Von Aufklärung und Barbarei in der Karibik

Alejo Carpentiers Explosion in der Kathedrale („El sieclo del Luz“)

Über Explosion in der Kathedrale von Alejo Carpentier schreibt ein Amazonrezensent: „Der Text rechnet sehr scharf mit den utopischen Ideen des Sozialismus ab, eine Anspielung auf die Situation im Heimatland Kuba des Autors“. Das wäre an sich nicht weiter bemerkenswert, reihte es sich nicht in eine Reihe von Äußerungen in den letzten Jahren ein, die kurzerhand den Terror der französischen Revolution einem diffusen Sozialismus zuschlagen, und über die etwa in Hannah Ahrends Elemente und Ursprünge Totaler Herrschaft ausgearbeiteten totalitären Tendenzen bürgerlicher Herrschaft hinweggehen.

Genau das macht Carpentiers faszinierender Roman über den Import der französischen Revolution in die karibischen Kolonien nicht. Im Original „El sieclo del Luz“ betitelt, also „das Jahrhundert des Lichts“, zeichnet der Text ein vielschichtiges und Ambivalentes Bild der realen Fortschritte und Freiheiten sowie der barbarischen Schreckensherrschaft, die die Revolution den sogenannten „West-Indies“ brachte:

„Ja, wir haben auch die Maschine [die Guillotine] mitgenommen. Aber weißt du, was ich den Menschen der neuen Welt überbringen werde?“ Er hielt einen Augenblick inne und setzte dann, jedes einzelne Wort betonend, hinzu: „den Erlass vom 16. Pluviôse des Jahres II, durch den die Sklaverei abgeschafft wird. Von jetzt an gelten, ohne Unterschied der Rasse, alle in unseren Kolonien wohnenden Menschen als französische Bürger und sind absolut gleichberechtigt.“ (S.135)

Nachgezeichnet wird, um mit Adorno zu sprechen, eine Dialektik der Aufklärung in all ihrer Konsequenz, und obwohl dieser Dialektik als aufklärerische Ideologie auch der Sozialismus anheimfällt, ist er explizit nicht Thema von Explosion in der Kathedrale. Ja, im Text einen Schlüsselroman auf das moderne Kuba zu sehen negiert dessen literarische Qualität beinahe in Gänze und reduziert die als Akteure ihrer Geschichte auftretenden bürgerlichen Subjekte der Kolonien ebenso wie die Arbeiter und Sklaven zu Chiffren, wofür es auf knapp 400 Seiten keinen einzigen gerechtfertigten Anlass gibt.

Im Gegenteil: Die Markierung des Revolutionsführers Huguet als Händler und Bäcker, dessen Flammender Eintritt für den Freihandel und gegen die Macht der Monopole weisen das Jahrhundert des Lichts klar als bürgerliches aus. Ikonographisch sehr deutlich wird das in der oppulenten, mehrfach auch Nietzsche anklingen lassenden, Schilderung einer Hinrichtung, in deren Umfeld sich rasch ein reges Jahrmarktsgeschehen entfaltet:

„Hier kannte man dergleichen nicht; noch nie hatte man eine allen offenstehende Bühne gesehen, und deshalb entdeckten die Menschen in diesem Augenblick das Wesen der Tragödie. Das Schicksal war schon gegenwärtig, seine Schneide in der Schwebe halten, unerbittlich und pünktlich, denen aufgelauernd, die sich hatten verleiten lassen, die Waffen gegen die Stadt zu erheben. Und der Geist des Chors war in jedem Zuschauer lebendig, mit den Strophen und Gegenstrophen, die man einander über das Gerüst hinweg zurief (…) Man hörte einen feierlichen Trommelwirbel, dass bewegliche Brett wippte unter dem Gewicht eines korpulenten Mannes, und das Beil fiel herab, begleitet von einem erregten Aufschrei. Minuten später waren die zwei ersten Hinrichtungen vollzogen (.) Dann aber gingen viele, um sich von dem Schrecken zu befreien, der sie in Bann geschlagen hatte, plötzlich zu lärmender Festlichkeit über, die diesen Tag, der jetzt als arbeitsfrei galt, in die Länge ziehen sollte. Man musste die zum ersten Mal angelegten Kleider zeigen. Man musste etwas tun, was gegenüber dem Tod eine Bestätigung des Lebens darstellte … “. (S. 163. ff)

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Nazis in bundesdeutschen Amtsstuben

zu Landgericht von Ursula Krechel

Wer viel meckert, darf auch mal loben. Landgericht von Ursula Krechel ist beinahe alles, was Die Entdeckung der Currywurst nicht ist.

„Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaas’schen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna“,

so der Klappentext. In diesem Rahmen wird das Fortleben des Nationalsozialismus in den Nachkriegsinstitutionen detaillreich aufbereitet. Der rasche Wiederaufstieg ehemaliger Nazis in bundesdeutschen Amtsstuben ebenso wie in Unternehmen wird thematisiert. Einen klaren Blick wirft die Autorin unter anderem auf die antisemitisch motivierte Verfolgung und Verurteilung des Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in München, Philipp Auerbach, der im Anschluss an das Urteil Selbstmord begeht und erst viel später zähneknirschend rehabilitiert wird.

Auch die von Anfang an mit antisemitischen Ressentiments verknüpfte, und heute bekanntlichermaßen in blanken Hass umgeschlagene frühe Begeisterung für Israel deutscher Leitmedien wird anhand eines Artikels, der freundlicherweise vorschlägt Auerbach solle doch in Israel abgeurteilt werden, das schließlich Heimstatt aller Juden sei, beleuchtet. In vielfältiger Variation durchzieht das Motif, dass die „Deutschen … den Juden den Holocaust niemals verzeihen“ werden (Zvi Rex), den Roman.

All das wirkt besonders effektiv, weil Kornitzer, obwohl er als junger Beamter sehr deutlich die umfassende antisemitische Stimmung der Weimarer Republik erfahren hat, sehr bestrebt ist sich mustergültig im Nachkriegsdeutschland zu integrieren, und dafür bereit ist über zahlreiche Ungeheuerlichkeiten hinwegzusehen. Erst der lange fruchtlose Kampf um Reparationen nach dem Bundesentschädigungsgesetz sorgt für einen späten, vielleicht zu späten, Geistesumschwung. Dieser wiederum belastet das sowieso schwierige Verhältnis zu den Kindern, die zwischen starker Affirmation und Ablehnung ihrer (nach den Nürnberger Gesetzen) jüdischen Herkunft schwanken. Ganz nebenbei wird in Landgericht derweil auch noch die Gruppe 47 ins rechte Licht gerückt, und deren Angriffe auf Emigranten, insbesondere auf Paul Celan, die in der ruhmreichen Geschichte der „Stunde Null“ und alles weiteren viel zu selten Erwähnung finden.

Schade nur, dass auch Krechels Roman sprachlich im Großen und Ganzen wie ein Werk daherkommt, dass in dieser Gruppe hätte entstanden sein können.

Verrohung am Beispiel der Achse des Guten

Oder: Für die Nachwelt aufzubewahren. Empirisches Anschauungsmaterial zur Dialektik der Aufklärung.

Dass der klassische aufklärerische Liberalismus, da ihm längst jede gesellschaftliche/ökonomische Grundlage fehlt, eine heute allerhöchstens immer mal wieder aufflackernde fragile Haltung sein kann, wurde hier schon dargelegt. Ebenso, dass der real existierende Liberalismus im Großen und Ganzen eine Tendenz aufweisen muss sich zum Erhalt seiner ideologischen Grundlagen mit konservativen und reaktionären Kräften zu verbünden oder sozialdemokratisch im Sozialliberalismus aufzugehen, dass er also auf die Selbstliquidation drängt.

Gewiss kann man sich auch eine Zeit lang als einsamer Rufer in der Wüste gerieren, doch wird man dessen irgendwann müde. Kein Wunder, der aufklärerische Liberalismus ist die Ideologie des revolutionären Bürgertums, die des siegreichen Bürgertums muss ab einem gewissen Moment mehrheitlich Besitzstandswahrend werden. Eine Aufklärung, die auf die ihr immanente Dialektik zu reflektieren verweigert (vgl.), selbst noch dort wo sie mit der Nase darauf gestoßen wird unterminiert sich selbst. Sie keult gegen die zersetzenden Kritiker und steht dann mit einem Bein schon im völkischen Lager.

