Ein weites Feld, oft ein bittres – zu Felix Bartels Überlegungen zum Selbstverlag

Tatsächlich ist dem geschätzten Felix Bartels in beinahe allem zuzustimmen, was er zum immer weiter um sich greifenden Phänomen des Selbstverlags zu sagen hat. Der Selbstverlag ist eben nicht nur die auf der individuellen Ebene kaum zu kritisierende Chance für zahlreiche Autoren, abseits des Mainstream doch noch Gehör zu finden, er erstickt auch in der kaum zu überblickenden Flut der Angebote jene herausragenden Werke, die nun ob selbst- oder fremdverlegt noch schwieriger aus dem Schund herauszufischen sind. Schlechte Wortspiele zum Thema „verlegen“ und finden drängen sich auf…

Und es stimmt, unter den Selbstverlegern sind jene Autorentypen virulent, die Bartels in treffender Weise folgendermaßen beschreibt:

„Aber der Selfpublisher, der Erfolg haben will, wird genau das tun. Er wird sich herzeigen, noch vor seinem Werk, und kontinuierlich das Profil des Aufsteigers herausstellen, dem keiner was geschenkt hat, der aber nicht jammert und dennoch irgendwie Mensch geblieben ist. Er wird gefällige Statusmeldungen auf Facebook absetzen, in denen steht, dass er die Arroganz intellektueller Eliten verabscheut, den demokratischen Rechtsstaat liebt, sich über deutsche WM-Siege freut und auch zum ESC eine Meinung hat. Er wird intensiv mit der Leserschaft kommunizieren und professionelle Photos machen lassen, auf denen er nachdenklich einen Stift hält oder neckisch hinter einer Spiegelwand hervorguckt. Er wird mit einem Wort ein Autor zum Anfassen und nicht begreifen, dass mit der Auslagerung dieser Albernheiten an einen geschäftigen Verlag sein Ich würde gestärkt sein“

So geht es zu im Haifischbecken der Literatur, in dem wir alle ins grimassierende spielend grinsend aneinander vorbeitreiben und nicht realisieren, dass uns nur andere „Schriftsteller“ lesen, und die auch nur, weil sie wissen möchten was die Konkurrenz so treibt.

Auf der anderen Seite: Bringt der Selbstverlag diesen Autorentypen hervor? Oder bringt er ihn zu sich selbst?

Dass der Verleger bzw. dessen Lektorat „schlechte Literatur verhindert“, stimmt schon länger nicht mehr und stimmte wahrscheinlich tatsächlich nur in jener kurzen wieder historisch gewordenen Periode vor allem solcher Verlage und sonstiger Akteure der Nach-68er-Renaissance des Denkens, die wie die Jungle World zuletzt konstatierte spätestens in den 90ern endgültig zu Ende ging. Dass gleichzeitig wahrscheinlich pro Jahr heutzutage europaweit mehr große Kunstwerke veröffentlicht werden als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einer Dekade, und dass es doch immer schwieriger wird diese Werke zu lokalisieren, ist kein an den Selbstverlag gebundenes Phänomen: Der Verfall des Verlagswesens, der Literaturkritik und der akademischen Auseinandersetzung mit Literatur mussten diesem vorausgehen. Und „it’s the singer, not the song“, hatten nicht nur die Stones, sondern auch notorische Claqueure wie Grass und Walser verinnerlicht, lange bevor es soziale Netzwerke gab. Welchen vernünftigen Grund könnte denn ein schlechte Literatur verhindernder Verleger haben, ernsthaft die Walser-Tagebücher einem Publikum vorzustellen?

Zuletzt ist die Geschichte großer Literatur maßgeblich die Geschichte des Selbstverlags. Eigenständig verlegte Goethe seinen Durchbruch, den Götz, ebenso verlegerisch eigenständig öffnete Stefan George die deutschsprachige Lyrik der Moderne (mag man auch sonst von ihm halten was man will). TS Eliots Meisterstück The Wasteland wäre wahrscheinlich untergegangen, hätte nicht Kumpel Ezra Pound sich seiner angenommen, in einem Kleinstverlag in dem Pound natürlich auch und vor allem – Pound – verlegte. Zumindest von Zeit zu Zeit Selbstverleger waren mW auch Dostojewski, die Shelleys, Byron und alle so genannten „Gentleman Poets“; ohne diese wäre die englische Literatur in ihrer heutigen Form nicht zu denken.

