Mythos der Moderne – ein Kafka-Rückblick

Kafkas Verwandlung habe ich irgendwann in der Schule zum ersten und einzigen Mal gelesen. Nun nehme ich sie mir zum zweiten Mal vor und stelle fest: ich kenne noch jedes Handlungselement, viele zentrale Sätze, die gesamte Erzählung. Das kann nicht von der ersten Lektüre herrühren, vergleiche ichs mit anderen prägenden Leseerfahrungen, die ähnlich lange her sind. Kafka, scheints, ist es gelungen, einen Erzählungsschatz zu kreieren, zu dem vermittelt auch der Zugang hat, der nie mit Kafka in Berührung kam. Wer könnte nicht die Grundzüge des Process referieren?

Der Schriftsteller Franz Kafka hat eine moderne Mythologie geschaffen, oder vielleicht vielmehr eine Mythologie der Moderne, die es weltweit ermöglicht die Verwerfungen und Zumutungen einer Gesellschaft zu begreifen die sich zunehmend totalisiert. Weltweit? Ich denke schon. Genau in diesem, im mythologischen Sinne rekurriert etwa Llosa in El Hablador auf Die Verwandlung Kafkas, und auch an Einflüsse unter anderem auf Rushdie meine ich mich zu erinnern.

Ich benutze den Begriff des Mythologischen, weil seit Friedrich Schlegel immer wieder vor allem romantisch angehauchte Literaten mit dem Postulat ankommen, man könne in der modernen Welt nur dichten, schaffe man sich eine private Mythologie. Im 20. Jahrhundert haben sich vor allem Nietzsche-Epigonen und der George-Kreis daran versucht. Man suchte nach ewigen Wahrheiten im immer Geichen, mystifizierte durch archaische oder neu geschaffene Sprache, dichtete, und lebte mit dem Gestus des Überlegenen, seiner Zeit Enthobenen.

Keine dieser Mythologien verfing. Aus zwei Gründen. Erstens: Eine private Mythologie ist ein elitärer Manierismus, der Mythos gießt Erfahrung in Erzählung, er ist gerade nicht elitär. Zweitens: diese Erfahrung wird nicht geschaffen, sondern eher begriffen. Der Mythos, so verstanden, ist alles andere als überzeitlich, sondern der Erzählungsschatz, der die Zeit (in Grenzen) begreifbar macht. Kafka schuf diesen für die Zeit der letzten Krisen des liberalen Kapitalismus und so bis hin in unsere Gegenwart. Und ganz nebenbei zeigt Kafka dass „große Erzählungen“ nicht notwendigerweise positiv, Zusammenhalt stiftend, in die Zukunft blickend sein müssen. Sie können so zersetzend negativ sein, wie es eben die Zeit erzwingt.

PS: Starker Text zu Kafka: http://www.streifzuege.org/2007/kafka-1

Advertisements

Splitter: Russland, Mindestlohn, Jugoslawienkrieg

I

So wenig es den europäischen Schreibtischstrategen gefallen mag: Die russische Außenpolitik setzt geschickt fort, was seit den neunziger Jahren bei der Zerlegung Jugoslawiens vorexerziert wurde. Damals war es vor allem Deutschland, das jeden noch so radikalen völkischen Nationalismus durch frühzeitige Anerkennung befeuerte, darunter auch das von Nachfolgern der faschistischen Ustascha geführte Kroatien.
Dass jede sogenannte Ethnie das Recht auf einen eigenen Staat haben soll war die idiotische Idee hinter der „Balkanisierung“, die einst unter aufgeklärten Menschen einen negativen Klang hatte. Wenn nun Russland die gleiche Strategie gegen einen Westen in Anschlag bringt, in dem die Vorstellung ein Volk = ein Staat eher stärker als schwächer geworden ist, wenn am Ende Putin und die bayerische Separatisten gegen Merkel-Deutschland stehen, wird man da redlicher Weise wenig gegen sagen können. Denn um dem etwas entgegenzusetzen, hätte man sich auf das aufklärerische Ideal der Einen Menschheit zu beziehen, das man längst verraten hat.

