Wolkenatlas/Cloud Atlas – vom Quartett zum Film

Als ich mich nach längerem Ringen dann doch dazu entschloss, mir einmal David Mitchels Der Wolkenatlas zu Gemüte zu führen, befürchtete ich schon halb eine ähnliche Enttäuschung wie im Falle von David Foster Wallaces Unendlicher Spaß. Ein heftig gehyptes Werk mit dezidiert als postmodern angepriesener Erzählweise, dazu noch ein Film mit durchwachsenem Ruf, ein hastig dazuproduziertes Hörbuch. Glücklicherweise hält das Leben manchmal Erfreuliches bereit. Im Gegensatz zu Unendlicher Spaß ist Der Wolkenatlas vor allem einmal: gut geschrieben.

Im Roman werden sechs Novellen, die eine Zeitspanne von bis zu 1000 Jahren innerhalb einer aus unserer entspringenden und zunehmend dystopischen Welt umspannen, durch wiederkehrende Charaktere und vorherige Novellen als „Geschichten in der Geschichte“ miteinander versponnen. Mag auch fragwürdig bleiben, ob diese Verfahrensweise eher eine Spielerei ist, oder ob sie tatsächlich den einzelnen Geschichten zusätzliche Bedeutung verleiht*1, die einzelnen Novellen würde man zumindest auch ohne den Rahmen nicht beiseite werfen, eine notwendige Bedingung um das Weiterlesen schmackhaft zu machen.

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In der einen oder anderen Weise für alle Erzählungen zentral ist das in der zweiten Erzählung Briefe aus Zedelghem von Robert Frobisher komponierte „Wolkenatlassextett“. Und an diesen, die Struktur des Romans spiegelnden Werk, über das der Komponist selbst sagt:

„Spent the fortnight gone in the music room, reworking my year’s fragments into a “sextet for overlapping soloists”: piano, clarinet, ‘cello, flute, oboe, and violin, each in its own language of key, scale, and color. In the first set, each solo is interrupted by its successor: in the second, each interruption is recontinued, in order. Revolutionary or gimmicky? Shan’t know until it’s finished, and by then it’ll be too late.“

lässt sich vielleicht ganz gut nachvollziehen, warum aus dem Film Cloud Atlas, kein dem Roman vergleichbares Werk werden konnte. Denn tatsächlich hat man für den Soundtrack das Sextett, wenn schon nicht nachkomponiert, so doch ihm eine Hommage geschaffen. Und die ist so absolut einfallslos und konträr zu allem im Roman beschriebenen, dass sie exemplarisch für alles stehen kann was heutige Komposition aus Geschichtsvergessenheit und Konzession an den Massengeschmack an den Höhepunkten moderner Musik zu verdrängen hatte:

Wir wissen, dass Frobisher alle Arten der Neuen Musik, die Wiener Schule, Debussy, Strawinsky, studiert hat. Wir wissen, dass das Sextet „Echoes of Scriabin’s White Mass, Stravinsky’s lost footprints, chromatics of the more lunar Debussy“ enthält, und dass (s.o.) uns eine Komposition aus sechs, wenn man sie hintereinander weg spielt, kaum vergleichbaren, nur hier und dort aneinander anklingenden Stimmen erwarten sollte. Eine Komposition die man sich vielleicht als Folge mehrerer unterbrochener, vorerst nicht aufgelöster, erst ganz zum Schluss einer Auflösung zustrebender Fugen vorstellen könnte, preist Frobisher doch gegenüber Lehrer Ayers seine überlegene „Kontrapunktik“. Kurz: Ein polyphones von heftigen Spannungen und angesichts der Kompositionstechnik kaum vermeidbaren Dissonanzen zehrendes Stück.