Der „klassische“ Verleger, scheint’s, war als Typus kurzlebig und vergänglich wie die Weimarer Klassik. Wie zahlreiche womöglich eher akzidentielle Höhepunkte des bürgerlichen Zeitalters trat er spät auf den Plan, so er nicht wie Cotta eigentlich im Schlepptau eines Schriftstellers aufstieg, und wurde rasch zerrieben zwischen kapitalistischer Monopolisierung und staatlich-paternalistischem Mäzenentum. Dem Sozialstaat, dem guten Gespräch, der vielgerühmten Buddenbrookschen „Contenance“ erging es ähnlich. Längst veröffentlicht man einen Roman leichter, indem man erstmal auf einen Lehrauftrag oder einen Bankdirektorsposten hinarbeitet, und dann seine Kontakte nutzt, als frank und frei mit einem herausragenden Werk an den richtigen Verleger heranzutreten. Ja, ohne Agenten findet man kaum noch den Weg zu ihm.

Was bleibt dem Autoren, der mit Recht darauf beharrt, dass ein Publikum, dass ihn noch nicht einmal wahrgenommen hat, über die Güte der Kunst nicht zu entscheiden vermag, als den Weg des jungen Goethes oder Georges zu gehen? Auch wenn er sich damit objektiv wohl doch nur noch tiefer ins aufgewühlte Becken der grinsenden Haifische begibt?

Schweigen? Das sicher.

Allein, wer wagt dies?

Hätte man wissen können, dass Martin Heidegger Antisemit ist?

Ja.

Nehmen wir an, eine Sekte, nennen wir sie die Freunde des wahren Seins, propagiert die Rückkehr zum genügsamen Leben, zur Einheit von Tat und Natur, all dieser scheinbar kuschelige Hippiedreck. Ja, wenn da doch bloß nicht die Ingenieure wären! Und irgendwann, nach einigen Jahren, morden führende Mitglieder der Freunde des wahren Seins alle Teilnehmer einer großen Ingenieurskonferenz. Und ein paar Jahre später sagt ein geistiger Berater der Sekte, der sich nachweislich jahrelang den Anführern angedient hat und vielleicht gar noch weiter reichende Pläne hatte als diese, die Freunde des wahren Seins seien „schon in die richtige Richtung“ gegangen, nur hätten sie die Wahrheit des Seins eben noch nicht so ganz wahrhaftig begriffen. Würden wir diesen Hanjo ernsthaft als großen Denker, womöglich sogar als exponierten Kritiker der Freunde des wahren Seins ansehen? Oder würden wir ihn als den Mörderkumpanen und geistigen Brandstifter identifizieren, der er ist?

Oder ein anderes Szenario: Ein guter Freund und langjähriger Weggefährten des Philosophen Martin H., oder nennen wir ihn aus Anonymitätsgründen lieber M. Heidegger, hatte schon immer was gegen … ach, sagen wir der Kontroverse halber blonde und blauäugige Menschen. Der Philosoph konnte das gut verstehen, blonde und blauäugige Menschen waren nach seinem Dafürhalten verdächtig oft mit Dingen beschäftigt, die M. H. gar nicht ab konnte. Was könnte das sein? Äh, ja: Geschlechtsverkehr. Eines schönen Tages ging der Freund des Herrn H. los, kaufte sich ein großes Messer und stach damit jeden blonden und blauäugigen Menschen ab, der ihm vor das Messer geriet. H’s Freund wurde verhaftet, verurteilt. Und noch Jahre später hatte Herr H. das folgende zum Sachverhalt zu sagen:

„Das Eindringen mit dem Messer in den Körper eines blonden und blauäugigen Menschen ist im Wesen dasselbe wie der Geschlechtsverkehr. Es ist allgemein das Eindringen in andere Körper das große Übel unserer Zeit.“

Eine derartige Idiotie könnte man doch wohl niemandem, und schon gar nicht einem Philosophen, durchgehen lassen?

Sollte man meinen. Und dennoch erscheinen alle paar Wochen wieder Artikel, die höchstens mal ganz vorsichtig anfragen, ob man nicht schon ein wenig früher hätte wissen können, dass Martin Heideggers Denken ein zutiefst nationalsozialistisches und antisemitisches war. Die Antwort ist einfach: Natürlich hätte man. Und Autoren wie Farias, Faye, und nicht zuletzt der Heidegger-Schüler Loewith wussten es und habe immer wieder darauf hingewiesen. Heidegger selbst tätigte in aller Öffentlichkeit einmal in Das Gestell und zum Anderen im berühmten Spiegelinterview, über dessen Genese nun ein lesenswertes Buch vorliegt, äquivalente Aussagen zu den oben erdachten Beispielen.

