer viel meckert, darf auch mal loben. Landgericht von Ursula Krechel ist beinahe alles, was Die Entdeckung der Currywurst nicht ist.

„Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaas’schen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna“,

so der Klappentext. In diesem Rahmen wird das Fortleben des Nationalsozialismus in den Nachkriegsinstitutionen detaillreich aufbereitet. Der rasche Wiederaufstieg ehemaliger Nazis in bundesdeutschen Amtsstuben ebenso wie in Unternehmen wird thematisiert. Einen klaren Blick wirft die Autorin unter anderem auf die antisemitisch motivierte Verfolgung und Verurteilung des Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in München, Philipp Auerbach, der im Anschluss an das Urteil Selbstmord begeht und erst viel später zähneknirschend rehabilitiert wird.

Auch die von Anfang an mit antisemitischen Ressentiments verknüpfte, und heute bekanntlichermaßen in blanken Hass umgeschlagene frühe Begeisterung für Israel deutscher Leitmedien wird anhand eines Artikels, der freundlicherweise vorschlägt Auerbach solle doch in Israel abgeurteilt werden, das schließlich Heimstatt aller Juden sei, beleuchtet. In vielfältiger Variation durchzieht das Motif, dass die „Deutschen … den Juden den Holocaust niemals verzeihen“ werden (Zvi Rex), den Roman.

All das wirkt besonders effektiv, weil Kornitzer, obwohl er als junger Beamter sehr deutlich die umfassende antisemitische Stimmung der Weimarer Republik erfahren hat, sehr bestrebt ist sich mustergültig im Nachkriegsdeutschland zu integrieren, und dafür bereit ist über zahlreiche Ungeheuerlichkeiten hinwegzusehen. Erst der lange fruchtlose Kampf um Reparationen nach dem Bundesentschädigungsgesetz sorgt für einen späten, vielleicht zu späten, Geistesumschwung. Dieser wiederum belastet das sowieso schwierige Verhältnis zu den Kindern, die zwischen starker Affirmation und Ablehnung ihrer (nach den Nürnberger Gesetzen) jüdischen Herkunft schwanken. Ganz nebenbei wird in Landgericht derweil auch noch die Gruppe 47 ins rechte Licht gerückt, und deren Angriffe auf Emigranten, insbesondere auf Paul Celan, die in der ruhmreichen Geschichte der „Stunde Null“ und alles weiteren viel zu selten Erwähnung finden.

Schade nur, dass auch Krechels Roman sprachlich im Großen und Ganzen wie ein Werk daherkommt, dass in dieser Gruppe hätte entstanden sein können.

Sorry, Herr Grass

Die Currywurst, oder „Schlimmer geht immer“.

Von allen Entschuldungspamphleten, die die deutschsprachige Vergangenheitsbewältigungsliteratur hervorgebracht hat, ist Uwe Timms Die Entdeckung der Currywurst womöglich das erbärmlichste. Der Text kommt literarisch wie geschichtsphilosophisch dermaßen unbedarft daher, dass man sich bemüßigt fühlt SS-Günni Grass, Keulenmartin Walser, Böll und all den anderen förmliche Entschuldigungen für früherer Kritiken zukommen zu lassen. Timm präsentiert sein Currywurstdeutschland als einen Hort des subtilen Widerstands, da feierte der Kantinenchef deutsche Niederlagen, indem er Nazigrößen Magenverstimmungen beibringt, allenthalben führt man kleine Witzeleien über den Führer im Mund, und dass der Krieg eine schreckliche Sache sei, die viel Leid auch über die armen Deutschen bringe, ist für die meisten der zahlreichen sympathisch gezeichnet Haupt- und Nebencharaktere des Romans immer schon eine klare Sache. Und aus den Munitionsfabriken kommen natürlich immer öfter Blindgänger – seit 1993 darf man in jedem Deutschen einen kleinen Schindler sehen.

Wo es in diesem Bild zu Dissonanzen kommen könnte, etwa angesichts eines Blockwartes, der nicht denunziert, einer „unbescholtenen Bürgerin“ aber, die denunziert, wird das schnell übergangen. Auch die Frage, warum es angesichts einer kriegsmüden und nazifeindlichen Bevölkerung nötig war, Deutschland Stadt für Stadt zu erobern, kommt nicht auf. Und erzählerisch geht Timm mit seinem Roman keine Risiken ein. Die Geschichte vom Ende des Krieges und der Stunde Null erzählt eine Hamburger Kleinunternehmerin, die den namenlosen Icherzähler, eingebettete in eine Rahmenhandlung, über die titelgebende Erfindung der Currywurst aufklären soll. Sie ist eine denkbar sympathisch gezeichnete alte Frau, die zwar zeitweise Sympathien für einen Wehrmachtssoldaten hegte, aber gerade weil sie nicht darüber schweigt als Musterbild einer anständigen Deutschen daherkommt. Ansonsten steht sie dem NS schon immer kritisch gegenüber, zeigt sich offen für Neues und arbeitet mit an der wunderbaren multikulturellen Realität der Nachkriegsordnung (die Currywurst, großes Ausrufezeichen!).

