Von Aufklärung und Barbarei in der Karibik

Alejo Carpentiers Explosion in der Kathedrale („El sieclo del Luz“)

Über Explosion in der Kathedrale von Alejo Carpentier schreibt ein Amazonrezensent: „Der Text rechnet sehr scharf mit den utopischen Ideen des Sozialismus ab, eine Anspielung auf die Situation im Heimatland Kuba des Autors“. Das wäre an sich nicht weiter bemerkenswert, reihte es sich nicht in eine Reihe von Äußerungen in den letzten Jahren ein, die kurzerhand den Terror der französischen Revolution einem diffusen Sozialismus zuschlagen, und über die etwa in Hannah Ahrends Elemente und Ursprünge Totaler Herrschaft ausgearbeiteten totalitären Tendenzen bürgerlicher Herrschaft hinweggehen.

Genau das macht Carpentiers faszinierender Roman über den Import der französischen Revolution in die karibischen Kolonien nicht. Im Original „El sieclo del Luz“ betitelt, also „das Jahrhundert des Lichts“, zeichnet der Text ein vielschichtiges und Ambivalentes Bild der realen Fortschritte und Freiheiten sowie der barbarischen Schreckensherrschaft, die die Revolution den sogenannten „West-Indies“ brachte:

„Ja, wir haben auch die Maschine [die Guillotine] mitgenommen. Aber weißt du, was ich den Menschen der neuen Welt überbringen werde?“ Er hielt einen Augenblick inne und setzte dann, jedes einzelne Wort betonend, hinzu: „den Erlass vom 16. Pluviôse des Jahres II, durch den die Sklaverei abgeschafft wird. Von jetzt an gelten, ohne Unterschied der Rasse, alle in unseren Kolonien wohnenden Menschen als französische Bürger und sind absolut gleichberechtigt.“ (S.135)

Nachgezeichnet wird, um mit Adorno zu sprechen, eine Dialektik der Aufklärung in all ihrer Konsequenz, und obwohl dieser Dialektik als aufklärerische Ideologie auch der Sozialismus anheimfällt, ist er explizit nicht Thema von Explosion in der Kathedrale. Ja, im Text einen Schlüsselroman auf das moderne Kuba zu sehen negiert dessen literarische Qualität beinahe in Gänze und reduziert die als Akteure ihrer Geschichte auftretenden bürgerlichen Subjekte der Kolonien ebenso wie die Arbeiter und Sklaven zu Chiffren, wofür es auf knapp 400 Seiten keinen einzigen gerechtfertigten Anlass gibt.

Im Gegenteil: Die Markierung des Revolutionsführers Huguet als Händler und Bäcker, dessen Flammender Eintritt für den Freihandel und gegen die Macht der Monopole weisen das Jahrhundert des Lichts klar als bürgerliches aus. Ikonographisch sehr deutlich wird das in der oppulenten, mehrfach auch Nietzsche anklingen lassenden, Schilderung einer Hinrichtung, in deren Umfeld sich rasch ein reges Jahrmarktsgeschehen entfaltet:

„Hier kannte man dergleichen nicht; noch nie hatte man eine allen offenstehende Bühne gesehen, und deshalb entdeckten die Menschen in diesem Augenblick das Wesen der Tragödie. Das Schicksal war schon gegenwärtig, seine Schneide in der Schwebe halten, unerbittlich und pünktlich, denen aufgelauernd, die sich hatten verleiten lassen, die Waffen gegen die Stadt zu erheben. Und der Geist des Chors war in jedem Zuschauer lebendig, mit den Strophen und Gegenstrophen, die man einander über das Gerüst hinweg zurief (…) Man hörte einen feierlichen Trommelwirbel, dass bewegliche Brett wippte unter dem Gewicht eines korpulenten Mannes, und das Beil fiel herab, begleitet von einem erregten Aufschrei. Minuten später waren die zwei ersten Hinrichtungen vollzogen (.) Dann aber gingen viele, um sich von dem Schrecken zu befreien, der sie in Bann geschlagen hatte, plötzlich zu lärmender Festlichkeit über, die diesen Tag, der jetzt als arbeitsfrei galt, in die Länge ziehen sollte. Man musste die zum ersten Mal angelegten Kleider zeigen. Man musste etwas tun, was gegenüber dem Tod eine Bestätigung des Lebens darstellte … “. (S. 163. ff)