Die für den Film komponierte Hommage dagegen ist so homophon, dass monoton kaum ausreicht um die Einöde zu fassen. Zuerst gibt ein Klavier einige wenige, sich bald wiederholende uninspirierte Töne vor. Nach gut einer Minute beginnt eine Art Generalbass auf Piano die ursprüngliche Folge zu unterlegen, später spiegeln Streicher leicht versetzt und beinahe ohne jegliche Variation das immer noch fortdudelnde Klavier. Zum Finale sollen dann einige rascher angeschlagene Zwischentöne eine Variation der ansonsten noch immer unveränderten Melodie suggerieren. All das ist an Einfallslosigkeit nicht zu überbieten, und nicht damit zu entschuldigen, dass wie es das Cloud Atlas Wiki will Komponist Tom Tykwer „was tasked with the impossible – trying to bring the Cloud Atlas Sextet to life“.

Denn dass aus den spärlichen Angaben und innerhalb einer kurzen Zeitspanne kein Meisterwerk etwa vom Format der späten Quartette Schostakowitschs geschaffen wird: geschenkt. Dass aber der Geist eines Werkes so verfehlt und verfälscht wird, dass sein komplettes Gegenteil dabei herauskommt: bezeichnend.

Und wenn beim Film ähnlich gearbeitet wurde, konnte eben nur ein trauriger Zwitter aus platt und dennoch unverständlich dabei entstehen.

*1: Ich tendiere zu zweiterem, dadurch, dass alle Geschichten halb anerzählt werden und dann in absteigender Reihenfolge rückwärts aufgelöst liest man insbesondere die anfänglich realistisch daherkommenden früheren Erzählungen später deutlich mit Hinblick auf zuvor erzähltes Späteres, auch bricht in der dritten und vierten Erzählung das Narrativ, da diese womöglich nur ein Roman respektive Film innerhalb der vierten und fünften Erzählung sein könnten.

Stefan George und die „Weisse Schwärze“

„Freie rhythmen heisst so viel als weisse schwärze, wer sich nicht gut im rhythmus bewegen kann der schreite ungebunden.“

So schreibt Stefan George zum Schluss seiner kurzen ästhetisch-theoretischen Überlegungen. Was will er sagen? Dass Dichtung nur in strengen Reimen und rhythmischen Schemen funktionieren kann? Das sollte verwundern. Umso mehr, da George selbst zahlreiche Texte verfasst hat, die man gemeinhin als frei-rhythmisch bezeichnen könnte.

Ein konservativer Ausfall gegen das eigene Werk? Oder geht es da um mehr? „Freie rhythmen heisst so viel als weisse schwärze“ – dieser Satz birgt erst mal eine so einfache, wie oft ignorierte Wahrheit: Freie Rhythmen sind ein Oxymoron, der Begriff ist in sich höchst widersprüchlich. Und widersprüchliche Begriffe, wo sie nicht es gerade darauf anlegen real-weltliche Widersprüche in sich auch zu nehmen, stehen dem Gedanken im Wege. Der Freie Rhythmus aber bezieht sich auf rein Theoretisches, er kennt praktisch keine Welthaltigkeit.

Denn die Idee des Freien Rhythmus setzt voraus, dass eine sehr begrenzte Silbenzahl und die jeweilige Zeile die einzige Warte der Rhythmusbetrachtung sind. So lassen sich halbwegs, aber längst nicht sicher, die Rhythmen auf Jambus, Trochäus, Daktylus und Anapäst beschränken. In einem größeren textlichen Ganzen wird die Sache schon schwieriger. Aber ist der Rhythmus von Howl oder Highway Ninety-Nine dann frei? Oder nicht vielmehr Silbe für Silbe, Wort für Wort, Zeile für Zeile präzis zum Zwecke des Ganzen festgelegt? Wäre Freiheit im Kontext des Gedichtes nicht Willkür?

Nur so denke ich ist George zu verstehen, wenn er schreibt:

„Freie rhythmen heisst so viel als weisse schwärze, wer sich nicht gut im rhythmus bewegen kann der schreite ungebunden“

Doch so viel Ideologie in den Freien Rhythmen steckt so viel steckt auch im ungebundenen Fortschreiten. Denn die Kritik am Freien Rhythmus zeigte gerade: Das Ungebundene in der Dichtung gibt es nicht. Allein die sich selbst gesetzte Bindung.