Derartige Tendenzen sind seit Jahren nun auch auf dem erfolgreichen, erklärt liberalen, Webblog Die Achse des Guten zu beobachten. Diesem konnte man über längere Zeit den Kampf gegen Islamismus und grassierende Israelfeindlichkeit trotz eines schon immer etwas hysterischen Tonfalls im Großen und Ganzen abnehmen. So durchwachsen auch die Ergebnisse, der Versuch sich traditionell liberal und vernunftorientiert aufzustellen (und nicht etwa rationalitätskritisch neoliberal) durfte ernst genommen werden.
Doch was zu erwarten war, geschah: Die schrillen Pöbler, die Angstbeißer, der elitäre Mob gewannen immer weiter an Raum, vorsichtigere Stimmen zogen sich teils in wortgewaltigen Rückzugsgefechten (Kaufmann gegen Pirincci) zurück, stahlen sich teils auch in aller Stille davon. Die generelle Tendenz der Achse kritisiert nun mit Miteigentümer Michael Miersch auch ein Autor, den man schon nicht mehr wirklich zu den Florettfechtern des Kantschen Denkmodells zählen kann, ein gemäßigter Rammbock den (und dessen bessere Hälfte) Felix Bartels vor kurzem im Neuen Deutschland übrigens ganz schön zerpflückt hat. Diese Miersch erklärt nun seinen Abschied von der Achse des Guten, und begründet:

„Das politische Spektrum in Deutschland verengt sich auf zwei Pole: Die, die ein Problem mit dem Islam abstreiten und am „Elefanten im Zimmer“ vorbei gucken. Und die, deren Antwort auf die islamische Herausforderung lautet: Scharen wir uns um Kreuz und Fahne und verteidigen wir unsere deutsche Identität. Liberale und differenzierte Positionen werden davon überrollt. Kürzlich schrieb eine Leser: „Das Traurige ist für mich, dass es weder eine linke Gesellschaftsströmung von irgendeiner Relevanz gibt, die mit einem aufklärerischen Impuls Massen begeistert, noch eine konservative Strömung, die die westlichen Werte populär verteidigen kann. Links hat sich als esoterisch-evangelisches Beamtentum etabliert, rechts als besserverdienendes Ignorantentum.“ Diese Kurz-Analyse bringt es auf den Punkt. “

Und:

„Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass massenweise Leser aus dem AfD-Pegida-Umfeld angezogen wurden, die sich auf den Leser-Kommentarseiten der Achse entfalten. Viele dieser Leser-Kommentare können wegen ihrer Wortwahl und ihrem offenen zu Schau getragenen Hass gar nicht erst veröffentlicht werden. Sie verhöhnen Autoren wegen ihrer nicht deutsch klingenden Namen und wüten gegen alles, was nicht in ihr geschlossenes Weltbild passt.

Im Laufe meines Journalistenlebens habe ich viele Hass-Mails bekommen (vornehmlich von Islamisten, Tierrechtlern und Öko-Fanatikern). Die Mails der vergangenen Monate haben deren aggressive Geistesarmut noch unterboten. Das ist eine schmerzliche Entwicklung. Zumal gerade die Achse sich zuvor durch viele differenzierte und kenntnisreiche Leser-Kommentare auszeichnete. Ich bekam auch einige (aber im Verhältnis zu Welle der Hass-Mails wenige) E-Mails von Lesern, die sich um den Kurs der Achse Sorgen machen. Allerdings meist mit dem Vermerk, sie nicht als Leser-Kommentare zu veröffentlichen, weil man sich nicht beschimpfen und anpöbeln lassen möchte. Darunter auch welche von Lesern aus Dresden, die die Sympathie einiger Autoren für die dortigen Abendland-Demonstranten nicht fassen konnten“.

Das dürfte es für die weitreichendste liberale Publikation im deutschsprachigen Raum dann endgültig gewesen sein. Einen ähnlichen Weg gingen schon das einst lesenswerte Webblog Zettels Raum, mit dem ich zwar selten übereinstimmte, das aber immer wieder klug argumentiert interessante Perspektiven aufzeigte und die liberale Zeitschrift Novo-Argumente, die Verfasser kritischer Kommentare mittlerweile gern auch mal beschimpft.

Angesichts des weiteren Niedergangs von allem, was sich noch liberal nennt, stellt sich eigentlich nur noch eine entscheidende Frage:

Was wird nun bloß aus Dirk Maxeiner werden?

Mehr zur Achse.

Bin ich Charlie Hebdo? Seid ihr’s?

Stück über Mut und Gratismut

Dass der aller Wahrscheinlichkeit nach von Islamisten verübte mörderische Angriff auf die Redaktionsräumen der französischen Zeitschrift Charlie Hebdo ein barbarischer Akt gegen Meinungsfreiheit, Freiheit überhaupt, die Ideale der Aufklärung, vor allem aber auch, man vergisst das gern, gegen Menschen, die man allzuschnell unter heren Idealen begräbt – muss man darauf überhaupt noch hinweisen?