II

Als Sanktionen gegen Russland und Krieg in der Ukraine, sowie die Tatsache, dass Deutschland seine innereuropäischen Exportmärkte zu Tode gespart hatte, letztes Jahr auf das sowieso geringe Wirtschaftswachstum drückten, machte man den noch nicht existierenden Mindestlohn dafür verantwortlich.
Dieses Jahr liest man wieder Jubelmeldungen über wachsende Wirtschaft und Exportweltmeisterschaft, aber eine Meldung nach dem Motto „Aufschwung wegen Mindestlohn“, habe ich noch nicht entdeckt.

Zeit & Jungle: Die Abwehr gegen das geschlossene Werk…

Zu den Nachrufen auf den „magischen Realismus“

Im Abgesang auf den magischen Realismus, in den neben der Jungle World nun auch die Zeit einstimmt, verschafft sich wohl vor allem die instinktive Awehr gegen das seit jeher kritisch beäugte abgeschlossene Werk ausdruck. Jenes konfontiert und transzendiert die heterogene Welt in seiner zum äußersten getriebenen, über innere Widersprüche nicht schweigenden formalen Konsequenz, und brüskiert so oft genug den Leser, der sich gern im doch kaum zu Ertragenden ganz gemütlich einrichten würde. Magischer Realismus, das war fürs Feuilleton immer schon nur der Name, mit dem exotisierend alle nicht europäischen und insbesondere lateinamerikanischen Versuche belegt wurden, schöpferisch an die nie abgegoltenen Ideale der europäischen Moderne anzuschließen. Eine Reflexion darauf, was magischer Realismus eigentlich sei, ich zitiere aus einem älteren Aufsatz

„Dabei ist der Begriff, nutzt man ihn reflektiert und klebt ihn nicht einfach auf alles was nicht klingt wie Heinrich Böll, sehr treffend für eine Art zu schreiben, in der das Übernatürliche als Handlungselement in Erscheinung tritt und gleichzeitig als Metapher fungiert“,

findet nicht statt. Das von der Zeit gewählte Titelbild führt es eindrücklich vor Augen. Eine junge Frau liest Memoria de mis putas tristes von Gabriel Garcia Marquez. Ein Roman, dem absolut jeder „magische“ Aspekt abgeht, vielmehr handelt es sich um eine recht erbärmliche, vorgeblich realistische Alltherrenphantasie. Ebenso wie diesen Text schlägt man gerne das gesamte Werk von Mario Vargas Llosa dem magischen Realismus zu, obwohl kein einziger Text des Autors je an der Definition auch nur kratzt. Das gleiche gilt übrigens für die Mehrzahl der Werke von Alejo Carpentier. In jener exotisierenden Form, die das Feuilleton in ihm sucht(e), kann der Magische Realismus also gar nicht sterben, er lebte nie. Auf der anderen Seite ist er in den Werken so unterschiedlicher Autoren wie Rushdie, Pynchon, Gaiman, Ben Okri und anderer lebendig wie je. Nicht zu überraschen vermag dann auch, dass Sarah Murrenhoff in der Zeit sich nicht fähig erweist, Textbeispiele zu nennen, die mit der Tradition des lateinamerikanischen Boom deutlich brechen. Der Diktatorenroman:

„[Daniel Alarcóns] Roman Lost City Radio (2007) ist eine Parabel auf die Grausamkeit totalitärer Herrschaft, wie sie in Lateinamerika, aber auch an jedem anderen Ort der Welt aufgetreten ist oder auftreten könnte“

etwa wurde in unzähligen Variationen von magisch-realistisch (Bastos, Marquez) bis betont nüchtern (Llosa) schon von den Alten Meistern erprobt. Auch die Kurz- und Kürzesterzählung, nicht zu verwechseln mit jener literarischen Arbeitsverweigerung, die sich „Kurzgeschichte“ schimpft, hat lange Tradition. Carpentier und Llosa schufen frühe Meisterwerke, Bolano legte mehrere Bände mit Erzählungen vor, die auf wenigen Seiten ganze Romane kondensieren, und sein 2666 verknüpft im vierten Teil hunderte solcher Geschichten zu einem Ganzen. Und dann wäre da natürlich noch Jose Luis Borges…