Allerdings besteht ein Gedicht nicht nur aus Rhythmus, in dessen Begriff, so komplex der Rhythmus sein mag, Freiheit nicht vorgesehen ist. Sondern auch aus Sprachmelodie. Das wird oft übersehen, oder mit dem Rhythmischen gleich gesetzt. Beides fällt aber schon in wenig komplexen Texten nicht in eins. Etwa in diesem kleinen (erfundenen) Beispiel:

„der dicke doofe brombär klopft
an die pforte, kratzt sein ohr …“

vs.

„der helle grüne brombeerstrauch
blüht im gärtchen, immer zu …“

Obwohl in beiden Fällen das Rhytmusschema absolut gleich ist, unterscheiden sich die Klänge und ihr Verhältnis zueinander deutlich. Und umso mehr wieder in mehreren größeren, rhythmisch vergleichbaren, textlichen Ganzen.

Weisen wir also selbstbewusst die Idee freier Rhythmik von uns, sie ist mehr als nur ein hippieskes Relikt der schlechteren Beatdichtung, sie ist ein reales Unding. Lokalisieren wir das Reich der Freiheit wo es, wenn überhaupt, denkbar ist: in der Melodie.

Assonanzen und Dissonanzen

Zu hier mit Hinblick auf Literatur verwendeten Begrifflichkeiten

Dem Leser wird vielleicht schon einmal aufgefallen sein, dass in der Sonntagsgesellschaft, insbesondere in der Lyrik, Worte die an andere Worte in relativ harmonischer Weise anklingen, wie im unten stehenden Auszug aus einem eigenen Gedicht „graben, warden und sarge“, als Assonanzen bezeichnet werden, im Unterschied zum reinen Reim:

 ach philémon, sieh nur, wie sie graben
untres nach oben kehrend, und
manchen schatz, des sie kaum inne warden
wirft man bereits dem orkus in den schlund.
das volk steht rund und jolt und preist die gaben

(…)

so spricht ein holz zum anderen im sarge

(…)

Das kann für Verwirrung sorgen, haben wir in der Schule doch (wenn überhaupt) gelernt solche Konstruktionen als Dissonanzen zu betrachten. Der Begriff Assonanz sei dagegen allein dem vokalischen Halbreim vorbehalten. Mir scheint das inkonsequent, Assonanz und Dissonanz haben in diesem System mehr gemein, als sie unterscheidet. Die (sprach-) musikalische Bedeutungsebene, die sich aus der Art und Weise ergibt, wie Klänge erfahren werden, wird zu Gunsten eines starren, wenig praktikablen Regelsystems ausgeklammert.

In der traditionellen Musik gelten solche Akkorde als dissonant, die „als „auflösungsbedürftig“ empfunden werden“. Analog möchte ich den Begriff in der Literatur nur für Konstruktionen gelten lassen, die explizit die Hörerwartung enttäuschen. Vokalische Klangphänomene, die durchaus als harmonisch wahrgenommen werden, und bei denen nur der Pedant herumjammern wird: „das reimt sich aber nicht“ möchte ich weiter als assonant begriffen wissen.

Ein Beispiel für tatsächlich dissonante Kompositionen in der Lyrik habe ich auf die Schnelle nicht bei der Hand. Das liegt auch daran, dass Literatur in ihren Ausdrucksmitteln, und erst recht auf der Ebene des Klangs, aus einem klassisch-romantischen Zusammenhang noch nicht herausgetreten ist (Alternativhypothese: es liegt daran, dass ich auf die entscheidenden Werke einfach noch nicht gestoßen bin/wurde). Es gibt zwar Legionen moderner Gedichte die überhaupt nicht mehr klingen, aber kaum eines, das gleichzeitig die Schönheit und die Brutalität einer Berg- oder Bartók-Kompositionen erreicht. Vorstellen ließe sich, das stark vereinfacht, etwa ein Gedicht das an der entscheidenden Stelle an der der Leser einen Reim erwartet nach mehrfach „–ung“ auf „–ing“ ausklingt, ohne über die Assonanzen „-ong -ang –eng“ zu modulieren.

Die Bemühungen darum, die Begriffe Assonanz und Dissonanz in geschärfter Weise in die literarische Diskussion einzubringen, sollte nicht zuletzt als theoretische Bemühung um ein literarisches Schreiben verstanden werden, das dem Autor auch praktisch am Herzen liegt.

