Zeit & Jungle: Die Abwehr gegen das geschlossene Werk…

Zu den Nachrufen auf den „magischen Realismus“

Im Abgesang auf den magischen Realismus, in den neben der Jungle World nun auch die Zeit einstimmt, verschafft sich wohl vor allem die instinktive Awehr gegen das seit jeher kritisch beäugte abgeschlossene Werk ausdruck. Jenes konfontiert und transzendiert die heterogene Welt in seiner zum äußersten getriebenen, über innere Widersprüche nicht schweigenden formalen Konsequenz, und brüskiert so oft genug den Leser, der sich gern im doch kaum zu Ertragenden ganz gemütlich einrichten würde. Magischer Realismus, das war fürs Feuilleton immer schon nur der Name, mit dem exotisierend alle nicht europäischen und insbesondere lateinamerikanischen Versuche belegt wurden, schöpferisch an die nie abgegoltenen Ideale der europäischen Moderne anzuschließen. Eine Reflexion darauf, was magischer Realismus eigentlich sei, ich zitiere aus einem älteren Aufsatz

„Dabei ist der Begriff, nutzt man ihn reflektiert und klebt ihn nicht einfach auf alles was nicht klingt wie Heinrich Böll, sehr treffend für eine Art zu schreiben, in der das Übernatürliche als Handlungselement in Erscheinung tritt und gleichzeitig als Metapher fungiert“,

findet nicht statt. Das von der Zeit gewählte Titelbild führt es eindrücklich vor Augen. Eine junge Frau liest Memoria de mis putas tristes von Gabriel Garcia Marquez. Ein Roman, dem absolut jeder „magische“ Aspekt abgeht, vielmehr handelt es sich um eine recht erbärmliche, vorgeblich realistische Alltherrenphantasie. Ebenso wie diesen Text schlägt man gerne das gesamte Werk von Mario Vargas Llosa dem magischen Realismus zu, obwohl kein einziger Text des Autors je an der Definition auch nur kratzt. Das gleiche gilt übrigens für die Mehrzahl der Werke von Alejo Carpentier. In jener exotisierenden Form, die das Feuilleton in ihm sucht(e), kann der Magische Realismus also gar nicht sterben, er lebte nie. Auf der anderen Seite ist er in den Werken so unterschiedlicher Autoren wie Rushdie, Pynchon, Gaiman, Ben Okri und anderer lebendig wie je. Nicht zu überraschen vermag dann auch, dass Sarah Murrenhoff in der Zeit sich nicht fähig erweist, Textbeispiele zu nennen, die mit der Tradition des lateinamerikanischen Boom deutlich brechen. Der Diktatorenroman:

„[Daniel Alarcóns] Roman Lost City Radio (2007) ist eine Parabel auf die Grausamkeit totalitärer Herrschaft, wie sie in Lateinamerika, aber auch an jedem anderen Ort der Welt aufgetreten ist oder auftreten könnte“

etwa wurde in unzähligen Variationen von magisch-realistisch (Bastos, Marquez) bis betont nüchtern (Llosa) schon von den Alten Meistern erprobt. Auch die Kurz- und Kürzesterzählung, nicht zu verwechseln mit jener literarischen Arbeitsverweigerung, die sich „Kurzgeschichte“ schimpft, hat lange Tradition. Carpentier und Llosa schufen frühe Meisterwerke, Bolano legte mehrere Bände mit Erzählungen vor, die auf wenigen Seiten ganze Romane kondensieren, und sein 2666 verknüpft im vierten Teil hunderte solcher Geschichten zu einem Ganzen. Und dann wäre da natürlich noch Jose Luis Borges…

Nun möchte ich keineswegs behaupten, es lohne nicht, die genannten neuen Autoren, die ich größtenteils noch garnicht kenne, zu lesen. Aber diese ewige Inszenierung eines radikalen Bruchs mit einem noch dazu kaum begriffenen Gegenstand taugt weder, sich dem Neuen in kritischen Bezug auf seine Traditionen verstehend anzunähern, noch zu einer adäquaten Beschäftigung mit dem sogenannten Magischen Realismus. Der eben auch kein vor allem lateinamerikanisches Phänomen ist. Noch einmal aus einem alten Text:

„Ist es nicht deutlich sinnvoller Texte die sich derartiger Stilmittel [s.o.] bedienen als magischen Realismus zu qualifizieren, und bei Bedarf eben auf die Unterschiede hinzuweisen, die dann doch Hundert Jahre Einsamkeit, Gogols Dikanka-Zyklus und z.B. Thomas Manns Joseph-Romane ( Ja, die Joseph-Romane!) trennen? “

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Sorry, Herr Grass

Die Currywurst, oder „Schlimmer geht immer“.