Er sagte:

„Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.“ (vgl. Faye 406)

Und schrieb:

„Ich sehe gerade die Aufgabe des Denkens darin, in seinen Grenzen mitzuhelfen, dass der Mensch überhaupt erst ein zureichendes Verhältnis zum Wesen der Technik erlangt. Der Nationalsozialismus ist zwar in die Richtung gegangen; diese Leute aber waren viel zu unbedarft im Denken, um ein wirklich explizites Verhältnis zu dem zu gewinnen, was heute geschieht und seit drei Jahrhunderten unterwegs ist“ (vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9273095.html).“

Gerade letzteres wird übrigens oft hinwegerklärt, es sei eben in Heideggers der Moderne kritisch gegenüber stehendem Denken nur folgerichtig, Landwirtschaft und industriellen Massenmord als Teil dieser wesensgleich zu fassen. Ja fällt euch denn gar nichts mehr auf? Was ist denn an einem Denken zu verteidigen, das zu solchen Schlüssen führt? Die Sache ist einfach. Man hätte es wissen können, denn wer es wissen wollte wusste es. Wer es nicht wissen wollte denkt heute nicht um, er versteckt sich nur und wartet weiter, wie hier schon im dritten Teil des großen Heidegger-Aufsatzes vor anderthalb Jahren zu lesen war, auf den Kyffhäuser…

Mythos der Moderne – ein Kafka-Rückblick

Kafkas Verwandlung habe ich irgendwann in der Schule zum ersten und einzigen Mal gelesen. Nun nehme ich sie mir zum zweiten Mal vor und stelle fest: ich kenne noch jedes Handlungselement, viele zentrale Sätze, die gesamte Erzählung. Das kann nicht von der ersten Lektüre herrühren, vergleiche ichs mit anderen prägenden Leseerfahrungen, die ähnlich lange her sind. Kafka, scheints, ist es gelungen, einen Erzählungsschatz zu kreieren, zu dem vermittelt auch der Zugang hat, der nie mit Kafka in Berührung kam. Wer könnte nicht die Grundzüge des Process referieren?

Der Schriftsteller Franz Kafka hat eine moderne Mythologie geschaffen, oder vielleicht vielmehr eine Mythologie der Moderne, die es weltweit ermöglicht die Verwerfungen und Zumutungen einer Gesellschaft zu begreifen die sich zunehmend totalisiert. Weltweit? Ich denke schon. Genau in diesem, im mythologischen Sinne rekurriert etwa Llosa in El Hablador auf Die Verwandlung Kafkas, und auch an Einflüsse unter anderem auf Rushdie meine ich mich zu erinnern.

Ich benutze den Begriff des Mythologischen, weil seit Friedrich Schlegel immer wieder vor allem romantisch angehauchte Literaten mit dem Postulat ankommen, man könne in der modernen Welt nur dichten, schaffe man sich eine private Mythologie. Im 20. Jahrhundert haben sich vor allem Nietzsche-Epigonen und der George-Kreis daran versucht. Man suchte nach ewigen Wahrheiten im immer Geichen, mystifizierte durch archaische oder neu geschaffene Sprache, dichtete, und lebte mit dem Gestus des Überlegenen, seiner Zeit Enthobenen.

Keine dieser Mythologien verfing. Aus zwei Gründen. Erstens: Eine private Mythologie ist ein elitärer Manierismus, der Mythos gießt Erfahrung in Erzählung, er ist gerade nicht elitär. Zweitens: diese Erfahrung wird nicht geschaffen, sondern eher begriffen. Der Mythos, so verstanden, ist alles andere als überzeitlich, sondern der Erzählungsschatz, der die Zeit (in Grenzen) begreifbar macht. Kafka schuf diesen für die Zeit der letzten Krisen des liberalen Kapitalismus und so bis hin in unsere Gegenwart. Und ganz nebenbei zeigt Kafka dass „große Erzählungen“ nicht notwendigerweise positiv, Zusammenhalt stiftend, in die Zukunft blickend sein müssen. Sie können so zersetzend negativ sein, wie es eben die Zeit erzwingt.