Das immerhin wäre großartiger Stoff für eine Satire, die Currywurst als das größtmögliche Maß an der Weltoffenheit, derer dieses Deutschland fähig ist. Aber pustekuchen: Currywurstdeutschland, für mich immerzu mit „Hol mir ma ne Flasche Bier“ – Schröder assoziiert, wird affimiert. Es ist tatsächlich das Ideal eines anderen Deutschland, das im Roman hochgehalten wird:

„Ahh. Alibaba und die 40 Räuber! Rose von Stambul! Das Paradies!“

Ja, dem geliebten Wehrmachtssoldaten der Currywursterfinderin Brückner, der bis ganz zum Schluss von einem gemeinsamen Kampf der Wehrmacht und der englischen und amerikanischen Truppen gegen die Sowjetunion träumt, rettet der exotische Gaumenschmaus sogar den lange verlorenen Geschmack.

Sehr bezeichnend in diesem Zusammenhang auch die Glorifizierung des Nachkriegstauschhandels und der Zigarettenwährung, deren „Gebrauchswert“ tatsächlich explizit als erdendes Element des Tausches gelobt wird. Deutsche Eigentlichkeit:

„Es war eben nicht alles festgelegt durch Geld“.

In welchem Maß hierbei der gleiche gegen Hochfinanz und Plutokatie gerichtete Fetischismus bedient wird, wie in der Hetze gegen jüdisches Kapital und englischen Liberalismus kann sich nur den wenigen Lesern erschließen, die sich mit der Thematik schon intensiv auseinander gesetzt haben, keineswegs aber der Zielgruppe, die der Roman seiner Anlage nach nahelegt. Kein Wunder dann auch, dass der Holocaust spät und wie von außen ins heitere Andere Deutschland einbricht – geschickter noch als in der Blechtrommel, wo man die Abwesenheit der industriellen Massenvernichtung zumindest immer wieder spüren dürfte, wird der Genozid hier entschärft, indem er als kaum bemerktes Grauen in die Peripherie gerückt wird. Und bei alldem tritt Die Entdeckung der Currywurst, erschienen immerhin erst 1993, als ein jämmerliches Stück Naturalismus auf, dem auch noch alle, wie immer gescheiterten, Versuche etwa eines Katz und Maus oder der Blechtrommel abgehen, zumindest sprachlich verfremdend in irgendeiner Weise auf den Zivilisationsbruch zu reagieren.

Nein: über den Nationalsozialismus lässt man eine über allen Zweifel erhabene (wichtig!) Frau (assoziiert man mit Unschuld und Trümmerfrauen) im sympathisch schnodderigen Hamburger Dialekt (klingt irgendwie süß!) sprechen, die allerdings in der Hörbuchfassung (List der Vernunft), gesprochen von Uwe Friedrichsen, dann ein wenig an Otto Waalkes erinnert, was die Sache doch etwas ins Lächerliche zieht.

Verrohung am Beispiel der Achse des Guten

Oder: Für die Nachwelt aufzubewahren. Empirisches Anschauungsmaterial zur Dialektik der Aufklärung.

Dass der klassische aufklärerische Liberalismus, da ihm längst jede gesellschaftliche/ökonomische Grundlage fehlt, eine heute allerhöchstens immer mal wieder aufflackernde fragile Haltung sein kann, wurde hier schon dargelegt. Ebenso, dass der real existierende Liberalismus im Großen und Ganzen eine Tendenz aufweisen muss sich zum Erhalt seiner ideologischen Grundlagen mit konservativen und reaktionären Kräften zu verbünden oder sozialdemokratisch im Sozialliberalismus aufzugehen, dass er also auf die Selbstliquidation drängt.