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Wolkenatlas/Cloud Atlas – vom Quartett zum Film

Als ich mich nach längerem Ringen dann doch dazu entschloss, mir einmal David Mitchels Der Wolkenatlas zu Gemüte zu führen, befürchtete ich schon halb eine ähnliche Enttäuschung wie im Falle von David Foster Wallaces Unendlicher Spaß. Ein heftig gehyptes Werk mit dezidiert als postmodern angepriesener Erzählweise, dazu noch ein Film mit durchwachsenem Ruf, ein hastig dazuproduziertes Hörbuch. Glücklicherweise hält das Leben manchmal Erfreuliches bereit. Im Gegensatz zu Unendlicher Spaß ist Der Wolkenatlas vor allem einmal: gut geschrieben.

Im Roman werden sechs Novellen, die eine Zeitspanne von bis zu 1000 Jahren innerhalb einer aus unserer entspringenden und zunehmend dystopischen Welt umspannen, durch wiederkehrende Charaktere und vorherige Novellen als „Geschichten in der Geschichte“ miteinander versponnen. Mag auch fragwürdig bleiben, ob diese Verfahrensweise eher eine Spielerei ist, oder ob sie tatsächlich den einzelnen Geschichten zusätzliche Bedeutung verleiht*1, die einzelnen Novellen würde man zumindest auch ohne den Rahmen nicht beiseite werfen, eine notwendige Bedingung um das Weiterlesen schmackhaft zu machen.

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In der einen oder anderen Weise für alle Erzählungen zentral ist das in der zweiten Erzählung Briefe aus Zedelghem von Robert Frobisher komponierte „Wolkenatlassextett“. Und an diesen, die Struktur des Romans spiegelnden Werk, über das der Komponist selbst sagt:

„Spent the fortnight gone in the music room, reworking my year’s fragments into a “sextet for overlapping soloists”: piano, clarinet, ‘cello, flute, oboe, and violin, each in its own language of key, scale, and color. In the first set, each solo is interrupted by its successor: in the second, each interruption is recontinued, in order. Revolutionary or gimmicky? Shan’t know until it’s finished, and by then it’ll be too late.“

lässt sich vielleicht ganz gut nachvollziehen, warum aus dem Film Cloud Atlas, kein dem Roman vergleichbares Werk werden konnte. Denn tatsächlich hat man für den Soundtrack das Sextett, wenn schon nicht nachkomponiert, so doch ihm eine Hommage geschaffen. Und die ist so absolut einfallslos und konträr zu allem im Roman beschriebenen, dass sie exemplarisch für alles stehen kann was heutige Komposition aus Geschichtsvergessenheit und Konzession an den Massengeschmack an den Höhepunkten moderner Musik zu verdrängen hatte:

Wir wissen, dass Frobisher alle Arten der Neuen Musik, die Wiener Schule, Debussy, Strawinsky, studiert hat. Wir wissen, dass das Sextet „Echoes of Scriabin’s White Mass, Stravinsky’s lost footprints, chromatics of the more lunar Debussy“ enthält, und dass (s.o.) uns eine Komposition aus sechs, wenn man sie hintereinander weg spielt, kaum vergleichbaren, nur hier und dort aneinander anklingenden Stimmen erwarten sollte. Eine Komposition die man sich vielleicht als Folge mehrerer unterbrochener, vorerst nicht aufgelöster, erst ganz zum Schluss einer Auflösung zustrebender Fugen vorstellen könnte, preist Frobisher doch gegenüber Lehrer Ayers seine überlegene „Kontrapunktik“. Kurz: Ein polyphones von heftigen Spannungen und angesichts der Kompositionstechnik kaum vermeidbaren Dissonanzen zehrendes Stück.

Die für den Film komponierte Hommage dagegen ist so homophon, dass monoton kaum ausreicht um die Einöde zu fassen. Zuerst gibt ein Klavier einige wenige, sich bald wiederholende uninspirierte Töne vor. Nach gut einer Minute beginnt eine Art Generalbass auf Piano die ursprüngliche Folge zu unterlegen, später spiegeln Streicher leicht versetzt und beinahe ohne jegliche Variation das immer noch fortdudelnde Klavier. Zum Finale sollen dann einige rascher angeschlagene Zwischentöne eine Variation der ansonsten noch immer unveränderten Melodie suggerieren. All das ist an Einfallslosigkeit nicht zu überbieten, und nicht damit zu entschuldigen, dass wie es das Cloud Atlas Wiki will Komponist Tom Tykwer „was tasked with the impossible – trying to bring the Cloud Atlas Sextet to life“.