Von allen Entschuldungspamphleten, die die deutschsprachige Vergangenheitsbewältigungsliteratur hervorgebracht hat, ist Uwe Timms Die Entdeckung der Currywurst womöglich das erbärmlichste. Der Text kommt literarisch wie geschichtsphilosophisch dermaßen unbedarft daher, dass man sich bemüßigt fühlt SS-Günni Grass, Keulenmartin Walser, Böll und all den anderen förmliche Entschuldigungen für früherer Kritiken zukommen zu lassen. Timm präsentiert sein Currywurstdeutschland als einen Hort des subtilen Widerstands, da feierte der Kantinenchef deutsche Niederlagen, indem er Nazigrößen Magenverstimmungen beibringt, allenthalben führt man kleine Witzeleien über den Führer im Mund, und dass der Krieg eine schreckliche Sache sei, die viel Leid auch über die armen Deutschen bringe, ist für die meisten der zahlreichen sympathisch gezeichnet Haupt- und Nebencharaktere des Romans immer schon eine klare Sache. Und aus den Munitionsfabriken kommen natürlich immer öfter Blindgänger – seit 1993 darf man in jedem Deutschen einen kleinen Schindler sehen.

Wo es in diesem Bild zu Dissonanzen kommen könnte, etwa angesichts eines Blockwartes, der nicht denunziert, einer „unbescholtenen Bürgerin“ aber, die denunziert, wird das schnell übergangen. Auch die Frage, warum es angesichts einer kriegsmüden und nazifeindlichen Bevölkerung nötig war, Deutschland Stadt für Stadt zu erobern, kommt nicht auf. Und erzählerisch geht Timm mit seinem Roman keine Risiken ein. Die Geschichte vom Ende des Krieges und der Stunde Null erzählt eine Hamburger Kleinunternehmerin, die den namenlosen Icherzähler, eingebettete in eine Rahmenhandlung, über die titelgebende Erfindung der Currywurst aufklären soll. Sie ist eine denkbar sympathisch gezeichnete alte Frau, die zwar zeitweise Sympathien für einen Wehrmachtssoldaten hegte, aber gerade weil sie nicht darüber schweigt als Musterbild einer anständigen Deutschen daherkommt. Ansonsten steht sie dem NS schon immer kritisch gegenüber, zeigt sich offen für Neues und arbeitet mit an der wunderbaren multikulturellen Realität der Nachkriegsordnung (die Currywurst, großes Ausrufezeichen!).

Das immerhin wäre großartiger Stoff für eine Satire, die Currywurst als das größtmögliche Maß an der Weltoffenheit, derer dieses Deutschland fähig ist. Aber pustekuchen: Currywurstdeutschland, für mich immerzu mit „Hol mir ma ne Flasche Bier“ – Schröder assoziiert, wird affimiert. Es ist tatsächlich das Ideal eines anderen Deutschland, das im Roman hochgehalten wird:

„Ahh. Alibaba und die 40 Räuber! Rose von Stambul! Das Paradies!“

Ja, dem geliebten Wehrmachtssoldaten der Currywursterfinderin Brückner, der bis ganz zum Schluss von einem gemeinsamen Kampf der Wehrmacht und der englischen und amerikanischen Truppen gegen die Sowjetunion träumt, rettet der exotische Gaumenschmaus sogar den lange verlorenen Geschmack.

Sehr bezeichnend in diesem Zusammenhang auch die Glorifizierung des Nachkriegstauschhandels und der Zigarettenwährung, deren „Gebrauchswert“ tatsächlich explizit als erdendes Element des Tausches gelobt wird. Deutsche Eigentlichkeit:

„Es war eben nicht alles festgelegt durch Geld“.