Nun möchte ich keineswegs behaupten, es lohne nicht, die genannten neuen Autoren, die ich größtenteils noch garnicht kenne, zu lesen. Aber diese ewige Inszenierung eines radikalen Bruchs mit einem noch dazu kaum begriffenen Gegenstand taugt weder, sich dem Neuen in kritischen Bezug auf seine Traditionen verstehend anzunähern, noch zu einer adäquaten Beschäftigung mit dem sogenannten Magischen Realismus. Der eben auch kein vor allem lateinamerikanisches Phänomen ist. Noch einmal aus einem alten Text:

„Ist es nicht deutlich sinnvoller Texte die sich derartiger Stilmittel [s.o.] bedienen als magischen Realismus zu qualifizieren, und bei Bedarf eben auf die Unterschiede hinzuweisen, die dann doch Hundert Jahre Einsamkeit, Gogols Dikanka-Zyklus und z.B. Thomas Manns Joseph-Romane ( Ja, die Joseph-Romane!) trennen? “

Europolitik: Ein Loch ins Boot, damit das Wasser ablaufen kann!

Und: Enthüllt. Neoliberale Unternehmerfeindlichkeit.

Eine kleine Segelyacht ist von einer gewaltigen Welle überspült worden. Die eher unbedarften Seefahrer strengen ihre grauen Zellen an, was zu tun sei, und geraten schnell an die Lösung: „Wir hauen einfach ein Loch in den Rumpf, damit das Wasser ablaufen kann“.

Eine Fehleinschätzung, aber immerhin eine, auf die man gerechtfertigter Weise kommen könnte, wenn man die physikalischen Eigenschaften von Schiff und Wasser falsch einschätzt und keine Präzedenzfälle kennt. Austeritätspolitik in Krisenzeiten, also der volkswirtschaftliche Versuch in allen Sektoren zu sparen, ist ein solches Loch. Läuft zusätzliches Wasser ein, stopft man es halt.

Oder nicht. Denn wir kennen Präzedenzfälle: So richtig soff die Wirtschaft der Weimarer Republik erst ab, als staatliche Kürzungen der Nachfrage in einer sowieso krisenhaften Phase einen weiteren Dämpfer versetzten. Als Unternehmen entsprechend weniger investierten, denn wer sollte die Waren kaufen?*1 Und als sich entsprechend jene deflationären Spirale in Gang setzte, die in der deutschen kollektiven Erinnerung gern durch die Hyperinflation von 1922 substituiert wird.

Die USA und Großbritannien, die auf contrazyklische Investitionsprogramme setzten, wuchsen. Und dennoch soll in Europa seit 2008 mehr vom falschen Gleichen helfen.

***

Das überspülte Schiff sinkt rasch. Aus dem selbst erzeugten Leck strömt Meerwasser. Unsere Seefahrer sind uneinsichtig. Sie schlagen ein zweites, ein drittes Leck, je schlimmer es wird desto größere Lecke schlagen sie. Ein solches Vorgehen charakterisiert auch die von Deutschland maßgeblich bestimmte Politik der Eurozone, die allein angesichts der Erfahrungen mit der „Griechenland-Rettung“, die seit den ersten Rettungsmaßnahmen und Kürzungen im öffentlichen Sektor von etwa 20 % einen Anstieg des Schuldenstandes von 140 auf 180 % des BIP registrierte, es besser wissen sollte.

Dabei wachsen die interventionistischen Staaten, darunter wieder das Mutterland des Kapitalismus USA, vergleichsweise solide. Und irgendwen müsste es doch noch geben, der sich an Reichskanzler Brüning*2 erinnert.

Aber nein: während unseren wackeren Seeleuten langsam das Wasser bis zum Hals steht, kaprizieren sie sich zunehmend auf Flüchtlingspolitik und Fremdenfeindlichkeit, und rufen immer lauter: „das Boot ist voll!“ Keine Angst. Wenn ihr so weiter macht will bald sowieso niemand mehr mit euch segeln gehen.