Womöglich schon. Zum ersten Mal bei einem Anschlag dieser Art ertappe ich mich dabei, wie es mich kaum berührt. Lange bevor sich begrifflich ansatzweise erschließen ließ, was dort eigentlich geschehen ist, stellt sich ein Gefühl des „da ist es nun“, oder „ja, das war leider zu erwarten“ ein. Ich will nur dazu hier einige Worte verlieren, da man über islamistischen Terrorismus längst wissen sollte, was man wissen muss, und mir jenseits des Bekannten die Worte fehlen.

Denn wie sehr man sich daran gewöhnt, mit der Gefahr solcher Anschläge leben zu müssen, wie ritualisiert entsprechend die Auseinandersetzung damit, die Reaktion darauf abläuft, das ist neben den brutalen Morden die andere Seite des Terrorismus, die verunsichern sollte.

So kommt etwa kein Bericht in deutschen Medien ohne Reflexhaften Hinweis darauf aus, dass der Anschlag Wasser auf die Mühlen der PEGIDA und anderer fremdenfeindlicher Strömungen sei. Das Neue Deutschland schreibt auf Facebook sogar „Widerlich: ‪#‎Pegida‬ benutzt Opfer von Anschlag auf ‪#‎CharlieHebdo‬ für neuen Demo-Aufruf “. Einmal mehr scheint die Tat selbst zurückstehen zu müssen hinter den Reaktionen, die sie womöglich auslösen könnte. Dabei hat es einen Grund, dass der Anschlag PEGIDA in die Hände spielen könnte, und dieser hat einiges damit zu tun, dass gerade die Presseorgane, die nun den „barbarischen Akt gegen die Meinungsfreiheit“ beklagen, in der Mehrheit Religionskritik im Falle des Islam gern in die rechte Ecke gestellt haben.

Entsprechend Bauchweh bereitet mir daher auch die „Je suis Charlie Hebdo“ Bewegung, die unter anderem auf Facebook und Twitter losgetreten wurde, und mit der Mittwochabend die Online-Präsenzen der meisten Zeitungen aufmachten. In meinem erweiterten Bekanntenkreis schmücken sich Menschen mit dem Logo, denen kaum eine Antiisraelische Demagogie zu plump ist, die Ayaan Hirsi Ali eine „islamophobe“ Brandstifterin schimpfen, denen angesichts einer Lage, in der viele Juden Europa aus Angst vor Übergriffen und Anschlägen verlassen, vor allem einfällt, dass „Islamophobie“ der neue Antisemitismus sei, und die Kurt Westergaard als einen Provokateur erachten, der an den mörderischen Kravallen lange nach der ersten Veröffentlichung seiner Mohamed-Karrikatur zumindest mitschuldig ist.

All das Positionen, die auch immer wieder in Zeit, Taz, Süddeutsche und vielen weiteren Publikationen vertreten werden, die nun Charlie Hebdo „sind“.

Was angesichts des „Everybody draw Mohamed Day“ noch als ernsthafte Solidaritätserklärung verstanden werden konnte, immerhin exponierten sich die Solidarischen durch eine Zeichnung selbst, wird diesmal zur Farce. Nein, ihr, die ihr regelmäßig zu allererst die Kritiker des Islam mit Schmähungen überzieht, die ihr so oft die Schuld bei den Opfern gesucht habt und selbst eben nicht den Mut habt euch wenigstens mit spitzer Feder den islamistischen Mörderbanden in den Weg zu stellen, die ihr vor kurzem noch alles in eurer Macht stehende tatet, um Waffenlieferungen nach Kobane oder eine amerikanische Intervention zu verhindern, ihr seid nicht Charlie Hebdo. Und auch ich nicht, denn ob ich, hätte die Möglichkeit bestanden, entsprechend deutliches mit meinem Namen signiert reichweitenstark veröffentlicht hätte, das steht in den Sternen. All das ist nicht weiter schlimm, derartiger Mut grenzt an Wahnsinn, und oft erlaubt man ihn sich nur, wenn man die Konsequenzen nicht wirklich abschätzen kann. Doch sollte man dann vielleicht auch beiseitstehen, wenn im Schutze der Masse Gratismut verteilt wird. „Solidarität mit Charlie Hebdo“ statt diesem markigen „Ich bin Charlie Hebdo“ täte es ja vielleicht auch.