Akif Pirinçcis neuer Katzenroman …

… ist keiner. Leider. Darüber eine Fantasie in Blau…

Frohlocket ihr Jünger der Musen! Preiset den Herrn ihr Freunde des geflügelten Wortes. Erhebet die Herzen nach Walhall, ihr Liebhaber filigran geführter Federn! Die Durststrecke ist vorbei, die schwarzen Tage der deutschsprachigen Literatur, sie dauerten zu lange schon an (wir schreiben den Monat 2 nach dem Verfall), nun scheint das Licht, nun brennt die Fackel, nun trällern die Chöre nun wackelt der Dackel!

Denn aus dem Heer der Nazienkel und der Onkel Toms ist einer hervor gestiegen, der hat ein Buch geschrieben, und der ist alles, aber sicher kein Onkel und Tom heißt er auch nicht! Dass diese Turbine mit dem Strom schwimmt kann man ihr (sorry, Genderdings… böse … ihm also, dem Herrn Turbine) nun wirklich nicht nachsagen. Da macht einer den Strom, da steht einer… keinesfalls unter dem Pantoffel, das ist wichtig, sondern seinen Mann, und zwar rotierend. Rührt euch, ihr Eier! Und überhaupt, man wird das doch noch sagen dürfen?

katze 2kommt nicht vor: Katze.
 

Die Rede ist natürlich von Akif Pirinçcis neuem Roman „Deutschland von Sinnen“ (Leseprobe), einem spannenden Meisterwerk des magischen Hysterismus, darin Hella von Sinnen in Katzengestalt, oft stark alkoholisiert und immer rollig, durch ein Deutschland von ebensolchen Sinnen driftet, und dabei peut a peut in ein Komplott von sozialschmarotzenden Migranten, linksgrünen Gutmenschen und hinter jeder Häuserecke hervorlugenden sinistren Sozialisten hereingezogen wird, ein Komplott das die Abschaffung der bürgerlichen Familie, der Heterosexualität, und eine Umwertung aller Werte zum Ziel hat. Von Sinnen ist förmlich von Sinnen in einem Deutschland, das von Sinnen ist, und beginnt zu ermitteln…

…Die Ergebnisse allerdings sind alles andere als spannend: die Umwertung aller Werte ist seit hunderten von Jahren im Gange, die industrielle Revolution war ihr großer Katalysator, und so wirklich schuld ist niemand… Kapitalismus, bla bla bla. Und nun? Klingt nicht, als hielte der Roman was er versprach. Die Katze von Sinnen allerdings weiß das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen und erfindet ihrerseits einen Autor namens Pirinçci, der seinen wundervoll hysterischen Roman kurzerhand dem Mülleimer überantwortet und den Kram mit den sozialschmarotzenden Migranten, linksgrünen Gutmenschen und hinter jeder Häuserecke hervorlugenden sinistren Sozialisten nochmal ganz unironisch und ernst in eine mehr als 200 seitige Tirade verpackt (Man denkt an Conrad: The Horror!).

Die muss man sich nicht reinziehen. Es genügt schon sich etwa ein oder zwei Passagen aus Pirinçcis Pamphlet auf der Achse des Guten, „Das Schlachten hat begonnen“, zu Gemüte zu führen:

„Warum erzähle ich das? Weil es sich bei der letztmaligen Tötung eines jungen Deutschen namens Daniel S. von Türken in Kirchweyhe im Grunde um einen beispielhaft evolutionären Vorgang handelt, nämlich um den schleichenden Genozids an einer bestimmten Gruppe von jungen Männern. Dabei ist nicht einmal die Tötung selbst von Interesse, so grausam sich das auch anhören mag, sondern das “Biotop”, in dem der Genozid stattfindet. Und noch mehr dessen Folgen. Die Tat reiht sich ein in eine Serie von immer mehr und in immer kürzeren Abständen erfolgenden Bestialitäten, die zumeist von jungen Männern moslemischen Glaubens an deutschen Männern begangen werden. (Es befinden sich unter den Opfern nie Frauen. Die werden in der Regel vergewaltigt, was auch banal evolutionär zu erklären ist, aber dazu später.)“ (Schlecht: Genozid)