In welchem Maß hierbei der gleiche gegen Hochfinanz und Plutokatie gerichtete Fetischismus bedient wird, wie in der Hetze gegen jüdisches Kapital und englischen Liberalismus kann sich nur den wenigen Lesern erschließen, die sich mit der Thematik schon intensiv auseinander gesetzt haben, keineswegs aber der Zielgruppe, die der Roman seiner Anlage nach nahelegt. Kein Wunder dann auch, dass der Holocaust spät und wie von außen ins heitere Andere Deutschland einbricht – geschickter noch als in der Blechtrommel, wo man die Abwesenheit der industriellen Massenvernichtung zumindest immer wieder spüren dürfte, wird der Genozid hier entschärft, indem er als kaum bemerktes Grauen in die Peripherie gerückt wird. Und bei alldem tritt Die Entdeckung der Currywurst, erschienen immerhin erst 1993, als ein jämmerliches Stück Naturalismus auf, dem auch noch alle, wie immer gescheiterten, Versuche etwa eines Katz und Maus oder der Blechtrommel abgehen, zumindest sprachlich verfremdend in irgendeiner Weise auf den Zivilisationsbruch zu reagieren.

Nein: über den Nationalsozialismus lässt man eine über allen Zweifel erhabene (wichtig!) Frau (assoziiert man mit Unschuld und Trümmerfrauen) im sympathisch schnodderigen Hamburger Dialekt (klingt irgendwie süß!) sprechen, die allerdings in der Hörbuchfassung (List der Vernunft), gesprochen von Uwe Friedrichsen, dann ein wenig an Otto Waalkes erinnert, was die Sache doch etwas ins Lächerliche zieht.

Verrohung am Beispiel der Achse des Guten

Oder: Für die Nachwelt aufzubewahren. Empirisches Anschauungsmaterial zur Dialektik der Aufklärung.

Dass der klassische aufklärerische Liberalismus, da ihm längst jede gesellschaftliche/ökonomische Grundlage fehlt, eine heute allerhöchstens immer mal wieder aufflackernde fragile Haltung sein kann, wurde hier schon dargelegt. Ebenso, dass der real existierende Liberalismus im Großen und Ganzen eine Tendenz aufweisen muss sich zum Erhalt seiner ideologischen Grundlagen mit konservativen und reaktionären Kräften zu verbünden oder sozialdemokratisch im Sozialliberalismus aufzugehen, dass er also auf die Selbstliquidation drängt.

Gewiss kann man sich auch eine Zeit lang als einsamer Rufer in der Wüste gerieren, doch wird man dessen irgendwann müde. Kein Wunder, der aufklärerische Liberalismus ist die Ideologie des revolutionären Bürgertums, die des siegreichen Bürgertums muss ab einem gewissen Moment mehrheitlich Besitzstandswahrend werden. Eine Aufklärung, die auf die ihr immanente Dialektik zu reflektieren verweigert (vgl.), selbst noch dort wo sie mit der Nase darauf gestoßen wird unterminiert sich selbst. Sie keult gegen die zersetzenden Kritiker und steht dann mit einem Bein schon im völkischen Lager.

Derartige Tendenzen sind seit Jahren nun auch auf dem erfolgreichen, erklärt liberalen, Webblog Die Achse des Guten zu beobachten. Diesem konnte man über längere Zeit den Kampf gegen Islamismus und grassierende Israelfeindlichkeit trotz eines schon immer etwas hysterischen Tonfalls im Großen und Ganzen abnehmen. So durchwachsen auch die Ergebnisse, der Versuch sich traditionell liberal und vernunftorientiert aufzustellen (und nicht etwa rationalitätskritisch neoliberal) durfte ernst genommen werden.
Doch was zu erwarten war, geschah: Die schrillen Pöbler, die Angstbeißer, der elitäre Mob gewannen immer weiter an Raum, vorsichtigere Stimmen zogen sich teils in wortgewaltigen Rückzugsgefechten (Kaufmann gegen Pirincci) zurück, stahlen sich teils auch in aller Stille davon. Die generelle Tendenz der Achse kritisiert nun mit Miteigentümer Michael Miersch auch ein Autor, den man schon nicht mehr wirklich zu den Florettfechtern des Kantschen Denkmodells zählen kann, ein gemäßigter Rammbock den (und dessen bessere Hälfte) Felix Bartels vor kurzem im Neuen Deutschland übrigens ganz schön zerpflückt hat. Diese Miersch erklärt nun seinen Abschied von der Achse des Guten, und begründet:

„Das politische Spektrum in Deutschland verengt sich auf zwei Pole: Die, die ein Problem mit dem Islam abstreiten und am „Elefanten im Zimmer“ vorbei gucken. Und die, deren Antwort auf die islamische Herausforderung lautet: Scharen wir uns um Kreuz und Fahne und verteidigen wir unsere deutsche Identität. Liberale und differenzierte Positionen werden davon überrollt. Kürzlich schrieb eine Leser: „Das Traurige ist für mich, dass es weder eine linke Gesellschaftsströmung von irgendeiner Relevanz gibt, die mit einem aufklärerischen Impuls Massen begeistert, noch eine konservative Strömung, die die westlichen Werte populär verteidigen kann. Links hat sich als esoterisch-evangelisches Beamtentum etabliert, rechts als besserverdienendes Ignorantentum.“ Diese Kurz-Analyse bringt es auf den Punkt. “

Und:

„Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass massenweise Leser aus dem AfD-Pegida-Umfeld angezogen wurden, die sich auf den Leser-Kommentarseiten der Achse entfalten. Viele dieser Leser-Kommentare können wegen ihrer Wortwahl und ihrem offenen zu Schau getragenen Hass gar nicht erst veröffentlicht werden. Sie verhöhnen Autoren wegen ihrer nicht deutsch klingenden Namen und wüten gegen alles, was nicht in ihr geschlossenes Weltbild passt.

Im Laufe meines Journalistenlebens habe ich viele Hass-Mails bekommen (vornehmlich von Islamisten, Tierrechtlern und Öko-Fanatikern). Die Mails der vergangenen Monate haben deren aggressive Geistesarmut noch unterboten. Das ist eine schmerzliche Entwicklung. Zumal gerade die Achse sich zuvor durch viele differenzierte und kenntnisreiche Leser-Kommentare auszeichnete. Ich bekam auch einige (aber im Verhältnis zu Welle der Hass-Mails wenige) E-Mails von Lesern, die sich um den Kurs der Achse Sorgen machen. Allerdings meist mit dem Vermerk, sie nicht als Leser-Kommentare zu veröffentlichen, weil man sich nicht beschimpfen und anpöbeln lassen möchte. Darunter auch welche von Lesern aus Dresden, die die Sympathie einiger Autoren für die dortigen Abendland-Demonstranten nicht fassen konnten“.

Das dürfte es für die weitreichendste liberale Publikation im deutschsprachigen Raum dann endgültig gewesen sein. Einen ähnlichen Weg gingen schon das einst lesenswerte Webblog Zettels Raum, mit dem ich zwar selten übereinstimmte, das aber immer wieder klug argumentiert interessante Perspektiven aufzeigte und die liberale Zeitschrift Novo-Argumente, die Verfasser kritischer Kommentare mittlerweile gern auch mal beschimpft.

Angesichts des weiteren Niedergangs von allem, was sich noch liberal nennt, stellt sich eigentlich nur noch eine entscheidende Frage:

Was wird nun bloß aus Dirk Maxeiner werden?

Mehr zur Achse.

Buchempfehlung: El Acoso von Alejo Carpentier

Mit El Acoso von Alejo Carpentier verbindet mich eine besondere Beziehung. Die kleine Novelle ergatterte ich auf einen Bücherflohmarkt in den Ramblas von Barcelona, wo ich vor vielen Jahren trampend hingelangte. Ich verschlang die Geschichte auf dem Rückweg, wobei sie sich mit all den Eindrücken der lebhaften Großstadt vermischte, und vergaß – das macht die Schlaflosigkeit bei dieser Art zu reisen – bald wieder was ich gelesen hatte. Ich hatte das Büchlein noch mehrmals unterwegs dabei, las immer wieder begeistert, und vergaß.

El Acoso ist eine Erzählung von kaum hundert Seiten, deren Erzählzeit während der 46 Minuten einer Aufführung von Beethovens Eroica unerbittlich abläuft. Ein Mann hat sich in den Konzertsaal geflohen und erinnert sich. Diese Erinnerung fassen andere besser zusammen als ich:

„The story centers on a young man, anonymous throughout the text, who leaves his hometown, „Sancti Spiritus,“ located in the central Cuban province of Santa Clara, to study in Habana. The young man favors a communist solution to the political situation of the time and joins with violent- action groups against the dictatorship. He learns urban guerrilla war tactics, the methods of a man of action: how to handle fire arms, construct bombs and deliver booby traps by mail and more. He dedicates himself unconditionally to the cause, and yet because he is an idealist, he allows himself to be exploited and betrayed by the people he wants to help. He is asked to deliver a package that is really a bomb placed in a book. When the book is opened, it explodes and kills two people.