Denn dass aus den spärlichen Angaben und innerhalb einer kurzen Zeitspanne kein Meisterwerk etwa vom Format der späten Quartette Schostakowitschs geschaffen wird: geschenkt. Dass aber der Geist eines Werkes so verfehlt und verfälscht wird, dass sein komplettes Gegenteil dabei herauskommt: bezeichnend.

Und wenn beim Film ähnlich gearbeitet wurde, konnte eben nur ein trauriger Zwitter aus platt und dennoch unverständlich dabei entstehen.

*1: Ich tendiere zu zweiterem, dadurch, dass alle Geschichten halb anerzählt werden und dann in absteigender Reihenfolge rückwärts aufgelöst liest man insbesondere die anfänglich realistisch daherkommenden früheren Erzählungen später deutlich mit Hinblick auf zuvor erzähltes Späteres, auch bricht in der dritten und vierten Erzählung das Narrativ, da diese womöglich nur ein Roman respektive Film innerhalb der vierten und fünften Erzählung sein könnten.

Sorry, Herr Grass

Die Currywurst, oder „Schlimmer geht immer“.

Von allen Entschuldungspamphleten, die die deutschsprachige Vergangenheitsbewältigungsliteratur hervorgebracht hat, ist Uwe Timms Die Entdeckung der Currywurst womöglich das erbärmlichste. Der Text kommt literarisch wie geschichtsphilosophisch dermaßen unbedarft daher, dass man sich bemüßigt fühlt SS-Günni Grass, Keulenmartin Walser, Böll und all den anderen förmliche Entschuldigungen für früherer Kritiken zukommen zu lassen. Timm präsentiert sein Currywurstdeutschland als einen Hort des subtilen Widerstands, da feierte der Kantinenchef deutsche Niederlagen, indem er Nazigrößen Magenverstimmungen beibringt, allenthalben führt man kleine Witzeleien über den Führer im Mund, und dass der Krieg eine schreckliche Sache sei, die viel Leid auch über die armen Deutschen bringe, ist für die meisten der zahlreichen sympathisch gezeichnet Haupt- und Nebencharaktere des Romans immer schon eine klare Sache. Und aus den Munitionsfabriken kommen natürlich immer öfter Blindgänger – seit 1993 darf man in jedem Deutschen einen kleinen Schindler sehen.

Wo es in diesem Bild zu Dissonanzen kommen könnte, etwa angesichts eines Blockwartes, der nicht denunziert, einer „unbescholtenen Bürgerin“ aber, die denunziert, wird das schnell übergangen. Auch die Frage, warum es angesichts einer kriegsmüden und nazifeindlichen Bevölkerung nötig war, Deutschland Stadt für Stadt zu erobern, kommt nicht auf. Und erzählerisch geht Timm mit seinem Roman keine Risiken ein. Die Geschichte vom Ende des Krieges und der Stunde Null erzählt eine Hamburger Kleinunternehmerin, die den namenlosen Icherzähler, eingebettete in eine Rahmenhandlung, über die titelgebende Erfindung der Currywurst aufklären soll. Sie ist eine denkbar sympathisch gezeichnete alte Frau, die zwar zeitweise Sympathien für einen Wehrmachtssoldaten hegte, aber gerade weil sie nicht darüber schweigt als Musterbild einer anständigen Deutschen daherkommt. Ansonsten steht sie dem NS schon immer kritisch gegenüber, zeigt sich offen für Neues und arbeitet mit an der wunderbaren multikulturellen Realität der Nachkriegsordnung (die Currywurst, großes Ausrufezeichen!).