PS: Starker Text zu Kafka: http://www.streifzuege.org/2007/kafka-1

Splitter: Russland, Mindestlohn, Jugoslawienkrieg

I

So wenig es den europäischen Schreibtischstrategen gefallen mag: Die russische Außenpolitik setzt geschickt fort, was seit den neunziger Jahren bei der Zerlegung Jugoslawiens vorexerziert wurde. Damals war es vor allem Deutschland, das jeden noch so radikalen völkischen Nationalismus durch frühzeitige Anerkennung befeuerte, darunter auch das von Nachfolgern der faschistischen Ustascha geführte Kroatien.
Dass jede sogenannte Ethnie das Recht auf einen eigenen Staat haben soll war die idiotische Idee hinter der „Balkanisierung“, die einst unter aufgeklärten Menschen einen negativen Klang hatte. Wenn nun Russland die gleiche Strategie gegen einen Westen in Anschlag bringt, in dem die Vorstellung ein Volk = ein Staat eher stärker als schwächer geworden ist, wenn am Ende Putin und die bayerische Separatisten gegen Merkel-Deutschland stehen, wird man da redlicher Weise wenig gegen sagen können. Denn um dem etwas entgegenzusetzen, hätte man sich auf das aufklärerische Ideal der Einen Menschheit zu beziehen, das man längst verraten hat.

II

Als Sanktionen gegen Russland und Krieg in der Ukraine, sowie die Tatsache, dass Deutschland seine innereuropäischen Exportmärkte zu Tode gespart hatte, letztes Jahr auf das sowieso geringe Wirtschaftswachstum drückten, machte man den noch nicht existierenden Mindestlohn dafür verantwortlich.
Dieses Jahr liest man wieder Jubelmeldungen über wachsende Wirtschaft und Exportweltmeisterschaft, aber eine Meldung nach dem Motto „Aufschwung wegen Mindestlohn“, habe ich noch nicht entdeckt.

Zeit & Jungle: Die Abwehr gegen das geschlossene Werk…

Zu den Nachrufen auf den „magischen Realismus“

Im Abgesang auf den magischen Realismus, in den neben der Jungle World nun auch die Zeit einstimmt, verschafft sich wohl vor allem die instinktive Awehr gegen das seit jeher kritisch beäugte abgeschlossene Werk ausdruck. Jenes konfontiert und transzendiert die heterogene Welt in seiner zum äußersten getriebenen, über innere Widersprüche nicht schweigenden formalen Konsequenz, und brüskiert so oft genug den Leser, der sich gern im doch kaum zu Ertragenden ganz gemütlich einrichten würde. Magischer Realismus, das war fürs Feuilleton immer schon nur der Name, mit dem exotisierend alle nicht europäischen und insbesondere lateinamerikanischen Versuche belegt wurden, schöpferisch an die nie abgegoltenen Ideale der europäischen Moderne anzuschließen. Eine Reflexion darauf, was magischer Realismus eigentlich sei, ich zitiere aus einem älteren Aufsatz

„Dabei ist der Begriff, nutzt man ihn reflektiert und klebt ihn nicht einfach auf alles was nicht klingt wie Heinrich Böll, sehr treffend für eine Art zu schreiben, in der das Übernatürliche als Handlungselement in Erscheinung tritt und gleichzeitig als Metapher fungiert“,

findet nicht statt. Das von der Zeit gewählte Titelbild führt es eindrücklich vor Augen. Eine junge Frau liest Memoria de mis putas tristes von Gabriel Garcia Marquez. Ein Roman, dem absolut jeder „magische“ Aspekt abgeht, vielmehr handelt es sich um eine recht erbärmliche, vorgeblich realistische Alltherrenphantasie. Ebenso wie diesen Text schlägt man gerne das gesamte Werk von Mario Vargas Llosa dem magischen Realismus zu, obwohl kein einziger Text des Autors je an der Definition auch nur kratzt. Das gleiche gilt übrigens für die Mehrzahl der Werke von Alejo Carpentier. In jener exotisierenden Form, die das Feuilleton in ihm sucht(e), kann der Magische Realismus also gar nicht sterben, er lebte nie. Auf der anderen Seite ist er in den Werken so unterschiedlicher Autoren wie Rushdie, Pynchon, Gaiman, Ben Okri und anderer lebendig wie je. Nicht zu überraschen vermag dann auch, dass Sarah Murrenhoff in der Zeit sich nicht fähig erweist, Textbeispiele zu nennen, die mit der Tradition des lateinamerikanischen Boom deutlich brechen. Der Diktatorenroman:

„[Daniel Alarcóns] Roman Lost City Radio (2007) ist eine Parabel auf die Grausamkeit totalitärer Herrschaft, wie sie in Lateinamerika, aber auch an jedem anderen Ort der Welt aufgetreten ist oder auftreten könnte“

etwa wurde in unzähligen Variationen von magisch-realistisch (Bastos, Marquez) bis betont nüchtern (Llosa) schon von den Alten Meistern erprobt. Auch die Kurz- und Kürzesterzählung, nicht zu verwechseln mit jener literarischen Arbeitsverweigerung, die sich „Kurzgeschichte“ schimpft, hat lange Tradition. Carpentier und Llosa schufen frühe Meisterwerke, Bolano legte mehrere Bände mit Erzählungen vor, die auf wenigen Seiten ganze Romane kondensieren, und sein 2666 verknüpft im vierten Teil hunderte solcher Geschichten zu einem Ganzen. Und dann wäre da natürlich noch Jose Luis Borges…

Nun möchte ich keineswegs behaupten, es lohne nicht, die genannten neuen Autoren, die ich größtenteils noch garnicht kenne, zu lesen. Aber diese ewige Inszenierung eines radikalen Bruchs mit einem noch dazu kaum begriffenen Gegenstand taugt weder, sich dem Neuen in kritischen Bezug auf seine Traditionen verstehend anzunähern, noch zu einer adäquaten Beschäftigung mit dem sogenannten Magischen Realismus. Der eben auch kein vor allem lateinamerikanisches Phänomen ist. Noch einmal aus einem alten Text:

„Ist es nicht deutlich sinnvoller Texte die sich derartiger Stilmittel [s.o.] bedienen als magischen Realismus zu qualifizieren, und bei Bedarf eben auf die Unterschiede hinzuweisen, die dann doch Hundert Jahre Einsamkeit, Gogols Dikanka-Zyklus und z.B. Thomas Manns Joseph-Romane ( Ja, die Joseph-Romane!) trennen? “

Europolitik: Ein Loch ins Boot, damit das Wasser ablaufen kann!

Und: Enthüllt. Neoliberale Unternehmerfeindlichkeit.

Eine kleine Segelyacht ist von einer gewaltigen Welle überspült worden. Die eher unbedarften Seefahrer strengen ihre grauen Zellen an, was zu tun sei, und geraten schnell an die Lösung: „Wir hauen einfach ein Loch in den Rumpf, damit das Wasser ablaufen kann“.

Eine Fehleinschätzung, aber immerhin eine, auf die man gerechtfertigter Weise kommen könnte, wenn man die physikalischen Eigenschaften von Schiff und Wasser falsch einschätzt und keine Präzedenzfälle kennt. Austeritätspolitik in Krisenzeiten, also der volkswirtschaftliche Versuch in allen Sektoren zu sparen, ist ein solches Loch. Läuft zusätzliches Wasser ein, stopft man es halt.

Oder nicht. Denn wir kennen Präzedenzfälle: So richtig soff die Wirtschaft der Weimarer Republik erst ab, als staatliche Kürzungen der Nachfrage in einer sowieso krisenhaften Phase einen weiteren Dämpfer versetzten. Als Unternehmen entsprechend weniger investierten, denn wer sollte die Waren kaufen?*1 Und als sich entsprechend jene deflationären Spirale in Gang setzte, die in der deutschen kollektiven Erinnerung gern durch die Hyperinflation von 1922 substituiert wird.

Die USA und Großbritannien, die auf contrazyklische Investitionsprogramme setzten, wuchsen. Und dennoch soll in Europa seit 2008 mehr vom falschen Gleichen helfen.

***

Das überspülte Schiff sinkt rasch. Aus dem selbst erzeugten Leck strömt Meerwasser. Unsere Seefahrer sind uneinsichtig. Sie schlagen ein zweites, ein drittes Leck, je schlimmer es wird desto größere Lecke schlagen sie. Ein solches Vorgehen charakterisiert auch die von Deutschland maßgeblich bestimmte Politik der Eurozone, die allein angesichts der Erfahrungen mit der „Griechenland-Rettung“, die seit den ersten Rettungsmaßnahmen und Kürzungen im öffentlichen Sektor von etwa 20 % einen Anstieg des Schuldenstandes von 140 auf 180 % des BIP registrierte, es besser wissen sollte.

Dabei wachsen die interventionistischen Staaten, darunter wieder das Mutterland des Kapitalismus USA, vergleichsweise solide. Und irgendwen müsste es doch noch geben, der sich an Reichskanzler Brüning*2 erinnert.