Das beliebteste Stück Sozialistischer Realismus im Westen

Zu Wassili Grossmans Leben und Schicksal

Überraschend wenig finde ich zu den immerhin 1050 Seiten von Wassili Grossmans Leben und Schicksal zu sagen. Ein durchaus in Teilen erschütterndes, detailliertes Werk, mit leider zahlreichen Längen, das zu lesen lohnt, auch wenn es dem halbwegs Informierten wenig Neues über das politische System der Sowjetunion verrät. Die abschreckende Behauptung im Klappentext der deutschen Ausgabe:

„Grossman … erzählt vom Häftlingsleben und -sterben in deutschen KZ, Gefangenenlagern und in den sowjetischen Gulags, wobei die frappierende Verwandtschaft von Nationalsozialismus und Sowjetregime offengelegt wird“

ist von der Wahrheit zum Glück weit entfernt. Leben und Schicksal ist keine relativistische Schmonzette im Sinne Gaucks und der Friedrich-Naumann-Stiftung, kein Konsalik für die etwas gebildetere Schicht. Man vergleiche dazu etwa nur die Schilderung der Vorbereitungen des Holocaust in der Ukraine im Brief der Mutter des Protagonisten Strum mit der dialogischen Abhandlung des Holodomor (eigentlich von golod = Hunger und domor = Tod) betitelten großen Hungers im Anschluss an die Kollektivierung der Landwirtschaft. Es ist bezeichnend, dass die deutsche Rezeption die Interpretation im Sinne einer vulgären Totalitarismustheorie so stark macht. Sie wird im Roman nur von dem Nazi und engen vertrauten Eichmanns, Liss, geäußert, sowie in einer abgeschwächten Form von einem enttäuschten Vorzeigekommunisten, dem ein vielschichtiges (und nur so zumindest passagenweise tatsächlich kritisches) Stimmungsbild der Gesellschaft des Stalinismus gegenübersteht.

Zu den literarischen Meriten von Leben und Schicksal findet sich in einem Artikel von Jürgen Plath auf den Seiten des Deutschlandfunk auf eine kurze und knackige Analyse:

„In politischer Hinsicht also lässt es Grossman, der erfolglos gegen die Beschlagnahmung seines Manuskriptes protestierte und 1964 verbittert starb, an Mut und Deutlichkeit nicht fehlen. Seine literarischen Fähigkeiten können allerdings nicht mithalten: Es gibt anrührende Szenen im Roman, aber dessen Figuren sind Pappkameraden. Worüber sprechen die Kommissare der Partei und die Generäle an der Front? Über die richtige Politik und die Frauen. Worüber sprechen die sowjetischen Häftlinge im KZ und im Gulag? Über die richtige Politik, kaum über Frauen. Worüber denkt der Physiker Strum nach? Über die Frauen und die richtige Politik. Eine willkommene Abwechslung bietet da Stalin. Er denkt im Kreml mal nicht an Frauen, sondern an Hitler. Und woran denkt Hitler? Siehe da, an Stalin! Außerdem beschleicht den Führer nach Stalingrad ein Schmerz über die Krematorien der Konzentrationslager.

Den Leser beschleicht jedoch der Gedanke, es sei nicht allzu traurig, dass beinahe alle Figuren nur selten dem Würgegriff der Politik entkommen – lauert hinter ihr doch gleich das menschelnde Sentiment. So verspürt nicht nur Hitler auch eines seiner Opfer Schmerzen: In der Gaskammer, während Sofja Ossipowna das Zyklon B einatmet, zieht sich ihr Herz zusammen und – Zitat – „schmerzte und bedauerte alle, Lebende und Tote“. Im Schmerz sind Täter wie Opfer nur Mensch.