***

*1 Merke: der Austeritätspolitiker hält den Unternehmer für einen Idioten. Er vertraut auf dessen Vertrauen, dass sich trotz sinkender Nachfrage höhere Investitionen lohnen. Hört zu, liebe Liberale: Austeritätspolitik ist ‚unternehmerfeindlich‘ und damit ‚wirtschaftsfeindlich‘.

*2 Darauf, dass dieser selbst übrigens keineswegs so dumm war, an den wirtschaftlichen Erfolg seiner Politik zu glauben, weist die Jungle World in einem Artikel zu den verheerenden Folgen der Europaanbindung der Ukraine hin:

„Heinrich Brüning, Reichskanzler zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre, schrieb später in seinen Memoiren über die von ihm eingeleitete »scheinbar planlose Deflationspolitik«, sie habe »die Welt zu einer Initiative für Streichung der Reparationen (…) zwingen« sollen. Er schrieb sich die Leistung zu, die Krise zur Senkung der Löhne und Sozialleistungen genutzt zu haben. Die Ziele des »Hungerkanzlers« waren die Revision des Versailler Vertrags und größere Handlungsfähigkeit beim »Drang nach Osten«.“

Das muss man sich vor Augen führen: Europa implementiert heute eine Politik, die mit dem Ziel der ökonomischen Selbstschädigung durchgeführt wurde und darin erfolgreich war, im Glauben daran, dass diese tatsächlich wirtschaftlich geboten sei!

Sorry, Herr Grass

Die Currywurst, oder „Schlimmer geht immer“.

Von allen Entschuldungspamphleten, die die deutschsprachige Vergangenheitsbewältigungsliteratur hervorgebracht hat, ist Uwe Timms Die Entdeckung der Currywurst womöglich das erbärmlichste. Der Text kommt literarisch wie geschichtsphilosophisch dermaßen unbedarft daher, dass man sich bemüßigt fühlt SS-Günni Grass, Keulenmartin Walser, Böll und all den anderen förmliche Entschuldigungen für früherer Kritiken zukommen zu lassen. Timm präsentiert sein Currywurstdeutschland als einen Hort des subtilen Widerstands, da feierte der Kantinenchef deutsche Niederlagen, indem er Nazigrößen Magenverstimmungen beibringt, allenthalben führt man kleine Witzeleien über den Führer im Mund, und dass der Krieg eine schreckliche Sache sei, die viel Leid auch über die armen Deutschen bringe, ist für die meisten der zahlreichen sympathisch gezeichnet Haupt- und Nebencharaktere des Romans immer schon eine klare Sache. Und aus den Munitionsfabriken kommen natürlich immer öfter Blindgänger – seit 1993 darf man in jedem Deutschen einen kleinen Schindler sehen.

Wo es in diesem Bild zu Dissonanzen kommen könnte, etwa angesichts eines Blockwartes, der nicht denunziert, einer „unbescholtenen Bürgerin“ aber, die denunziert, wird das schnell übergangen. Auch die Frage, warum es angesichts einer kriegsmüden und nazifeindlichen Bevölkerung nötig war, Deutschland Stadt für Stadt zu erobern, kommt nicht auf. Und erzählerisch geht Timm mit seinem Roman keine Risiken ein. Die Geschichte vom Ende des Krieges und der Stunde Null erzählt eine Hamburger Kleinunternehmerin, die den namenlosen Icherzähler, eingebettete in eine Rahmenhandlung, über die titelgebende Erfindung der Currywurst aufklären soll. Sie ist eine denkbar sympathisch gezeichnete alte Frau, die zwar zeitweise Sympathien für einen Wehrmachtssoldaten hegte, aber gerade weil sie nicht darüber schweigt als Musterbild einer anständigen Deutschen daherkommt. Ansonsten steht sie dem NS schon immer kritisch gegenüber, zeigt sich offen für Neues und arbeitet mit an der wunderbaren multikulturellen Realität der Nachkriegsordnung (die Currywurst, großes Ausrufezeichen!).