Aber nein: während unseren wackeren Seeleuten langsam das Wasser bis zum Hals steht, kaprizieren sie sich zunehmend auf Flüchtlingspolitik und Fremdenfeindlichkeit, und rufen immer lauter: „das Boot ist voll!“ Keine Angst. Wenn ihr so weiter macht will bald sowieso niemand mehr mit euch segeln gehen.

***

*1 Merke: der Austeritätspolitiker hält den Unternehmer für einen Idioten. Er vertraut auf dessen Vertrauen, dass sich trotz sinkender Nachfrage höhere Investitionen lohnen. Hört zu, liebe Liberale: Austeritätspolitik ist ‚unternehmerfeindlich‘ und damit ‚wirtschaftsfeindlich‘.

*2 Darauf, dass dieser selbst übrigens keineswegs so dumm war, an den wirtschaftlichen Erfolg seiner Politik zu glauben, weist die Jungle World in einem Artikel zu den verheerenden Folgen der Europaanbindung der Ukraine hin:

„Heinrich Brüning, Reichskanzler zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre, schrieb später in seinen Memoiren über die von ihm eingeleitete »scheinbar planlose Deflationspolitik«, sie habe »die Welt zu einer Initiative für Streichung der Reparationen (…) zwingen« sollen. Er schrieb sich die Leistung zu, die Krise zur Senkung der Löhne und Sozialleistungen genutzt zu haben. Die Ziele des »Hungerkanzlers« waren die Revision des Versailler Vertrags und größere Handlungsfähigkeit beim »Drang nach Osten«.“

Das muss man sich vor Augen führen: Europa implementiert heute eine Politik, die mit dem Ziel der ökonomischen Selbstschädigung durchgeführt wurde und darin erfolgreich war, im Glauben daran, dass diese tatsächlich wirtschaftlich geboten sei!

Nazis in bundesdeutschen Amtsstuben

zu Landgericht von Ursula Krechel

Wer viel meckert, darf auch mal loben. Landgericht von Ursula Krechel ist beinahe alles, was Die Entdeckung der Currywurst nicht ist.

„Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaas’schen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna“,

so der Klappentext. In diesem Rahmen wird das Fortleben des Nationalsozialismus in den Nachkriegsinstitutionen detaillreich aufbereitet. Der rasche Wiederaufstieg ehemaliger Nazis in bundesdeutschen Amtsstuben ebenso wie in Unternehmen wird thematisiert. Einen klaren Blick wirft die Autorin unter anderem auf die antisemitisch motivierte Verfolgung und Verurteilung des Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in München, Philipp Auerbach, der im Anschluss an das Urteil Selbstmord begeht und erst viel später zähneknirschend rehabilitiert wird.

Auch die von Anfang an mit antisemitischen Ressentiments verknüpfte, und heute bekanntlichermaßen in blanken Hass umgeschlagene frühe Begeisterung für Israel deutscher Leitmedien wird anhand eines Artikels, der freundlicherweise vorschlägt Auerbach solle doch in Israel abgeurteilt werden, das schließlich Heimstatt aller Juden sei, beleuchtet. In vielfältiger Variation durchzieht das Motif, dass die „Deutschen … den Juden den Holocaust niemals verzeihen“ werden (Zvi Rex), den Roman.

All das wirkt besonders effektiv, weil Kornitzer, obwohl er als junger Beamter sehr deutlich die umfassende antisemitische Stimmung der Weimarer Republik erfahren hat, sehr bestrebt ist sich mustergültig im Nachkriegsdeutschland zu integrieren, und dafür bereit ist über zahlreiche Ungeheuerlichkeiten hinwegzusehen. Erst der lange fruchtlose Kampf um Reparationen nach dem Bundesentschädigungsgesetz sorgt für einen späten, vielleicht zu späten, Geistesumschwung. Dieser wiederum belastet das sowieso schwierige Verhältnis zu den Kindern, die zwischen starker Affirmation und Ablehnung ihrer (nach den Nürnberger Gesetzen) jüdischen Herkunft schwanken. Ganz nebenbei wird in Landgericht derweil auch noch die Gruppe 47 ins rechte Licht gerückt, und deren Angriffe auf Emigranten, insbesondere auf Paul Celan, die in der ruhmreichen Geschichte der „Stunde Null“ und alles weiteren viel zu selten Erwähnung finden.

Schade nur, dass auch Krechels Roman sprachlich im Großen und Ganzen wie ein Werk daherkommt, dass in dieser Gruppe hätte entstanden sein können.