Wassili Grossmans Epos stammt aus der Zeit von Boris Pasternaks „Dr. Schiwago“. Es ringt aufrichtig mit den Fragen seiner Zeit und verzichtet über weite Strecken auf das damals in sowjetischen Romanen herrschende Pathos. Aber Grossmans Antworten fallen doch sehr schlicht aus. Und seine mutige Auflehnung gegen die früher von ihm gepriesene stalinistische Ideologie bindet seinen Roman an eben diese: „Leben und Schicksal“ ist ein Zeitroman, ein Produkt des Tauwetters nach Stalins Tod, und eng mit ihm verbunden. Schon 1984, als das Buch auf Deutsch erschien, nachdem es vier Jahre zuvor endlich außer Landes geschmuggelt worden war, kam es zu spät. Mittlerweile ist die Staubschicht auf ihm nur noch dicker geworden.“

Richtig. Bei Leben und Schicksal handelt es sich um sozialistischen Realismus oder universeller um Naturalismus, der die Sowjetunion nicht schont. Also ebenso wie bei Solschenizyns Tag im Leben des Iwan Denissowitsch um das, was sozialistischer Realismus dem Ideal nach hätte sein können. Für die industrielle Massenvernichtung der Shoa findet ein solcher Naturalismus naturgemäß keine Sprache. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass diese trotz stellenweise eindringlicher Hervorhebungen letztendlich in den allgemeinen Gräuel des Krieges und dem Stahlgewitter von Stalingrad untergeht, so dass es dem zeitgenössischen Rezensenten leicht fällt aus Leben und Schicksal die Gleichung NS = UDSSR zu destillieren. Noch unterstützt wird dies dadurch, dass Grossmann als bis zum Schluss sowjetischer Schriftsteller mittels einer sympathischen Darstellung deutscher Kriegsgefangene versuchte, Tendenzen zur Entmenschlichung auf sowjetischer Seite entgegenzuwirken. Zudem lesen sich diese Versuche Liebe und Güte noch in den schlimmsten Zeiten zu betonen dann teilweise tatsächlich so kitschig wie Konsalik.

Lesern, die Grossmann auf der Spitze seiner literarischen Schöpfungskraft erleben möchten sei die Erzählungssammlung Tiergarten nahegelegt.

Armer Heidegger, von Freunden verraten …

… und nur von Kritikern noch ernstgenommen.

Es scheint die Diskussion um Heideggers Antisemitismus ist noch nicht ganz abgeschlossen. In einem bemerkenswert klaren Artikel in der Zeit setzt sich Eggert Blum mit den Vertuschungen rund um den Nachlass auseinander und weist darauf hin, was wir vor der Publikation der schwarzen Hefte schon alles hätten wissen können:

„Es gibt Spuren, aber sie wurden von den Erben mit Eifer verwischt. Die Erben üben eine strikte Kontrolle über die Gesamtausgabe aus, sie beanspruchen Deutungshoheit über das Heidegger-Bild in der Öffentlichkeit und versuchen, kritische Stimmen klein zu halten.

(…)

Trawny machte eine erschreckende Entdeckung. Er stieß in der Handschrift auf eine Passage, in der Heidegger fragt, „worin die eigentümliche Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum begründet ist“. Soll der skandalträchtige Satz in die Gesamtausgabe aufgenommen werden? Er habe sehr dafür plädiert, sagt Trawny heute, sich aber damals, als 31-Jähriger ohne sichere akademische Stellung, gegen von Herrmann und Hermann Heidegger nicht durchsetzen können – der Satz wird unterschlagen.“

Größtenteils verschwiegen werden allerdings wieder die Arbeiten von Farias und Faye, zu beschämend wohl die früheren abwiegelnden Reaktionen des Feuilletons. Auch wird nicht bedacht, dass eine Philosophie, die schon immer um ein Denken kreiste, das es, wie wohlbekannt, ermöglicht den Holocaust und die Industrialisierung der Landwirtschaft als zwei Momente der verfemten Moderne in einen zivilisationskritischen Brei zu rühren, von Anfang an lebensfeindlich ist.

Der erste Kommentar zum dennoch lesenswerten Text bringt sogleich die sattsam bekannten Abwehrstrategeme.

„Heidegger war ein philosophischer Kritiker der Moderne. Durfte er als solcher die Frage stellen, inwiefern das Judentum (nicht die Semiten bzw. Juden) diese Moderne entscheidend beeinflusst hat und ob das, was er an der Moderne kritisiert, schon im Judentum angelegt ist (…) Ich denke man muss den Vorwurf des Antisemitismus mit allerhöchster Vorsicht anwenden. Die Kritik der Moderne oder der bürgerlichen Weltsicht ist für uns heutige von noch größerer Wichtigkeit als für die Zeitgenossen Marx‘ oder Heideggers. Und wenn das Judentum zur Ausbildung dieser Weltsicht eine Rolle spielte, dann MUSS das gesagt werden dürfen. Das hat mit RASSISTISCHEN1 Antisemitismus NICHTS zu tun.“

Das ist so richtig gut deutscher Geist. In aller Breite zu untersuchen welchen Anteil die Juden an den Zumutungen der Moderne haben, das wird man ja wohl noch dürfen. Erst wenn es daran geht aus den Schlüssen handfeste Konsequenzen zu ziehen könnte es problematisch werden. Immerhin müsste man dazu vielleicht den Rasen betreten.