Das immerhin wäre großartiger Stoff für eine Satire, die Currywurst als das größtmögliche Maß an der Weltoffenheit, derer dieses Deutschland fähig ist. Aber pustekuchen: Currywurstdeutschland, für mich immerzu mit „Hol mir ma ne Flasche Bier“ – Schröder assoziiert, wird affimiert. Es ist tatsächlich das Ideal eines anderen Deutschland, das im Roman hochgehalten wird:

„Ahh. Alibaba und die 40 Räuber! Rose von Stambul! Das Paradies!“

Ja, dem geliebten Wehrmachtssoldaten der Currywursterfinderin Brückner, der bis ganz zum Schluss von einem gemeinsamen Kampf der Wehrmacht und der englischen und amerikanischen Truppen gegen die Sowjetunion träumt, rettet der exotische Gaumenschmaus sogar den lange verlorenen Geschmack.

Sehr bezeichnend in diesem Zusammenhang auch die Glorifizierung des Nachkriegstauschhandels und der Zigarettenwährung, deren „Gebrauchswert“ tatsächlich explizit als erdendes Element des Tausches gelobt wird. Deutsche Eigentlichkeit:

„Es war eben nicht alles festgelegt durch Geld“.

In welchem Maß hierbei der gleiche gegen Hochfinanz und Plutokatie gerichtete Fetischismus bedient wird, wie in der Hetze gegen jüdisches Kapital und englischen Liberalismus kann sich nur den wenigen Lesern erschließen, die sich mit der Thematik schon intensiv auseinander gesetzt haben, keineswegs aber der Zielgruppe, die der Roman seiner Anlage nach nahelegt. Kein Wunder dann auch, dass der Holocaust spät und wie von außen ins heitere Andere Deutschland einbricht – geschickter noch als in der Blechtrommel, wo man die Abwesenheit der industriellen Massenvernichtung zumindest immer wieder spüren dürfte, wird der Genozid hier entschärft, indem er als kaum bemerktes Grauen in die Peripherie gerückt wird. Und bei alldem tritt Die Entdeckung der Currywurst, erschienen immerhin erst 1993, als ein jämmerliches Stück Naturalismus auf, dem auch noch alle, wie immer gescheiterten, Versuche etwa eines Katz und Maus oder der Blechtrommel abgehen, zumindest sprachlich verfremdend in irgendeiner Weise auf den Zivilisationsbruch zu reagieren.

Nein: über den Nationalsozialismus lässt man eine über allen Zweifel erhabene (wichtig!) Frau (assoziiert man mit Unschuld und Trümmerfrauen) im sympathisch schnodderigen Hamburger Dialekt (klingt irgendwie süß!) sprechen, die allerdings in der Hörbuchfassung (List der Vernunft), gesprochen von Uwe Friedrichsen, dann ein wenig an Otto Waalkes erinnert, was die Sache doch etwas ins Lächerliche zieht.

Verrohung am Beispiel der Achse des Guten

Oder: Für die Nachwelt aufzubewahren. Empirisches Anschauungsmaterial zur Dialektik der Aufklärung.

Dass der klassische aufklärerische Liberalismus, da ihm längst jede gesellschaftliche/ökonomische Grundlage fehlt, eine heute allerhöchstens immer mal wieder aufflackernde fragile Haltung sein kann, wurde hier schon dargelegt. Ebenso, dass der real existierende Liberalismus im Großen und Ganzen eine Tendenz aufweisen muss sich zum Erhalt seiner ideologischen Grundlagen mit konservativen und reaktionären Kräften zu verbünden oder sozialdemokratisch im Sozialliberalismus aufzugehen, dass er also auf die Selbstliquidation drängt.

Gewiss kann man sich auch eine Zeit lang als einsamer Rufer in der Wüste gerieren, doch wird man dessen irgendwann müde. Kein Wunder, der aufklärerische Liberalismus ist die Ideologie des revolutionären Bürgertums, die des siegreichen Bürgertums muss ab einem gewissen Moment mehrheitlich Besitzstandswahrend werden. Eine Aufklärung, die auf die ihr immanente Dialektik zu reflektieren verweigert (vgl.), selbst noch dort wo sie mit der Nase darauf gestoßen wird unterminiert sich selbst. Sie keult gegen die zersetzenden Kritiker und steht dann mit einem Bein schon im völkischen Lager.