Gewiss kann man sich auch eine Zeit lang als einsamer Rufer in der Wüste gerieren, doch wird man dessen irgendwann müde. Kein Wunder, der aufklärerische Liberalismus ist die Ideologie des revolutionären Bürgertums, die des siegreichen Bürgertums muss ab einem gewissen Moment mehrheitlich Besitzstandswahrend werden. Eine Aufklärung, die auf die ihr immanente Dialektik zu reflektieren verweigert (vgl.), selbst noch dort wo sie mit der Nase darauf gestoßen wird unterminiert sich selbst. Sie keult gegen die zersetzenden Kritiker und steht dann mit einem Bein schon im völkischen Lager.

Derartige Tendenzen sind seit Jahren nun auch auf dem erfolgreichen, erklärt liberalen, Webblog Die Achse des Guten zu beobachten. Diesem konnte man über längere Zeit den Kampf gegen Islamismus und grassierende Israelfeindlichkeit trotz eines schon immer etwas hysterischen Tonfalls im Großen und Ganzen abnehmen. So durchwachsen auch die Ergebnisse, der Versuch sich traditionell liberal und vernunftorientiert aufzustellen (und nicht etwa rationalitätskritisch neoliberal) durfte ernst genommen werden.
Doch was zu erwarten war, geschah: Die schrillen Pöbler, die Angstbeißer, der elitäre Mob gewannen immer weiter an Raum, vorsichtigere Stimmen zogen sich teils in wortgewaltigen Rückzugsgefechten (Kaufmann gegen Pirincci) zurück, stahlen sich teils auch in aller Stille davon. Die generelle Tendenz der Achse kritisiert nun mit Miteigentümer Michael Miersch auch ein Autor, den man schon nicht mehr wirklich zu den Florettfechtern des Kantschen Denkmodells zählen kann, ein gemäßigter Rammbock den (und dessen bessere Hälfte) Felix Bartels vor kurzem im Neuen Deutschland übrigens ganz schön zerpflückt hat. Diese Miersch erklärt nun seinen Abschied von der Achse des Guten, und begründet:

„Das politische Spektrum in Deutschland verengt sich auf zwei Pole: Die, die ein Problem mit dem Islam abstreiten und am „Elefanten im Zimmer“ vorbei gucken. Und die, deren Antwort auf die islamische Herausforderung lautet: Scharen wir uns um Kreuz und Fahne und verteidigen wir unsere deutsche Identität. Liberale und differenzierte Positionen werden davon überrollt. Kürzlich schrieb eine Leser: „Das Traurige ist für mich, dass es weder eine linke Gesellschaftsströmung von irgendeiner Relevanz gibt, die mit einem aufklärerischen Impuls Massen begeistert, noch eine konservative Strömung, die die westlichen Werte populär verteidigen kann. Links hat sich als esoterisch-evangelisches Beamtentum etabliert, rechts als besserverdienendes Ignorantentum.“ Diese Kurz-Analyse bringt es auf den Punkt. “

Und:

„Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass massenweise Leser aus dem AfD-Pegida-Umfeld angezogen wurden, die sich auf den Leser-Kommentarseiten der Achse entfalten. Viele dieser Leser-Kommentare können wegen ihrer Wortwahl und ihrem offenen zu Schau getragenen Hass gar nicht erst veröffentlicht werden. Sie verhöhnen Autoren wegen ihrer nicht deutsch klingenden Namen und wüten gegen alles, was nicht in ihr geschlossenes Weltbild passt.

Im Laufe meines Journalistenlebens habe ich viele Hass-Mails bekommen (vornehmlich von Islamisten, Tierrechtlern und Öko-Fanatikern). Die Mails der vergangenen Monate haben deren aggressive Geistesarmut noch unterboten. Das ist eine schmerzliche Entwicklung. Zumal gerade die Achse sich zuvor durch viele differenzierte und kenntnisreiche Leser-Kommentare auszeichnete. Ich bekam auch einige (aber im Verhältnis zu Welle der Hass-Mails wenige) E-Mails von Lesern, die sich um den Kurs der Achse Sorgen machen. Allerdings meist mit dem Vermerk, sie nicht als Leser-Kommentare zu veröffentlichen, weil man sich nicht beschimpfen und anpöbeln lassen möchte. Darunter auch welche von Lesern aus Dresden, die die Sympathie einiger Autoren für die dortigen Abendland-Demonstranten nicht fassen konnten“.

Das dürfte es für die weitreichendste liberale Publikation im deutschsprachigen Raum dann endgültig gewesen sein. Einen ähnlichen Weg gingen schon das einst lesenswerte Webblog Zettels Raum, mit dem ich zwar selten übereinstimmte, das aber immer wieder klug argumentiert interessante Perspektiven aufzeigte und die liberale Zeitschrift Novo-Argumente, die Verfasser kritischer Kommentare mittlerweile gern auch mal beschimpft.