Ob es Heidegger wohl kümmert, dass was für ihn den Kulminationspunkt seines Denkens ausmachte, weshalb er die schwarzen Hefte bewusst als Abschluss seines Gesamtwerkes vorsah, nur von seinen Gegnern noch vollumfänglich gewürdigt wird, während seine Freunde einen Kuschelheidegger zeichnen, der mit jener Bewegung der Bewegungen die „in die Richtung gegangen“ sei den Leuten ein adequates Verhältnis zur Essenz der Technologie zu vermitteln (Heidegger 1976 über den Nationalsozialismus) nichts zu tun habe? Es darf bezweifelt werden. Der deutscheste aller Philosophen war, welche Ironie, schon immer vor allem Anderen ein genialer Selbstvermarkter.

Noch einmal hingewiesen sei auf meinen dreiteiligen Aufsatz zum Thema (Teil 1) und den Nachtrag. Weitere Ausführungen finden sich hier: https://bgakassel.wordpress.com/2014/07/01/martin-brecht-die-indianer-huhner-kzs-und-siedlerkinder/

Die Faz (!) zum Spiegel-Interview.

1Dazu, dass der Antisemitismus des Nationalsozialismus eben genau der metaphysische Heideggers ist und mit biologisch begründeter Rassentheorie, die diesem als „englisch/liberal“ galt, nichts zu tun hat, hier.

Der Unterschriftenfälscher Beltracchi – Repost

Sozusagen aus aktuellem Anlass: Und was er uns über den zeitgenössischen Kunstbegriff lehrt. Nebst Hinweis auf William Gaddis.

Der „deutscher Maler und Kunstfälscher“ (Wikipedia) Wolfgang Beltracchi ist seit kurzem im offenen Vollzug untergebracht und malt nach eigenem Bekunden wieder. Allerdings, so war es auf Zeit-Online nachzulesen, wo Beltracchi und seiner Ehefrau Helene bereits mehrere Artikel gewidmet wurden, nur noch Bilder, die er selbst signiert habe.

Zu der Aussage, er male ab jetzt nur noch Originale lässt sich Beltracchi aus gutem Grund nicht hinreißen, denn originell waren seine Schöpfungen bereits, als er vom Kunstbetrieb unbemerkt, wenn nicht unterstützt, einen der geschicktesten und dauerhaftesten Betrüge der Kunstgeschichte einfädelte. Denn Kunstfälscher, wie es die Wikipedia will, ist Beltracchi im strengen Sinne nicht. Beltracchi malte keine Kopien sondern fertigte Werke im Stile bedeutender Künstler, für gewöhnlich nicht aus der allerersten Reihe der Kunstprominenz, an. Folgendermaßen stellt Beltracchi sein Schaffen dar:

„Ich habe ja keine Bilder kopiert, sondern Bilder gemalt, die die Maler gemalt haben könnten. Ich bin an die Orte gefahren, an denen sie malten, und habe dort Tage verbracht. Ich habe mir genau überlegt, welches Bild gut ins Werk passen könnte, welches plausibel wäre. Ich habe mich in die Zeit und die Persönlichkeit des Künstlers hineinversetzt und sein Werk in seinem Stil ergänzt. Es ging dabei nicht nur um Geld, sondern auch um Freude an der Malerei.“

Diese Werke ließ er dann für echt beurkunden, und verkaufte sie. Beltracchi ist also Unterschriften- oder Urkundenfälscher.

Am Kunstmarkt und allen damit verbundenen Institutionen lassen die Beltracchis Erwartungsgemäß kein gutes Haar. Helene Beltracchi:

„Die Gemälde waren meist reine Spekulationsobjekte auf einem überdrehten Markt, gehandelt von Unternehmen mit Sitz in irgendwelchen Steuerparadiesen. Damit haben wir unser Gewissen beschwichtigt. Aber: Natürlich war mein Mann seinerzeit stolz auf die Qualität seiner Bilder, er hat es genossen, von der Witwe Max Ernsts über sein Bild Forêt zu hören, das sei das beste Bild ihres Mannes“