Derartige Tendenzen sind seit Jahren nun auch auf dem erfolgreichen, erklärt liberalen, Webblog Die Achse des Guten zu beobachten. Diesem konnte man über längere Zeit den Kampf gegen Islamismus und grassierende Israelfeindlichkeit trotz eines schon immer etwas hysterischen Tonfalls im Großen und Ganzen abnehmen. So durchwachsen auch die Ergebnisse, der Versuch sich traditionell liberal und vernunftorientiert aufzustellen (und nicht etwa rationalitätskritisch neoliberal) durfte ernst genommen werden.
Doch was zu erwarten war, geschah: Die schrillen Pöbler, die Angstbeißer, der elitäre Mob gewannen immer weiter an Raum, vorsichtigere Stimmen zogen sich teils in wortgewaltigen Rückzugsgefechten (Kaufmann gegen Pirincci) zurück, stahlen sich teils auch in aller Stille davon. Die generelle Tendenz der Achse kritisiert nun mit Miteigentümer Michael Miersch auch ein Autor, den man schon nicht mehr wirklich zu den Florettfechtern des Kantschen Denkmodells zählen kann, ein gemäßigter Rammbock den (und dessen bessere Hälfte) Felix Bartels vor kurzem im Neuen Deutschland übrigens ganz schön zerpflückt hat. Diese Miersch erklärt nun seinen Abschied von der Achse des Guten, und begründet:

„Das politische Spektrum in Deutschland verengt sich auf zwei Pole: Die, die ein Problem mit dem Islam abstreiten und am „Elefanten im Zimmer“ vorbei gucken. Und die, deren Antwort auf die islamische Herausforderung lautet: Scharen wir uns um Kreuz und Fahne und verteidigen wir unsere deutsche Identität. Liberale und differenzierte Positionen werden davon überrollt. Kürzlich schrieb eine Leser: „Das Traurige ist für mich, dass es weder eine linke Gesellschaftsströmung von irgendeiner Relevanz gibt, die mit einem aufklärerischen Impuls Massen begeistert, noch eine konservative Strömung, die die westlichen Werte populär verteidigen kann. Links hat sich als esoterisch-evangelisches Beamtentum etabliert, rechts als besserverdienendes Ignorantentum.“ Diese Kurz-Analyse bringt es auf den Punkt. “

Und:

„Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass massenweise Leser aus dem AfD-Pegida-Umfeld angezogen wurden, die sich auf den Leser-Kommentarseiten der Achse entfalten. Viele dieser Leser-Kommentare können wegen ihrer Wortwahl und ihrem offenen zu Schau getragenen Hass gar nicht erst veröffentlicht werden. Sie verhöhnen Autoren wegen ihrer nicht deutsch klingenden Namen und wüten gegen alles, was nicht in ihr geschlossenes Weltbild passt.

Im Laufe meines Journalistenlebens habe ich viele Hass-Mails bekommen (vornehmlich von Islamisten, Tierrechtlern und Öko-Fanatikern). Die Mails der vergangenen Monate haben deren aggressive Geistesarmut noch unterboten. Das ist eine schmerzliche Entwicklung. Zumal gerade die Achse sich zuvor durch viele differenzierte und kenntnisreiche Leser-Kommentare auszeichnete. Ich bekam auch einige (aber im Verhältnis zu Welle der Hass-Mails wenige) E-Mails von Lesern, die sich um den Kurs der Achse Sorgen machen. Allerdings meist mit dem Vermerk, sie nicht als Leser-Kommentare zu veröffentlichen, weil man sich nicht beschimpfen und anpöbeln lassen möchte. Darunter auch welche von Lesern aus Dresden, die die Sympathie einiger Autoren für die dortigen Abendland-Demonstranten nicht fassen konnten“.

Das dürfte es für die weitreichendste liberale Publikation im deutschsprachigen Raum dann endgültig gewesen sein. Einen ähnlichen Weg gingen schon das einst lesenswerte Webblog Zettels Raum, mit dem ich zwar selten übereinstimmte, das aber immer wieder klug argumentiert interessante Perspektiven aufzeigte und die liberale Zeitschrift Novo-Argumente, die Verfasser kritischer Kommentare mittlerweile gern auch mal beschimpft.