Angesichts des weiteren Niedergangs von allem, was sich noch liberal nennt, stellt sich eigentlich nur noch eine entscheidende Frage:

Was wird nun bloß aus Dirk Maxeiner werden?

Mehr zur Achse.

Buchempfehlung: El Acoso von Alejo Carpentier

Mit El Acoso von Alejo Carpentier verbindet mich eine besondere Beziehung. Die kleine Novelle ergatterte ich auf einen Bücherflohmarkt in den Ramblas von Barcelona, wo ich vor vielen Jahren trampend hingelangte. Ich verschlang die Geschichte auf dem Rückweg, wobei sie sich mit all den Eindrücken der lebhaften Großstadt vermischte, und vergaß – das macht die Schlaflosigkeit bei dieser Art zu reisen – bald wieder was ich gelesen hatte. Ich hatte das Büchlein noch mehrmals unterwegs dabei, las immer wieder begeistert, und vergaß.

El Acoso ist eine Erzählung von kaum hundert Seiten, deren Erzählzeit während der 46 Minuten einer Aufführung von Beethovens Eroica unerbittlich abläuft. Ein Mann hat sich in den Konzertsaal geflohen und erinnert sich. Diese Erinnerung fassen andere besser zusammen als ich:

„The story centers on a young man, anonymous throughout the text, who leaves his hometown, „Sancti Spiritus,“ located in the central Cuban province of Santa Clara, to study in Habana. The young man favors a communist solution to the political situation of the time and joins with violent- action groups against the dictatorship. He learns urban guerrilla war tactics, the methods of a man of action: how to handle fire arms, construct bombs and deliver booby traps by mail and more. He dedicates himself unconditionally to the cause, and yet because he is an idealist, he allows himself to be exploited and betrayed by the people he wants to help. He is asked to deliver a package that is really a bomb placed in a book. When the book is opened, it explodes and kills two people.

The young student is arrested, and to avoid castration by government forces, he informs „canta“ on his fellow revolutionaries (…) Because of his denunciation, members of the political action groups are murdered where they are hiding.

The young man is released but condemned to death by the underground groups. He hides and is finally found by his pursuers in a cafe. The young man runs away and enters a concert hall where the „Eroica,“ Beethoven’s third symphony, is being performed. As the „acosado,“ the hunted student sits and listens to Beethoven’s third in this temporary sanctuary. He relives his life up to the present moment“

Alejandro Morales schreibt über dieses Werk:

„Scholars of Latin American literature have identified Alejo Carpentier’s „The Chase“ as the missing link between Borges and the current boom in Latin American fiction. There is no doubt that Carpentier’s work merits this high praise. Carlos Fuentes has pointed out that „Alejo Carpentier transformed the Latin American novel. He transcended naturalism and invented magical realism. He took the language of the Spanish baroque and made it imagine a world where literature does not imitate reality, but, rather, adds to reality. It is good to know that „The Chase“ is in English at last. We welcome back our father and his bounty: We owe him the heritage of a language and an imagination. We are all his descendants.“ “

Und zurecht. El Acoso ist meisterhaft komponiert, ein weiteres Musterbeispiel für jene modernen Romane, die mit musikalischen Verfahrensweisen ein Thema bewältigen. Alle Motive, Flucht, Verfolgung, das begehrend taxierende Spiel der Blicke, der Verfolgende als Getriebener, und nicht zuletzt das aufklärerische Ideal, die revolutionäre Hoffnung und die brutale Logik des bewaffneten Kampfes, scheinen bereits in der Exposition momentan auf, um dann im Hauptteil entwickelt zu werden. Als Coda fungiert der nur wenige Seiten umfassende dritte Teil, in dem sich, zurück im Konzertsaal, da die Zuhörer gerade die Ränge verlassen, das Schicksal des Protagonisten entscheidet.

Unbedingt lesenswert.

Ich zumindest bin zuversichtlich dass sich El Acoso mir nun so tief ins Hirn gegraben hat, dass ich es so schnell nicht wieder vergessen werde.

Bin ich Charlie Hebdo? Seid ihr’s?

Stück über Mut und Gratismut

Dass der aller Wahrscheinlichkeit nach von Islamisten verübte mörderische Angriff auf die Redaktionsräumen der französischen Zeitschrift Charlie Hebdo ein barbarischer Akt gegen Meinungsfreiheit, Freiheit überhaupt, die Ideale der Aufklärung, vor allem aber auch, man vergisst das gern, gegen Menschen, die man allzuschnell unter heren Idealen begräbt – muss man darauf überhaupt noch hinweisen?