Das immerhin wäre großartiger Stoff für eine Satire, die Currywurst als das größtmögliche Maß an der Weltoffenheit, derer dieses Deutschland fähig ist. Aber pustekuchen: Currywurstdeutschland, für mich immerzu mit „Hol mir ma ne Flasche Bier“ – Schröder assoziiert, wird affimiert. Es ist tatsächlich das Ideal eines anderen Deutschland, das im Roman hochgehalten wird:

„Ahh. Alibaba und die 40 Räuber! Rose von Stambul! Das Paradies!“

Ja, dem geliebten Wehrmachtssoldaten der Currywursterfinderin Brückner, der bis ganz zum Schluss von einem gemeinsamen Kampf der Wehrmacht und der englischen und amerikanischen Truppen gegen die Sowjetunion träumt, rettet der exotische Gaumenschmaus sogar den lange verlorenen Geschmack.

Sehr bezeichnend in diesem Zusammenhang auch die Glorifizierung des Nachkriegstauschhandels und der Zigarettenwährung, deren „Gebrauchswert“ tatsächlich explizit als erdendes Element des Tausches gelobt wird. Deutsche Eigentlichkeit:

„Es war eben nicht alles festgelegt durch Geld“.

In welchem Maß hierbei der gleiche gegen Hochfinanz und Plutokatie gerichtete Fetischismus bedient wird, wie in der Hetze gegen jüdisches Kapital und englischen Liberalismus kann sich nur den wenigen Lesern erschließen, die sich mit der Thematik schon intensiv auseinander gesetzt haben, keineswegs aber der Zielgruppe, die der Roman seiner Anlage nach nahelegt. Kein Wunder dann auch, dass der Holocaust spät und wie von außen ins heitere Andere Deutschland einbricht – geschickter noch als in der Blechtrommel, wo man die Abwesenheit der industriellen Massenvernichtung zumindest immer wieder spüren dürfte, wird der Genozid hier entschärft, indem er als kaum bemerktes Grauen in die Peripherie gerückt wird. Und bei alldem tritt Die Entdeckung der Currywurst, erschienen immerhin erst 1993, als ein jämmerliches Stück Naturalismus auf, dem auch noch alle, wie immer gescheiterten, Versuche etwa eines Katz und Maus oder der Blechtrommel abgehen, zumindest sprachlich verfremdend in irgendeiner Weise auf den Zivilisationsbruch zu reagieren.

Nein: über den Nationalsozialismus lässt man eine über allen Zweifel erhabene (wichtig!) Frau (assoziiert man mit Unschuld und Trümmerfrauen) im sympathisch schnodderigen Hamburger Dialekt (klingt irgendwie süß!) sprechen, die allerdings in der Hörbuchfassung (List der Vernunft), gesprochen von Uwe Friedrichsen, dann ein wenig an Otto Waalkes erinnert, was die Sache doch etwas ins Lächerliche zieht.

Buchempfehlung: El Acoso von Alejo Carpentier

Mit El Acoso von Alejo Carpentier verbindet mich eine besondere Beziehung. Die kleine Novelle ergatterte ich auf einen Bücherflohmarkt in den Ramblas von Barcelona, wo ich vor vielen Jahren trampend hingelangte. Ich verschlang die Geschichte auf dem Rückweg, wobei sie sich mit all den Eindrücken der lebhaften Großstadt vermischte, und vergaß – das macht die Schlaflosigkeit bei dieser Art zu reisen – bald wieder was ich gelesen hatte. Ich hatte das Büchlein noch mehrmals unterwegs dabei, las immer wieder begeistert, und vergaß.

El Acoso ist eine Erzählung von kaum hundert Seiten, deren Erzählzeit während der 46 Minuten einer Aufführung von Beethovens Eroica unerbittlich abläuft. Ein Mann hat sich in den Konzertsaal geflohen und erinnert sich. Diese Erinnerung fassen andere besser zusammen als ich:

„The story centers on a young man, anonymous throughout the text, who leaves his hometown, „Sancti Spiritus,“ located in the central Cuban province of Santa Clara, to study in Habana. The young man favors a communist solution to the political situation of the time and joins with violent- action groups against the dictatorship. He learns urban guerrilla war tactics, the methods of a man of action: how to handle fire arms, construct bombs and deliver booby traps by mail and more. He dedicates himself unconditionally to the cause, and yet because he is an idealist, he allows himself to be exploited and betrayed by the people he wants to help. He is asked to deliver a package that is really a bomb placed in a book. When the book is opened, it explodes and kills two people.

The young student is arrested, and to avoid castration by government forces, he informs „canta“ on his fellow revolutionaries (…) Because of his denunciation, members of the political action groups are murdered where they are hiding.