Gewiss, Betrug bleibt die Sache, und dass der Zweck alle Mittel heilige sollte man nicht gelten lassen, umso mehr da Beltracchi bereits jetzt, wie zahlreiche Kommentare zeigen, der Applaus eines Publikums sicher ist, das Kunst generell für Publikumsverarschung erachtet. Einem heillos verdinglichten Kunstverständnis, nach dem der Fetisch der Authentizität längst jegliches formal-inhaltliche Kriterium verdrängt hat, zu entscheiden was Kunst sei und welche Kunst gute Kunst, hielt Beltracchi dennoch wirksamer den Spiegel vor, als es die theoretische Kunstkritik je gekonnt hätte. Dieser Coup praktischer Kunstkritik ist allerdings kein alleiniges Verdienst Beltracchis, sondern seinem Auffliegen geschuldet. Hätte Beltracchi Erfolg gehabt bliebe der „überdrehte“ Kunstmarkt unberührt.

Im übrigen ist auch nicht davon auszugehen, dass aus dem Erfolg des „Jahrhundertfälschers“ irgendwelche relevanten Schlüssel für die Zukunft gezogen werden. Das legt schon die moralisierende Auseinandersetzung mit Beltracchi im Interview der Zeit nahe. Ausgerechnet jener Authentizitätsfetisch ohne den Beltracchi als Fälscher keinen, als offenkundig talentierter Maler dagegen womöglich einigen, Erfolg gehabt hätte wird schon wieder gegen diesen in Stellung gebracht:

„Können Sie sich in die Zerrissenheit von Künstlern hineinversetzen? In eine Tätigkeit, die an die Existenz geht? Haben Sie eigentlich eine Vorstellung vom seelischen Einsatz, der mit der Erschaffung von Kunst einhergeht? So mancher Maler, von dem Sie gut gelebt haben, ist an seiner Kunst zugrunde gegangen.“.

Wir lernen: einen gefälschten van Gogh kaufen Iris Radisch und Adam Soboczynski gerne mal zum Preis des Originals, aber der Fälscher sollte doch bitte als Leidenszertifikat wenigstens ein abgeschnittenes Ohr beilegen.

***

Der Fall Beltracchi bietet Stoff für einen Roman, der unser Verständnis von Kunst, das Verhältnis von Kunst und Zeit, Kunst und Zeitgeist, Künstler und Welt durchleuchtet, und dabei hilft jene Einsichten zu gewinnen, die zu gewinnen Beltracchi ermöglichen würde. Und das tolle: Einen solchen Roman gibt es schon.

Er heißt The Recognitions (Die Fälschung der Welt) und wurde 1955 von William Gaddis veröffentlicht. Der Maler Wyatt Gwyon, der in seiner Akribie und seinem heillosen sich Versenken in die Konstitutionsprinzipien des Kunstwerks, in eine rasende Welt im stetigen Umbruch nicht passt, spezialisiert sich darin auf die Neuschöpfung von „Originalen“ meist aus der Zweiten Reihe der „Niederländischen Meister“. So gelangt er zwischenzeitlich in gewissen Kreisen zu einigem Ruhm und Erfolg. Eingebettet ist diese Geschichte in eine vielschichtige Studie der Gesellschaften diesseits und jenseits des Atlantiks vor dem Zweiten Weltkrieg, den theoretischen Kontext liefern insbesondere anhand von Studien zur niederländischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts entwickelte Überlegungen zu Ästhetik, Gesellschaft und Theologie, die an vielen Stellen aus Theodor W. Adornos Ästhetischer Theorie abgeschrieben sein könnten.

Die aber konnte Gaddis nicht gekannt haben, Adornos Werk erschien erst 15 Jahre später. Dass Beltracchi dagegen Gaddis großen Wurf gekannt haben könnte ist nicht auszuschließen. So parallel verlaufen die Lebenswege von Beltracchi und Gwyon, so vorwegnehmend werden die technischen Schwierigkeiten, Farbe, künstliche Alterung, usw.,  mit denen auch Beltracchi zu kämpfen hatte bereits von Gwyon gemeistert. Die Vergleichbarkeit der Vorgehensweise scheint übrigens so frappierend, dass ein weiterer Kommentar in der Zeit, während ich an diesem Text saß, einige meiner Überlegungen bereits anklingen ließ.

Umfangreiches Materialien zu The Recognitions finden sich auf williamgaddis.org, viele Artikel dort sind auch ohne Kenntnis des Romans mit Gewinn zu lesen.