„Wieso ist das so? Wenn in der Türkei vier oder fünf Deutsche aus türkenfeindlichen Motiven einen Türken erschlagen hätten, wären sie innerhalb von zehn Minuten von herbeigeeilten Passanten an ihren Eiern an der nächsten Straßenlaterne aufgehängt worden. Wenn sie das überlebt hätten, wären sie in der anschließenden Nacht im Knast von “Landsmännern” des Getöteten in die ewigen Jagdgründe befördert worden, und wenn auch das nicht gelungen wäre, hätten sie eine derart hohe Haftstrafe bekommen wie es hierzulande nur noch bei Steuerbetrug der Fall ist“ (lies: das wäre gut. Schluss mit Genozid!)

dazu auch: I, II

sehr lesenswert zum Thema: http://gruppemorgenthau.com/wut-burger/

Das sollte reichen um festzustellen, dass der Autor in erster Linie an einem gespaltenen Verhältnis zum Islam und zu islamistischer Gewalt leidet (irgendwo nannte das wer mal treffend „Islamneid“). Als Verteidiger der Freiheit oder überhaupt als Antipode zu den fraglos im Übermaß existierenden Bedrohungen der Idee vom menschlichen Individuum, seien sie sozialistisch, faschistisch, grün-gesundheitlich-tugendhaft, islamisch eben oder sonst wie geprägt, taugt Pirinçci in jedem Fall nicht. Wer meint, man müsste das nicht noch einmal gesondert erwähnen übersieht, wie viele Leser „Deutschland von Sinnen“ innerhalb kürzester Zeit gefunden hat. Pirinçci verherrlicht die Gewalt, die er gleichzeitig als Bedrohung für den „freien Westen“ ausmacht. Pirinçci schätzt offenkundig evolutionäre Vorgänge auch innerhalb der Spezies Mensch als etwas nicht hintergehbares, nicht als wiederum von der menschlichen Gesellschaftsgestaltung beeinflusstes, sondern als erste Natur, sehr hoch. Was er angesichts dessen gegen die angebliche evolutionäre Durchsetzung eines gewalttätigen Islam hat bleibt zweifelhaft. Pirinçci liebt, was er hasst, er verteidigt mit den Waffen des eingebildeten Aggressors was schon in dem Moment, in dem man sich diesem Aggressor gemein macht nicht mehr existiert. Pirinçci ist eine tragische Figur, und sicherlich die bisher klügste Erfindung der zugedröhnten rolligen Katze Hella von Sinnen, die die Hauptrolle in Pirinçcis neuen Katzenroman „Deutschland von Sinnen spielt“…

Ach wäre es doch nur so.

P.S.: Gleichzeitig belustigend und zum Gruseln sind die Reaktionen zahlreicher Freunde Akif Pirinçcis in den Kommentarspalten großer Onlinemedien und auf verschiedenen Blogs. Da wird dann nämlich ganz ernsthaft behauptet die Kritiker könnten den Gehalt des Pamphlets nicht nachvollziehen, da dieses in seiner Sprachgewalt ihren literarischen Horizont übersteige. Jene konservativen Revolutionäre, die einst noch George und Jünger, Celine und D´Annunzio für ihre Sache in Anschlag brachten sehen sich um der bildungsbürgerlichen Distinktion Willen nun also auf Pirinçci verworfen.
Fragen schließen sich an: Sind Reaktionäre ohne Stilbewusstsein gefährlicher als solche mit? Oder ist das relativ egal, weil man am Ende sowieso den Mob für sich wüten lässt? Und wird der Mob fähig sein zwischen einem guten Migranten wie Pirinçci und den ganzen faulen Schmarotzern zu unterscheiden? Oder sollte ich hier zum Wohle des Autors demnächst einmal den Zauberlehrling besprechen?

Versuch über das Spielkasino

Versuche über die Kleinstadt. Ein Triptychon II

Wenn alles Sichere erschüttert ist, wenn statt Wachstum das Ausbleiben größerer Rezession als Signum der Stärke der Zivilisation herhalten muss. Wenn es mit dem Fortschritt so weit ist, dass er uns ganz aus dem Blick fällt: Dann erblühen doch, man kann es seit vielen Jahren beobachten, die Automatencasinos.