The young man is released but condemned to death by the underground groups. He hides and is finally found by his pursuers in a cafe. The young man runs away and enters a concert hall where the „Eroica,“ Beethoven’s third symphony, is being performed. As the „acosado,“ the hunted student sits and listens to Beethoven’s third in this temporary sanctuary. He relives his life up to the present moment“

Alejandro Morales schreibt über dieses Werk:

„Scholars of Latin American literature have identified Alejo Carpentier’s „The Chase“ as the missing link between Borges and the current boom in Latin American fiction. There is no doubt that Carpentier’s work merits this high praise. Carlos Fuentes has pointed out that „Alejo Carpentier transformed the Latin American novel. He transcended naturalism and invented magical realism. He took the language of the Spanish baroque and made it imagine a world where literature does not imitate reality, but, rather, adds to reality. It is good to know that „The Chase“ is in English at last. We welcome back our father and his bounty: We owe him the heritage of a language and an imagination. We are all his descendants.“ “

Und zurecht. El Acoso ist meisterhaft komponiert, ein weiteres Musterbeispiel für jene modernen Romane, die mit musikalischen Verfahrensweisen ein Thema bewältigen. Alle Motive, Flucht, Verfolgung, das begehrend taxierende Spiel der Blicke, der Verfolgende als Getriebener, und nicht zuletzt das aufklärerische Ideal, die revolutionäre Hoffnung und die brutale Logik des bewaffneten Kampfes, scheinen bereits in der Exposition momentan auf, um dann im Hauptteil entwickelt zu werden. Als Coda fungiert der nur wenige Seiten umfassende dritte Teil, in dem sich, zurück im Konzertsaal, da die Zuhörer gerade die Ränge verlassen, das Schicksal des Protagonisten entscheidet.

Unbedingt lesenswert.

Ich zumindest bin zuversichtlich dass sich El Acoso mir nun so tief ins Hirn gegraben hat, dass ich es so schnell nicht wieder vergessen werde.

Die Schlafwandler von Hermann Broch

Hörempfehlung zu Silvester/Neujahr

Hermann Brochs mittlerweile beinahe vergessenen Roman, der die Zeit von der Jahrhundertwende bis Ende des Ersten Weltkriegs vielschichtig nachvollzieht, dabei ein gutes Gespür für jene Geisteshaltungen beweisend, die später den Nationalsozialismus möglich machen, gibt es passend zum Jahreswechsel zwischen den beiden großen „Gedenkjahren“ als kostenlose Hörspielbearbeitung im Pool des bayerischen Rundfunks. Der Text, so die Wikipedia

„gehört zu den wichtigsten Werken des europäischen modernen Romans und wird oft in eine Reihe gestellt mit Joyce‘ Ulysses, Heinrich Manns Kaiserreich-Trilogie, Thomas Manns Zauberberg, Döblins Berlin Alexanderplatz, Musils Mann ohne Eigenschaften, Dos Passos Manhattan Transfer und Gides Les Faux-monnayeurs. “

Anhand der Hörspielfassung lässt sich das nur bedingt nachvollziehen. Tatsächlich zerfällt, während die Werte des konservativen Bürgertums mehr und mehr vom einen Wert des ungehinderten Tausches unterminiert werden, dem im zweiten Teil des Romans sich alle Handlungen unterordnen, auch die im ersten Teil noch sehr traditionelle Struktur. Im dritten Teil, da in der revolutionären Situation zum und nach Ende des Ersten Weltkriegs die Hauptcharaktere sich nur noch um ihr persönliches Überleben sorgen und sich Führersehnsucht und Bandenherrschaft am Horizont abzeichnen, ist Die Schlafwandler ein Panoptikum nur lose miteinander verknüpfter einzelner Szenen. Traum und theatralische Inszenierung fordern immer mehr Raum in der Handlung. Allerdings, das ist einschränkend festzustellen, sind die strukturellen Experimente dem Erzählerischen größtenteils äußerlich. Innerhalb der zusehends fragmentierten Kapitel findet sich wenig von der Kühnheit eines Ulysses, berichtet wird, wie man es von Fallada und anderen Naturalisten auch erwarten könnte.

In jedem Fall aber ist die Hörspielinszenierung von BR ein Genuss, insbesondere der geschickt montierte dritte Teil Huguenau oder die Sachlichkeit.