The young student is arrested, and to avoid castration by government forces, he informs „canta“ on his fellow revolutionaries (…) Because of his denunciation, members of the political action groups are murdered where they are hiding.

The young man is released but condemned to death by the underground groups. He hides and is finally found by his pursuers in a cafe. The young man runs away and enters a concert hall where the „Eroica,“ Beethoven’s third symphony, is being performed. As the „acosado,“ the hunted student sits and listens to Beethoven’s third in this temporary sanctuary. He relives his life up to the present moment“

Alejandro Morales schreibt über dieses Werk:

„Scholars of Latin American literature have identified Alejo Carpentier’s „The Chase“ as the missing link between Borges and the current boom in Latin American fiction. There is no doubt that Carpentier’s work merits this high praise. Carlos Fuentes has pointed out that „Alejo Carpentier transformed the Latin American novel. He transcended naturalism and invented magical realism. He took the language of the Spanish baroque and made it imagine a world where literature does not imitate reality, but, rather, adds to reality. It is good to know that „The Chase“ is in English at last. We welcome back our father and his bounty: We owe him the heritage of a language and an imagination. We are all his descendants.“ “

Und zurecht. El Acoso ist meisterhaft komponiert, ein weiteres Musterbeispiel für jene modernen Romane, die mit musikalischen Verfahrensweisen ein Thema bewältigen. Alle Motive, Flucht, Verfolgung, das begehrend taxierende Spiel der Blicke, der Verfolgende als Getriebener, und nicht zuletzt das aufklärerische Ideal, die revolutionäre Hoffnung und die brutale Logik des bewaffneten Kampfes, scheinen bereits in der Exposition momentan auf, um dann im Hauptteil entwickelt zu werden. Als Coda fungiert der nur wenige Seiten umfassende dritte Teil, in dem sich, zurück im Konzertsaal, da die Zuhörer gerade die Ränge verlassen, das Schicksal des Protagonisten entscheidet.

Unbedingt lesenswert.

Ich zumindest bin zuversichtlich dass sich El Acoso mir nun so tief ins Hirn gegraben hat, dass ich es so schnell nicht wieder vergessen werde.

Bin ich Charlie Hebdo? Seid ihr’s?

Stück über Mut und Gratismut

Dass der aller Wahrscheinlichkeit nach von Islamisten verübte mörderische Angriff auf die Redaktionsräumen der französischen Zeitschrift Charlie Hebdo ein barbarischer Akt gegen Meinungsfreiheit, Freiheit überhaupt, die Ideale der Aufklärung, vor allem aber auch, man vergisst das gern, gegen Menschen, die man allzuschnell unter heren Idealen begräbt – muss man darauf überhaupt noch hinweisen?

Womöglich schon. Zum ersten Mal bei einem Anschlag dieser Art ertappe ich mich dabei, wie es mich kaum berührt. Lange bevor sich begrifflich ansatzweise erschließen ließ, was dort eigentlich geschehen ist, stellt sich ein Gefühl des „da ist es nun“, oder „ja, das war leider zu erwarten“ ein. Ich will nur dazu hier einige Worte verlieren, da man über islamistischen Terrorismus längst wissen sollte, was man wissen muss, und mir jenseits des Bekannten die Worte fehlen.

Denn wie sehr man sich daran gewöhnt, mit der Gefahr solcher Anschläge leben zu müssen, wie ritualisiert entsprechend die Auseinandersetzung damit, die Reaktion darauf abläuft, das ist neben den brutalen Morden die andere Seite des Terrorismus, die verunsichern sollte.

So kommt etwa kein Bericht in deutschen Medien ohne Reflexhaften Hinweis darauf aus, dass der Anschlag Wasser auf die Mühlen der PEGIDA und anderer fremdenfeindlicher Strömungen sei. Das Neue Deutschland schreibt auf Facebook sogar „Widerlich: ‪#‎Pegida‬ benutzt Opfer von Anschlag auf ‪#‎CharlieHebdo‬ für neuen Demo-Aufruf “. Einmal mehr scheint die Tat selbst zurückstehen zu müssen hinter den Reaktionen, die sie womöglich auslösen könnte. Dabei hat es einen Grund, dass der Anschlag PEGIDA in die Hände spielen könnte, und dieser hat einiges damit zu tun, dass gerade die Presseorgane, die nun den „barbarischen Akt gegen die Meinungsfreiheit“ beklagen, in der Mehrheit Religionskritik im Falle des Islam gern in die rechte Ecke gestellt haben.