Löwen

In prallem Blau und durchdringenden Rot gehalten, manchmal, in den düstersten Ecken, von Neonreklamen beworben, oder von gelangweilten Mitzwanzigern die von ihrem Leben so angeödet scheinen, dass das Casino plötzlich verheißungsvoll wird: So kennt man diese Orte heute in jedem größeren Dorf. Und allen rechtschaffenen Bürger gelten die Spielhallen, die sich kaum mühen die mitklingende Hölle zu verschleiern, als Schandfleck. Paradox, denn der Markt, der unbezwingbare allgemeine Ausdruck des Bürgerwillens, scheint nach ihnen zu verlangen.

Gerade so wie der Ausdruck der Werbefiguren ist auch der der Stammkundschaft. Man trottete stoisch in die Halle, wie zum Schafott. Oder vielleicht gerade so, wie man es von Bildern der morgendlichen Züge der Fabrikarbeiter kennt; prolongierter Tod im Leben.

 Ein allzu leichter Schluss daraus wäre, dass der Spieler im Casino die Fortführung der monotonen Arbeit in der Freizeit sucht (denn er kann, würde man sagen, Muße nicht ertragen, muss Freiheit an die Maschine delegieren).

Allein: erst mit dem Absterben der fordistischen Produktion schossen die Spielhallen aus dem Boden. Noch die Lust, die der Einarmige Bandit versprach, meist im Außenbereich der glamourösen Casinos, in Atlantic City zum Beispiel, oder in Vegas, wird getilgt. Das kräftige Ziehen am Hebel, das Spekulieren auf den richtigen Moment, um mit viel zu viel Nachdruck noch eine Münze hinterher zu schmeißen, das Lauschen auch auf das Klackern des Räderwerkes (das Erleben der Maschine), das ist gestern. Auch das Lauern auf den Automaten des Nachbarn, die Hoffnung vom verfrühten Aufgeben eines anderen Spielers profitieren zu können, ist nicht mehr.

Nicht einmal negativ, im Kampf, bezieht man sich heute im Casino auf den andern. Ein Jeder sitzt stumm an seinem Automaten, das Aufstocken des Spielkapitals geschieht automatisch oder per Knopfdruck. Der Mensch gibt den Startschuss, der Automat spielt allein.

Und er spielt mit den Menschen, er gibt Signale, man reagiert. Nicht der Arbeiter scheint im Automatencasino verlängert, sondern der Unternehmer seiner selbst, jener Mensch der den magischen Mechanismus nach dem aus Geld mehr Geld wird, zu beeinflussen versucht. Der glaubt das System für sich arbeiten zu lassen von dem er zum bloßen Anhängsel degradiert wird. Jedes Saufgelage hat mehr von Freiheit, doch es verspricht weniger.

Den Spieler im Automatencasino nun aber als süchtig abzustempeln ist Dünkel: Wie der Hartzer, der die hundertste Bewerbung schreibt, wissend, dass nichts dabei herum kommt, tut der Spieler stets das gleiche, und erwartet einmal ein anderes Ergebnis. Man nennt das Wahnsinn. Doch es ist so vernünftig wie eben schon beinahe alles, was der Verwertungszwang notwendig auch von den Unverwertbaren verlangt. Weil im Casino zumindest ein kleines bisschen Hoffnung bleibt zählen vielleicht auch so viele Unverwertbare zu den besten Kunden.

Doch vielleicht ist da noch ein wenig mehr. Denn wohnt nicht dem Geld, diesem einen Beweger, der unbestritten alles erschließt was noch erstrebenswert erscheint, eine geradezu phallische Macht inne? Dies bisschen Macht, wie immer es erlangt wurde, wieder und wieder einen kalten Schlitz zu überantworten, in der Hoffnung, dass der so penetrierte dem Penetrierenden Glück gewährt, irgendwann, ist das wohl die Lust der letzten Menschen? Jener, die schon jetzt verstehen, sich der Maschine ganz hinzugeben? Glück als Selbstaufgabe?