Der ewig-pubertäre Herr Nabokov

Sein Ringen um Deutungshoheit über das eigene Werk

Wenig steht dem überaus möglichen Werk so sehr im Wege wie das Genie, das sich zu sehr als solches begreift. Das Paradebeispiel Nietzsche, so von sich eingenommen, dass er weder bereit ist, seine widersprüchlichen und empirisch oft mehr als fragwürdigem Thesen dem nachträglichen Ruf Georges zu unterwerfen, „“, noch dass er sich zu philosophischer Stringenz gedrängt sah. Stattdessen die Flucht ins Spiel, ins „nicht dies – nicht das“, das dann doch der Ernst des „Philosophen“ wieder unterminiert (siehe dazu hier und die Ausführungen Thomas Manns).

Und immer die Gefahr, dass selbst die klügsten Gedanken von unvermittelt hereinbrechenden, hasserfüllten Invektiven gegen Schopenhauer zerschnitten werden, gerade wie später dem Großen Diktator an selbst für einen großen Diktator unpassenden Stellen „de Joodn! de Joodn!“ in den Sinn und aus dem Maul rutschen.

So wollte denn Nietzsche als großer Mensch genommen werden, schob als einer der ersten ganz modernen Denker dem Werk extra noch eine Autobiografie hinterher, und wird doch als Zitatesammlung für Demagogen in die Geschichte eingehen.

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Weniger offensichtlich, aber doch im Großen und Ganzen ähnlich, fällt Vladimir Nabokov in die Kategorie des vor allem mit sich selbst beschäftigten Genies. Zumindest gilt das für die meisten Texte seines englischsprachigen Werkes. Noch weniger als bei Nietzsche sollte Nabokovs Gespür für den perfekt zugespitzten Gedanken, die geniale Wendung, das perfekte Bonmot, aber auch für unnachahmliche, im wahrsten Sinne des Wortes surreale – überreale – Bilder, Szenen, Gespräche, Charaktere infrage stehen. Und doch hat der späteren Nabokov allerhöchstens noch drei bis vier Werke verfasst, die seinem eigenen Anspruch an das nicht psychologisch oder soziologisch ausdeutbare autonome Kunstwerk im Großen und Ganzen erfüllen. Diesen Anspruch formulierte er immer wieder:

„Ich verfolge keine sozialen Absichten, ich habe keine moralischen Patentrezepte anzubieten, ich entwerfe nur Rätsel mit eleganten Lösungen.“

Und gewissermaßen mit den ersten Versuchen, sich in englischer Sprache auszudrücken, in The Real Life of Sebastian Knight, weist Nabokov mit den Forschungen des fiktiven Dr. Goodman zu Sebastian jede historisch-kritische Auseinandersetzung mit Literatur zurück.

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Interessanterweise ist es genau das Bedürfnis, zur Interpretation seiner Werke stets das letzte Wort zu behalten, das Nabokov für von außen herangetragene Perspektiven so verwundbar macht. Von seinen längeren englischsprachigen Texten sind zwei explizit autobiografisch, mindestens drei weitere Erscheinen als mehr oder minder stark anfiktionalisierte Spiele mit dem autobiografischen Blick. In The Real Life of Sebastian Knight, Pale Fire und Transparent Things, und genauer betrachtet wohl auch in Lolita, zeigt sich je ein Schriftsteller oder Biograf bemüht, eine ganz bestimmte Deutung eines Lebensweges aufrecht zu erhalten und reale oder ebenfalls fiktive Kritiken und alternativen Interpretationen auf ihre Plätze zu verweisen. Auch literarisch relativ überzeugend gelingt das noch in The Real Life of Sebastian Knight. Schon hier zwar soll der Biograf Mr. Goodman, an dessen Charakter, Verhalten, gar Physiognomie, der Erzähler kaum ein gutes Haar zulassen gewillt ist auf ganzer Linie als lächerlich erscheinen, wenn er ausführt:

„For Mr Goodman, young Sebastian Knight ‚freshly emerged from the carved chrysalid of Cambridge‘ is a youth of acute sensibility in a cruel cold world. In this world, ‚outside realities intrude so roughly upon one’s most intimate dreams‘ that a young man’s soul is forced into a state of siege before it is finally shattered. ‚The War‘, says Mr Goodman without so much as a blush, ‚had changed the face of the universe.‘ And with much gusto he goes on to describe those special aspects of post-war life which met a young man at ‚the troubled dawn of his career‘: a feeling of some great deception; weariness of the soul and feverish physical excitement (such as the ‚vapid lewdness of the foxtrot‘); a sense of futilityand its result: gross liberty. Cruelty, too; the reek of blood still in the air; glaring picture palaces; dim couples in dark Hyde Park; the glories of standardization; the cult of machinery; the degradation of Beauty, Love, Honour, Art… and so on.“

Jedoch lässt der Roman es relativ offen, ob der Leser sich stattdessen dem Erzähler anschließen sollte, dessen romantisch-esoterische Gegenperspektive in ihrem Weltschmerz und ihrem Übermenschenkult gegen Goldmann doch geradezu kindisch, um nicht zu sagen pubertär, anmutet:

„Time for Sebastian was never 1914 or 1920 or 1936, it was always year 1. Newspaper headlines, political theories, fashionable ideas meant to him no more than the loquacious printed notice (in three languages, with mistakes in at least two) on the wrapper of some soap or toothpaste. (…) Time and space were to him measures of the same eternity, so that the very idea of his reacting in any special ‚modem‘ way to what Mr Goodman calls ‚the atmosphere of post-war Europe‘ is utterly preposterous. (…) Whatever age Sebastian might have been born in, he would have been equally amused and unhappy, joyful and apprehensive, as a child at a pantomine now and then thinking of tomorrow’s dentist. And the reason of his discomfort was not that he was moral in an immoral age, or immoral in a moral one, neither was it the cramped feeling of his youth not blowing naturally enough in a world which was too rapid a succession of funerals and fireworks; it was simply his becoming aware that the rhythm of his inner being was so much richer than that of other souls.“

Vor allem aber enthält The Real Life mit Sebastian Knight und dessen dort in zahlreichen Beschreibungen ausgebreiteten, ungewöhnlichen Werk einen textimmanenten Bezugspunkt, der jenseits kleinkarierter Streitereien darüber, wer nun das Kunstwerke besser begreife, Goodman oder der Erzähler, es dem Leser ermöglicht eigene Positionen und Ideen zum Künstler Sebastian Knight und dessen Werk und Leben zu entwickeln. Solchen Ambivalenzen lassen die späteren Pseudo-Biografien Nabokovs weit weniger Raum. Immer deutlicher verweisen mit der Zeit die Metafiktionale Diskussionen zu fiktiven Fiktionen innerhalb des Werkes auf das ganze reale Gesamtwerk Nabokovs. Über Knight wird in The Real Life gesagt:

„I fail to name any other author who made use of his art in such a baffling manner, baffling to me who might desire to see the real man behind the author. The light of personal truth is hard to perceive in the shimmer of an imaginary nature, but what is still harder to understand is the amazing fact that a man writing of things which he really felt at the time of writing, could have had the power to create simultaneously, and out of the very things which distressed his mind, a fictitious and faintly absurd character.“.

Genau das gilt für den Referenzrahmen von Nabokovs englischem Werk, nämlich Nabokovs englisches Werk, in der Breite nicht. Spätestens an Look at the Harlekins gibt es für den unbefangenen Leser nichts rein künstlerisches mehr zu genießen, befriedigt wird im besten Fall der Voyeur, der alle literaturkritischen und feuilletonistischen Diskussionen um Nabokov in den 40ern, 50ern und 60gern akribisch verfolgt hat.

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Parallel zu Nietzsche in Ecce Homo sucht Nabokovs in seinem metabiografischen englischen Werk sich zum Deuter der eigenen Geschichte aufzuschwingen1, sich zum Sebastian Knight seines Lebens zu schreiben, ohne dass ein realer Sebastian Knight je gelebt hätte. Dass diese gerade auch mit Hinblick auf den Anspruch Nabokovs an sich selbst und seine Kunst zumindest vordergründig eklatanten und schwer zu erklärenden Schwächen so selten bedacht und thematisiert werden liegt wohl an der Güte der wenigen späteren Romane, die dann doch wieder als herausragende Literatur des 20. Jahrhunderts gelten müssen. Texte, in die biografisches und ästhetische Theorie zwar ebenfalls mit einfließen, die aber als eigenständige Erzählungen entwickelt werden und nicht vom Bedürfnis der Selbstverteidigung gegen Kritiker und Biografen erdrückt. Das hier schon einmal besprochene Pnin also, sowie das in Zukunft noch zu besprechende Ada – oder das Verlangen.