Entsprechend Bauchweh bereitet mir daher auch die „Je suis Charlie Hebdo“ Bewegung, die unter anderem auf Facebook und Twitter losgetreten wurde, und mit der Mittwochabend die Online-Präsenzen der meisten Zeitungen aufmachten. In meinem erweiterten Bekanntenkreis schmücken sich Menschen mit dem Logo, denen kaum eine Antiisraelische Demagogie zu plump ist, die Ayaan Hirsi Ali eine „islamophobe“ Brandstifterin schimpfen, denen angesichts einer Lage, in der viele Juden Europa aus Angst vor Übergriffen und Anschlägen verlassen, vor allem einfällt, dass „Islamophobie“ der neue Antisemitismus sei, und die Kurt Westergaard als einen Provokateur erachten, der an den mörderischen Kravallen lange nach der ersten Veröffentlichung seiner Mohamed-Karrikatur zumindest mitschuldig ist.

All das Positionen, die auch immer wieder in Zeit, Taz, Süddeutsche und vielen weiteren Publikationen vertreten werden, die nun Charlie Hebdo „sind“.

Was angesichts des „Everybody draw Mohamed Day“ noch als ernsthafte Solidaritätserklärung verstanden werden konnte, immerhin exponierten sich die Solidarischen durch eine Zeichnung selbst, wird diesmal zur Farce. Nein, ihr, die ihr regelmäßig zu allererst die Kritiker des Islam mit Schmähungen überzieht, die ihr so oft die Schuld bei den Opfern gesucht habt und selbst eben nicht den Mut habt euch wenigstens mit spitzer Feder den islamistischen Mörderbanden in den Weg zu stellen, die ihr vor kurzem noch alles in eurer Macht stehende tatet, um Waffenlieferungen nach Kobane oder eine amerikanische Intervention zu verhindern, ihr seid nicht Charlie Hebdo. Und auch ich nicht, denn ob ich, hätte die Möglichkeit bestanden, entsprechend deutliches mit meinem Namen signiert reichweitenstark veröffentlicht hätte, das steht in den Sternen. All das ist nicht weiter schlimm, derartiger Mut grenzt an Wahnsinn, und oft erlaubt man ihn sich nur, wenn man die Konsequenzen nicht wirklich abschätzen kann. Doch sollte man dann vielleicht auch beiseitstehen, wenn im Schutze der Masse Gratismut verteilt wird. „Solidarität mit Charlie Hebdo“ statt diesem markigen „Ich bin Charlie Hebdo“ täte es ja vielleicht auch.


Das beliebteste Stück Sozialistischer Realismus im Westen

Zu Wassili Grossmans Leben und Schicksal

Überraschend wenig finde ich zu den immerhin 1050 Seiten von Wassili Grossmans Leben und Schicksal zu sagen. Ein durchaus in Teilen erschütterndes, detailliertes Werk, mit leider zahlreichen Längen, das zu lesen lohnt, auch wenn es dem halbwegs Informierten wenig Neues über das politische System der Sowjetunion verrät. Die abschreckende Behauptung im Klappentext der deutschen Ausgabe:

„Grossman … erzählt vom Häftlingsleben und -sterben in deutschen KZ, Gefangenenlagern und in den sowjetischen Gulags, wobei die frappierende Verwandtschaft von Nationalsozialismus und Sowjetregime offengelegt wird“

ist von der Wahrheit zum Glück weit entfernt. Leben und Schicksal ist keine relativistische Schmonzette im Sinne Gaucks und der Friedrich-Naumann-Stiftung, kein Konsalik für die etwas gebildetere Schicht. Man vergleiche dazu etwa nur die Schilderung der Vorbereitungen des Holocaust in der Ukraine im Brief der Mutter des Protagonisten Strum mit der dialogischen Abhandlung des Holodomor (eigentlich von golod = Hunger und domor = Tod) betitelten großen Hungers im Anschluss an die Kollektivierung der Landwirtschaft. Es ist bezeichnend, dass die deutsche Rezeption die Interpretation im Sinne einer vulgären Totalitarismustheorie so stark macht. Sie wird im Roman nur von dem Nazi und engen vertrauten Eichmanns, Liss, geäußert, sowie in einer abgeschwächten Form von einem enttäuschten Vorzeigekommunisten, dem ein vielschichtiges (und nur so zumindest passagenweise tatsächlich kritisches) Stimmungsbild der Gesellschaft des Stalinismus gegenübersteht.