Es ist nicht auszuschließen.

Versuche über die Kleinstadt. Ein Triptychon

Versuch über den Bahnhof

Der Bahndamm hat etwas von Wildnis, ohne dass ihm etwas Ursprüngliches zukommen würde. So verkörpert der Bahndamm die Wahrheit über die Wildnis, die eine solche nur wird, wo der Mensch sie anblickt.

 Der Bahndamm ist Wildnis zweiter Ordnung. War Wildnis (und damit Natur), Wildnis, weil sie menschlicher Gestaltung widerstrebte, so ist der Bahndamm, mag das Menschen widerstreben, notwendiges Bild von Wildnis, durch Gestaltung.

 Große Provinzbahnhöfe zeichnen das Bild in einer Schärfe, die hinterm pittoresken Flair der Dorfbahnhöfe und der kapitalgedeckten Mondänität der Großstadtbahnhöfe nur unzureichend zu verschwinden vermag: Braune Steine erstrecken sich ins Nichts, begleitet, jedoch nicht eingerahmt von schnurgeraden Schienen. Die Wahrheit, dass die Steine aufgeschichtet werden die Schienen zu stützen, bricht die ästhetische Dominanz der Steine nicht. Rundherum mögen Häuser stehen, Fabriken oder Gras, Büsche, Bäume. Wo der Bahnhof in die Welt ausfranst, schlägt er eine Schneise in das hermetische Bild des Fortschritts, die prekäre Naturverhaftetheit des frühen Menschen findet hier ihren zivilisatorisch adäquaten Spiegel. Vielleicht auch deshalb üben die Schienen solch eine Anziehungskraft auf spielende Kinder aus.

Wer einmal morgens am Bahnhof gestanden, wenn die Gleise vielleicht in den Nebel ragen, und sonst noch niemand da ist: der kennt das Gefühl der Einsamkeit, das sich mit Wollen verschweißt: Weg. Wohin?

 Dem globalisierten Subjekt tritt am Bahnhof materiell die Möglichkeit vor Augen, in der Welt zu sein. Gleichzeitig erfährt es, dass diese Welt materiell nicht zu erschließen sei, dass sie nur theoretisch offen steht, kurz, das meist das Geld fehlt. Solcherart Gedanken sind konstitutiv, aber nicht ausreichend, um die Melancholie zu verstehen, die die Sensibleren unter uns am Bahnhof beschleicht. Erst in der Erfahrung der Einöde, im intuitiven Erkennen der Bresche, die die Reise in die behauptete Identität von Subjekt und Welt schlägt, in der Wüste aus Steinen (mancherorts Holz oder Sand, selten Asphalt) und Schienen, die ich nicht überquere, sondern die mich trägt, ist das ambivalente Gefühl von Allwollen und Ohnmacht erklärbar, das mit der Bahn in moderner Zeit zusammengeht:

 Am Bahnhof bin ich ein „Robinson“, und bin, im Gegensatz zu Robinson, mitschuldig daran. Der gefühlte Widerspruch, der die Stupidität der Ideologie vom freien und selbstverantwortlichen Individuum kenntlich macht, transportiert das Unbehagen, das Unmündigkeit gesellschaftlich gemacht hat: Ich habe die Wüste, den Bruch, vor Augen, und ich hoffe zu entkommen. Doch ich wandre von Wüstenei zu Wüstenei und könnte ich es mir gar leisten, noch jeden Ort der Welt (mit Anschluss ans Schienennetz) zu bereisen: der Bahnhof sagt mir stets: Du nimmst die Wüste mit dir (und in dir ist Wüste, weil du in der Wüste bist)!

Das ist zuletzt auch, was den distanzierten Begriff des „Bereisen“ ausmacht.

*In diesem Jahr habe ich zwei hier schon mal veröffentlichte „Versuche“ sowie einen noch unveröffentlichten dritten unter dem obigen Titel für einen Essaypreis eingereicht. Da das erfolglos blieb werde ich in nächster Zeit alle drei Versuche wieder auf der Sonntagsgesellschaft einstellen…