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1Die Deutungshoheit über die eigene Biografie und das eigene Werk zu erhalten, das ist des späteren Nabokovs größtes literarisches Anliegen. Den Gestus des „die Welt ist dumm und versteht mich nicht“ legen die meisten Menschen irgendwann nach der Pubertät ab oder stutzen ihn auf einen gewissen Rahmen zurück, der sie handlungsfähig erhält. Gerade auch, wenn natürlich doch oft etwas wahres dran ist. Nabokov dagegen kultiviert sein pubertäres Selbstbild mit zunehmendem Alter. Auch was rückblickend in Bend Sinister als schonungslose Kritik an der Sowjetunion in Nabokovs Werk behauptet wird, ist vor allem kindliches Gejammer. Kein durchdringen der realsozialistischen Widersprüche, keine Empathie für die, die unter dem Sozialismus in einem Land am meisten Leiden. Nabokovs Kritik erinnert an die Kritik einer Religion an einer anderen, sie lässt sich runterbrechen auf: „Lenin hat mir mein Spielzeug (denkt: Reichtum und gut meiner Eltern) weggenommen“.

Moderner Mythos, Mythos der Moderne

Gedanken zu Kafkas Verwandlung

Kafkas Verwandlung habe ich irgendwann in der Schule zum ersten und einzigen Mal gelesen. Nun nehme ich sie mir zum zweiten Mal vor und stelle fest: ich kenne noch jedes Handlungselement, viele zentrale Sätze, die gesamte Erzählung. Das kann nicht von der ersten Lektüre herrühren, vergleiche ichs mit anderen prägenden Leseerfahrungen, die ähnlich lange her sind. Kafka, scheint’s, ist es gelungen, einen Erzählungsschatz zu kreieren, zu dem vermittelt auch der Zugang hat, der nie mit Kafka in Berührung kam. Wer könnte nicht die Grundzüge des Process referieren?

Der Schriftsteller Franz Kafka hat eine moderne Mythologie geschaffen, oder vielleicht vielmehr eine Mythologie der Moderne, die es weltweit ermöglicht die Verwerfungen und Zumutungen einer Gesellschaft zu begreifen die sich zunehmend totalisiert. Weltweit? Ich denke schon. Genau in diesem, im mythologischen Sinne rekurriert etwa Llosa in El Hablador auf Die Verwandlung Kafkas, und auch an Einflüsse unter anderem auf Rushdie meine ich mich zu erinnern.

Ich benutze den Begriff des Mythologischen, weil seit Friedrich Schlegel immer wieder vor allem romantisch angehauchte Literaten mit dem Postulat ankommen, man könne in der modernen Welt nur dichten, schaffe man sich eine private Mythologie. Im 20. Jahrhundert haben sich vor allem Nietzsche-Epigonen und der George-Kreis daran versucht. Man suchte nach ewigen Wahrheiten im immer Geichen, mystifizierte durch archaische oder neu geschaffene Sprache, dichtete, und lebte mit dem Gestus des Überlegenen, seiner Zeit Enthobenen.

Keine dieser Mythologien verfing. Aus zwei Gründen. Erstens: Eine private Mythologie ist ein elitärer Manierismus, der Mythos gießt Erfahrung in Erzählung, er ist gerade nicht elitär. Zweitens: diese Erfahrung wird nicht geschaffen, sondern eher begriffen. Der Mythos, so verstanden, ist alles andere als überzeitlich, sondern der Erzählungsschatz, der die Zeit (in Grenzen) begreifbar macht. Kafka schuf diesen für die Zeit der letzten Krisen des liberalen Kapitalismus und so bis hin in unsere Gegenwart. Mystifikation und Verklärung lagen ihm dabei fern, deshalb gelang es. Und ganz nebenbei zeigt Kafka dass „große Erzählungen“ nicht notwendigerweise positiv, Zusammenhalt stiftend, in die Zukunft blickend sein müssen. Sie können so zersetzend negativ sein, wie es eben die Zeit verlangt.

PS: Starker Text zu Kafka: http://www.streifzuege.org/2007/kafka-1