Zu den literarischen Meriten von Leben und Schicksal findet sich in einem Artikel von Jürgen Plath auf den Seiten des Deutschlandfunk auf eine kurze und knackige Analyse:

„In politischer Hinsicht also lässt es Grossman, der erfolglos gegen die Beschlagnahmung seines Manuskriptes protestierte und 1964 verbittert starb, an Mut und Deutlichkeit nicht fehlen. Seine literarischen Fähigkeiten können allerdings nicht mithalten: Es gibt anrührende Szenen im Roman, aber dessen Figuren sind Pappkameraden. Worüber sprechen die Kommissare der Partei und die Generäle an der Front? Über die richtige Politik und die Frauen. Worüber sprechen die sowjetischen Häftlinge im KZ und im Gulag? Über die richtige Politik, kaum über Frauen. Worüber denkt der Physiker Strum nach? Über die Frauen und die richtige Politik. Eine willkommene Abwechslung bietet da Stalin. Er denkt im Kreml mal nicht an Frauen, sondern an Hitler. Und woran denkt Hitler? Siehe da, an Stalin! Außerdem beschleicht den Führer nach Stalingrad ein Schmerz über die Krematorien der Konzentrationslager.

Den Leser beschleicht jedoch der Gedanke, es sei nicht allzu traurig, dass beinahe alle Figuren nur selten dem Würgegriff der Politik entkommen – lauert hinter ihr doch gleich das menschelnde Sentiment. So verspürt nicht nur Hitler auch eines seiner Opfer Schmerzen: In der Gaskammer, während Sofja Ossipowna das Zyklon B einatmet, zieht sich ihr Herz zusammen und – Zitat – „schmerzte und bedauerte alle, Lebende und Tote“. Im Schmerz sind Täter wie Opfer nur Mensch.

Wassili Grossmans Epos stammt aus der Zeit von Boris Pasternaks „Dr. Schiwago“. Es ringt aufrichtig mit den Fragen seiner Zeit und verzichtet über weite Strecken auf das damals in sowjetischen Romanen herrschende Pathos. Aber Grossmans Antworten fallen doch sehr schlicht aus. Und seine mutige Auflehnung gegen die früher von ihm gepriesene stalinistische Ideologie bindet seinen Roman an eben diese: „Leben und Schicksal“ ist ein Zeitroman, ein Produkt des Tauwetters nach Stalins Tod, und eng mit ihm verbunden. Schon 1984, als das Buch auf Deutsch erschien, nachdem es vier Jahre zuvor endlich außer Landes geschmuggelt worden war, kam es zu spät. Mittlerweile ist die Staubschicht auf ihm nur noch dicker geworden.“

Richtig. Bei Leben und Schicksal handelt es sich um sozialistischen Realismus oder universeller um Naturalismus, der die Sowjetunion nicht schont. Also ebenso wie bei Solschenizyns Tag im Leben des Iwan Denissowitsch um das, was sozialistischer Realismus dem Ideal nach hätte sein können. Für die industrielle Massenvernichtung der Shoa findet ein solcher Naturalismus naturgemäß keine Sprache. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass diese trotz stellenweise eindringlicher Hervorhebungen letztendlich in den allgemeinen Gräuel des Krieges und dem Stahlgewitter von Stalingrad untergeht, so dass es dem zeitgenössischen Rezensenten leicht fällt aus Leben und Schicksal die Gleichung NS = UDSSR zu destillieren. Noch unterstützt wird dies dadurch, dass Grossmann als bis zum Schluss sowjetischer Schriftsteller mittels einer sympathischen Darstellung deutscher Kriegsgefangene versuchte, Tendenzen zur Entmenschlichung auf sowjetischer Seite entgegenzuwirken. Zudem lesen sich diese Versuche Liebe und Güte noch in den schlimmsten Zeiten zu betonen dann teilweise tatsächlich so kitschig wie Konsalik.

Lesern, die Grossmann auf der Spitze seiner literarischen Schöpfungskraft erleben möchten sei die Erzählungssammlung Tiergarten nahegelegt.

Armer Heidegger, von Freunden verraten …

… und nur von Kritikern noch ernstgenommen.