Womöglich schon. Zum ersten Mal bei einem Anschlag dieser Art ertappe ich mich dabei, wie es mich kaum berührt. Lange bevor sich begrifflich ansatzweise erschließen ließ, was dort eigentlich geschehen ist, stellt sich ein Gefühl des „da ist es nun“, oder „ja, das war leider zu erwarten“ ein. Ich will nur dazu hier einige Worte verlieren, da man über islamistischen Terrorismus längst wissen sollte, was man wissen muss, und mir jenseits des Bekannten die Worte fehlen.

Denn wie sehr man sich daran gewöhnt, mit der Gefahr solcher Anschläge leben zu müssen, wie ritualisiert entsprechend die Auseinandersetzung damit, die Reaktion darauf abläuft, das ist neben den brutalen Morden die andere Seite des Terrorismus, die verunsichern sollte.

So kommt etwa kein Bericht in deutschen Medien ohne Reflexhaften Hinweis darauf aus, dass der Anschlag Wasser auf die Mühlen der PEGIDA und anderer fremdenfeindlicher Strömungen sei. Das Neue Deutschland schreibt auf Facebook sogar „Widerlich: ‪#‎Pegida‬ benutzt Opfer von Anschlag auf ‪#‎CharlieHebdo‬ für neuen Demo-Aufruf “. Einmal mehr scheint die Tat selbst zurückstehen zu müssen hinter den Reaktionen, die sie womöglich auslösen könnte. Dabei hat es einen Grund, dass der Anschlag PEGIDA in die Hände spielen könnte, und dieser hat einiges damit zu tun, dass gerade die Presseorgane, die nun den „barbarischen Akt gegen die Meinungsfreiheit“ beklagen, in der Mehrheit Religionskritik im Falle des Islam gern in die rechte Ecke gestellt haben.

Entsprechend Bauchweh bereitet mir daher auch die „Je suis Charlie Hebdo“ Bewegung, die unter anderem auf Facebook und Twitter losgetreten wurde, und mit der Mittwochabend die Online-Präsenzen der meisten Zeitungen aufmachten. In meinem erweiterten Bekanntenkreis schmücken sich Menschen mit dem Logo, denen kaum eine Antiisraelische Demagogie zu plump ist, die Ayaan Hirsi Ali eine „islamophobe“ Brandstifterin schimpfen, denen angesichts einer Lage, in der viele Juden Europa aus Angst vor Übergriffen und Anschlägen verlassen, vor allem einfällt, dass „Islamophobie“ der neue Antisemitismus sei, und die Kurt Westergaard als einen Provokateur erachten, der an den mörderischen Kravallen lange nach der ersten Veröffentlichung seiner Mohamed-Karrikatur zumindest mitschuldig ist.

All das Positionen, die auch immer wieder in Zeit, Taz, Süddeutsche und vielen weiteren Publikationen vertreten werden, die nun Charlie Hebdo „sind“.

Was angesichts des „Everybody draw Mohamed Day“ noch als ernsthafte Solidaritätserklärung verstanden werden konnte, immerhin exponierten sich die Solidarischen durch eine Zeichnung selbst, wird diesmal zur Farce. Nein, ihr, die ihr regelmäßig zu allererst die Kritiker des Islam mit Schmähungen überzieht, die ihr so oft die Schuld bei den Opfern gesucht habt und selbst eben nicht den Mut habt euch wenigstens mit spitzer Feder den islamistischen Mörderbanden in den Weg zu stellen, die ihr vor kurzem noch alles in eurer Macht stehende tatet, um Waffenlieferungen nach Kobane oder eine amerikanische Intervention zu verhindern, ihr seid nicht Charlie Hebdo. Und auch ich nicht, denn ob ich, hätte die Möglichkeit bestanden, entsprechend deutliches mit meinem Namen signiert reichweitenstark veröffentlicht hätte, das steht in den Sternen. All das ist nicht weiter schlimm, derartiger Mut grenzt an Wahnsinn, und oft erlaubt man ihn sich nur, wenn man die Konsequenzen nicht wirklich abschätzen kann. Doch sollte man dann vielleicht auch beiseitstehen, wenn im Schutze der Masse Gratismut verteilt wird. „Solidarität mit Charlie Hebdo“ statt diesem markigen „Ich bin Charlie Hebdo“ täte es ja vielleicht auch.