Angesichts des weiteren Niedergangs von allem, was sich noch liberal nennt, stellt sich eigentlich nur noch eine entscheidende Frage:

Was wird nun bloß aus Dirk Maxeiner werden?

Mehr zur Achse.

Buchempfehlung: El Acoso von Alejo Carpentier

Mit El Acoso von Alejo Carpentier verbindet mich eine besondere Beziehung. Die kleine Novelle ergatterte ich auf einen Bücherflohmarkt in den Ramblas von Barcelona, wo ich vor vielen Jahren trampend hingelangte. Ich verschlang die Geschichte auf dem Rückweg, wobei sie sich mit all den Eindrücken der lebhaften Großstadt vermischte, und vergaß – das macht die Schlaflosigkeit bei dieser Art zu reisen – bald wieder was ich gelesen hatte. Ich hatte das Büchlein noch mehrmals unterwegs dabei, las immer wieder begeistert, und vergaß.

El Acoso ist eine Erzählung von kaum hundert Seiten, deren Erzählzeit während der 46 Minuten einer Aufführung von Beethovens Eroica unerbittlich abläuft. Ein Mann hat sich in den Konzertsaal geflohen und erinnert sich. Diese Erinnerung fassen andere besser zusammen als ich:

„The story centers on a young man, anonymous throughout the text, who leaves his hometown, „Sancti Spiritus,“ located in the central Cuban province of Santa Clara, to study in Habana. The young man favors a communist solution to the political situation of the time and joins with violent- action groups against the dictatorship. He learns urban guerrilla war tactics, the methods of a man of action: how to handle fire arms, construct bombs and deliver booby traps by mail and more. He dedicates himself unconditionally to the cause, and yet because he is an idealist, he allows himself to be exploited and betrayed by the people he wants to help. He is asked to deliver a package that is really a bomb placed in a book. When the book is opened, it explodes and kills two people.

The young student is arrested, and to avoid castration by government forces, he informs „canta“ on his fellow revolutionaries (…) Because of his denunciation, members of the political action groups are murdered where they are hiding.

The young man is released but condemned to death by the underground groups. He hides and is finally found by his pursuers in a cafe. The young man runs away and enters a concert hall where the „Eroica,“ Beethoven’s third symphony, is being performed. As the „acosado,“ the hunted student sits and listens to Beethoven’s third in this temporary sanctuary. He relives his life up to the present moment“

Alejandro Morales schreibt über dieses Werk:

„Scholars of Latin American literature have identified Alejo Carpentier’s „The Chase“ as the missing link between Borges and the current boom in Latin American fiction. There is no doubt that Carpentier’s work merits this high praise. Carlos Fuentes has pointed out that „Alejo Carpentier transformed the Latin American novel. He transcended naturalism and invented magical realism. He took the language of the Spanish baroque and made it imagine a world where literature does not imitate reality, but, rather, adds to reality. It is good to know that „The Chase“ is in English at last. We welcome back our father and his bounty: We owe him the heritage of a language and an imagination. We are all his descendants.“ “

Und zurecht. El Acoso ist meisterhaft komponiert, ein weiteres Musterbeispiel für jene modernen Romane, die mit musikalischen Verfahrensweisen ein Thema bewältigen. Alle Motive, Flucht, Verfolgung, das begehrend taxierende Spiel der Blicke, der Verfolgende als Getriebener, und nicht zuletzt das aufklärerische Ideal, die revolutionäre Hoffnung und die brutale Logik des bewaffneten Kampfes, scheinen bereits in der Exposition momentan auf, um dann im Hauptteil entwickelt zu werden. Als Coda fungiert der nur wenige Seiten umfassende dritte Teil, in dem sich, zurück im Konzertsaal, da die Zuhörer gerade die Ränge verlassen, das Schicksal des Protagonisten entscheidet.

Unbedingt lesenswert.

Ich zumindest bin zuversichtlich dass sich El Acoso mir nun so tief ins Hirn gegraben hat, dass ich es so schnell nicht wieder vergessen werde.