Es scheint die Diskussion um Heideggers Antisemitismus ist noch nicht ganz abgeschlossen. In einem bemerkenswert klaren Artikel in der Zeit setzt sich Eggert Blum mit den Vertuschungen rund um den Nachlass auseinander und weist darauf hin, was wir vor der Publikation der schwarzen Hefte schon alles hätten wissen können:

„Es gibt Spuren, aber sie wurden von den Erben mit Eifer verwischt. Die Erben üben eine strikte Kontrolle über die Gesamtausgabe aus, sie beanspruchen Deutungshoheit über das Heidegger-Bild in der Öffentlichkeit und versuchen, kritische Stimmen klein zu halten.

(…)

Trawny machte eine erschreckende Entdeckung. Er stieß in der Handschrift auf eine Passage, in der Heidegger fragt, „worin die eigentümliche Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum begründet ist“. Soll der skandalträchtige Satz in die Gesamtausgabe aufgenommen werden? Er habe sehr dafür plädiert, sagt Trawny heute, sich aber damals, als 31-Jähriger ohne sichere akademische Stellung, gegen von Herrmann und Hermann Heidegger nicht durchsetzen können – der Satz wird unterschlagen.“

Größtenteils verschwiegen werden allerdings wieder die Arbeiten von Farias und Faye, zu beschämend wohl die früheren abwiegelnden Reaktionen des Feuilletons. Auch wird nicht bedacht, dass eine Philosophie, die schon immer um ein Denken kreiste, das es, wie wohlbekannt, ermöglicht den Holocaust und die Industrialisierung der Landwirtschaft als zwei Momente der verfemten Moderne in einen zivilisationskritischen Brei zu rühren, von Anfang an lebensfeindlich ist.

Der erste Kommentar zum dennoch lesenswerten Text bringt sogleich die sattsam bekannten Abwehrstrategeme.

„Heidegger war ein philosophischer Kritiker der Moderne. Durfte er als solcher die Frage stellen, inwiefern das Judentum (nicht die Semiten bzw. Juden) diese Moderne entscheidend beeinflusst hat und ob das, was er an der Moderne kritisiert, schon im Judentum angelegt ist (…) Ich denke man muss den Vorwurf des Antisemitismus mit allerhöchster Vorsicht anwenden. Die Kritik der Moderne oder der bürgerlichen Weltsicht ist für uns heutige von noch größerer Wichtigkeit als für die Zeitgenossen Marx‘ oder Heideggers. Und wenn das Judentum zur Ausbildung dieser Weltsicht eine Rolle spielte, dann MUSS das gesagt werden dürfen. Das hat mit RASSISTISCHEN1 Antisemitismus NICHTS zu tun.“

Das ist so richtig gut deutscher Geist. In aller Breite zu untersuchen welchen Anteil die Juden an den Zumutungen der Moderne haben, das wird man ja wohl noch dürfen. Erst wenn es daran geht aus den Schlüssen handfeste Konsequenzen zu ziehen könnte es problematisch werden. Immerhin müsste man dazu vielleicht den Rasen betreten.

Ob es Heidegger wohl kümmert, dass was für ihn den Kulminationspunkt seines Denkens ausmachte, weshalb er die schwarzen Hefte bewusst als Abschluss seines Gesamtwerkes vorsah, nur von seinen Gegnern noch vollumfänglich gewürdigt wird, während seine Freunde einen Kuschelheidegger zeichnen, der mit jener Bewegung der Bewegungen die „in die Richtung gegangen“ sei den Leuten ein adequates Verhältnis zur Essenz der Technologie zu vermitteln (Heidegger 1976 über den Nationalsozialismus) nichts zu tun habe? Es darf bezweifelt werden. Der deutscheste aller Philosophen war, welche Ironie, schon immer vor allem Anderen ein genialer Selbstvermarkter.

Noch einmal hingewiesen sei auf meinen dreiteiligen Aufsatz zum Thema (Teil 1) und den Nachtrag. Weitere Ausführungen finden sich hier: https://bgakassel.wordpress.com/2014/07/01/martin-brecht-die-indianer-huhner-kzs-und-siedlerkinder/

Die Faz (!) zum Spiegel-Interview.

1Dazu, dass der Antisemitismus des Nationalsozialismus eben genau der metaphysische Heideggers ist und mit biologisch begründeter Rassentheorie, die diesem als „englisch/liberal“ galt, nichts zu tun hat, hier.